Den düsteren Windungen eines Flurs folgend, gelangte ich in einen schummrig beleuchteten Saal. Das Live-Album von Supertramp umschmeichelte mein Ohr. Warme Luft strich über meine Haut. Wo war ich hier? Zu Hause etwa? Aber zu Hause saßen keine hemdsärmligen Typen an Tischen, erst recht nicht die hübsche Blonde hinten in der Nische. Zu Hause gab es auch keinen Tresen gleich links. Die langhaarige Barkeeperin schenkte mir ihr Lächeln.
„Hi Micha“, sagte sie freundlich.
„Melanie?“ Ich fiel aus allen Wolken.
„Was ist mit deinen Augen!“, fragte sie erschrocken.
„Was ist mit meinen Augen?„, erschrak auch ich, doch Melanie lächelte schon wieder.
„Sie sind rot wie auf einem schlechten Blitzlichtfoto. Komm, setz dich, ich weiß, was du jetzt brauchst.“
Gehorsam ließ ich mich auf dem nächsten Barhocker nieder. Mein Mund war trocken wie ein Reibeisen. Melanie stellte mir ein großes Glas Leitungswasser auf die Theke. Ich leerte es in einem Zug.
„Hier, Micha, wird dir gut tun.“ Sie stellte mir den nächsten Humpen hin. Gierig führte ich das Glas an meine Lippen. Es war ein Radler, das auf wunderbare Weise meinen plötzlichen Appetit auf Süßes befriedigte und zugleich meinen Durst löschte.
„Bin gleich wieder bei dir“, entschwand Melanie in Richtung Zapfhahn. Vorm Tresen hatte sich eine dicke Traube aus wartenden Maschinenbauern gebildet. Einige linsten zu mir rüber, eine Mischung aus Neid und Anerkennung in den Augen. Aus der Tiefe des Raumes traf mich ein gänzlich andersartiger Blick.
Heftiges Prickeln überzog meine Haut, und ich bekam augenblicklich butterweiche Knie. Es war Yvonne! Sie saß am anderen Ende des Saals in einer Nische und sah mich an. Sie trug ihr Haar offen, ihre Lippen leuchteten blutrot.
Vorsichtig schob ich mich vom Hocker. Der Boden war fest, ein gutes Zeichen. Ich nahm mein Glas von der Theke und lief los - quer durch den Saal - auf Yvonne zu. Nebel schlug mir entgegen, mindestens ebenso undurchsichtig sah es in meinem Kopf aus.
„Na, alles primstens?“
Yvonne rückte ein Stückchen zur Seite, dass ich mich neben sie setzen konnte. Waren wir verabredet?
„Hat mir echt gefehlt“, sagte ich.
„Was hat dir ‚echt gefehlt′?“
„Na, dein ′primstens′“
„Hättest es ja haben können!
„Ja, klar.“
„Und, warum haste nicht?“
Ich beließ es bei einem Schulterzucken. Warum ‚hatte ich denn nicht′? Weil ich zu feige war, zu blöd! Ich hatte es einfach versiebt, konnte ich trotzdem mit mildernden Umständen rechnen?
Yvonnes Augen ruhten auf mir, doch was war auf ihren Wangen los? Ihre Sommersprossen hatten kleine, runde Gesichter. Manche streckten mir die Zunge raus, andere zeigten mir einen Kussmund, wieder andere übten sich im Grimassenschneiden.
„Du, sag mal?“, hörte ich Yvonne sagen, „musst du mich so anstarren?“
„Nee, das mach ich freiwillig.“
„Na, dann ist′s ja gut.“
„Ja, ist es“, flüsterte ich.
Noch immer trieben die Sommersprossengesichter ihren Schabernack. Als sie anfingen zu tanzen, drehte sich der Raum, immer schneller. Es war fast wie vorhin in dem Alptraumzug. Wahrscheinlich würde ich jeden Moment vom Stuhl geschleudert.
Ich streckte meine Hände aus. Als sie etwas festes, warmes fühlten, griffen sie zu. Ich hielt mich an Yvonnes Schulter fest. Das Karussell verlor an Geschwindigkeit. Kurz darauf stand alles wieder völlig still. Wir saßen nebeneinander, hielten uns umarmt wie zwei scheue Schulkinder.
„Besoffen bist du nicht, oder?“, flüsterte Yvonne.
„Nee.“
Sie fasste mich am Kinn, drehte meinen Kopf so, dass sie mir in die Augen sehen konnte:
„Du bist ja breit wie′n Heilbutt.“
Ich nickte.
Ihr Blick wurde interessiert. „Haste was dabei?“
„Nein, aber bei mir zu Hause liegen zehn Kilo rum.“
„Ach nee.“
„Ach doch!“, entgegnete ich, und die gesamte Wiesenhügel-Geschichte sprudelte aus meinem Mund. Ich begann mit dem Tag, an dem mich Schussel auf der Straße angesprochen hatte.
Yvonne war dichter an mich herangerückt. Als ich bei meinem doppelten Überschwemmungs-Malheur angelangt war, fing sie an zu lachen. Meine Empörung erstickte sie in einem Kuss. Von nun an musste ich meine Geschichte immer wieder unterbrechen, weil wir uns küssten. Dabei sprang mir jedes Mal die Nadel aus der Rille.
„Und das Zeug liegt einfach so in deiner Bude rum?“, fragte Yvonne, als ich zum Ende gekommen war.
„Ja, klar! Soweit ich mich erinnere, wollte ich gerade alles ins Klo schmeißen.“
„Ins Klo? Wieso denn das?“
„Hast du mir nicht zugehört? Dieser Veterano weiß, wie unsere Ware aussieht und macht Jagd auf alle, die damit hantieren. Und selbst, wenn er nicht nach dem Zeug fahnden würde, ich bin kein Dealer, verstehst du?“
Yvonne schaute an mir vorbei. Sie schien über etwas nachzudenken. Endlich kehrte ihr Blick zu mir zurück.
„Aber das Zeug ist ansonsten o.k.?“
„Siehst du doch!“
„Was dagegen, wenn ich dich nach Hause bringe?“
„Warum nicht? Wenn du mir dabei keine Szene machst.“
„Oh, Mann ist nachtragend.“ Kichernd versetzte sie mir einen leichten Nasenstüber. Wir gingen zur Theke.
„Lasst′s gut sein“, winkte Melanie ab.
Kaum waren wir draußen, fing Yvonne zu bibbern an. Ich dagegen fühlte mich wie von einer wärmenden Watteschicht umgeben. Durch das Polster spürte ich Yvonnes Hüfte. Arm in Arm liefen wir mitten auf einer in warmes Licht getauchten Straße. Die Baumwipfel rauschten wie Wasser. Ich war mir plötzlich sicher, dass gleich hinter ihnen das Mittelmeer lag. Wohin wollten wir?
„Zu mir oder zu dir?“ fragte ich Yvonne.
Sie bedachte mich mit einem nachsichtigen Blick „Zu dir, Schatz.“
„Hast du eine Ahnung, wo das ist.“
„Kennst du deine Adresse noch? Falls ja, sag sie mir bitte.“
Ich ratterte ihr meine Straße und Hausnummer runter. Auf Yvonnes Geheiß änderten wir die Richtung und kamen in eine mir völlig fremde Gegend. Hier wohnte ich?
Das Dope hatte mich in eine Parallelwelt katapultiert. Ich hoffte sehr, dass es eine andere war als die, in der Veteranos Schergen nach mir suchten. Die Nähe von Yvonnes Körper beruhigte mich. Sie wusste den Weg, und so lange sie bei mir war, hatte ich nichts zu befürchten.
Aus einem offenen Fenster drang etwas, das wie serbische Blasmusik klang. Augenblicklich befand ich mich mitten auf dem Balkan und verspürte riesigen Appetit auf würzigen Schopska-Salat mit extra viel Schafskäse.
Vor einem riesigen Feld umwehte mich der wilde Duft von Peperoni - wir waren in Ungarn! Kurz darauf glaubte ich Altwarben in meinem Rücken. Wir gingen zum Neuwarbener See hinunter.
Ich wurde nicht müde, Yvonne haarklein zu berichten, wo wir uns gerade aufhielten. Ihr schien es zu gefallen, vielleicht lenkte es sie von der Kälte ab. Sobald ich eine Sendepause einlegte, zeigte sie auf ein Haus, einen kahlen Baum oder ein Verkehrsschild: „Was ist das da drüben? Wo sind wir hier eigentlich?“
Nur zu gerne erklärte ich es ihr.
Warum blieben wir stehen? Hilfesuchend schaute ich zu Yvonne. Sie sah mir geradewegs in die Augen.
„Wenn du dir deine Adresse richtig gemerkt hast, sind wir jetzt da.“
Vor uns erhob sich ein dreistöckiges Haus mit kunstvoll gezackter Traufkante. Hier wohne ich? Ich schaute hinauf. Hinter diesen Fenstern hatte ich ein Jahr als Eremit gehaust und tagein, tagaus meine Fronarbeit verrichtet?
Ein saures Aroma stieg mir in die Nase. Als ich mich umwandte, blickte ich auf eine hohe Backsteinmauer. Hinter ihr lag ein wuchtiger Industriekomplex. Schornsteine ragten in den Nachthimmel: die Krautfabrik! Wir waren tatsächlich bei mir!
"Kein Licht!"
Yvonne zeigte mir einen Vogel. Sie machte keine Anstalten, das Flurlicht zu löschen. Ich brauchte noch einen Moment, um zu begreifen, dass wir uns in meiner Wohnung befanden.
Die Badtür stand offen. Vor der Kloschüssel lag eine große, weiße Plastiktüte, aus der würziger Marihuanageruch drang. Auf den Bodenfliesen lagen grüne Barren. Yvonne ging schnurstracks ins Bad und hob die Plastiktüte an.
„Das sind ja mindestens zehn Kilo!“, sagte sie ehrfürchtig.
„Sag ich doch!“
Sie blinzelte mir zu. „Soll ich uns einen bauen?“
„Danke, ich hab noch - aber bitte, bedien dich.“
Sie hockte sich neben die Tüte, kramte Blättchen heraus und klebte ein paar davon aneinander. Dann durchwühlte sie ihre Taschen, offenbar ergebnislos. Sie schaute zu mir auf.
„Haste mal′n Stückchen Pappe?“
Die Tür zu meinem Zimmer stand offen. Im Bücherregal erblickte ich, genau auf Augenhöhe, einen halben Meter Reclam-Bände. Ich zog eins heraus, es waren DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER.
„Hast du was gegen Goethe?“
„Nee, wieso?“
Yvonne nahm mir das Büchlein aus der Hand, riss ein kleines Viereck aus dem Pappeinband und versuchte, es zusammenzurollen.
„Geht′s nicht?“
„Ein Busfahrschein wäre besser gewesen, aber lass mal, haut schon hin.“
Ihre Hände arbeiteten nicht ganz so flink wie Schussels. Sie baute das zusammengerollte Stück Buchrücken als Filter in ihren Joint. Am anderen Ende zwirbelte sie das überstehende Zigarettenpapier zu einer kleinen Spitze. Die zündete sie an und nahm einen tiefen Zug. Sie behielt den Rauch lange drin, bevor sie ihn zur Badezimmerdecke blies.
Unpassenderweise meldete sich genau in diesem Augenblick in meinem Unterleib ein Drücken, von dem ich wusste, dass es keinerlei Aufschub duldete. Binnen weniger Sekunden bildete sich in meiner Blase ein kleiner Ozean. Jeden Augenblick konnte die „Welle zu viel“ eine reißende Sturmflut lostreten.
Mit stierem Blick fixierte ich das Waschbecken. Schon einmal hatte ich stoned dort reingepinkelt, den Kopf gegen die Wand gestützt. Aber jetzt, vor Yvonne? Egal, es musste sein - tausend mal besser, als vor ihren Augen einzupinkeln.
An Yvonne vorbei stakste ich zum Waschbecken. Gern hätte ich mich ihr erklärt oder sie gebeten, mal kurz rauszugehen, doch ich war vollauf mit dem Öffnen meiner Hose ausgelastet. Warum ging dieses bekloppte Ding nicht auf? Staunend schaute ich an mir herab. Wieso hatte ich vier Hände?
Zwei von ihnen wurden von den anderen zur Seite geschoben.
„Lass gut sein, Micha, allein krieg ich′s schneller hin“, vernahm ich Yvonnes Stimme.
Im Nu hatten ihre Hände meine Gürtelschnalle geöffnet. In einer einzigen, geschmeidigen Bewegung riss sie die störrische Hosenknopfleiste auf und zog mir die Jeans bis zu den Knien runter.
„Standhaft bleiben, Großer, wir haben′s gleich.“
Sie schob mich zwei Schritte rückwärts, umfasste meine Hüfte und setzte mich auf der Klobrille ab: „So, jetzt kannste.“
Mit einem tiefen Seufzer gab ich dem Druck meiner Blase nach. Unter mir vernahm ich lautes Glucksen. Wenige Sekunden später fühlte ich mich mehrere Kilo leichter.
Verschämt knöpfte ich mir die Hose zu. Yvonne lehnte an der Wand und linste amüsiert zu mir rüber. Ich ließ mich ihr gegenüber nieder. Wir sahen uns in die Augen. Auf einmal konnte ich nicht mehr anders, als sie bei den Schultern zu fassen und zu mir zu ziehen. Sie war leicht wie eine Feder.
Das nächste, an was ich mich erinnere, ist, dass ich auf den Boden fiel. Yvonne kam über mich wie eine Ozeanwelle über eine zu nah ans Ufer gebaute Sandburg. Mit sanfter Gewalt begrub sie mich unter sich.
Unsere Arme und Beine hatten sich derart verschlungen, dass wir uns keinen Zentimeter mehr bewegen konnten. Unsere Münder fingen sich in einen Kuss. Er fühlte sich an, als wollten wir einander bis auf den letzten Tropfen aussaugen.
Als wir begriffen hatten, was mit uns geschah, arbeiteten wir uns in Richtung Flur vor. Über die Dielen schoben wir uns weiter in mein Zimmer. Unterwegs ließen wir sämtliche Kleidungsstücke zurück.
Wo mich Yvonnes Haut berührte, fühlte es sich an, als liebkoste sie mich mit tausend Händen zugleich. Ich brannte lichterloh. Je spärlicher unsere Kleidung wurde, desto mehr Stellen gab es, an denen wir uns gleichzeitig berührten.
Ich schloss die Augen, überließ mich ganz dem Spiel unserer Leiber. Es gab keine Grenze mehr zwischen uns. Heiße Sterne tanzten vor meinen Augen, so nah, dass ich sie mit den Wimpern berühren konnte. Die Hitze versengte meine Wangen, mein Gesicht. Mein letzter, einziger Wunsch war, dass es nie wieder aufhörte.
Als ich wieder sehen konnte, saß ich auf einem großen glatten Stein, mitten auf einem weiten Sandstrand. Die Sonne brannte heiß, von der See wehte eine erfrischende Brise. Der Wind schmeckte nach Salz und nach Lust. Ein paar Meter weiter sah ich unsere Körper auf einem Laken, dessen Farbe und Muster an einen Dielenfußboden erinnerte.
Ich war nicht allein auf dem Stein. Yvonne saß neben mir. Auch sie schaute zu dem doppelrückigen, heftige Seufzer ausstoßenden Tier.
Der Wind war abgeebbt, die Sonne brannte immer unbarmherziger. Als ich mir sicher war, es keinen Augenblick länger auszuhalten, schob sich ein Schatten über den Strand.
Von der See her schwappte eine riesige, schaumgekrönte Welle auf uns zu. Immer höher türmte sich das reißende Wassergebirge auf. Schon warf es sich mit ohrenbetäubender Wucht auf den Strand. Eisig kühler Atem wehte ihm voraus.
Unerschöpfliche Wassermassen ergossen sich über unsere brennenden Körper. Die Welle riss uns mit sich, schleuderte uns in die Höhe, dass mir die Luft wegblieb. Ich spürte Yvonnes Wärme auf mir. Langsam nahm die Geschwindigkeit unseres Aufstiegs ab. Es folgte ein Moment absoluter Ruhe. Als der Sturz in die Tiefe einsetzte, verlor ich die Besinnung.
Mein Kopf fühlte sich angenehm leicht an - leicht und völlig leer. Ich öffnete die Augen, blinzelte in einen betongrauen Himmel. Auf meiner Brust ruhte ein üppiges Nest aus blonden Haaren. Ein Stück weiter unten ragte ein nackter Hintern aus der Bettwäsche.
Drüben in der Küche sang eine Frau, paradiesischer Kaffeeduft lag in der Luft. Das Nest auf meiner Brust erwachte.
„Wie spät iss′n?“, nuschelte es.
Ich spähte nach meinem Handy, konntes es jedoch nicht funden.
„Lass mal!“, lenkte die Stimme ein, „der Regionalexpress nach Berlin geht eh alle zwei Stunden.“
„Willst du heute noch nach Berlin?“
„Nee“, murmelte sie, „aber du.“
Das Frühstück schmeckte mir so gut, wie mir nie zuvor ein Frühstück geschmeckt hatte. Es machte mir riesigen Spaß, immer wieder von süßen zu extrem herzhaften Brötchenhälften zu wechseln. Dabei war mir, als würde ich wieder high werden.
„Das ist das Dope in deinem Magen“, erklärte Yvonne. „Wenn du was isst, fängt′s wieder an zu drehen. Keine Bange, zum Abfliegen reicht′s nicht mehr.“
Schade eigentlich, dachte ich, während ich an meinem Kaffee nippte und plötzlich einen absoluten Heißhunger auf Kakao verspürte.
„Und du kriegst das hin mit der Bude hier?“, fragte Yvonne.
„Was?“ Ich schaute auf und sah, sie redete mit Melanie.
„Ja, klar. Ralfi kommt nächste Woche her. Schade, er hätte sich gefreut, Micha zu sehen. Vielleicht besuchen wir euch mal in Berlin.“
„Warum nicht?“, erwiderte Yvonne.
Genau wie Pingel vertrat sie die Meinung, dass ich besser eine Weile von der Bildfläche verschwand. Völlig selbstverständlich hatte sie mir die Schlüssel für ihre Berliner Wohnung in die Hand gedrückt. In Berlin sollte ich Kontakt zu ihrem Bruder aufnehmen. Der betrieb dort eine Gärtnerei. Er hätte möglicherweise einen Job für mich und vielleicht sogar eine Idee, wie ich das Gras auf bessere Weise losbekam als durch die Kanalisation.
Melanie und Yvonne verpackten die Barren sorgsam in Plastikfolie und verstauten sie unter meinen Klamotten im Rucksack. Yvonne würde in ein paar Tagen nachkommen. Bis Januar hatte sich hier vielleicht alles ein wenig beruhigt.
Das waren jedoch Überlegungen von übermorgen. Mein heutiges Problem bestand darin, hier raus zu kommen.
„Wir müssen!“, drängte Yvonne zum Aufbruch.
Ich umarmte Melanie. Wir wünschten uns alles Gute. An der Wohnungstür machte ich noch einmal kehrt und holte Großmutters Wälzer GARTEN, TIER, PFLANZEN als Talisman aus meinem Regal.
Die Bahnhofshalle präsentierte sich so grau und trostlos, wie es nur eine Bahnhofshalle vermag. In einer Ecke lagerte ein halbes Dutzend mit Sternburg-Pilsner-Flaschen bewaffneter Glatzköpfe, in der gegenüberliegenden eine Handvoll Obdachlose. Auch sie tranken Bier, die gleiche Marke. Aus der Bahnhofskneipe wehte deutsche Schlagerkunst in die Halle, begleitet vom Piepen des Spielautomaten.
„Ick steh nich so auf Abschiede“, sagte Yvonne. „Die Adresse hab ich dir aufgeschrieben, und wo Friedrichshain ist, weißte?“
Ich nickte. Wir lehnten unsere Köpfe aneinander.
„Wird schon schief gehen“, flüsterte sie in mein Ohr. „Ruf mich an, wenn du angekommen bist und grüß meinen Bruder, klar?“
„Klar.“
Wir küssten uns.
„Halt die Ohren steif.“ Yvonne machte sich los und eilte aus der Halle. Kurz vor dem Ausgang wandte sie sich noch mal um. Wir nickten uns zu, dann drehten wir uns beide um und gingen, jeder in seine Richtung.
Die Hände in den Hosentaschen vergraben, trat ich auf den Bahnsteig. Die Luft war diesig - und ich weit und breit das einzige Lebewesen, abgesehen von der kleinen Kiefer, die sie vor den Klos aufgestellt hatten. Das Bäumchen sah nicht so aus, als würde es bis zur Mutter aller Feste durchhalten. Schon jetzt hatte es einen Großteil seiner Nadeln eingebüßt. Die elektrischen Kerzen drückten seine Zweige nach unten.
Der Anblick des gefesselten Bäumchens deprimierte mich. Ich ging vor zur Bahnsteigkante, richtete meine Augen auf den im Nebeldunst verschwindenden Schienenstrang. Wenn jetzt keine Katastrophe dazwischen kam, würde aus dem grauen Nichts in etwas mehr als zehn Minuten mein Zug auftauchen. Noch war er aber nicht angezeigt. Hatten sie meinetwegen den Fahrplan geändert?
Gegen meinen Willen malte ich mir aus, wie bewaffnete Polizeieinheiten von der einen und eine Bande zwielichtiger Gestalten von der anderen Seite den Bahnhof erstürmten, um den meistgesuchten Mann des Boddenstädtchens daran zu hindern, mit knapp zehn Kilo Marihuana im Dschungel der Großstadt zu verschwinden. Natürlich fand sich zu dem Spektakel auch eine Blitzlicht-bewaffnete Journalistenmeute ein.
„Klack-Klack“, machte es über mir, dass mir die Luft wegblieb. Ich starrte nach oben, atmete durch. Die noch aus der alten Zeit stammende Anzeigetafel hatte die bedrohlichen Geräusche von sich gegeben.
Klack-klack: Stralsund, Klack-klack: Thießow, klack-klack: Ansage beachten, ratterte es in dem grauen Kasten, bevor auf der Anzeigetafel Berlin zu lesen war. Jetzt kam das Feld mit der Abfahrtszeit dran. Wieder klackte es, bis die Zahlen erschienen, die mir Yvonne genannt hatte.
Jetzt war es amtlich: In acht Minuten rechnete man mit der Abfahrt des Regionalexpress nach Berlin. Es würde zu keiner Erstürmung des Bahnhofs kommen, aber noch war ich nicht auf der sicheren Seite.
Schwer drückte der Rucksack auf meine Schultern. Was gab es Schöneres, als durch Berlins Straßen zu schlendern, ziellos und ohne die Angst vor Entdeckung! Würde ich dort etwas wiedererkennen? Wenn mir danach war, konnte ich in die nächstbeste Kneipe gehen, mir einen Kaffee oder ein Bier spendieren und vom Fenster aus das Treiben auf dem Bürgersteig beobachten. Hatte ich genug gesehen, würde ich zu Yvonne zurückkehren, mich auf ihr Bett legen und in ihren Büchern schmökern. Ich war gespannt, was sie im Regal zu stehen hatte. Oder besaß sie gar keins? Was sah ich, wenn ich aus ihrem Fenster schaute?
Drei Scheinwerfer linsten aus dem Dunst. Sie wurden größer, und schon bald konnte ich die Umrisse der Lokomotive erkennen. Mein Blick streifte noch einmal das Bäumchen unterm Klodach. So wie dem armen Ding war es keinem meiner Pflanzen im „Verbotenen Zimmer“ ergangen. So bald wie möglich würde ich Yvonnes Bruder besuchen. Der hatte sicher nichts dagegen, wenn ich ein bisschen durch seine Gewächshäuser stromerte. Es würde mich an zu Hause erinnern, ans „Verbotene Zimmer“.
Hatte das Ganze etwa von Anfang an einen Sinn gehabt? Schnittblumen, Topfpflanzen - war es das, wohin mich die „Girls“ führen wollten? Schon lange hatte ich riesige Lust, mich einmal ganz ohne Angst mit ihren „Schwestern“ zu befassen. Konnte Yvonnes Bruder vielleicht wirklich einen Mitarbeiter gebrauchen? Ich würde schon dafür sorgen, dass es keinem seiner Schützlinge so erging wie der armen Krüppelkiefer hier.
Lok und Wagen waren jetzt klar und deutlich zu erkennen. Jeden Moment würde sich der Zug in den Bahnhof schieben. Ich erwartete lautes Quietschen und hielt mir die Ohren zu. Als ich meine Augen schloss, sah ich den üppigen, grünen Wald im „Verbotenen Zimmer“: Riesige Pflanzen mit harztriefenden Blättern und Blütenständen, größer als Maiskolben, wiegten sich im Wind der Ventilatoren. Ich liebte diese Pflanzen. So lange sie genügend Wasser, Dünger und Licht bekamen, wuchsen sie, dass es eine Freude war. Sie lebten, solange ihre Zeit währte. Nicht im Mindesten scherten sie sich um Börsenspekulationen, Energie- und Betriebskostenabrechnungen oder darum, ob ihre Existenz nach geltendem Gesetz legal war oder nicht.
Jemand tippte mir auf die Schulter. Starr vor Schreck, riss ich die Augen auf. Vor mir stand ein Uniformierter mit Schirmmütze und nickte mir freundlich zu. „Wenn Sie mit wollen, sollten Sie jetzt besser einsteigen.“