Hinterm Steuer saß ein Glatzkopf in gefleckter Uniform, auf dem Beifahrersitz ein schlanker Mann im Lodenmantel. Langsam schob sich der Kombi über den gefrorenen Schotter. Er hielt auf die Speichergebäude zu, die wie schwarze Felsen in den klaren Nachthimmel ragten. Der Mond spiegelte sich im Wasser des Kanals, die gute Sicht verhieß eine eiskalte Nacht. Der Wagen hielt.
„Ich warte hier“, brummte der mit der Glatze.
„Alles bueno, Hombre“, erwiderte der andere. „Könnte sein, dass wir nachher ziemlich plötzlich aufbrechen müssen.“
„Du vielleicht“, brummte der Glatzkopf.
Die Beifahrertür klappte, der im Lodenmantel setzte seine blankpolierten Halbschuhe auf den Schotter. Den Kragen hochgeschlagen, ging er auf eines der Speichergebäude zu. Seine Hand hielt eine große, prall gefüllte NETTO-Tüte. Im Schatten der Mauer ging er ein Stück um das Gebäude herum. Vor dem Ausgang auf der Nordseite blieb er stehen und horchte: Gespenstische Stille im Inneren der Ruine, gelegentlich unterbrochen durch dumpfe Tropfgeräusche.
Er schaute auf seine Armbanduhr, sah sich nach allen Seiten um - und betrat den ungastlichen Ort. Betont langsam setzte er Schritt auf Schritt, seine Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Spitzes Kreischen ließ ihn zusammenfahren. Es folgte ein von lautem Fauchen begleiteter Schrei. Eine schlanke, schwarze Katze huschte an seinem Hosenbein vorbei, eine getigerte verschwand in die entgegengesetzte Richtung.
Er brauchte fünf, sechs Atemzüge, sich soweit zu beruhigen, dass er weitergehen konnte. Nach wenigen Schritten blieb er erneut stehen. Aus der Richtung, in der die Tigerkatze verschwunden war, funzelten zwei Lichtkegel ins Halleninnere. Ein weiterer Strahl kam hinzu, dann noch einer.
Die Männer liefen in einer Formation, die dem Bild der Fünf auf einem Würfel entsprach. Das Zentrum bildete ein hochaufgeschossener Kerl im abgewetzten Ledermantel. Sein Haar war dunkel wie das eines Südländers. Drei Narben zogen sich wie Schmisse über seine Wange. Auf seine Stirn war ein fahrender Zug tätowiert.
Die vorderen zwei hatten den Eingang auf der Südseite erreicht, aus dem gerade eine Katze schlüpfte. Das Tier warf einen gelangweilten Blick auf die Männer, die bei ihrem Auftauchen ihre Taschenlampen ausgeschaltet hatten, dann verschwand es eilig in der Nacht.
Die vorderen zwei aktivierten wieder ihre Taschenlampen. Die Lichtkegel fingerten die Wände entlang. Auch die Nachhut schaltete wieder ihre Lampen ein. Als die Männer ein Scheppern vernahmen, vereinten sich die vier Lichtkegel zu einem hellen Fleck - in dessen Zentrum sich ein schlanker Mann mit grauem Mantel und gelber Plastiktüte schützend die Hand vor die Augen hielt.
„Gibt′s hier Ratten?“, drang die schnapsgeschwängerte Reibeisenstimme des Südländers durch die Halle.
„Nee, bloß Katzen“, erwiderte der Geblendete.
Der Narbige hieß seinen Männern, ihre Lampen zu senken. Der Tütenträger nahm seine Hand runter.
„Hast du das Geld?“, fragte er.
„Hast du das Zeug dazu?“, erwiderte die Reibeisenstimme.
Der Angesprochene grinste zaghaft. „Deshalb bin ich vor Ort, Hombre.“
Die fünf Männer hatten indes einen Halbkreis um ihn gebildet. Einer trat vor, baute sich vor ihm auf und streckte seine Hand aus. Der Schlanke langte in seinen Beutel, holte ein kleines Plastiktütchen heraus und reichte es dem Mann.
Der tauchte seinen kleinen Finger in das Tütchen. Als er ihn herausholte, hingen Blättchen und klebriger Staub daran. Der Mann rieb seine Finger aneinander, kaum etwas fiel zu Boden.
„Sieht gut aus“, meldete er dem Narbigen.
Der nickte.
Der Beutel und ein Packen Geldscheine wechselten die Besitzer.
„Hat mich gefreut, mit euch Geschäfte zu machen“, wandte sich der im Lodenmantel zum Gehen. „Ich spare mir, die Peseten zu zählen!“
„Bleib doch noch!“, befahl das Reibeisen, „lass uns einen drauf rauchen, Kleiner!“
Dem Eingeladenen war anzusehen, dass ihm dieses Angebot missfiel. Seine Nervosität wuchs, als einer der Männer in den prall gefüllten Plastikbeutel langte. Als seine Hand wieder zum Vorschein kam, hielt sie einen gepressten Barren in die Luft.
Das Narbengesicht verzog sich zu einer grässlichen Fratze: „Wass′n das? Willst mich ficken, oder wie!“
Der Angesprochene zuckte verlegen die Schultern und ließ seine Hand in den Lodenmantel gleiten. Als sie wieder zum Vorschein kam, hielt sie eine Pistole.
„Klar fick ich dich“, schrie er, „voll in den Arsch, Veterano!“
„Bist du bescheuert?“, brüllte vom Nordeingang her eine Stimme. Sie gehörte dem Glatzkopf in der Tarnuniform.
Die fünf Männer drehten ihre Köpfe ruckartig in seine Richtung. Ein Lichtblitz zerriss die Dunkelheit, ohrenbetäubend krachte ein Schuss.
Veteranos Männer hatten sich auf den Boden geworfen, während der im Lodenmantel seine Beine in die Hand nahm und zum Nordausgang rannte.
„Ihr Idioten!“, brüllte Veterano, „seit wann habt ihr Schiss vor Platzpatronen!“
Die Männer ließen sich nicht die Zeit, den Dreck von ihren Sachen zu klopfen und nahmen die Verfolgung auf. Veterano klaubte einen Barren vom Hallenboden. „Ihr seid so gut wie tot, alle drei!“ grollte er, während er das Gras zwischen seinen Fingern zerbröselte.
***
Wie ein Kuss begann der Tag. Als ich aufstand, hatte Melanie bereits das Frühstück vorbereitet.
„Ich würde mir heute Nachmittag gern ein Paar Winterstiefel kaufen“, erinnerte sie mich freundlich daran, dass es wieder mal Zeit für ihren Lohn war.
Nach einem ausgiebigen Frühstück pusselten wir bis zum Mittag. Ich kümmerte mich um das Essen, zahlte Melanie aus und legte mich noch ein Stündchen hin, bevor ich meine Nachmittagsschicht begann. Melanies Ausgehvorbereitungen wiegten mich in den Schlaf.
Handypiepen störte meinen Frieden.
„Was iss′n da los bei euch?“, keuchte Schussel in den Hörer.
„Was los ist? Wo steckst du überhaupt?“
„Im Knast - und ich soll um Himmels Willen drinbleiben, weißt? Hat Laber gesagt! Pingel haben sie vielleicht geschnappt, sagt er. Er selber konnte grade so abtauchen. Hab mich erst mal krank gemeldet, weißt? Aber was iss′n da los bei euch?“
Die Kehle war mir zugeschnürt, ich war nicht in der Lage, etwas zu erwidern.
„Ich muss Schluss machen“, ließ mich Schussel allein in dem Bombenkrater zurück, den sein Anruf gerade gesprengt hatte. Mein Herz hämmerte gegen meinen Brustkorb wie ein Ferrarimotor im Trabigehäuse.
War die Falle doch zugeschnappt! Die letzten zwölf Monate war ich nicht müde geworden, mir vorzustellen, wie es sich anfühlte, wenn es passierte. Aufregende nächtliche Verfolgungsjagden hatte ich mir ausgemalt, ein letztes Aufbäumen unter den Stiefeltritten der mich überwältigenden Polizisten - und jetzt stand ich da wie ein abgestürzter Computer, unfähig zu jedem koordinierten Handeln.
Die erste Empfindung, die zu mir vordrang, war ein diffuses Gefühl der Erleichterung. Kannst aufhören mit Pusseln, sagte ich mir und fühlte mich seltsam gelassen dabei.
Was war Los? Pingel geschnappt, Laber auf der Flucht - war es wohl nicht weit her gewesen mit seinem Jahrhundert-Deal. War er einem V-Mann der Drogenfahndung auf den Leim gegangen? Hatten sie uns womöglich die ganze Zeit beobachtet, und nun war der Zeitpunkt gekommen, die um unsere Gurkenhälse gelegten Schlingen zuzuziehen? Wieso aber war ihnen der Laberkopf durch die Lappen gegangen?
Ein Klingeln drang in mein Bewusstsein. Aus dem Flur kam es, doch nicht von der Wohnungstür. Es bedurfte etlicher Wiederholungen, bis ich begriff, dass das mein Festnetztelefon war. Ich ging hinaus, nahm den Hörer ab.
„Was quatscht′n so lange auf′m Handy?“, schnauzte mich Pingel an.
„Wo steckst′n du?“ schnauzte ich zurück. „Was ist passiert? Schussel hat aus dem Knast angerufen und lauter ungereimtes Zeug abgelassen.“
„Aus′m Knast“, schnaufte Pingel, „komm ich auch grade. Hab mich vom Acker gemacht. Dasselbe empfehle ich dir! Ist was schief gelaufen bei Labers Deal. Veterano ist hinter uns her!“
„Veterano war der V-Mann?“
„Was für′n V-Mann? Mann, wovon quatschst du?“, schrie Pingel. „Veterano war mordsmäßig begeistert von Labers Indoor-Buds. Wollte gleich zwei Kilo haben, für′n guten Preis! Die Labertasche hatte aber nicht so viel. Hat er Veterano zum gleichen Preis die Sommerernte angedreht. Hat Veterano nicht gefallen! Der rennt jetzt mit den Barren rum und macht alle platt, die er mit den Dingern erwischt, klar? Wenn dir deine Knie was wert sind, sieh zu, dass du sie hier weg bringst. Die nächsten drei Monate setzte ich keinen Fuß ins Boddenstädtchen!“
„Und was ist mit Laber?“
„Ist tot, sobald ich ihn in die Pfoten krieg!“, schnaufte Pingel und schlug auf etwas. „Ich Idiot fahr ihn auch noch zum Hafen! Als Veterano gecheckt hat, dass Laber ihn ficken will, hat Laber ne Knarre gezogen, völlig durchgedreht! Hab die Reifen quietschen lassen und bin vom Hof. Kaum hab ich Veteranos Gorillas abgehängt, hängt mir auch schon eine Bullenkutsche am Arsch! Als die wollten, dass ich rechts ranfahre, hab ich rot gesehen.“
„Und dann?“
Pingel lachte. „Haben Verstärkung rangefunkt. Gab ne feine Verfolgungsjagd durchs Hafenviertel. Auf einmal stand mir ne Wanne im Weg, quer auf der Straße, mit nem winkenden Bullen davor. Nach dem Zusammenstoß mit der Karre war Ende. ‚Mordversuch!′ haben sie gebrüllt, als sie mich aus′m Wagen zerrten. Penner! Ich könnt die alle umbringen, klar? Aber erst mal ist die Labertasche dran! Hals und Beinbruch, Pratze. Sieh zu, dass du durchsichtig wirst!“
Mein Puls raste, mein Nacken war patschnass. Immerhin war Veterano kein V-Mann, ein Hausbesuch des Überfallkommandos stand auch nicht ins Haus. Das Schiff war volle Pulle gegen den Eisberg gerammt, aber ich hatte mich fürs erste in eine aufblasbare Rettungsinsel geflüchtet. In der trieb ich nun orientierungslos auf dem Meer und musste aufpassen, dass ich nicht von einem feindlichen Zerstörer gefunden wurde.
Da ich immer darauf geachtet hatte, nicht zusammen mit meinen Komplizen gesehen zu werden, konnte ich wohl davon ausgehen, dass Veterano möglicherweise noch nichts von mir wusste.
Leider fiel mir ein, dass mich einer von Pingels Kunden gesehen hatte - kurz, bevor wir den stinkenden Army-Shop betreten hatten. Den schmierigen Fettwanst hinterm Tresen konnte ich mir gut als Veteranos Spitzel vorstellen. Der Abend im Schlagbaum, das Café auf dem Marktplatz - ratterte es weiter. Es gab genügend Gelegenheiten, bei denen man mich mit meinen Verbrecherfreunden hatte sehen können!
Das Pusseln hatte sich schlagartig erledigt. Für die mühselig gepressten Barren blieb tatsächlich kein anderer Weg als die Klospülung. Katastrophal, aber nicht zu ändern. Ein verlorenes Jahr ohne Geld war besser als ein geldloses, verlorenes Jahr mit zerschossenem Knie.
Unsichtbar-Werden war angesagt, und in meiner Bude die totale Desinfektion. Als erstes verpackte ich in Rekordzeit alles, was Marihuana hieß, in Müllsäcke, stürzte hinunter und versenkte sie ein paar Höfe weiter im Container. Pollinator und Pressen verstaute ich in Labers Kombi, zusammen mit den restlichen Kisten aus dem Keller.
Ich brauchte nicht weit zu fahren. Nur ein paar Straßenecken von mir entfernt türmte sich vor einem Abbruchhaus ein stattlicher Berg ausrangierter Waschmaschinen, Gasherde, Spülbecken, Holzbalken und Schutt. Das, was ich dazu tat, fiel kaum auf.
Wieder zu Hause, wanderten die restlichen Graskartons ordentlich zusammengefaltet in den Papiercontainer auf dem Hinterhof. Nachdem ich meinen Kleiderschrank eingeräumt und in der gesamten Wohnung den Boden gewischt hatte, stand nur noch die Vernichtung des Kühlwürfel-Inhalts auf meinem Laufzettel zur Wiedereingliederung in die Masse der unbescholtenen Bürger.
Die geöffnete Kloschüssel sah mich an wie das zahnlose Maul einer Riesenkröte. Vollkommen gleichmütig wartete sie darauf, die Früchte meiner Arbeit zu verschlingen. Fast zehn Kilo waren es noch, dreihundertneunundneunzig Barren, und alle waren durch meine Hände gegangen. Aufzucht, Pflanzung, Pflege, Ernte - sollte das alles umsonst gewesen sein? Ein hartes Jahr Arbeit, und jetzt? Ab ins Klo damit!
Ich stand vor dem weißen Schlund, die ersten Barren in der Hand und brachte es nicht fertig, meine Finger zu öffnen. Selbst mit geschlossenen Augen kriegte ich es nicht hin.
Auf einmal musste ich daran denken, wie ich ein Schmetterling gewesen war, der über eine Frühlingswiese flog, auf der Suche nach Löwenzahn. Auf der schönsten Blüte hatte ich mich niedergelassen und ihren Nektar genossen. Mein Bett hatte sich auf wundersame Weise in ein warmes, weiches Tier verwandelt. Es war ein Rausch, nichts weiter, aber ein unbeschreiblich schöner.
Du bist verrückt, Pratzke! Du wirst doch jetzt nicht allen Ernstes daran denken ... schmeiß das Zeug ins Klo, und aus! Noch immer gingen meine Finger nicht auf.
Glaubte ich, es würde mir helfen, wenn ich meinen Kopf in den Sand steckte? Glaubte ich etwa doch an ein Wunder? Ich weiß nur, mich überkam das Gefühl, dass es schrecklich falsch wäre, die Barren so sang- und klanglos den Lokus runterzuspülen.
Sie waren die letzten Zeugnisse eines Jahrs, von dem mir dann nichts übrig blieb als mein zerrüttetes Nervenkostüm und die Erinnerung an unzählige, mit stupider Fronarbeit verbrachte Tage und Nächte.
Das Kneipenausbauen hatte wenigstens Geld gebracht, mein Studium zumindest für ein gewisses Maß an Abwechslung gesorgt. Immerhin hatte ich an der Uni Dietmar kennen gelernt, und selbst die fadeste Nacht im Studentenclub war um ein Vielfaches aufregender als mein erfolgreichster Heimarbeitstag der vergangenen zwölf Monate.
Sollte mein Dasein darauf hinauslaufen? Ein zähflüssiges Dahinvegetieren in völliger Einsamkeit - Unendlichkeiten entfernt von allem, was irgendwie an Leben erinnerte?
Was gruselte ich mich vor einem zerschossenen Knie? Paprika putzen konnte ich auch im Rollstuhl. Und was trennte mich noch groß vom Knast? Ein ganzes Jahr hatte ich mich freiwillig eingesperrt, ohne Aussicht auf Begnadigung oder mildernde Umstände. Wollte ich so weitermachen, könnte ich mich ebenso gut der Polizei stellen. Ich musste diesen Zug anhalten!
Zu aller Erst brauchte ich eine Auszeit, ein paar Stunden Pause - und die Lösung klebte an meinen Händen: Dank meines Arbeitseifers war ich noch nicht dazu gekommen, sie vom Harz der letzten gepusselten Pflanzen zu befreien. Das, was noch an meinen Fingern haftete, reichte locker für einen Kakao der sanften Träume.
Wie viele Nerven hatten mich die Pflanzen gekostet! War es nicht absurd, dass ich von selbst noch nie auf die Idee gekommen war, mich ihrer Wirkung zu bedienen? Ich wollte eine Auszeit - warum nicht noch einmal Schmetterling auf Frühlingswiese? Auf die Art würde ich angenehm durch die Nacht kommen. Morgen sieht vielleicht schon alles entspannter aus, dachte ich, während ich das Harz von meinen Fingern schabte.
Ich streifte meine verschwitzten Klamotten ab und stellte mich unter die Dusche. Heute würde ich nicht mehr rausgehen, so warf ich mir anschließend lediglich meinen Bademantel über. Zur Feier des Tages drehte ich sämtliche Heizungen auf. Das heiße Wasser hatte meinen Hunger geweckt.
In der Küche hing noch immer Dopegeruch in der Luft. Geradezu hektisch hatte ich vorhin den Kakao runtergestürzt. Er schmeckte würziger als der, den mir Schussel seinerzeit ans Krankenbett gebracht hatte.
Was könnte ich essen? Einfach nur Stullen, das erschien mir zu fad. Ich langte in den Kühlschrank, belegte ein paar Brote mit Tomate, Salami, Apfelscheiben, Käse und schob sie in die Backröhre. Während sie vor sich hin brutzelten, bereitete ich mir Pfefferminztee und einen Joghurt mit frischen Früchten zu.
Ich drapierte alles auf einem Tablett und schlurfte rüber in mein Zimmer. Auch hier roch es nach Gras - es war mir egal. Ich schaltete den Fernseher ein, ersetzte die elektrische Beleuchtung durch das warme Licht einer Altarkerze und machte es mir auf der Matratze bequem.
Auf Arte lief ein Film über die Stones. Viel Musik, die wenigen Worte in einer Sprache, die ich kaum verstand - ein Programm, wie für mich geschaffen. Ich aß Brote, löffelte Joghurt, genoss die Stones bei Kerzenschein. Im Zimmer war es herrlich warm. Angenehm gesättigt, schloss ich die Augen.
All die Tage, in denen ich vom Morgengrauen bis in die Dunkelheit mit gebeugtem Rücken hier gesessen hatte, zogen im Schnelldurchlauf an mir vorbei. Was ich da abgezogen hatte, war nichts Anderes als immer wieder zehn Stiegen Paprika putzen, unzählige Quadratmeter Golfplatz mähen oder im Akkord Bänke streichen, die Begleitmusik zu Hartz IV.
Eine Art Witz aus meiner Schulzeit kam mir in den Sinn. Obwohl ich ihn nicht verstand, hatte ich jedes Mal über ihn gelacht: Ein Schwein klettert auf einen Turm, springt hinunter und ist tot. Das nächste Schwein klettert ebenfalls auf den Turm, springt runter und ist tot. Das dritte Schwein macht es genau so wie seine Vorgänger, ist aber nicht tot. Es klettert ein zweites mal auf den Turm, springt hinunter - tot.
Ob ich es hinkriegte, mit meinem Leben anders umzugehen? Immerfort sah ich die Schweine vom Turm springen, während mich die Stones an die Hand nahmen und mit sich rissen.
Sie spielten „Symphatie for the devil“ in einer Endlosschleife. Endlich verschwanden die Schweine. Ich saß in einem stehenden Zug, schaute aus dem Fenster auf eine endlose Wiese. Vor meinem Fenster kreuzte eine von Alleebäumen gesäumte Landstraße den Schienenstrang.
Gellende Fanfarenstöße mischten sich in die Musik, dazu zackige Trommelwirbel. Auf der Straße näherte sich vom Horizont her ein riesiger Spielmannszug. Vorneweg marschierte ein über beide Wangen strahlender Tambour-Major in bunter Galauniform. Es war Pingel! Voluminöse, goldene Tressen schmückten seine Schultern, sein ganzer Körper schien für das Tragen dieser Uniform gemacht. In seiner Rechten tanzte ein goldenes Zepter auf und nieder. Na bitte, hatte er es also doch noch geschafft! Freudig winkte ich ihm zu.
Als mich Pingel entdeckte, entglitten ihm sämtliche Gesichtszüge. Der Stab in seiner Hand verschwand, genau wie der Spielmannszug. Statt der bunten Uniform trug er die gewohnten Tarnklamotten.
„Pratze, raus da!“, drang sein Schrei durch die Fensterscheibe. Seine Arme ruderten wild gestikulierend durch die Luft. „Mann! Das ist eine Falle!“
Ein Ruck durchfuhr das Abteil, der Zug setzte sich in Bewegung, Pingel wurde immer kleiner. Bereits nach wenigen Sekunden hatte der Zug ein solches Tempo erreicht, dass die Landschaft nur noch als konturenloses Geflimmer am Fenster vorbeihuschte.
Der Wagen ruckelte so heftig hin und her, dass ich aus meinem Sitz gerissen und in den Gang geschleudert wurde. Ich rappelte mich auf, stolperte los, in Richtung Zugspitze. Halt das Ding an, bevor es zu spät ist! Auf dem schwankenden Boden kam ich nur schleppend voran. Meine Hände klammerten sich an alles, was sie zu fassen kriegten.
Ich erreichte das Wagen-Ende, riss die Tür auf, stolperte weiter. Im nächsten Wagen dasselbe Spiel. Die Waggons sprangen derart in den Gleisen, dass ich aufpassen musste, nicht durchs Fenster geschleudert zu werden. Als ich zum dritten oder vierten Mal das Wagenende erreicht hatte, stand ich vor einer verspiegelten Schiebetür. Ich rüttelte an ihr, doch sie ging nicht auf. Vergeblich suchten meine Augen nach etwas, mit dem ich sie einschlagen könnte.
Da öffnete sie sich von selbst. Eiskalter Wind schlug mir entgegen. Ich hatte die Spitze des Zugs erreicht, doch statt auf eine Lok blickte ich auf einen gigantischen Eisberg. Das Stückchen Schienenstrang zwischen ihm und mir wurde mit rasender Geschwindigkeit kleiner.
Schon verdunkelte der weiße Koloss die Sonne. Ich sah nur noch Eis vor mir. Jeden Moment musste der Aufprall folgen. Ich kniff die Augen zusammen, so fest ich konnte. Eine gewaltige Druckwelle schleuderte mich rückwärts. Bevor ich aufprallte, wurde es dunkel.
Ich hörte meinen Atem. Mein Rücken war auf etwas Weiches, Warmes gebettet. Offensichtlich war ich unverletzt - und lag in meinem Bett. Ich streckte mich aus, öffnete die Augen und wünschte mich augenblicklich in den Zug zurück.
Am Fußende meiner Matratze stand ein riesiger Kerl und griff mit seiner abortdeckelgroßen, behaarten Pranke nach mir. Sein Gesicht war von Narben entstellt. Einer Sekunde ausgemachter Totenstarre folgte eine panische Rolle rückwärts.
Sie endete mit einem heftigen Aufprall an der Zimmertür. Der Knall dröhnte mir im Ohr, doch ich spürte keinen Schmerz.
Am Fußende der Matratze machte der jugendliche Blacky Fuchsberger einer Langhaarschönen den Hof. Mein Großhirn sendete Entwarnungssignale. DIE TOTEN AUGEN VON LONDON hieß der Film, und der, den ich im ersten Schrecken für Veterano gehalten hatte, war der Blinde Jack und wurde in Kürze ermordet. Ich befand mich allein in meiner Wohnung - und war völlig stoned.
Meine Gliedmaßen fühlten sich wie Gummi an. Glücklicherweise ließ mich meine Erinnerung nicht im Stich. Auch bei meinem ersten Marihuanarausch hatte ich geglaubt, nie wieder aufstehen zu können. Jetzt wusste ich, ich musste nur langsam vorgehen und fest daran glauben, dass ich stehen und sogar laufen konnte - und es würde funktionieren.
Das Erste, was an mein Ohr drang, als ich mit wackligen Knien an der Zimmertür lehnte, waren Stiefeltritte. Sie kamen aus dem Hausflur und wurden von weit mehr als einem Paar Füßen erzeugt. Mit jeder Faser fühlte ich, dass die unaufhörlich näherkommende Meute zu niemand anderem wollte als zu mir.
Wieder sah ich die Schweine vor mir, doch ihr Tun erschien mir in einem neuen Licht. Sie brachten sich selbst zur Strecke, bevor es das Schlachtermesser auf ungleich brutalere Weise tat.
Von der Wand grinste eine riesige, schartige Fratze auf mich herab. Ich drehte mich um, doch da war niemand. Nur mein Kleiderschrank stand verlassen in seiner Ecke. Das Kerzenlicht hatte die Fratze an die Wand gemalt. Ich blies sie aus. Schützende Dunkelheit umgab mich.
Ich hatte das Dope viel zu hoch dosiert. Nun steckte es in meinem Magen, und ich musste den Trip ausstehen.
Die Luft war so dick, dass ich Angst bekam, zu ersticken. Ich musste raus hier. Also, was war zu tun?
Erst einmal was anziehen. Schließlich war ich völlig nackt unterm Bademantel. Was wollte ich gleich?
Raus hier, Sachen anziehen! Aber wo befanden sich Sachen zum Anziehen - Müllsäcke?
Es gab keine Müllsäcke, wusste ich trotz Dunkelheit. Seit heute Nachmittag lagen meine Klamotten wieder im Kleiderschrank!
Zum Glück war der Geselle in der Zimmerecke mein Freund. Er würde rausrücken, was ich benötigte. Was wollte ich gleich?
Sachen auftreiben - Sachen zum Anziehen, Socken waren ein Anfang. Als nächstes suchte ich nach Slips. Wo um Himmels willen steckten die bloß! Wer?
Die Slips!
Ich fand keine, dafür eine Jeans, auch gut! Was brauchte ich noch? Ein Hemd, T-Shirt, Pullover, irgend etwas Warmes!
Warum hatte ich plötzlich einen Haufen Klamotten unterm Arm? Musste ich Wäsche waschen? Wo steckten eigentlich meine Arbeitsklamotten? Die mussten viel dringender in die Maschine als diese Sachen hier. Sie rochen ja noch total frisch, wieso wollte ich sie waschen? Wollte ich überhaupt waschen? Was wollte ich?
Raus hier, also anziehen die Sachen, nicht waschen! Ich zog Sachen an, endlos viele. Aufreibend und äußerst langwierig gestaltete sich diese Prozedur. Als ich sie hinter mich gebracht hatte, bewegte ich mich instinktiv in Richtung Tür. Und jetzt?
Unschlüssig blieb ich vor der Küche stehen. Die Herdklappe stand offen, in der Spüle stapelte sich Geschirr. Wollte ich abwaschen, einen Kuchen backen?
Ich konnte überhaupt nicht backen! Einer diffusen Ahnung folgend, hockte ich mich hin. Schuhe anziehen, Schnürsenkel zubinden, wieder aufstehen, Jacke überziehen - geschafft!
Ich streckte meine Arme nach vorn, tastete die Tür ab, fand die Klinke, drückte sie nach unten. Die Tür tat sich auf. Der Geruch von Wischwachs und Kohlsuppe schlug mir entgegen.
In meiner linken Jackentasche fühlte ich das Schlüsselbund, aber zum Zuschließen fehlten mir Kraft, Zeit, Luft. Unerträglich stickig war es hier, und da draußen gab es frische Luft - mehr, als ich je veratmen könnte.
Hinter mir klappte die Wohnungstür ins Schloss, zu meinen Füßen gähnte ein Abgrund. Würde ich beim nächsten Schritt in die Tiefe stürzen? Ich atmete ein, stieß mich ab und setzte meinen Fuß auf die erste Stufe.
Barti stand im unbeleuchteten Treppenhaus. Was tat er da? Egal weiter! Das Treppenhaus spuckte mich auf die Straße. Milde Abendluft umschmeichelte mein Gesicht. Ich atmete tief, fühlte, wie sich meine Lungen mit Sauerstoff füllten. Ein paar Schritte an der frischen Luft, und alles würde sich wieder ordnen.
Meine Zuversicht zerstob, als mir der erste Mensch begegnete. Ein schlammfarbener Unhold mit Armeekäppi stakste mir entgegen. Um Himmels Willen, das war der Hobbyranger, der uns in der Muki-Auspflanznacht das Leben zur Hölle gemacht hatte. Er hat meine Adresse herausbekommen und will mich nun den Behörden übergeben! Nichts anmerken lassen! - befahl ich mir und ging direkt auf den Ranger zu. Er wich mir aus - geschafft!
Schon rückte die nächste Gefahr an. Zwei Schatten verfolgten mich, sicherlich Mitglieder der Anti-Drogen-Bürgerwehr - brutale Quartalssäufer, die gelegentlich ihre Frauen und Kinder verprügelten. Ihre größte Leidenschaft war es jedoch, einsame Gras-Anbauer krankenhausreif zuzurichten. Längst hatten sie meine Witterung aufgenommen.
Ich wechselte die Straßenseite. Die Bürgerwehr verschwand so plötzlich, wie sie aufgetaucht war. Ich änderte meine Richtung, ging ein Stück die Uferstraße entlang, blieb wie angewurzelt stehen.
Dieser Weg führte direkt nach Wiesenhügel - zum SCHLAGBAUM, wo Veterano gerade seine Männer scharf machte. Schon gewahrte ich auf der Uferstraße einen Trupp dunkler Gestalten, die mir entgegen strebten.
Ich machte auf dem Absatz kehrt, rannte die nächste Seitenstraße rechts rein, dann die nächste links. Kurz darauf bog ich wieder nach rechts. Wo war ich überhaupt? Längst hatte ich jegliche Orientierung verloren.
Plötzlich blieb ich stehen, meinen Blick auf ein in warmes Licht getauchtes Haus gerichtet. Aus dem Haus drang Musik. Sie kam mir bekannt vor, und mein Gefühl sagte, dass meine Flucht zu Ende war, sobald ich über die Schwelle trat.