„Das sind nur ... ein paar Studienkollegen“, stammelte ich und wurde rot.
„Führt man gerade Männergespräche?“, kam es von der Tür, „oder kann ich mich auf ein Glas Wein zu euch setzen?“
„Aber, aber!“, übernahm der Laberkopf das Kommando. „Eine schöne Senorita ist durchaus angetan, dem dieser Runde innewohnenden Reiz das Sahnehäubchen aufzusetzen.“
Absatzklacken und Stuhlbeinschurren sagten mir, dass sich Melanie an den Tisch gesetzt hatte. Ich schaute auf. Sie saß zwischen mir und Laber und musterte uns, einen nach dem anderen. „Wer von euch ist denn nun der ‚Cavaliero‘, der sich herablässt, der Flasche den Hals abzuschlagen?“ Sie zeigte auf den Küchenschrank, auf dem ihr Begrüßungsgeschenk noch immer seiner Bestimmung harrte.
Mir war das Ganze eindeutig zu surreal. Pingel saß in seiner Ecke wie Mike Tyson, kurz nachdem er festgestellt hatte, dass ihm das Hosengummi gerissen war.
„Wenn Ihr erlaubt, so werde ich dies tun“, machte der Laberkopf seinem Namen alle Ehre und federte aus seinem Sitz.
„Pratze, du sorgst für Gläser“, wies er mich im Hausherren-Ton an, während er mit dem Dorn des Korkenziehers den Bleimantel vom Flaschenverschluss pulte. Ich stellte meine drei Weingläser auf den Tisch und für mich einen Senfbecher. Meine Hoffnung, dass der Korken so fest saß, dass sich Laber anständig blamierte, blieb unerfüllt. Mit vollendeter Grazie hebelte er den Verschluss heraus, ließ den „Plop“ verklingen und schenkte ein - erst Melanie, dann sich.
„Ihr seit alt genug, könnt euch selber bedienen“, fertigte er uns ab und stellte die Flasche auf den Tisch.
„Ich nicht?“, protestierte Melanie, worauf Laber beschwichtigend die Hände hob.
„Bei einer Senorita verbietet mir der Anstand, Mutmaßungen über ihr Alter anzustellen.“
Melanies an Labers Adresse gerichtetes Lächeln bescherte mir Seitenstiche. Und schon legten die beiden richtig los. Laber brachte auf galante Weise die „ich bin schon ein toller Typ“ - Nummer und vergaß auch nicht, schnell genug zum „und-was-machst-du-so?“ überzugehen.
Zwischen beiden plätscherte das übliche Partygesülze... Melanie schien sich hervorragend zu unterhalten. Ich verbot mir, ihnen zuzuhören. Nicht lange, da empfingen meine Ohren ihre Unterhaltung nur noch als zweistimmigen Geräuschbrei.
Pingel dümpelte in seiner Ecke herum und nippte immer mal an seinem Weinglas. Er stand draußen, genau wie ich. Zusammen bildeten wir das Trottelpaar, das als Letztes übrig blieb, wenn die Kapitäne ihre Mannschaften zusammenstellten.
„Erzählst du mir noch ne Gutenachtgeschichte?“, drang Melanies Stimme aus dem Brei - so klar und deutlich, dass ich es nicht ignorieren konnte. Ich schaute auf. Sie war aufgestanden und sah erwartungsvoll auf mich herab.
Geh schon, du Trottel, signalisierte mir Labers Blick. Zu Pingel zu schauen, konnte ich mir sparen. Ich stand auf und folgte Melanie, die schnurstracks ins „Verbotene Zimmer“ schwebte.
Mit einem Seufzer ließ sie sich aufs Bett fallen. „Setz dich doch.“ Sie zeigte auf einen Holzstuhl. „Was dagegen, wenn ich eine rauche?“
Ich schüttelte den Kopf. Melanie kramte eine Packung Luckys aus ihrer Lederjacke, zündete sich eine an, streifte ihre Pumps von den Füßen und streckte sich wohlig aus.
„Ist ja ganz nett, dein Kommilitone“, murmelte sie gähnend, „aber nach sieben Stunden Dauerbeschuss von baggernden Technikstudenten ist selbst bei mir der Ofen aus.“
Melanie schenkte mir ihr Lächeln. „Danke für′s Mitkommen“, sagte sie leise. „Weiß er wenigstens, dass er keine Chance hat.“
„Keine Ursache“, erwiderte ich, nun ebenfalls ein Lächeln im Gesicht.
***
Hatte ich letzten Winter die Türklingel als meinen ärgsten Feind empfunden, so war es jetzt mein Handy. Sobald es piepte, konnte ich mich drauf verlassen, dass einem meiner Kompagnons ein Unglück widerfahren oder eine Dummheit unterlaufen war. Mein Magen reagierte auf den Klingelton mit abrupt einsetzender Übelkeit. Zugleich verspürte ich den heftigen Drang, loszurennen, bis mir die Luft wegblieb.
Richtig unheimlich war mir der kleine Parasit geworden. Führte er ein Eigenleben, dessen tiefer Sinn darin bestand, das Dasein seines Wirts ins Chaos zu stürzen? Bei jedem Klingeln durchfuhren mich tausend Ängste. War das schon die Polizei, oder - noch viel schlimmer - Veterano?
Ich wagte nicht, jene Nummer anzurufen, bei der man anhand des Antwortsignals prüfen konnte, ob man abgehört wurde. Tief in mir war ich sicher, dass mein Telefon in jedem Fall das böse Signal an mein Ohr leiten würde, nur um mich zu ärgern.
Was half′s? Bis auf weiteres waren wir als siamesisches Zwillingspaar miteinander verwachsen. Auf mir lastete der Druck, ständig empfangsbereit zu sein. Gerade jetzt, wo unsere Operation kurz vor ihrem Höhepunkt stand.
Die nächste mobilfunkgetragene Hiobsbotschaft kam vom Pingeligen: „Schiete, ich bin aufgeflogen!“
„Was heißt das?“, krächzte ich in den Hörer.
„Der Hauswart hat spitzgekriegt, dass ich nachts Kisten hoch schleppe! Hat dem Kumpel, dem die Wohnung gehört, Feuer unterm Hintern gemacht. Denkt vielleicht, ich bin ein Hehler, was weiß ich? Jedenfalls hat er meinem Kumpel gesagt, er zeigt ihn an, wenn das mit den Kartons nicht aufhört.“
„Und ... jetzt?“
„Ich räume hier das Feld! Hast du Zeit, heute Nacht?“
„Du meinst, wir bringen die Girls zu mir?“
„Ich sehe keine andere Möglichkeit.“ Pingel ließ ein Räuspern folgen. „Wär außerdem ganz gut, wenn ich nicht dabei sein müsste. Gibt paar Gründe, die dagegen sprechen, dass ich dem schiet Hauswart unter die Augen trete.“
„Was ... für Gründe?“
„Bin hier nicht polizeilich gemeldet, klar? Wenn mich der Alte mit den Kisten sieht, kann ich mich gleich ganz vom Acker machen.“
Ich sollte also wieder mal den nichtsahnenden Arbeitskollegen spielen. Nur dass die Nummer diesmal, zumindest auf den ersten Blick, ziemlich nach einem Einbruch aussah.
„Wenn dir der Alte auflauert, bist du eben der Kumpel von meinem Kumpel, der alles in Ordnung bringt“, kam Pingel auf meine unausgesprochenen Befürchtungen zu sprechen. „Der sieht dich einmal und nie wieder. Würdest mir echt′n Gefallen tun, wenn du den Schiet heute Nacht für mich erledigst.“
Kurz vor Mitternacht machte ich mich auf den Weg. Zwei Häuser weiter stand Labers Kombi. Der Autoschlüssel hing an einem Magneten hinter der Stoßstange. Der Wagen war vollgetankt, Papiere und Wohnungsschlüssel lagen im Handschuhfach. Auf dem Beifahrersitz stand eine Flasche siebenjähriger Havana-Club. Danke war mit Edding auf das Etikett geschrieben.
Die Strecke zu Pingels Behausung kannte ich im Schlaf - im wahrsten Sinne des Wortes. In etlichen Alpträumen war ich sie immer und immer wieder gefahren - stets mit dem silbergrauen Ford im Schlepptau.
Natürlich nahm ich nicht den direkten Weg. Als ich den Kombi nach einer guten halben Stunde Fahrt auf dem kleinen Hof ausrollen ließ, war ich hundertprozentig sicher, dass mir niemand gefolgt war.
Im Treppenhaus brannte kein Licht. Dabei wollte ich es belassen. Ich setzte meinen Fuß auf die erste Treppenstufe. Sie war so freundlich, nicht zu knarren, genau wie alle anderen nach ihr, bis rauf in den zweiten Stock. Im Dunkel fummelte ich den Schlüssel ins Schloss und fieberte dem erlösenden Klicken entgegen.
Die Wohnung fand ich unverändert vor. Glücklicherweise hatte Pingel auch beim letzten Mal kein Licht eingeschaltet, so dass ich mich nicht neu orientieren brauchte.
In Pingels Zimmer standen sieben Kartons an der Wand, daneben lehnten die Wäschetrockner. Sieben Kisten waren weit mehr, als ich erwartet hatte. Passten die überhaupt in den Kombi?
Sie passten. Allerdings hatte ich die siebente neben mir auf dem Beifahrersitz zu stehen. Ich schob den Wagen vom Hof auf die Straße, um niemanden im Haus zu wecken.
Die ganze Fahrt über fing sich mein Blick immer wieder im Rückspiegel. Keine zehn Sekunden ließ ich das Ding aus den Augen. Meine Phantasie wurde nicht müde, sich die Szene des Wiedersehens mit den Silberjacken auszumalen.
Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich den Kombi vor meinem Haus einparkte. An der Wohnungstür wäre ich beinahe über Melanies hochhackige Wildlederstiefel gestolpert. Sie war also schon zurück und hatte wie immer ihre Schuhe abgestreift, um mich nicht aufzuwecken. Heute Nacht war ich es, der gleich mehrmals in Strümpfen über den Flur schlich. Mit einiger Erleichterung schloss ich meine Zimmertür. Um mich herum sah es aus wie in einem Paketpostamt.
***
„Was hast du eigentlich letzte Nacht übern Flur geschleppt?“
Über Kaffeekanne, Frühstücksei und Käseteller hinweg fixierten mich Melanies Augen. Ihre Frage verursachte mir Atembeschwerden. An dem liebevoll gedeckten Frühstückstisch saß ich gefangen wie eine Sardine in der Büchse. Sollte ich den Beleidigten raushängen lassen, die „ich fühle mich überwacht, und das in meiner eigenen Wohnung“ - Nummer bringen? Das würde den fälligen Eklat lediglich hinauszögern. Ich musste mir etwas anderes einfallen lassen, sofort!
„Ich muss dir was zeigen“ - murmelnd, erhob ich mich vom Tisch und verließ die Küche. Melanie folgte mir auf dem Fuße. Waren meine nächsten Worte nicht überzeugend, hatte ich ein ernstzunehmendes Problem. Ich öffnete meine Tür, ließ Melanie ein paar Sekunden Zeit, den Kistenstapel in der Raummitte in Augenschein zu nehmen. Jetzt nur nahe genug an der Wahrheit lügen!
„Erinnerst du dich an neulich Nacht, die beiden Kommilitonen in meiner Küche?“
Melanie nickte. „Ja, klar!“
„Einer der Jungs ist auf die schiefe Bahn geraten. Die Beweise stecken in diesen Kisten. Ihr Inhalt war übrigens der Grund für unsere Zusammenkunft, neulich Nacht.“
„Was ist denn drin in den Kisten?“, bewahrte mich Melanie davor, den Faden zu verlieren. Ich schluckte, suchte nach einem unverfänglichen Einstieg, brach die Suche ergebnislos ab und sagte:
„Gras ist da drin, getrocknete Marihuana-Stauden, um es genau zu sagen.“
Melanies Blick verriet Enttäuschung.
„Sie werden nicht lange hier sein, verspreche ich dir! ... Hast du ein Problem damit?“
Sie sah erst mich an, dann die Kisten, wieder mich - und schüttelte den Kopf. „Können wir jetzt weiterfrühstücken, oder muss einer von uns die Kisten bewachen?“
Klackend entfernten sich ihre Schritte in Richtung Küche. Als auch ich wieder am Frühstückstisch Platz genommen hatte, huschte ein Komplizenlächeln über ihr Gesicht: „Ralfi sagen wir besser nichts davon.“
Nachdem Melanie die Existenz des Grases geschluckt hatte, ohne mit ihren wunderschönen Wimpern zu zucken, wurde ich mutiger, was das Pusseln anging. Ich sah zu, dass ich den Pollinator nicht anwarf, wenn sie in der Wohnung war. Ich zog mich auch noch um, vor und nach der Arbeit, aber ich versteckte das Marihuana nicht mehr und pusselte wieder tagsüber. Die ewigen Nachtschichten hatten mich reichlich mürbe gemacht.
Der Umgang mit Melanie gehörte also fürs erste nicht mehr zu meinen Problemen. Die ließen mich deswegen jedoch keineswegs im Stich.
„Danke noch mal, für neulich.“ Pingel deutete mit einer verlegenen Geste auf den Küchenschrank mit seiner „Danke“-Flasche.
„Hat sich wieder beruhigt, die Lage“, ging er zum Plauderton über. „Hab schon wieder angefangen, Girls zu trocknen. Zum Glück hast du die Wäscheständer nicht mitgenommen.“
Sein Ton war so freundlich, dass es mir unheimlich war. Zugleich ermutigte mich sein Ton zu der Frage: „Pingel, was willst du eigentlich von mir?“
Augenblicklich seinen Oberarm massierend, rutschte er auf dem Stuhl herum. Seine Verlegenheit machte mir mehr Angst als zuvor die Freundlichkeit.
„Hab nen Sack voll zu tun, im Moment“, ließ er den Schwanz der Katze aus dem Sack. „Läuft ganz gut, das mit den Messen und so. Betreue demnächst sogar einen eigenen Stand. Neue Aufträge kommen rein. Entwickelt so ne Art Eigendynamik das Ganze, du verstehst?“
„Kein Wort.“
Er stoppte seine Massage und sah mich fest an. „Ich steige aus.“
„Was willst du?“, fragte ich, obwohl ich ihn ausgezeichnet verstanden hatte.
„Raus aus der Operation will ich“, machte er dort weiter, wo es wehtat, „endgültig! Der ganze Schietkram mit der Labertasche kotzt mich an, total! Hab keinen Bock mehr, klar? Gerade, wo das mit den Messen so gut läuft!“
Einmal mehr bebte der Boden unter meinen Füßen. Unsere Operation nahm Kurs auf die Eisberge, und der Einzige, der sich in diesen Gewässern auskannte, wollte die Brücke verlassen! Ging Pingel, war ich mutterseelenallein an Bord des zum Sinken verurteilten Schiffes.
„Mann Pingel!“, beschwor ich ihn, „mich kotzt das auch an mit dem Typen! Aber ich ziehe das durch! Fast ein Jahr haben wir in die Sache investiert. Mensch, wir haben doch keine andere Wahl, als das Ding zu Ende zu bringen!“
Ich schon, las ich in seinen Augen. Mit verschränkten Armen saß er vor mir wie ein Eisblock. Die Entscheidung war gefallen, lange vor seinem Anruf. Es war sinnlos, weiter auf ihn einzureden.
„Wie stellst du dir die Trennung vor?“, ging ich zum sachlichen Teil der Angelegenheit über. Der Krug war zerbrochen, ich wollte wenigstens die Scherben aus dem Haus haben.
„Zahl mich aus“, brummte Pingel. „Gib mir ein Drittel von dem, was jetzt in der Kasse ist, und wir sind quitt. Egal, was du am Ende einspielst.“
„Einen Scheißdreck werde ich einspielen!“, begehrte ich mit der Verzweiflung des Schiffbrüchigen auf: „Schussel geht in den Knast, und ich hab keinen Draht zur Szene! Wenn du jetzt abhaust, stehe ich allein mit Laber da. Du weißt am besten, was das heißt!“
„Schussel ist ja noch gar nicht weg“, wiegelte Pingel ab, „und ich kann dir den einen oder anderen Deal einfädeln. Bleibst schon nicht sitzen auf der Ware. Kannst mich immer anrufen, wenn du Hilfe brauchst, klar?“
Seine Miene verriet, dass dies das Letzte war, was er zu diesem Thema von sich geben würde. Sicher hätte ich mich auf die Hinterbeine stellen können, ihm das Geld verweigern oder etwas in der Art, doch hätte ich ihn auch damit nicht auf das lecke Wrack zurückgeholt. Im Gegenteil, ich hätte mir einen Feind geschaffen.
Knapp elftausend Euro befanden sich in der Kasse. Gute tausend würde meine Stromrechnung, weitere dreihundert die Reparatur meiner Fenster kosten. Blieben etwa neuntausendfünfhundert. Pingels Blick zeigte Zufriedenheit, als er dreitausend in seiner Beintasche verstaute.
„Wenn die letzten Girls trocken sind, bringe ich sie dir rum“, brummte er und streckte mir seine Pranke entgegen. „Mach′s gut, Pratze. War ganz o.k. mit dir.“
***
„Ich muss in den Knast, Pratze, gleich Montag früh! Kannst du mir schnell noch ein Hek vorbeibringen?“
Es war Schussels erstes Lebenszeichen nach der Nummer am Hafen. Wir hatten Freitag. Er schien fest entschlossen, seine letzten Meter um keinen Preis mit leeren Händen anzutreten. Auch gut! Ich machte ihm den Umschlag zurecht und trabte zum Firmenbriefkasten. Tatsächlich steckte Geld darin.
Am Sonntag piepte mich Schussel noch einmal an. Wieder wollte er Gras haben. Auf dem Weg zum Kühlwürfel hielt ich inne. Wusste er überhaupt noch, was er tat? War es total dunkel geworden in seinem Oberstübchen? In den letzten zwölf Monaten hatte er mich oft genug an den Rand der Verzweiflung und ein gutes Stück darüber hinaus getrieben, aber konnte ich das verantworten? In ein paar Stunden wanderte er in den Bau. Hatte er vor, mit den Taschen voller Gras dort einzumarschieren?
Machte ich mir etwa Sorgen um ihn? Ja, es war so! Ich brachte es weder fertig, ihm das Gras in den Kasten zu packen, noch, seine Bitte zu ignorieren. Entgegen aller gebotenen Vorsicht beschloss ich, ihn aufzusuchen. Wenn ihm schon nicht mehr zu helfen war, wenigstens verabschieden musste ich mich von ihm.
Als ich aus dem Haus trat, fuhr mir der Wind eisig in den Mantel. Die kalte Zeit hatte nun auch hier am wärmespeichernden Bodden Einzug gehalten. Die Temperaturen stiegen selbst tagsüber nur noch selten über fünf Grad, der Himmel dümpelte im gewohnten Grau. Selbst Fahrradfahren machte bei diesem Wetter nur noch halb soviel Spaß.
Schussels Begrüßungslächeln glich dem Zustand seiner Wohnung. Dürr und blass stand er in der Tür, die Augen verquollen, um das Rechte prangten die Spuren des Überfalls.
„Komm doch rein.“ Er gab die Tür frei und folgte mir durch den düsteren, kalten Flur. Durch das mit der Hartfaserplatte verkleidete Fenster zog es wie Hechtsuppe. In Schussels guter Stube sorgten zwei Ölradiatoren für eine erträgliche Temperatur.
„Setz dich doch. Willst′ nen Tee?“
„Nee, lass gut sein.“
Ich ließ mich auf der Stuhlkante nieder. Zu meinen Füßen lagen lauter Marihuanabarren.
„Läuft nicht so gut?“ Ich zeigte auf den Boden.
Schussels Blick folgte meinem. Als er begriffen hatte, was ich meinte, schüttelte er seine Locken. „Alles im Griff, Pratze! Ich muss bloß noch meine Tasche packen, weißt?“
Sein Zustand war schlimmer, als ich befürchtet hatte. Ich verzichte darauf, unsere einem langweiligen Pingpong-Match gleichende Unterhaltung im Wortlaut wiederzugeben. Ich fing etwa neunundneunzig Mal davon an, wie ungünstig es wäre, wenn er morgen seinen Haftbeginn verschwitzte oder mit einer Ladung Gras in der Vollzugsanstalt auftauchte. Schussel wurde im Gegenzug nicht müde, mir zu versichern, dass er alles im Griff habe.
„Und das hier?“ Ich zeigte auf die herumliegenden Barren.
„Die bringe ich noch unter, weißt? Ehrenwort, hab alles im Griff!“
Ich erinnerte ihn nicht daran, dass ich auf sein Geheiß weitere hundert Gramm in der Tasche hatte. Hätte ich sie ihm jetzt vertickt, wäre ich mir vorgekommen, als würde ich einem Ertrinkenden einen Rettungsring aus Blei zuwerfen.
Wir standen auf, traten aufeinander zu, nahmen uns in die Arme. Schussel blieb fair. Nicht mal den Hauch eines Schluchzers ließ er hören. Wir klopften uns ein letztes Mal auf die Schultern, dann plumpste Schussel in seinen Sessel zurück. Ich verließ auf schnellstem Weg seine Tropfsteinhöhle. Im Knast wurde doch hoffentlich geheizt?
„Du hattest Besuch!“, begrüßte mich Melanie. Sofort hatte ich zwei silberne Bomberjacken vor Augen, die sich überall umschauten und Melanie scheinbar unverfängliche Fragen stellten.
„Dein Kommilitone hat noch ein paar von seinen Kisten gebracht“, gab sie mir Entwarnung. „Eine Nachricht hat er dir auch geschrieben.“
Sie reichte mir ein mit sperrigen Hieroglyphen vollgekrakeltes Blatt Papier.
„Auf einen Kaffee ist er noch geblieben, aber länger als eine Stunde konnte ich ihn nicht festhalten.“
So lange hatte sich Pingel mit mir nur abgegeben, wenn ich ihn gefüttert hatte.
Mein Zimmer stand nun wieder voller Marihuanakisten. Melanie hatte das Dope anstandslos in Empfang genommen. Sollte ich ihr anbieten, ihr Taschengeld ein bisschen aufzubessern, indem sie mir beim Pusseln half? Ich konnte das Gras nicht mehr sehen, geschweige denn riechen, und je eher ich mit dem Pusseln durch war, desto besser.
„Möchtest du auch einen Kaffee?“, fragte Melanie.
„Wenn du mir dabei Gesellschaft leistest, gern.“
Sie vollführte einen eleganten Knicks, empfahl sich in die Küche, und ich machte mich daran, Pingels Nachricht zu entziffern.
„Hi Pratze! Hier ist meine letzte Ladung, den Rest hat Laber. Melde dich, wenn du Hilfe brauchst.“
Ich bezweifelte stark, dass ich von Labers „Rest“ allzu viel zu Gesicht bekommen würde. Ich hatte keine Ahnung, wo er steckte.
„Micha, der Kaffee ist fertig!“, rief mich Melanie in die Küche.
Sie saß am gedeckten Tisch, der Kaffee dampfte in den Tassen. Sogar zwei Stück Mohnkuchen hatte sie besorgt.
„Musst du heute gar nicht in den Club?“, begann ich verlegen.
Sie schüttelte den Kopf: „Hab die nächsten drei Tage frei. Wieso fragst du? Willst du mit mir ausgehen?“
„Das nicht. ... Aber ich hätte dir einen Vorschlag zu machen.“
Statt des Fernsehgedudels erfüllte Supertramp den Raum. Das Live-Album, Melanie hatte es rausgesucht. Ihre Wahl war mir recht. Würde ich die Scheibe das nächste Mal hören, würde ich dabei an sie denken, nicht an Marion.
Sie war sofort einverstanden gewesen, mir zu helfen. Wieso hatte ich sie nicht schon viel eher gefragt?
Nach meiner kurzen Einführung darüber, worauf sie beim Verarbeiten der Buds zu achten hatte, war sie schon bald schneller als ich. Ihre schlanken Finger arbeiteten einfach viel geschickter.
Kiste um Kiste wanderten die Buds in die Stiege hinter der Couch und die Blätter in den Pollinator. Die Pressen waren rund um die Uhr in Betrieb, der Kühlwürfel in Kürze so voll, dass kein einziger Barren mehr hinein passte. Ich musste auf das Tiefkühlfach des Kühlschranks ausweichen.
Unbeirrt stapelte ich Barren auf Barren. Wollte ich sie die zwei Jahre bis zu Schussels Entlassung aufbewahren? Hoffte ich, dieser ominöse Oberdealer würde wie der rettende Engel durch die Tür schweben, um mir den ganzen Dopehaufen abzukaufen? Immer wieder war ich kurz davor, die Sache abzublasen, meine Finger endgültig von den Stauden zu lassen - und brachte es doch nicht fertig.
Trieb mich der feste Wille, die Operation erst dann zu beenden, wenn das Schiff endgültig auf den Eisberg gelaufen war? Die noch zu verarbeitenden Girls bewahrten mich zumindest davor, ernsthaft darüber nachzudenken, was ich mit der mir verbleibenden Lebenszeit anfangen wollte. Das Gras musste verarbeitet werden, also verarbeitete ich es. Genau so, als wären das Paprikaschoten aus der Krautfabrik.
Nun war ich also doch bei den Piraten gelandet, allerdings weder als Kapitän, noch als der Letzte der Mannschaft. Ich war nur der Küchenjunge - inzwischen jedoch der Einzige, der sich noch an Bord des lecken Kahns befand. Nie und nimmer fühlte ich mich in der Lage, das Schiff durch den nächsten Sturm zu bringen. Eben so wenig konnte ich den Eisbergen ausweichen, auf die es geradewegs zutrieb. Das Einzige, was ich tun konnte, war, sämtliche Gerätschaften ordentlich festzuzurren, auf dass nicht gleich alles durcheinander flog, wenn es ans Sinken ging.
Zu diesen ordnenden Maßnahmen gehörte, dass ich mich um meine Energieabrechnung kümmerte. Auf dem Küchentisch lag seit zwei Tagen ein Brief der Stadtwerke. Ich brauchte ihn nicht zu öffnen, um zu wissen, was darin stand.
Beim Betrieb einer Indoor-Anlage sorgen allein schon die Lampen dafür, dass der Stromverbrauch ein Vielfaches des Normalwerts übersteigt. Hinzu kommen Pumpsystem, Ventilatoren und schließlich der ganz normale Haushalt.
Als sie Pingel letztes Jahr wegen des erhöhten Verbrauchs anriefen, war er so geistesgegenwärtig gewesen, zu erzählen, er leide unter einer akuten Atemkrankheit. Deshalb habe er sich ein extrem stromfressendes Luftverbesserungsgerät zugelegt. Als alter Elektriker konnte er sogar die Typenbezeichnung von dem Ding runterrasseln. Sie glaubten ihm.
„In Holland hätten sie mich voll am Arsch gehabt“, hatte er das Ganze kommentiert. Dort sei es üblich, dass der Energiekonzern in einem solchen Fall automatisch die Polizei informiere. Als er beschwichtigend hinzufügte, dass das in Deutschland nicht so sei, zog der Laberkopf eine Geschichte aus dem Hut, die sich angeblich in der Stadt am Sund abgespielt hatte.
Dort hatten die Stromlieferanten kalte Füße bekommen und ebenfalls die Polizei eingeschaltet. Dummerweise ließ der unglückliche Marihuanazüchter seine Anlage auch über den Jahreswechsel laufen. Die Polizisten freuten sich über den dicken Fisch, als sie den Grund für seinen erhöhten Stromverbrauch in Augenschein nahmen.
Ganz so ein dicker Brocken stand mir nicht ins Haus. Das „Verbotene Zimmer“ hatte sich längst in ein unschuldiges Prinzessinnenpalais verwandelt. Dumm wäre es allerdings schon, wenn ich Polizei und Staatsanwaltschaft die Anwesenheit des Pollinators erklären oder den Inhalt meines Kühlwürfels als pflanzliches Abführmittel deklarieren müsste.
Der Einfachheit halber machte ich es genau wie der Pingelige. Ich rief bei den Stadtwerken an, ratterte der schlecht gelaunten Bürotante artig meine Kundennummer herunter und erzählte ihr das traurige Märchen vom atemwegserkrankten Untermieter und seinem stromverschlingenden Luftverbesserungsgerät.
Die Energiefrau quittierte meine Erzählung mit einem bösartigen Lachen. „Haben Sie überhaupt eine Vorstellung, wie hoch Ihre Rechnung ist?“
„Ja, ja, es hat wirklich alles seine Ordnung“, bekräftigte ich, so fest ich konnte. „Mein Untermieter hat mir den zu erwartenden Betrag im Voraus überwiesen, das haben wir gleich im Untermietvertrag festgelegt. Ich kann Ihnen gern eine Kopie des Vertrags schicken“ - lehnte ich mich ein Stückchen weiter aus dem Fenster, als geplant.
„Nicht nötig, Herr Pratzke“, lenkte sie ein.
Mein fester Ton hatte ihr anscheinend gefallen. Ich setzte sofort nach, dass der kranke Untermieter ausgezogen sei und ich daher inständig bäte, mich für die nächsten Vorauszahlungen nicht hoch zu stufen.
„Geht in Ordnung, Herr Pratzke“, wehte es beinahe freundlich an mein Ohr. „Wenn Sie uns den Betrag in den nächsten Tagen überweisen, ist der Fall erledigt.“
***
Dank Melanie wurde der Kistenstapel in meinem Zimmer rasch kleiner. Laber hatte noch immer nichts von sich hören lassen. Inzwischen war mir das völlig egal. Mein Problem waren die tiefgekühlten Marihuanabarren. Wie bekam ich sie aus dem Haus? Blieb am Ende kein anderer Weg als die Toilettenspülung?
Etliche Male hatte ich versucht, Pingel anzurufen. „Die gewünschte Person ist momentan nicht erreichbar. Bitte versuchen Sie es später noch einmal“, lautete die immergleiche freundlich monotone Antwort der Computerfrau.
Offenbar hatte er die Chance genutzt, alle Brücken zu mir abzubrechen. Ganze dreitausend Euro hatte ihm das Jahr Arbeit eingebracht. Das konnte ich auch haben. Zog ich ab, was ich in die Firma investiert hatte, war ich knapp aber spürbar in den Miesen. Ein super Lohn für ein Jahr Iso-Haft, und noch hatte ich nicht mal den auf der sicheren Seite. Fand die Polizei die Barren, beschlagnahmte sie auch das Geld. Gar nichts war sicher, solange ich die Bude voller Dope hatte.
***
„Hier, statt Blumen!“, begrüßte mich Laber und schob eine verbeulte Pappkiste ins Zimmer. „Mit besten Grüßen von unseren Ländereien!“
„Schön, dich zu sehen“, log ich, bot ihm einen Platz am Küchentisch an und verstaute den Karton in meinem Kleiderschrank.
„Hab echt ne Scheißzeit hinter mir“, begann Laber ungefragt seine Erzählung. „Hatte mich breitschlagen lassen, auf die Katzen meiner Ex aufzupassen. Hätte nie gedacht, wie eifersüchtig Claudia werden kann. Die hat mir Szenen vorgespielt, da machst du dir absolut keine Vorstellung von.“ Er schüttelte den Kopf. „Hab sie zum Teufel gejagt.“
Das Funkeln kehrte in seine Augen zurück. „Die wiedergewonnene Freiheit hab ich gleich mal fürs Geschäft genutzt. Ich komm directamente aus Holland, mit super Outdoor-Samen in den Satteltaschen, aus der besten Quelle, die du dir nur vorstellen kannst.“
Sein Ton ging ins Gönnerhafte, als er verkündete: „Mit den Dingern lasse ich nächstes Jahr das absolute Ding steigen. Pingel ist mit von der Partie. Wenn du auch Lust auf ein bisschen schnelles Geld hast, schlag ein!“
Ich war froh, dass Laber den Ekel nicht sehen konnte, den mir sein Angebot bereitete. Bleischwere Stille erfüllte den Raum.
„Ach so, beinahe hätte ich den Anlass meines Besuchs vergessen“, beendete Laber das Schweigen.
„Ich hab nämlich so ganz nebenbei den Deal des Jahrhunderts eingefädelt.“
Seine Hände schnellten nach vorn, die Summe der ausgestreckten Finger lautete Acht.
„Acht Euro, das Gramm“, tönte er mit stolzgeschwellter Brust.
„Es geht hier nicht um ein paar Gramm, comprende?“, zog er das Pathos weiter an. „Es geht um zwei Kilo, und ich will dir noch was sagen, Hermano: Ich wäre dir echt dankbar, wenn du mir die directamente über den Tisch schieben würdest.“
„Zwei Kilo?“, fragte ich sicherheitshalber nach.
„Du hast verdammt gute Ohren und eine spitzenmäßige Auffassungsgabe“, bestätigte Laber. „Also, wie sieht′s aus, Hombre? Hast du die zwei Kilo am Start?“
„Sie warten förmlich auf dich.“
Ich war mehr als froh, Tiefkühlfach und Kühlwürfel um einen Teil ihres Inhalts erleichtern zu dürfen. Zwei Kilo Gras - das waren achtzig Barren. Von Schussel hätte ich dafür zehntausend bekommen. Pingel hatte ich dreitausend ausbezahlt. Was ich Laber also gerade in Plastikfolie verpackte, war sein Anteil zuzüglich viertausend. Die konnte ich getrost als Lohn des Tüchtigen abbuchen, schließlich hatte er diesen Deal eingefädelt. Ich verspürte nicht den geringsten Drang, zu erfahren, wer Labers Geschäftspartner waren. Wenn er ging, waren wir quitt, ohne dass ich ihm einen einzigen Cent aus der Kasse ausgezahlt hatte. Dass ich zudem die Barren aus dem Tiefkühlfach räumen konnte, war mir besonders wegen Melanie sehr recht. Es war nicht gut, sie tagtäglich mit dem Gegenstand meiner krummen Geschäfte zu konfrontieren.
Der Himmel hatte sich rot gefärbt. Die Abendsonne schien ins Fenster. Sie ließ Labers Züge unerwartet weich erscheinen. In seinem Lodenmantel, das Haar ordentlich nach hinten gegelt, konnte man ihn ohne weiteres für einen Versicherungsvertreter oder einen Heiratsschwindler halten.
„Also, dann“, reichte er mir die Hand. „Hat mich gefreut, mit dir Geschäfte zu machen.“