„Im Kombi sind noch zwei“, keuchte der Pingelige, während er die zwei großen Erntekartons an mir vorbeitrug und vorm „Verbotenen Zimmer“ absetzte. Als er aufschaute, traf mich ein verächtlicher Blick.
„Ich weiß“, stöhnte er, „willst nicht gesehen werden mit mir. Dann geh mir wenigstens aus der Sonne!“
Schon war er an mir vorbei und hastete in wuchtigen Sätzen die Treppen runter. Schlagartig fühlte ich mich ein Jahr zurückversetzt: Pingels Gehetze, die Marihuanakartons, die mich an meine Bude fesselten. Ich glaubte sogar schon das Kleben an meinen Fingern zu spüren.
Das Stampfen im Treppenhaus wurde lauter. Ich öffnete Pingel die Tür. Er stürzte herein, stellte die Kisten neben die anderen und hastete zur Tür zurück.
„Die rechts sind noch nicht ganz trocken, Schussel sagt, du weißt Bescheid, klar?“
Er verschwand im Treppenflur, ohne mich eines Blickes zu würdigen.
Ich räumte meine Klamotten aus den Wäschefächern und verstaute sie in Müllsäcken. Nachdem ich alle Bretter aus dem Schrank genommen hatte, passten zwei mal drei Kisten hinein. Links die trockenen, rechts einen Karton „Halbtrocken“. Den zweiten stellte ich in die Zimmermitte. Herzlich willkommen im Lager für Arbeit und Erholung, Jugendfreund Pratzke. Toll, dass du wieder dabei bist!
Tatsächlich war alles genau wie letzten Winter. Nur, dass im „Verbotenen Zimmer“ in Kürze ein Mädchen einzog, das von all dem nichts wissen durfte.
Je mehr Kisten ich bis zu Melanies Ankunft fertig bekam, desto besser. Ich schaltete den Fernseher ein und schnitt die erste Kiste auf.
Wie im letzten Winter pegelte sich mein Schichtbeginn auf acht Uhr ein. Wie ein Haushaltsroboter verpusselte ich den Tag. Nachdem ich zum Feierabend alles zusammengeräumt hatte, brachte ich den Fernseher zum Schweigen, duschte mich, reinigte mir ausgiebig die Hände. Anschließend aß ich was und verkroch mich in meine Koje.
Bei allem Stumpfsinn hatte die Arbeit etwas Beruhigendes. Ich brauchte mir vorerst keine Gedanken darüber zu machen, wie ich mit Yvonne verfuhr. Die „Girls“ hatten mich in der Hand, für etwas Anderes gab es keinen Platz. Meine Frauen wurden einmal mehr die Heldinnen der Fernsehserien, Filme und Dauerwerbesendungen.
Als mein Blick auf dem breiten Buchrücken von GARTEN, TIER, PFLANZEN hängen blieb, fielen mir die Rehe ein - wie sie in der warmen Auspflanznacht vor Pingel und mir ihr Paarungsspiel aufgeführt hatten. Die Rehe, der Sommer, mein Wiedersehen mit Marion, die Nacht mit Yvonne - hatte ich das alles tatsächlich erlebt? Oder waren das nur Gespinste meines Hirns, romantische Träumereien? Bestand mein wahres Leben nicht seit jeher aus der Isohaft in meiner Bude, aus Marihuanageruch, harzverklebten Händen und grauem Himmel vorm Fenster, aus dem abwechselnd Regen oder Schnee und manchmal gar nichts fiel?
Unsere Outdoor-Ernte! Wie hatte ich der alles entscheidenden Phase unserer Operation entgegengefiebert. Jetzt zeigte sie sich mir lediglich als stupides Pusseln - untermalt von dem aus dem Fernseher quellenden Schwachsinn. Das Ganze wurde lediglich unterbrochen von der täglichen Körperpflege, schlafen gehen und einmal die Woche zum Discounter.
Die einzige Abwechslung in meinem Arbeitslager bildeten die Lieferungen an den Schusseligen - die ersten seit Altwarben. Hundert Gramm hieß die übliche Bestellung, dazu kam für gewöhnlich der Hinweis, wann er gern das nächste Hek im Kasten hätte. Alles in Buds, versteht sich. War es wieder einmal soweit, verstaute ich die gepusselten und doppelt in Plastikfolie verpackten Blütenstände in einem großen Briefumschlag und verließ das Haus.
Nachdem ich etwa zehn Mal meinen Hundertgramm-Umschlag in unserem Briefkasten versenkt hatte, stand eines Nachmittags ein völlig aufgedrehter Schussel in meinem Flur.
„Was habt ihr da für Schwachstromzeug angebaut!“, lauteten die ersten akustisch auswertbaren Signale aus seinem Mund. Armschlenkernd lief er in der Küche auf und ab wie ein unter Hospitalismus leidendes Kaninchen.
Ich lehnte am Türrahmen und wartete darauf, dass er zur Ruhe kam. Selbst wenn er gekokst hatte, irgendwann musste er müde werden. Dann würde er sich hinsetzten, sein Silberdöschen rausholen, und ich konnte ihn fragen, was los war.
Endlose Minuten verstrichen, ohne dass sich Schussel diesem Punkt auch nur ansatzweise näherte. Schließlich riss mir der Geduldsfaden. Als er das nächste Mal an mir vorbei kam, stoppte ich ihn mit: „Wie meinst′n das?“
Schussel zuckte zusammen, als hätte ich auf ihn geschossen. Einen Moment verharrte er völlig reglos, dann präsentierte er mir ein von tiefer Qual gezeichnetes Gesicht.
„Mann Pratze! ... Eure Buds,... die sind voll Scheiße!“
Er zückte sein Handy, fuchtelte mir damit vor der Nase herum. Es war das Motorola, das er sich im Frühjahr auf unsere Kosten gekauft hatte.
„Willste lesen? Ja, lies ruhig, was ich mir auf meine letzten Tage reinziehen muss! Nichts als Beschwerden!“
Augenblicklich arbeitete mein Puls auf Hochtouren. Was war los mit unserem Gras: zu wenig Bums, zu wenig THC? Rächte sich die fehlende Düngung, die mangelnde Pflege, hatten wir ein paar Männchen übersehen und konnten unsere Ernte wie sie war in die Kompost-Tonne hauen?
„Mensch Pratze“, lamentierte Schussel weiter, „ich bin auf dem besten Weg, meinen Ruf zu verlieren. Die sind zu klein, die Buds!“
Das Schlimmste war also nicht geschehen. Immerhin war auch das mit der zu geringen Größe unangenehm genug, zumindest für Schussel.
„Was sollen wir tun?“, fragte ich in seine nächste Feuerpause.
Sein Schulterzucken glich einer Breakdance-Nummer. Unvermittelt hörte er auf zu zappeln, sah mich an und zuckte noch mal mit den Schultern - diesmal verhaltener.
„Manche Buds sind in Ordnung“, sagte er nun sachlich. „Sieht so aus, als kämen die alle von ein und dem selben Standort. Bei den anderen sehe ich keine andere Möglichkeit, als dass du sie wieder zu Barren presst, zusammen mit dem Harz von den Blättern, weißt? Muss halt sehen, wie ich die vertickt kriege. Was sollen wir machen? Ich denke, es ist fair, wenn du mir das erste Hek ohne Vorkasse überlässt. Ich meine, bei dem Ärger, den ich hatte.“
Er ließ sich auf einen Stuhl sinken, holte sein Handwerkszeug heraus und präsentierte mir sein leeres Silberdöschen.
„Guck mal“, wurde seine Stimme sanft, „jeden Tag kann der Knastwisch kommen, weißt?“
***
Die Trommel des Pollinators begann zu rotieren, eine weitere Ladung Hanfblätter bekam das wertvolle Harz vom Leib geschleudert. Auf den Dielen hatte ich Folie ausgebreitet. Auf ihr lagerten die Zweige mit den akzeptablen Buds.
Die Mehrzahl der Zweige gingen jedoch den langen Weg über die große Plastikkiste hinter der Couch. In ihr sammelte ich die in mühevoller Kleinarbeit gepusselten Blütenstände. Zusammen mit dem Extrakt aus der Pollinatortrommel warteten sie darauf, dass ich sie zu Barren presste und im Kühlwürfel verstaute.
In das Rotationsgeräusch der Trommel mischte sich Telefonklingeln. Ich wollte es ignorieren, da fiel mir ein, dass das womöglich Barti oder ein anderer Hausbewohner war, der sich über das ständige Schleudergeräusch beschweren wollte. Ich ging besser ran, ehe der Anrufer seine Beschwerde an andere Stellen weiterleitete.
„Tach, Keule?“, schälte sich Ralfs Stimme aus dem Rauschen, „in fünf Minuten sind wir bei dir.“
Melanie - rann es mir eiskalt den Rücken runter. War heute der Tag ihres Einzugs? Es sah ganz danach aus - und ich hatte die Bude voller Gras, der Pollinator lief auf Hochtouren.
„Pass auf!“, schrie ich gegen den rasenden Takt meines Pulses in das Rauschen, „gib mir eine halbe Stunde! Ist alles total unaufgeräumt, hier! Eine halbe Stunde, in Ordnung?“
Ich betete, dass mein Bruder sein Handy am Ohr hatte und nicht über den Freisprecher mit mir kommunizierte. Vom anderen Ende kam eine ganze Weile nur das Rauschen, dann schnauzte ein hörbar verstimmter Ralf: „Sieh zu! In zwanzig Minuten sind wir da!“
Ich raste ins Zimmer zurück. Zwanzig Minuten, echote es in meinem Kopf, zwanzig Minuten, um aus einer duftenden Marihuana-Manufaktur eine stinknormale Altbauwohnung zu machen!
Hektisch und für einen Außenstehenden womöglich völlig planlos rannte ich von Raum zu Raum, riss Fenster auf, hantierte zugleich mit Raum- und Deospray, stopfte Pflanzenreste in Plastiksäcke, nicht riechende Abfallbestandteile in den Hausmüll, fiel beinahe in Ohnmacht wegen des versiegenden Müllsackvorrats, um kurz darauf wieder aufzuatmen beim Fund der unmissverständlich letzten Rolle.
Schließlich stellte ich einen Klapptisch, zwei Stühle und meinen Wäschetrockner ins ehemalige Anlagenzimmer. Nicht, dass Melanie auf die Idee kam, das Fehlende in meinem Zimmer zu suchen.
Alles, was Marihuana hieß, war nun luftdicht verpackt und auf den ersten Blick unsichtbar. Wie aber sollte ich die Anwesenheit der großen, nach Gras riechenden Schleuder erklären?
Das Summergeräusch an der Wohnungstür traf mich wie ein Stromschlag. Ich riss mir Pullover und Trainingshose vom Leib. Meine Augen suchten den Aufenthaltsort nicht nach Marihuana riechender Kleidungsstücke.
„Ja, Hallo, kommt doch rein!“, brüllte ich in die Wechselsprechanlage, rannte ins Zimmer, streifte mir die auserwählten Klamotten über meinen schwitzenden Körper und kehrte zur Tür zurück.
Das alles hatte nicht viel länger als einen einzigen Atemzug gedauert. Ich schnappte nach Luft wie Elvis kurz vor seinem Ableben. Meine Ohren registrierten die näherkommenden Schritte im Treppenhaus. Der letzte Absatz - jetzt hatten sie nur noch acht Stufen vor sich: Ihr Auftritt, Herr Pratzke!
Ich öffnete die Wohnungstür, bemühte mich um ein unverfängliches Lächeln.
„Tach“, schlug mir Ralfs Bassstimme entgegen. Instinktiv wollte ich nach seiner Hand greifen, doch er hatte keine frei. Auf dem Kopf balancierte er eine dicke, in Kunststoff verpackte Matratze. Zwei Schritt hinter der Matratze huschte Melanie durch die Tür. Sie hatte einen Rucksack auf dem Rücken, in ihrem Arm eine Flasche Rotwein.
Wortlos drückte sie mir die Pulle in die Hand und folgte Ralf ins „Verbotene Zimmer“.
Ich blieb auf dem Flur zurück wie der Hausdiener, dem gerade mitgeteilt worden war, dass seine Anwesenheit vor Mitte nächster Woche nicht gewünscht wurde. Waren sie sauer, dass ich sie noch eine Runde um den Block geschickt hatte? Ahnte Melanie den Grund dafür? Ehe ich mich weiter in Mutmaßungen ergehen konnte, schlug die Tür des „Verbotenen Zimmers“ auf. Melanie trat auf den Flur.
„Ist da das Klo?“
„Was? Ja, ja.“
Es folgten die Geräusche der knallenden Badtür und der herunterfallenden Klobrille - dann weibliche Laute der Erleichterung.
„Sie musste mal, schon seit ner halben Stunde.“ Ralf warf einen prüfenden Blick in mein Zimmer und griente mich an: „Ansonsten alles klar, Bruderherz?“
Ich nickte, weiter kamen wir nicht. Die Badtür flog auf und Melanie erschien im Flur: groß und stolz und überhaupt nicht mehr in Eile.
„Tag, Michael“, sagte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. „Kalt hast du′s hier.“
„Findest du?“
„Irgendwie schon“, entgegnete sie mit nach oben gereckter Nase. „Und irgendwie riecht es nach Heu.“
Augenblicklich fühlte ich mich wie der Schüler, den die Lehrerin beim Fälschen der elterlichen Unterschrift ertappt hatte. Sollte ich alles zugeben, gleich hier auf der Stelle?
„Du hattest doch so′n Regal?“, warf mir Ralf einen Rettungsring zu.
„Steht im Keller“, griff ich dankbar danach. „Soll ich′s raufholen?“
Ralf nickte. „Ich komme mit.“
Gleich nach unserer Rückkehr verbarrikadierte ich mich in meinem Zimmer. Ich hatte Ralf instruiert, dass es absolut ungünstig wäre, wenn seine Freundin unverhofft zu mir rüber käme.
„Wie meinst′n das?“, brummte er grienend. „Macht sie nicht. Wir haben zu tun, die Bude herrichten. Morgen früh bin ich wieder weg. Ab dann müsst ihr zusehen, wie ihr klarkommt.“
Meinen Werkzeugkoffer in der Hand, machte er kehrt und ging rüber zu Melanie.
***
Die halbe Nacht lang wälzte ich mich von einer Seite auf die andere, den Kopf voller Alpträume, die nur darauf warteten, das ich einschlief.
Als ich erwachte, war Ralf längst auf und davon. Auch Melanie schien nicht in der Wohnung zu sein. Sicher war ich mir allerdings nicht. Ihre Tür war verschlossen, und ich wagte nicht, sie zu öffnen. Was sollte ich tun?
An Pusseln war nicht zu denken. Ich musste meine Kompagnons instruieren, dass sie auf keinen Fall unangekündigt hier aufliefen! Wenn Melanies Job im Studentenclub losging, konnte ich wenigstens während ihrer Schichten den Betrieb aufrechterhalten.
Zunächst blieb mir nichts weiter übrig, als ziellos durch den mir verbliebenen Teil der Wohnung zu laufen. Fernsehen gucken, ohne zu pusseln, erschien mir abwegig, blieb also nur Saubermachen.
Nachdem ich mit Ausnahme des „Verbotenen Zimmers“ überall den Boden gefegt und gewischt hatte, hieß die Frage: Staub wischen oder was kochen? Nach kurzer Überlegung entschied ich mich, erst einmal Kühlschrank und Küchenregal zu inspizieren. Meine Sichtung ergab, dass ich aus dem Stand in der Lage war, eine vollwertige Kartoffelsuppe herzustellen.
Ich schälte Kartoffeln und brachte sie, in Scheiben geschnitten, zum Kochen. Alsdann machte ich mich ans Zwiebelnschälen. Die Würfelchen briet ich zusammen mit kleingeschnittenem Bauchspeck in etwas Butter an. Nachdem sie die gewünschte goldbraune Farbe angenommen hatten, goss ich mit Wasser auf und gab einen Brühwürfel dazu. Während alles vor sich hin köchelte, putzte ich, was ich an Möhren im Schrank hatte, raspelte sie in hauchdünne Scheiben und gab sie mit in die Brühe. Das Ganze zehn Minuten bei schwacher Hitze gekocht, würde dafür sorgen, dass die Möhren gar, aber noch bissfest waren.
In dem großen Steinguttopf am Fenster wuchsen Liebstöckel, Petersilie und Schnittlauch. Es war lange her, dass ich mich ihrer bedient hatte. Majoran entnahm ich dem Gewürzregal. Bei meiner Kühlschrank-Inspektion hatte ich sogar einen Becher saure Sahne entdeckt.
Ich wollte gerade mit dem Pürieren der Kartoffelscheiben beginnen, als ich klackende Schritte die Treppe raufkommen hörte - unzweifelhaft die einer Frau, die es verstand, sich auf hohen Absätzen elegant fortzubewegen. Vor meiner Tür machten die Schritte halt. Ein Schlüsselbund klapperte, es klickte im Schloss.
Wie einem Modejournal entstiegen, stand Melanie in der Tür und lächelte mich an. Ich senkte den Kopf und sah verlegen auf die ausgebeulten Knie meiner Trainingshose.
„Für mich?“, fragte Melanie, auf die Töpfe deutend.
„Wenn du erlaubst, esse ich was mit.“
Aus ihrem Lächeln wurde ein Lachen. „Kartoffelsuppe! Mmmmh, mag ich total gerne!“
Sie kam zu mir in die Küche, stellte eine Plastiktüte auf den Tisch. „Du Micha, ich hab ne Büchse EBERSWALDER WÜRSTCHEN mitgebracht. Was dagegen, wenn wir die mit reintun?“
Die leere Büchse in der Hand, schaute ich Melanie zu, wie sie aus der Küche schwebte. Eine Spur ihres Parfüms blieb bei mir zurück.
So schlecht ging es mir doch gar nicht. Für Melanie zu kochen, dazu die Aussicht, zusammen mit ihr zu essen - das war eine ganz andere Nummer, als die sonstigen Raubtierfütterungen. Sollte ich mir nicht was anderes anziehen?
Verstohlen beobachtete ich, wie Melanie vom Rand ihres Tellers einen Löffel Suppe schöpfte. Sie beugte sich ein Stück nach vorn und pustete vorsichtig über die dampfende Flüssigkeit, bevor sie den Löffel zwischen ihren Lippen verschwinden ließ. Kein Schlingen, kein Kieferknacken!
„Schmecktechtgut“, murmelte sie kauend. „Das war übrigens mit das erste, was mir Ralfi über dich erzählt hat. Dass du so gut kochen kannst, obwohl du es nur ganz, ganz selten tust. Hab ich wohl Glück gehabt, was?“
Sie warf mir einen Komplizenblick zu. „Na ja, das andere hat er mir auch verraten.“
„Was denn?“, krächzte ich. Vor Schreck hatte ich einen Löffel in die falsche Kehle bekommen. Melanie wartete mit ihrer Antwort, bis ich zu Ende gehustet hatte.
„Na, dass du dich gerade in einer schwierigen Phase befindest, um es mal höflich auszudrücken.“
„Schwierige Phase?“, wiederholte ich hüstelnd.
„Wie soll ich′s sonst sagen? Dass du mit deinem Studium nicht richtig vorwärts kommst? Dass du dabei bist, dich umzuorientieren?“
Sie schüttelte den Kopf: „Wenn du mich fragst, wurmt es dich, dass dich deine Ex verlassen hat und du noch immer in sie verknallt bist.“
„Wer?“
Sie zuckte die Schultern. „Marion ... oder so. Hieß die nicht Marion?“
„Ja, klar, ... Marion.“
Mein Bruder war ein Goldstück. Offenbar hatte er Melanie durch die Blume gesteckt, dass ich gerade unglücklich verliebt und daher nicht ganz zurechnungsfähig sei.
„Ralfi meint, dass du nur wegen Marion das Zimmer so lange nicht vermietet hast. Wegen der Erinnerungen und so.“
Ihr Lächeln bekam etwas Verschwörerisches. „Außerdem hättest du so einen Hang, dich zu quälen. Stimmt das?“
Ich zuckte mit den Schultern. War ‚Ralfi′ da nicht ein bisschen weit gegangen?
Melanie lachte. „Willst du mal sehen?“
Ehe ich etwas erwidern konnte, hatte sie mich bei der Hand genommen und vor das „Verbotene Zimmer“ geführt. Sie stieß die Tür auf. „Und? was sagst du?“
Mir stand der Mund offen. Feuerrote, kunstvoll zusammengeraffte Seidengardinen kaschierten die gesprungenen Fensterscheiben. Ein über und über mit Muscheln bedecktes rotes Tuch lenkte den Blick zur mit dunkelblauem Satin bezogenen Bettstatt. Am Kopfende stand ein blassblaues Nachtschränkchen mit einem Wald Schminkutensilien auf der Marmorplatte. Holzstühle und Klapptisch hatte Melanie mit bunten Tüchern drapiert. Ein Stuhl stand in der Nähe des Fensters vor einem großen, runden Spiegel. Daneben hatte Ralf das Regal aufgebaut. Es war zu einem Drittel mit Büchern, zu zwei Dritteln mit Klamotten gefüllt. Melanies Schuhe standen zweireihig die Wand entlang.
Das Zimmer war absolut nicht wiederzuerkennen. Nichts deutete darauf hin, dass hier noch vor kurzem eine Marihuana-Aufzuchtanlage gearbeitet hatte.
„Fühl dich wie zu Hause“, sagte Melanie, „ich muss dich leider alleine lassen. In einer Stunde fängt meine Schicht an.“
Sie griff ein paar Döschen von ihrem Nachtschrank und verschwand im Bad. Ich verließ ihr Gemach, blieb vor der Badtür stehen, klopfte leise an.
„Wie lange musst du eigentlich arbeiten?“
„Wieso willst′n das wissen?“
„Ich dachte, ... vielleicht komme ich nachher mal vorbei, im Club, weißt du?“ - quälte ich mir eine wie ich hoffte unverfängliche Antwort ab.
Die Tür ging auf, Melanie streckte ihren patschnassen Kopf heraus und musterte mich amüsiert. „Bis Zwei Uhr kannst du mich bestimmt dort antreffen“, sagte sie, und die Tür klappte wieder zu.
Bis um zwei - das ergab fast meine übliche Schichtlänge.
In die Küche zurückgekehrt, vertiefte ich mich in den Klang von Melanies Ausgehvorbereitungen. Sie pendelte etliche Male zwischen Zimmer und Bad hin und her. Als sie sich fertig angeschickt hatte, erschien sie vor mir in einer hautengen Jeans und einem olivgrünen Samtoberteil unter einer Motorradlederjacke.
„Und, kann ich so unter die Studies gehen?“
Sie vollführte eine Drehung auf den Dielen.
„Die werden dich gar nicht wieder weg lassen“, brummte ich und erntete ein wohlwollendes Lächeln. Dabei hatte ich das ernst gemeint. Vor allem die Maschinenbauer würden Stielaugen bekommen und sicher ein Vielfaches ihres üblichen Solls trinken.
„Bis morgen, Micha“, verabschiedete sie sich. „Dann gucken wir mal, was wir gegen den Heugeruch machen können!“
Ich hörte das leiser werdende Klacken ihrer Schritte und bemühte mich, ihren letzten Satz zu ignorieren.
Als unten die Haustür klappte, stürzte ich in mein Zimmer, riss die Decke vom Pollinator und fing wie ein Irrer an zu pusseln. Melanies wiederholte Erwähnung des ‚Heugeruchs′ ließ mir die Hände zittern, doch für bange Gedanken war jetzt keine Zeit.
Ich musste zusehen, dass ich schnellstens den Inhalt meines Schranks verarbeitet bekam. Spätestens übermorgen würde der Pingelige mit der nächsten Ladung anrücken. Ich sollte ihm sagen, dass ich nur noch völlig trocknes Material gebrauchen konnte. Außerdem musste ich Melanies Schichtplan in Erfahrung bringen. Er würde von nun an auch meiner sein.
***
Was wusste Melanie von mir? Hielt sie mich nur für ein bisschen meschugge, oder hatte sie längst eine Linie von mir zu Schussel gezogen?
Seit ihrer Ankunft befand ich mich in einem schizophrenen Zustand. Auf der einen Seite mein WG-Alltag mit ihr, auf der anderen meine Verbrecherfreunde.
Melanie schob ihre Schichten, um Geld für ihr Studium anzusparen, während sich der Schusselige mit aller Kraft seinem Knasteinzug entgegendealte, Laber wer weiß was trieb und Pingel alle paar Tage Kisten mit getrockneten Marihuanastauden bei mir ablud. Jeder ging seiner Wege, und ich saß mittendrin, bildete den Schnittpunkt dieser ungleichen Teilmengen und pusselte, als wäre ich einzig und allein dazu geboren worden.
Sobald Melanie das Haus verließ, legte ich los. Kam sie zurück, lag ich völlig zerschlagen aber mit wachen Ohren auf meiner Matratze und hörte sie über den Flur schleichen. Offenbar zog sie an der Tür ihre Schuhe aus, um mich nicht aufzuwecken. Sobald ich sie in ihrem Zimmer wusste, fielen mir die Augen zu.
Den Tag über bemühte ich mich, ihr unauffällig aus dem Weg zu gehen. Nicht, dass ich sie nicht mochte, im Gegenteil! Ich wollte nur jede weitere Vertiefung der Heu-Problematik vermeiden. Ich stand lange vor ihr auf, schlich mich aus der Wohnung, erledigte meinen Gang zu NETTO oder lief ein Stück über den Deich.
Meine Vorsichtsmaßnahmen verschärfte ich dahingehend, dass ich mich stets komplett umzog, bevor ich die Marihuanakisten öffnete. Zum Feierabend entkleidete ich mich ebenfalls vollständig und verpackte die Arbeitsklamotten sorgsam in Plastiktüten. Das führte dazu, dass sie entsetzlich stanken. Jeden zweiten Abend musste ich zum Pollinator auch die Waschmaschine anschmeißen.
Außerdem vermied ich es, mit meinen verbeulten Trainingshosen durch die Wohnung zu laufen. Schlimm genug, dass mich Melanie neulich in den Dingern gesehen hatte.
Es irritierte mich völlig, plötzlich eine Frau um mich zu wissen. Ich war den Umgang mit weiblichen Geschöpfen absolut nicht mehr gewohnt. Mit Melanie die Wohnung zu teilen, war in etwa so, als würde ich über einen Schwebebalken laufen. Nicht nur, dass ich jeden Moment runterfallen konnte - ich musste auch noch so tun, als wäre die ständige Balanciererei eine meiner leichtesten Übungen.
***
Sie waren ohne Ankündigung und Rum gekommen, ohne spanisches Gelaber - statt dessen mit zerknirschten Gesichtern.
„Die Sau!“, fauchte der Laberkopf und übernahm fürs erste Schussels Part des Erregten. Pingel hatte sich an die hinterste Ecke des Küchentischs verzogen. Sein Gesicht ein eisiger Panzer. Stoisch massierte er seinen Oberarm. Mir blieb nichts weiter, als mit rasendem Puls im Türrahmen zu lehnen und darauf zu warten, dass mir die beiden anvertrauten, was sie zu diesem Auftritt trieb. Bald hielt ich es nicht mehr aus.
„Was ist denn nun mit Schussel?“
Laber änderte seine Bahn und ging auf Kollisionskurs. Einen halben Schritt vor mir blieb er stehen - bebende Nasenflügel, seine Lippen ein schmaler, weißer Strich.
„Ich sag dir, was läuft“, fauchte er mich an. „Unser Compagnero hat da draußen eine ganze Reihe großer Unachtsamkeiten begangen.“
„Kannst du bitte deutlicher werden?“
Der Laberkopf ging in Deckung, als wolle er mir eine steife Linke verpassen. Instinktiv wich ich einen Schritt zurück, doch Laber beließ es beim kämpferischen Gesichtsausdruck.
„Vorgestern hat Schussel die Ladung zum Haftantritt bekommen. Nicht gerade professionell, wie er damit umgegangen ist.“
Die Schultern wie der Schusselige weit hochgezogen, schlenkerten Labers Arme durch die Luft.
„Oh mein Gott!“ quakte er, „wenn ich jetzt in den Knast muss, geht mir ja das ganze Weihnachtsgeschäft flöten. Wo doch gerade jetzt bei allen das Geld so schön locker sitzt. Noch schnell ein Schnäppchen gemacht und ne Ladung Dope gekauft, weißt? Wer weiß, ob′s nächstes Jahr nochmal was gibt?“
Ich wusste noch immer nicht, worauf Laber hinaus wollte. Zumindest war er in seiner Darstellung überzeugender als das Original.
„Was soll ich bloß tun?“, quakte er weiter, „wenn ich in den Knast gehe, kann ich das ... schöne Geschäft vergessen, aber!“ - setzte er eine eindrucksvolle Pause - „Wenn ich jetzt ganz schnell krank werde, brauche ich ja gar nicht in den Knast, weißt? Nur, was stelle ich an, um krank zu werden? Ein Stück Butter fressen, aus dem Fenster springen?“
Er schüttelte den Kopf. „Aber nein! Ich bitte ein paar zwielichtige Hombres, mich ein bisschen zusammenzuschlagen, unten am Hafen, weißt. Nur ein paar Prellungen, die eine oder andere schnuckelige Platzwunde - viel Blut, aber nichts ernstes, weißt? Ein paar Wochen Haftaufschub bringt das allemal. Aber jetzt kommt erst der richtige Clou“, hielt es Laber nicht länger in der Schusselrolle.
„Den Bullen hat er vorgeheult, er habe mit zwei Mille in der Tasche an der Imbissbude angestanden. Die Kohle sei von seiner Tante, die hatte er angeblich gerade besucht. Und weil er sich so über das viele Geld gefreut habe, sei er ein wenig übermütig geworden. Beim Ins-Portemonnaie-greifen seien ihm ein paar Scheine rausgerutscht, worauf hin drei aus der Reihe auf ihre Grillwürste verzichteten und ihm Richtung Hafen folgten. Da hätten sie ihn in eine Speicherruine gezerrt, ihm ein Messer unter die Nase gehalten und die Kohle abgenommen.“
Laber fasste sich an die Stirn. „So, und jetzt wird′s richtig schmierig. Held, wie er ist, hat sich Schussel gewehrt. &bsquo;Niemals kriegt ihr das Geld meiner Tante!‘ Gegen die Übermacht der fiesen Gangster konnte er natürlich nichts ausrichten. Sie verpassten ihm ein paar Schwinger, schnitzten mit ihren Messern ein bisschen an ihm rum und verschwanden mit dem Geld!“
Laber war fertig. Die Hände in den Hosentaschen vergraben, stand er vor mir und wippte in den Knien.
„Die Bullen haben die Brieftasche gefunden, unten am Hafen. Ohne Geld, versteht sich. Du weißt, was das heißt?“
Ich wusste nicht, doch konnte ich mir in diesem Moment alles nur irgend Grässliche vorstellen. Mein Mund staubtrocken, die Kehle wie zugeschnürt.
„Würde mich nicht wundern, wenn er den Bullen erzählt hat, dass es sich bei den Typen von der Imbissbude um uns drei handelt.“
Nun war mir wirklich zu Mute, als hätte er mir eine in den Magen verpasst.
„Halt doch endlich das Maul!“, grummelte der Pingelige in seiner Ecke. „Schiet auf die Bullen, die glauben ihm sowieso nichts! Entscheidend ist, was er Veterano erzählt hat, klar? Du weißt, was Veterano erst neulich zu dem Thema gesagt hat?“
„Klar weiß ich das!“, schoss der Laberkopf zurück, „aber meinst du, dass unser Companero auch nur ansatzweise mitgeschnitten hat, was Veteranos Worte bedeuten?“
Nun hing ich völlig in der Luft, und meine Kompagnons waren wieder mal kurz davor, aufeinander loszugehen. Mich brauchten sie dabei höchstens als Komparsen. Aber ich wollte jetzt keinen Boxkampf sehen, sondern endlich wissen, um was es hier ging.
„Wer ist Veterano!“, funkte ich dazwischen, „und was um Himmels Willen hat Schussel ihm erzählt?“
Die beiden sahen mich an wie einen, von dem sie nicht erwartet hatten, dass er der menschlichen Sprache mächtig sei.
„Du kennst Veterano nicht?“, fragte Laber.
Ich verzichtete darauf, ihm zu antworten.
„Veterano ist hier in der Gegend der Oberdealer“, erbarmte sich der Pingelige. „Ziemlich durchgeknallter Typ. Als ihn im Schlagbaum mal ne Tresenkraft aufforderte, seine Schnäpse zu bezahlen, hat er nen Stahllöffel in den Mund genommen, ihn vor den Augen aller Anwesenden mit den Zähnen durchgebrochen und die Einzelteile auf′n Tresen gelegt. Der Tresentyp wollte nie wieder Geld von ihm.“
„Wenn du ihm übern Weg läufst, wechsle besser die Straßenseite“, übernahm Laber das Wort. „Ist nicht zu verkennen, der Kerl. Eins neunzig, drahtige Figur, schwarze Haare wie′n Spanier und drei dicke Narben auf der Backe. Über seine Stirn fährt′n D-Zug. Hat er sich im Knast machen lassen, noch zu Ostzeiten.“ Laber bekam sein Grienen. „Sieht voll Scheiße aus. In Hamburg oder Berlin würden sie ihn auslachen, aber hier ist er der King.“
Ich musste mich erst mal hinsetzen. Labers Schussel-Show, der Überfall am Hafen, Veterano - das alles entstammte dem Drehbuch eines grottigen B-Movies, und mein Name stand auf der Besetzungsliste.
„Was hat Schussel diesem ... Veterano erzählt?“, hörte ich mich mit brüchiger Stimme fragen.
„Dass ihm das Ganze bei einem Deal passiert ist“, erwiderte Laber schneidig, „seine Partner hätten ihn gefickt.“
„Ja, und?“
„Was, ja und?“
„Was ist das Problem?“
„Veterano hat gesagt, es gibt keine Überfälle unter Kollegen mehr. Wenn′s doch einer wagt, kostet das Zehntausend Öre und nen Schuss ins Knie.“
„Glaubst doch nicht im Ernst, dass Schussel es drauf hat, uns bei Veterano anzuscheißen!“, murrte Pingel.
„Warum nicht?“, entgegnete Laber, als habe er nur auf diesen Widerspruch gewartet. „Schon vergessen? Wir haben ihn rausgeschmissen. Falls er sich dafür rächen will - jetzt ist der ideale Zeitpunkt. In ein paar Tagen geht er in den Knast, und keiner von uns kommt an ihn ran.“
Pingel schüttelte den Kopf. „So was macht der nicht. Der hat viel zu viel Schiss, dass ich ihn trotzdem erwische.“
„Wie denn“, höhnte Laber, „mit zerschossenem Knie?“
Ich sah plötzlich nur noch diesen Veterano vor mir: Groß, drahtig, Spaniergesicht mit D-Zug auf der Stirn. Unter meinen Füßen bebte der Boden.
Hatte ich Schussel all die Jahre so verkannt? Steckte hinter seiner naiven Maske ein kaltblütiger Hund, der mich gnadenlos opferte auf seinem Rachefeldzug?
Wie naiv war ich eigentlich? Hatte ich erwartet, im Grasgeschäft lauter nette Menschen kennen zu lernen, die gewerkschaftlich organisiert waren, Betriebsräte wählten und für Frieden, Gerechtigkeit und faire Dope-Preise demonstrierten?
Es stand zu befürchten, dass dieser schräge Vogel eins plus eins zusammenzählte. Vom Schusseligen war es nicht weit bis zu den beiden Kampfhähnen in meiner Küche und somit zu mir, das ergab Dreißigtausend plus drei zersplitterte Kniescheiben!
Was dachte die Polizei? Einer wie Schussel mit zweitausend Euro in der Tasche, da war doch klar, wo die her kamen. Stand er unter Polizei-Beobachtung? Wurde sein Mobiltelefon abgehört? Er hatte mich oft angerufen und besucht in letzter Zeit.
Jede Menge Barren, von meinen Händen gepresst, lagerten in seiner Bude. In meiner stahlblauen Kassette lagerten jede Menge Scheine, die alle durch Schussels Hände gegangen waren. Hatte er sich die Nummern notiert, würde die Polizei bei einer Hausdurchsuchung nicht nur die Barren im Kühlwürfel finden, sondern auch eine auffallende Übereinstimmung von Schussels Scheinen mit denen in meiner Kasse feststellen.
Mitten in meine Überlegungen und die Unterhaltung meiner Compagnons hinein klappte die Wohnungstür. Totenstill war es nun um mich herum. Laber war in Deckung gegangen, die Augen weit aufgerissen. Ich sah, wie sich Pingels Schraubstockhände zu Fäusten ballten. Wie irre starrten die beiden zur Tür. Ich saß als einziger mit dem Rücken zum Eingang und verspürte keinerlei Verlangen, daran etwas zu ändern.
„Oh, Du hast Besuch?“, vernahm ich Melanies Stimme.