Folge 38 (Wochen vom 22.10.07 bis zum 04.11.07)

Mein Blick fiel auf eine Backsteinmauer, um mich dunkle Nacht. Mir taten die Knochen weh, ich fühlte mich wie nach einer Nacht im Viehwaggon. Die Steinmauer gehörte zu einem Mehrfamilienhaus. Ich sah auf die Uhr: Dreizehn Minuten vor Vier.
„Komm“, flüsterte Pingel, „die Girls ausladen!“
Ich war längst noch nicht wach, doch ich funktionierte wieder. Tranig griff ich mir eine Kiste und folgte dem Pingeligen ins Treppenhaus. Wir stiegen hinauf, glücklicherweise nur bis in den zweiten Stock.
Die Wohnung wirkte, soweit ich es im Halbdunkel erkennen konnte, auffallend ordentlich. Schmale, bunte Teppiche bedeckten den Boden. Die großen Bücherregale gehörten sicherlich nicht dem Pingeligen.
Das Zimmer, in dem wir die Kartons abstellten, sah schon eher nach Pingel aus: Auf blanken Dielen lag eine mit unbezogenem Bettzeug bedeckte Matratze, neben ihr stand ein Militär-Seesack. Ein paar Klamotten auf dem Boden verstreut sowie eine Handvoll Wäscheständer, die an der Wand lehnten, vervollständigten das Mobiliar. Dazu kamen jetzt sechs große, wie der Teufel nach Dope riechende Pappkartons.
Als wir alles oben hatten, ließ sich Pingel auf den Seesack plumpsen. Er rieb sich die Augen, reichte mir die Autoschlüssel.
„Hab dich vorhin pennen lassen. Jetzt brauch ich ne Mütze voll Schlaf. Halb fünf müssen wir vorm Schlagbaum stehen, meinen Chef abholen. Findeste den Weg?“
„Halb fünf? Dann sollten wir losfahren. Wo sind die Autopapiere?“
Pingel sah mich an, als hätte ich ihn nach seinem Wohnberechtigungsschein gefragt.
Ich half ihm auf, wir stiegen die Treppen nach unten. Pingel hatte beim Ausladen alle Türen des Transporters aufgerissen. Der verräterische Geruch hatte sich fast verzogen. Den Rest würde der Fahrtwind erledigen.
Leise Fröstellaute von sich gebend, streckte sich Pingel auf der Beifahrerbank aus. Ich schnappte mir einen Feudel, um im Laderaum die Spuren unserer Landpartie zu beseitigen.
„Lass den Scheiß“, kam es unwirsch von vorn, „wir müssen los!“

Pingels neue Behausung befand sich in einem Vorort, etwa zehn Kilometer östlich des Stadtzentrums. Keine Viertelstunde, und wir würden vorm Schlagbaum stehen. Friedlich tuckerte der Motor, leises Schnarchen drang zu mir herüber. Pingel schlummerte wie ein Baby. Ich fühlte mich hellwach. Erstaunlich, was ein paar Minuten Schlaf ausmachten.
Es war noch immer nichts los auf den Straßen. Um so mehr wunderte ich mich über den silbergrauen Sportwagen, der bereits eine ganze Weile an uns dran hing.
War gerade der Fall eingetreten, vor dem ich mich die letzten zehn Monate so gefürchtet hatte? Im ersten Augenblick drohte mir der Herzschlag zu stoppen. Rette, was zu retten ist!
Getrieben von der Hoffnung, dass ich nur Gespenster gesehen hatte, bog ich an der nächsten Weggabelung ab. Ich durchfuhr eine menschenleere Gegend, der Silbergraue klebte noch immer an meinem Heck. Blieb mir also nur noch, den Stern zwischen meinen Händen anzuflehen, dass er nicht schon auf dem Weg zum Pingeligen unser Begleiter gewesen war.
Wäre ich vorhin nicht eingepennt, hätte ich jetzt Gewissheit. Unter meiner Wollmütze sammelte sich Schweiß, aus dem Innenspiegel linste mich eine unrasierte Verbrechervisage an. Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren! Nicht jetzt!
Mit der Korrektheit eines Fahrschülers schaltete ich runter. Der Silbergraue zog vorbei, verlangsamte seine Fahrt, setzte den Blinker. Ich fuhr rechts ran, der Sportwagen ebenfalls. Seine Rücklichter erloschen, Türen klappten, zwei kurzhaarige Kerle in silbernen Bomberjacken kamen auf uns zu.
Jede ihrer Bewegungen kam völlig ruhig und präzise - ohne Frage hatte ich es hier mit Profis zu tun. Der größere steuerte auf mich zu, der andere näherte sich von der Beifahrerseite. Mit Argusaugen beobachtete er den noch immer friedlich schlummernden Pingel. Ich ließ das Fenster herunter, nutzte die mir verbleibenden Sekunden, um ruhig und gleichmäßig zu atmen.
Dicht neben dem Wagen blieb die Silberjacke stehen. Ich blickte in ein perfektes Allerweltsgesicht. Mir war klar, ich würde es niemals wiedererkennen, sollte ich je die Gelegenheit dazu bekommen. Der Mann zückte eine Metallmarke.
„Bitte mal Führerschein und Fahrzeugpapiere.“
Kam so das Ende der Operation Wiesenhügel? Kläglicher ging es einfach nicht! Hätten die uns nicht eher stellen können? Wie viel Sadismus gehörte dazu, uns erst hops zu nehmen, wenn ich mich in Gedanken schon fast im sicheren Bett wähnte?
Ich verspürte das dringende Verlangen, dem Zivilpolizisten lauthals in sein Vollstreckergesicht zu lachen. Es war zum piepen. Ich hatte weder Führerschein, noch Ausweis bei mir - erst recht nicht die Papiere für Pingels geborgten Bus.
Anstandshalber spielte ich mit, durchwühlte sämtliche Taschen meiner Klamotten und beendete die vermeintliche Suche mit: „Ich habe die Papiere nicht dabei.“
Die vollkommen unbewegte Miene des Polizisten verunsicherte mich so sehr, dass ich in meiner Verstörung die überaus dumme Bemerkung von mir gab: „Vielleicht liegen sie ja hinten in meinem Rucksack!“
Endlich ein Zucken im Adlerauge meines Gegenüber. Seine Nervosität war jedoch nichts im Vergleich zu meiner. Mein Rucksack lag im Laderaum - auf den übriggebliebenen Graskartons. Im Tran hatten wir vergessen, sie auszuladen.
„Na, dann!“ Die Silberjacke nickte in Richtung Ladefläche. Da hatte ich den Salat. Ich öffnete die Fahrertür, als wäre sie aus dünnem, über und über gesprungenem Glas. Einerseits wollte ich vermeiden, dass der Polizist aufgrund eines vermeintlichen Fluchtversuchs zum Rambo mutierte, andererseits verhindern, dass der Pingelige erwachte. Die andere Silberjacke schien nur auf eine Gelegenheit zu warten, meinen raubeinigen Kompagnon unschädlich zu machen.
Eisig strich die Nachtluft über meinen schweißnassen Nacken. Meine Knie waren so weich, dass ich mich an der Bordwand festhalten musste. Ich drückte die Augen fest zu, während ich die Seitentür aufschob. Umsonst! Pingel war erwacht.
„Haste mal Feuer?“, hörte ich ihn den anderen Polizisten fragen.
Ich schnappte meinen Rucksack, wobei ich tunlichst vermied, mich im Wageninneren umzusehen. Ich wollte den Polizisten nicht unnötig neugieriger machen, als er sowieso schon war. Wenn ich vorhin tatsächlich ein Hanfblatt oder gar ein paar Buds übersehen hatte, würde er mich schon darauf aufmerksam machen.
Artig durchwühlte ich meinen Rucksack. Dann drehte ich mich langsam zu Rambo um, zuckte mit den Schultern und brachte mein nächstes: „Ich hab sie nicht dabei.“
„Wo kommen Sie denn gerade her?“, fragte der Polizist betont sachlich. „Von der Arbeit?“
Ich schüttelte den Kopf. „Wir bringen bloß das Auto weg“, erwiderte ich, einen Tick zu hastig. Außerdem war diese Antwort alles andere als eine vertrauensbildende Maßnahme. Prompt warf mein Gegenüber den unvermeidlichen Blick auf die Pappkartons:
„Haben Sie einen Umzug gefahren?“ Wieder zuckte sein Auge.
„Nee, nee“, winkte ich ab, „die liegen da schon länger drin.“
Jetzt fragte er nichts mehr - und ich verfluchte mich für jeden Western, den ich mir in meiner langen Eremitenzeit reingezogen hatte. Die Silberjacke und ich standen uns gegenüber wie zwei Cowboys vor dem Saloon. Der Zivilpolizist war der Held mit dem weißen Hut, und ich der Blödmann mit der grauen Wollmütze auf dem Kopf.
Mein Gegenüber hatte auf seine Fragen keine einzige richtige Antwort erhalten. Ich hatte rumgedruckst wie einer, der etwas zu verbergen hatte. Was blieb dem Gesetzeshüter jetzt weiter übrig, als uns „zur Klärung eines Sachverhalts“ mit aufs Revier zu nehmen! Wartete Claudia dort schon auf uns?
„Auf Wiedersehen“, sagte der Polizist, „aber stecken Sie beim nächsten Mal besser ihre Papiere ein.“
Ich war nicht in der Lage, seinen Gruß zu erwidern. Halluzinierte ich, oder gingen die beiden Silberjacken tatsächlich zu ihrem Wagen zurück?
Erst der aufheulende Motor und ein paar rasch kleiner werdende Rücklichter gaben mir Entwarnung. Noch immer Pudding in den Knien, schob ich die Seitentür zu, stolperte nach vorn, plumpste auf den Fahrersitz.
Pingel stierte mich verschlafen an, sein Gesicht sah fürchterlich zerknittert aus.
„Hätte nicht gedacht, dass sich kooperatives Verhalten so auszahlt.“
„Ich hab mich doch nicht kooperativ verhalten!“, verteidigte ich mich.
„Doch, doch“, erwiderte er gähnend, „hättest diesen Wichser auch fragen können, was ihm einfällt, uns um die Zeit von der Seite anzuquatschen.“
Damit rollte er sich zusammen und setzte sein Schläfchen fort, als wäre ich nur mal über einen Huckel gefahren.
Ich startete den Wagen und brachte ihn auf die Straße zurück. Neben mir fläzte eine Bombe, um ein Haar wäre sie hochgegangen. Was mir der Pingelige über den Laberkopf anvertraut hatte, war zusätzlicher Sprengstoff. Ohne Zweifel hatte ich es hier mit zwei komplett durchgeknallten, gemeingefährlichen Dumpfbacken zu tun. Erwartete ich ein Wunder, wenn ich hoffte, ohne größeren Schaden aus dieser Geschichte rauszukommen?

***

Es gab keine Wunder. Auch das auf den ersten Blick fantastische Ende der überfallartigen Polizeikontrolle war keins. Ein paar Tage später las ich im Polizeibericht des BODDEN-KURIERS: „Durch den umsichtigen, verdeckten Einsatz zusammengezogener Polizeikräfte konnte in der Nacht vom 23. zum 24. Oktober ein Ring polnischer Autoschieber auf frischer Tat gestellt und verhaftet werden. Die gestohlenen Fahrzeuge konnten inzwischen in die Hände ihrer rechtmäßigen Eigentümer ...„ Sicher hatten mich die Zivil-Polizisten mit meiner Wollmütze für einen der polnischen Autoschieber gehalten. Die Entwarnung war erfolgt, als ich meinen Mund aufgemacht und die Beamten das daraus hervorquellende Gestammel als akzentfreies Deutsch identifizierten.
Ich hatte die Zeitungsmeldung kaum verdaut, da piepte mein Handy.
„Was iss′n nun mit euch?“, quälte sich Reifenpauls rostige Stimme aus dem Hörer. „Kommt ihr noch, oder kann ich die Halle weitervermieten?“
Woher hatte der Kerl meine Nummer? Wieso rief er mich an, und nicht „Lappy“? Welchen Tag hatten wir überhaupt? Ich warf einen Blick auf die Zeitung: 29. Oktober - der dreißigste Tag unseres Mietverhältnisses.
„Hat′s dir die Sprache verschlagen, oder was?“ quängelte es aus dem Hörer. „Was mit euch los ist, will ich wissen!“
„Wir melden uns!“, bellte ich zurück. „Im übrigen haben wir für die Halle bezahlt!“
„Ja, klar, aber nicht dafür, dass sie leersteht. Außerdem hab ich keine Lust, wegen euch Dumpfbacken in′n Knast zu wandern!“
Seine Worte stachen mir ins Trommelfell wie rostige Nadeln. Was redete er da von Knast? Hatte ihm Pingel von der nächtlichen Polizeikontrolle erzählt? Standen wir in der Zeitung, gleich unter den Autoschiebern? Bat man die Bevölkerung um Hinweise, die zur Überführung einer wahrscheinlich ziemlich dusseligen Bande von Marihuanapflanzern dienten?
Nichts zugeben, was noch nicht ausgesprochen wurde! Dieser Halsabschneider bluffte doch bloß. Wir hatten für seine vollgemüllte Garage bezahlt. Wenn er sie doppelt vermieten wollte, war das nicht unser Problem.
„Was willst du im Knast? Homosexualität ist nicht mehr strafbar“, erinnerte ich Reifenpaul an die offizielle Version unseres Geschäftsverhältnisses.
Vom anderen Ende kam verlegenes Gegrunze. Fürchtete er sich vor Schwulen?
„Wir melden uns die Tage. So lange lässt du in der Halle alles beim alten, in Ordnung?“, setzte ich den Schlusspunkt unseres Gesprächs, drückte Paule weg und wählte Pingels Nummer.

„Lass mich in Ruhe mit dem Schiet!“, fuhr mich der Hüne an, nachdem ich ihn nicht gerade freundlich zum Stand des Trockenraum-Ausbaus befragt hatte. „Dir ist klar, dass ich die verkackte Grube ganz allein am Hacken hätte?“
„Natürlich, Pingel.“
Es war sinnlos, ihn ein weiteres Mal daran zu erinnern, dass er mich anrufen sollte, sobald er Hilfe benötigte. Außerdem hatte ihn niemand zum Ausbau der Montagegrube verdonnert, im Gegenteil! Er selbst hatte getönt, dass sei alles kein Problem, und er mache das schon.
„Pass auf, Pratze!“, schnaufte er, „Laber und ich haben uns geeinigt, das Dope zu Hause zu trocknen, klar?“
„Mann Pingel, wir haben Absprachen!“, unternahm ich den verzweifelten Versuch, unserer Unterhaltung eine konstruktive Wende zu geben. „Außerdem haben wir diesem Fettsack eine Menge Euro in den Rachen geschmissen!“
„Na und? Mir doch egal, der ganze Schietkram, klar? Soll die ganze Ernte auf dem Halm verfaulen! Hab ich einen Ärger weniger.“
„Und das Geld? Mann, die vielen Euro!“
„Sind futsch.“
„Und- “
„Wir trocknen die Girls zu Hause, keine Diskussion, klar?“
Ich hätte ins Telefon beißen können. Ein Pingel in dieser Stimmung wäre nicht einmal zu bewegen, seinen Kopf aus der Flugbahn eines vom Dach stürzenden Ziegels zu nehmen. Warum auch? Sein Schädel bestand eh aus massivem Beton. Da platzte beim Aufprall höchstens ein Eckchen ab.
„Danke für das Gespräch“, brummte ich in den toten Hörer.

Hatte sich Pingel tatsächlich mit Laber besprochen? Kurz, nachdem er mich über dessen Unzurechnungsfähigkeit aufgeklärt hatte? Was redeten die beiden über mich, wenn sie unter sich waren?
Möglich war auch, Pingel hatte überhaupt nicht mit Laber geredet, sondern einfach für sich beschlossen, unsere gesamte Ernte im Haus vor der Stadt zu trocknen. Hatte er sich etwas in seinen Betonkopf gesetzt, zog er es durch, ohne Rücksicht auf den Rest der Welt.
So dumm konnte er doch nicht sein, den Laberkopf bei der Trocknung des Erntegutes mit einzuplanen? Ihm war doch klar, was passierte, wenn Labers Polizistin plötzlich haufenweise getrocknete Marihuanastauden in der Bude ihres Lovers vorfand?
Egal - ich wurde einfach nicht schlau aus meinen Kollegen. Das Einzige, auf das ich mich halbwegs verlassen konnte, war Labers Fähigkeit, sich aus allem rauszuhalten, was nach Arbeit roch.
Beim Pingeligen sah es weit schwieriger aus. Gerade erschien er emsig, voll gesundem Tatendrang, um im nächsten Augenblick völlig durchzudrehen oder in Apathie zu verfallen.
Es reichte für heute. Ich schaltete mein Handy aus, schnappte Keller- und Fahrradschlüssel und machte, dass ich aus der Stadt kam.

Ich jagte in Richtung Mole, so schnell es Beine und Deichweg zuließen. Als ich den Bodden vor mir sah, fühlte ich mich schon ein wenig besser.
Meine gute Laune zerstob, als ich vor der alten Hubbrücke vom Fahrrad stieg. Keine Hoffnung ist so verheerend, wie die unerfüllte. Das Bild der ohne Yvonnes Imbissstand völlig verwaisten Hafenzeile - ein Schlag ins Gesicht. „Du kommst zu spät“, heulte der Wind in mein Ohr.
Was hatte ich erwartet? Den halben Sommer hatte ich Zeit gehabt, herzukommen. Recht geschah mir! Ich hatte meine Chance gehabt, gleich drüben, im alten Gasthaus an der Fähre. Ich hatte sie vertan, und aus dem Wein war Essig geworden.

***

„Tach Keule“, drang die Bassstimme meines Bruders an mein Ohr, dann wurde es still in der Leitung. Völlig still. Das bedeutete, Ralf saß gar nicht wie üblich in seinem Auto und nahm gerade Kurs auf meine Straße.
„Du erinnerst dich an Melanie?“, fragte er so unverfänglich, als ginge es um eine Auskunft über meine Studienleistungen.
„Die elegante Dunkle, die ich nicht Melly nennen durfte?“
„Genau“, bestätigte Ralf gedehnt. „Sie fängt nächstes Semester an zu studieren, und dreimal darfst du raten, wo.“
„Nicht etwa hier im Boddenstädtchen?“, spielte ich Erstaunen.
„Genau, Keule!“, freute sich mein Bruder, „und deshalb wollte ich dich mal fragen, ob das Zimmer noch frei ist, und ob du eine nette Untermieterin gebrauchen könntest.“
Ich fasste mich an den Kopf. Seit August hatte ich wieder selbst für meine Miete zu sorgen, und Ralf musste mich darauf aufmerksam machen, das leerstehende Zimmer zu vermieten!
„Es ist frei“, sagte ich schnell. „Sie kann gern einziehen! Bleibt′s in der Familie.“
„Genau, mein ich doch“, drückte Ralf seine Zufriedenheit aus, dann wurde es erneut still. Mein Bruder blieb in der Leitung, machte jedoch keine Anstalten, sich zu verabschieden oder zu einem anderen Thema überzugehen. Offensichtlich waren noch nicht alle Punkte geklärt.
„Pass mal auf, Keule“, nahm er auch schon Anlauf, „da gibt′s noch zwei Sachen.“
„Was denn?“
„Na ja“, setzte er an und ließ eine zermürbende Pause folgen. „Du betreibst gerade keine Grünzeugfarm oder so was in der Richtung?“
„Nicht, dass ich wüsste.“
„Prima. Melanie wäre da nicht so gut drauf zu sprechen, glaub ich.“
Mit angehaltenem Atem wartete ich auf den letzten Haken. Diesmal dauerte es glücklicherweise nur wenige Sekunden, bis sich Ralf erbarmte.
„Melanie kriegt kein Bafög“, begann er. „Deshalb hat sie sich um einen Job gekümmert. Sie hat früher mal gekellnert, und der Chef von eurem Studentenclub ist ein alter Kumpel von ihr. Der will sie haben, und das mit der Abrechnung ist auch kein Problem, sagt er.“
Ralf ließ eine weitere, zermürbende Pause folgen, bevor er sagte: „Ihm ist eine abgesprungen, da brauchte er schon kurzfristig jemanden.“
„Wie kurzfristig?“
„Übernächstes Wochenende.“
Mein Bruder war sich also doch treu geblieben. Überfall blieb Überfall. Immerhin hatte Melanie auf mich nicht den Eindruck einer verwöhnten Zicke gemacht, die wie meine letzte Mitbewohnerin den ganzen Tag in der Bude rumlungerte, ihre und meine Sachen durcheinander warf und mir einen Vorwurf daraus machte, dass sie nichts gebacken bekam.
Was mir Kopfzerbrechen bereitete, war Ralfs bange Frage nach der Anlage. Die stand längst nicht mehr, dafür würden in Kürze jede Menge getrocknete Marihuanapflanzen, Apparaturen zu deren Verarbeitung und schließlich eine gehörige Menge verkaufsbereites Dope in meinem Zimmer rumliegen.
„Wass′n jetzt?“ Ralf klang ungeduldig. „Wenn′s dir nicht passt, ist das in Ordnung. Musst es nur sagen, gucken wir uns weiter um.“
„Nein, nein, ist vollkommen in Ordnung, wenn sie hier einzieht.“
„Mein ich doch“, brummte er zufrieden. „Na dann, bis vorgestern!“
„Bis dann“, erwiderte ich und blieb allein mit der bangen Frage, ob ich gerade einen gewaltigen Fehler begangen hatte.

***

Pingel sah müde aus: tiefe, dunkle Halbkreise unter den Augen, der Rest seines Gesichts so zerknittert wie nach unserer chaotischen Erntefahrt. Wahrscheinlich arbeitete er noch immer beim Messebau, doch hatte er mich nicht deswegen angepiept und mir ein unwirsches „Kann ich rumkommen?“ durch die Leitung geschickt.
Ich saß ihm gegenüber, schaute aus dem Fenster und wartete. Natürlich beschäftigte mich die Frage nach dem Grund seines plötzlichen Besuchs. Ich kannte ihn jedoch gut genug, um nicht den Fehler zu begehen, ihn zu einer Äußerung zu drängen. Pingel würde beginnen, wenn er so weit war, keine Sekunde früher.
„Die Labertasche ist ausgeflogen“, lautete sein erster Satz. Er ließ ihn bedrohlich lange in der Luft stehen. Wollte er meinen Rat einholen, wie er Laber am brutalsten zur Strecke brachte, sobald er ihn in die Finger bekam?
„Wenn er wieder da ist, holen wir die Girls vom Feld, klar?“, ließ er mich weiter an seinen Gedanken teilhaben.
Ich nickte, erleichtert, dass er Laber offenbar nicht umbringen wollte. Aber warum sah er mich an, als habe er mir gerade ein selbstgeschriebenes Gedicht vorgetragen und warte nun auf mein Urteil? Wollte er meinem Bruder Konkurrenz machen, was das Sprechen in Rätseln betraf?
„Klingt gut, würde ich sagen“, bemühte ich mich, den zähen Brei unseres Gesprächs am Köcheln zu halten.
Pingel quittierte das mit einem tiefen Brummen. „Du hast doch letzten Winter den ganzen Schietkram gepusselt.“
Ich nickte.
„Hast dabei nicht gerade unglücklich ausgesehen.“
„Warum sollte ich unglücklich sein?“
„Hmmm“, machte Pingel, „klingt ja fast, als hättest du dich schon wieder aufs Pusseln eingestellt.“
„Findest du?“
„Na ja.“ Er fasste sich ans Kinn. Seine Hand glitt auf die Schulter, schließlich blieb sie auf der Tätowierung liegen.
„Wär′s o.k. für dich, wenn Laber und ich den ganzen Schiet vom Halm holen, und ich dir die getrockneten Girls vorbeibringe?“
Noch immer knetete seine Hand das Nashorn. Verstand ich ihn richtig, sollte ich also wieder pusseln. Warum war er da so nervös? Wenn das bedeutete, dass ich nicht mit aufs Feld musste, war das optimal für mich! Ich brauchte nur an unsere Begegnung mit dem Ranger oder daran zu denken, wie uns der Mann auf dem Hochstand beobachtet hatte, um in Atemnot zu geraten. Führte ich mir gar unser Aufeinandertreffen mit der Zivilstreife vor Augen, kamen augenblicklich Herzrasen und Schwindelgefühle dazu. Ich war nun mal kein Nachfahre der alten Freibeuter. Tausendmal lieber hockte ich in meinen vier Wänden und pusselte bis zum Umfallen.
„Ich hab nichts dagegen, meine Arbeit zu erledigen“, beendete ich Pingels Massage. „Das heißt natürlich, dass ihr euren Teil erledigt!“
„Was? Ja, klar“, erwiderte Pingel, schon im Begriff, aufzustehen.
„Eine Sache gibt′s da noch, die solltest du wissen“, fasste ich mir ein Herz.
Pingel sackte auf den Stuhl zurück. „Schieß los!“
„Die Freundin von meinem Bruder zieht demnächst bei mir ein.“
„Wieso?“
„Willst du meine Miete bezahlen?“
Pingel sah mich an, als hätte ich das ernst gemeint. Ein paar Sekunden verstrichen, dann entspannten sich seine Züge.
„Die ist doch ‚sauber′, oder?“
„Sie ist keine Polizistin!“, entlockte ich ihm sogar ein kleines Lächeln.

***

Seit Ralfs Anruf drehte sich die Erde einen Tick schneller. In Kürze kamen die Pflanzen vom Feld zu mir zurück, um ein letztes Mal durch meine Hände zu gehen. Und dann? Der sie zu Gold machen sollte, wartete darauf, dass ein Platz im Offenen Vollzug für ihn frei wurde.
Ich hatte schon lange nichts mehr von Schussel gehört und war eigentlich nicht traurig darüber. Kam die Sprache auf ihn, war für gewöhnlich eine seiner Dummheiten der Anlass dafür.
Seit dem Frühjahr waren wir uns nicht mehr begegnet. Unser einziger Kontakt bestand über den geheimen Briefkasten. Jetzt rückte die Ernte heran. Ich rechnete nicht gleich mit dem Schlimmsten, als er mich anrief und fragte, ob er mal längs kommen könne.
„Ja, klar, komm vorbei“, sagte ich und stellte auf dem Küchentisch schon mal einen alten Unterteller bereit.

„Hi Pratze, wie sieht′s aus? Die Ernte, weißt? Geht′s endlich los, ja?“
Schussel hampelte auf seinem Stuhl herum - noch einen Tick nervöser als sonst.
„So ganz langsam geht′s schon los“, versuchte ich, seiner euphorischen Hektik Fesseln anzulegen.
„Was heißt: langsam?“, brauste er auf, als wolle ich ihm etwas vorenthalten. „Pingel sagt, die ersten Girls sind schon vom Feld!“
„Ja, schon, aber die müssen doch erst mal trocknen, und bis-“
„Vergiss das Trocknen!“, rief er, als würde ich ein schweres Unglück heraufbeschwören, wenn ich weiterredete.
„Was ich brauche, sind Buds! Hörst du, Pratze!“ Seine Augen leuchteten auf wie Blinker. „Buds, Buds, nichts als Buds! Ich kann meinen Kunden jetzt unmöglich Presskacke anbieten, weißt? Es ist Erntezeit, da wollen die Buds sehen, nichts als Buds! Keine Ahnung, wie viel Zeit die mir noch lassen. Jeden Tag kann der Knastwisch ins Haus flattern.“
Damit schien seine Energie verpufft. Seine Augen schalteten auf Hundeblick. „Hast du bisschen was zum Rauchen da?“
„Keine Buds“, entgegnete ich frostig, „nur Presskacke.“
„Komm schon, Pratze, rück halt bisschen was raus. Ich war fleißig, hab alles vertickt.“
Als ich in die Küche zurückkehrte, hatte Schussel den Bau seines Joints so weit vorangetrieben, wie es ohne Gras möglich war. Er riss mir den Barren aus der Hand, brach ein Eckchen ab und bröselte es in das Zigarettenpapier. Nicht ein Krümel fiel daneben. Den Rest verstaute er völlig selbstverständlich in seinem Silberdöschen, dass ich gar nicht auf die Idee kam, das Gras zurückzufordern.
„Ich denk mal, dass die mir noch bis Ende des Jahres Zeit geben“, strahlte er mich nach dem ersten Zug an. „Wäre auch zu schade, das Weihnachtsgeschäft, weißt?“
Ich hörte Weihnachten und hatte augenblicklich kranzgeschmückte Straßenlaternen sowie mit Schokoladen-Weihnachtsmännern beladene NETTO-Paletten vor Augen. Wie schnell so ein Jahr verging.
„Wo war ich stehen geblieben?“, fragte Schussel.
„Weihnachten.“
„Ah, ja - pass auf!“, wurde seine Stimme eindringlich. „Wenn die ersten Girls da sind, warte um Himmels Willen nicht, bis sie fertig getrocknet sind! Reiß die Zweige auseinander und leg sie auf Folie, weißt? Entferne die großen Blätter und die Stängel - das war′s. Tüte mir Buds ein!“, ging er zur Beschwörung über. „Buds, einfach nur Buds, so viele du kannst, weißt?“
Hastig drückte er seinen Joint auf dem Unterteller aus, fuhr sich durch seine Locken und sprang auf. „Denk immer an die Buds!“ rief er mir von der Tür aus zu, bevor er verschwand, als wäre er nie hier gewesen. Einzig die Marihuanaschwaden in der Luft verrieten, dass dem nicht so war.