Es wurde der frustrierendste Grillabend meines Lebens. Dietmar produzierte sich in seiner Küchenchef-Lederschürze am Grill, Conny und ich saßen auf Gartenstühlen und sahen ihn an, als habe er uns betrogen. Betrogen mit seinem Bruder, dem Rheinländer und ihrer Agentur.
Wir waren verwirrt, weil Dietmar damit begonnen hatte, etwas aus seinem Leben zu machen. Er baute sich eine Existenz auf, und der Erlös aus dem Verkauf des Grundstücks seiner Oma würde ihm dabei helfen.
Wie sah es dagegen bei mir aus? Nicht nur, dass ich Großmutters Erbschaft in den Sand gesetzt hatte. Der schmerzhafte Verlust hatte mich auch noch dazu gebracht, in ein waghalsiges Unternehmen einzusteigen, dessen Ausgang äußerst fraglich war. Zudem war das Ganze absolut nicht geeignet, mir eine berufliche Perspektive zu schaffen. Es sei denn, ich wollte in Zukunft als Dealer arbeiten.
Der Katzenjammer hatte mich also wieder einmal fest in der Hand, und es gab fürs erste nur ein Mittel, seinem Würgegriff zu entkommen. Dieses Mittel lag am Boden der großen Wassertonne und hieß Bier.
Als es dunkelte, lag ich bereits so weit vorn, dass ich nicht mehr aufstehen konnte. Conny hatte ein Einsehen und brachte mir eine neue Flasche, wenn es wieder mal soweit war. Sie selbst trank auch nicht schlecht, doch ich war besser.
Wie durch Watte drang das bedrohliche Sirren der Mücken an mein Ohr. Sie hatten leichtes Spiel mit mir. Ich war viel zu träge, mich ihrer zu erwehren. Bald tat es auch gar nicht mehr weh, wenn sie ihre Stechrüssel in meine Haut bohrten. Später wich ihr Gesirre dem freundlicheren Zirpen der Grillen. Dazu gesellte sich leise Gitarrenmusik, offenbar hatte Dietmar seinen CD-Player aktiviert.
Ich kam zu mir mit einem tiefen, dumpfen Schmerz im Schädel. Mein Hals fühlte sich wie ein Reibeisen an. Ich lag auf Dietmars Campingliege, zugedeckt mit einem alten Schlafsack. Neben meiner Bettstatt standen ein Glas Wasser und ein blauer Plastikeimer auf den Bastmatten. Mein Ohr lag auf etwas Hartem. Es knisterte, wenn ich den Kopf bewegte. Es war ein Blister Kopfschmerztabletten. Ich drückte drei von ihnen durch die Folie in meinen Mund und spülte sie mit Wasser runter.
Um mich herum erkannte ich die Umrisse der Wohnstube, als letztes den großen Eichentisch unterm Fenster. Ich war allein. Das war mir recht. Es bedurfte noch etlicher Runden Schlaf, bis ich mich wieder halbwegs zu den Lebenden zählen durfte.
Mit jedem Erwachen wurde das Dröhnen in meinem Kopf schwächer. Zugleich wurden mir die niederschmetternden Neuigkeiten des gestrigen Tages gegenwärtig. Altwarben und das Hexenhäuschen im Paradiesgarten waren passé, und mein einziger Freund ging in den Westen. Was sollte ich tun? Einfach abhauen, schmerzvollen Abschied nehmen? Für Ersteres war ich noch zu betrunken. Womöglich setzte ich Labers Kombi gegen den nächstbesten Alleebaum. Ich beließ es dabei, mich auf die andere Seite zu drehen.
„Und? Schon einigermaßen ausgenüchtert?“
Ich machte die Augen auf und blickte in Dietmars Gesicht.
„Mann, hast du gestern geladen, die reinste Druckbetankung, Alter! Muss dich ja ganz schön erwischt haben.“
„Was... erwischt?“
„Na, deine Geschichte mit Yvonne. Du hast die ganze Zeit von ihr erzählt, ziemlich ungereimtes Zeug übrigens. Hätte ich gar nicht von dir gedacht. Ganz schön viel Romantik für so nen Nüchterling wie dich. Aber sei vorsichtig, die hat ordentlich Haare auf den Zähnen.“
„Haare“, wiederholte ich und sah Yvonnes halb aufgelöste Zöpfe vor mir. Und wie hatte er mich genannt? Nüchterling? Was hatte ich im Suff von mir gegeben?
„Ich mach uns erst mal nen Kaffee“, brummte Dietmar und schlurfte in Richtung Küche.
Die akustische Lufthoheit gehörte jetzt uneingeschränkt den Vögeln. Wohltuend strich mir der Wind über Wangen und Brust. Wir saßen hinterm Haus, tranken Kaffee und ich dazu jede Menge Mineralwasser. Dietmar aß ein paar Wurstbrötchen, Conny und ich waren noch nicht soweit. Sie hatte sich in ein dunkles Badetuch gehüllt. Das Haar hing ihr in Strähnen im Gesicht. Sie sah älter aus, als ich sie kannte. Conny hatte gestern offenbar auch ganz ordentlich zugeschlagen. Wie mochte ich erst aussehen?
Auf dem Grill lagen verkohlte Fleischstücken. Ich wendete meinen Blick ab und sah zu Dietmar, der in aller Ruhe kaute. Zwischen den Bissen blinzelte er in die Sonne. Sie hatte ihren höchsten Stand erreicht. Die Schatten der Apfelbäume berührten die Terrasse.
„Ich kann′s immer noch nicht glauben“, murmelte Dietmar kauend und sah Conny an. „Was sagst′n du dazu? Unser Micha und verliebt!“
„Lass ihn“, kam Conny einer weiteren Vertiefung des Themas zuvor. Sie hatte etwas Anderes auf dem Herzen, genau wie ich. Dietmar griff zum nächsten Brötchen. Ich meldete mich zu einem Spaziergang ab.
Wieder war in meinem Herzen eine Tür zugegangen. Nicht mit einem Knall wie bei Marion, aber nun war sie zu. Auf meinem Weg durchs Dorf fühlte ich mich wie ein Tourist, der blind durch die Fremde tappte.
„Komm, bleib noch′n paar Tage“, empfing mich Dietmar bei meiner Rückkehr, „das schlechte Wetter kommt früh genug.“
Da hatte er recht. Was sollte ich jetzt in der Stadt? Trübsal blasen, Yvonne auf den Keks gehen, mich über meine Kompagnons ärgern? Für all das war ich noch nicht reif.
Über eine Woche blieb ich in Altwarben. Nach dem Aufstehen ging ich zum See oder schlenderte durchs Dorf. Den Nachmittag verbrachte ich im Garten, des Abends saß ich mit Dietmar und Conny zusammen. Wir erzählten uns Anekdoten aus längst vergangenen Tagen und tranken Bier dazu. Am dritten Abend konnte ich sogar wieder Gegrilltes essen.
Es war, als hätten wir einen Nicht-Angriffs-Pakt geschlossen. Bei unseren Unterhaltungen ließen wir einfach alles weg, was zu Reibereien geführt hätte. Ich weiß nicht: war das feige, oder war es die beste Art, voneinander Abschied zu nehmen?
Sicher wäre es noch ein paar Tage so weitergegangen, wenn nicht eines Nachmittags mein Handy gepiept hätte. Die SMS kam vom Laberkopf und vermeldete: „Hier gibt es geile girls! Zwei Meter groß und attraktiv!“
„Ich muss los!“ verabschiedete ich mich von Dietmar und Conny.
Dietmar nickte mir zu. „Rufen die Bayern nach dir?“
„So was Ähnliches. Lass es dir gut gehen da drüben, und meld dich mal, ja?“
„Ja, klar, mach ich. Pass auf dich auf.“
„Versprochen.“
Wir umarmten uns. Ich drückte Conny die Hand und stieg in Labers Kombi. Die beiden winkten mir hinterher, bis ich um die Ecke bog, an der einst Dietmars Briefkasten gehangen hatte.
***
Ich konnte es kaum erwarten, die Silhouette der drei Gotteshäuser vor die Windschutzscheibe zu bekommen. Denk nicht an Altwarben, denk an deine Arbeit! - riefen sie mir zu.
Für den Abend hatten wir uns telefonisch zur Lagebesprechung verabredet. Höchste Zeit! In den vergangenen Wochen hatten wir organisatorisch die Zügel schleifen lassen. Dabei bedurfte gerade die Ernte einer gründlichen Vorbereitung.
Um unserem Treffen einen angenehmen Rahmen zu verpassen, kaufte ich unterwegs alles ein, was ich für einen Heringssalat benötigte und besorgte ein paar Bier.
Ich war kaum fertig mit meinen Vorbereitungen, da ertönte der Summer: drei mal kurz, einmal lang. Schritte kamen die Treppen hinauf. Die Herren waren also tatsächlich pünktlich.
„Tach!“, raunzte der Pingelige und stapfte an mir vorbei in die Küche.
Laber betrat die Bühne mit einem freudestrahlenden „Buenos Dias“ und drückte mir eine Flasche ROTKÄPPCHEN TROCKEN in die Hand: „Hau die mal kurz ins Gefrierfach, Hombre. Bis sie die richtige Temperatur hat, klären wir, was es zu klären gibt, claro?“
Nach dem Füllen des Kühlschranks setzte ich mich zu meinen Kollegen an den Tisch. Labers Gesicht zeigte das Filmgrienen.
„Schön Hombre, dass du deinen Urlaub so schnell beenden konntest“, schaffte er es, mich mit wenigen Worten zum Kochen zu bringen. Gerade er hatte es nötig, sich über meine Abwesenheit zu mokieren.
„Habt ihr gegossen?“, holte ich zum Gegenschlag aus, „war ziemlich trocken die letzten Tage. Müssten wir nicht auch mal düngen?“
Abrupt wurde es still in meiner Küche. Pingels Miene zeigte keinerlei Regung. Dass er die Arme vor der Brust verschränkte und mit der Massage seiner Tätowierung begann, verhieß nichts Gutes. Der Laberkopf schaute an mir vorbei zur Wand und spielte an seinem Ohrläppchen. Sie hatten also nicht gegossen.
„Die blöde Gießerei ist doch jetzt überhaupt nicht der Punkt“, beendete Laber die Stille.
„Ach ja? Und, was ist der Punkt?“
Laber lehnte sich zurück wie einer, der mit sich und der Welt zufriedener nicht sein könnte. „Wir brauchen Trockenräume.“
Trockenräume - echote es dumpf in mir, und all unsere zu diesem Thema geführten Diskussionen zogen noch einmal an mir vorbei:
Ursprünglich hatten wir geplant, vom Geld der Winterernte einen Bauernhof zu kaufen, den Dreiseithof. Schussels Griffe in die Kasse, zunehmende Absatzschwierigkeiten und unsere schlechten Indoor-Erträge hatten dafür gesorgt, dass wir das Geld für diese Investition nicht einmal ansatzweise zusammenbekamen. Allerdings hatte die Vorstellung, zusammen mit den beiden Gestalten an meinem Tisch Besitzer eines vor sich hin gammelnden Gehöfts zu sein, inzwischen absolut nichts Erquickliches mehr für mich.
Letztes Jahr hatten die Jungs ihre Ernte in Labers Wohnung getrocknet - bis ihn ein gutwilliger Nachbar hinter vorgehaltener Hand gewarnt hatte: Es rieche im ganzen Haus nach Dope, und man frage sich, wo dieser Geruch herkäme. Bei neun Mietparteien, einschließlich mehrerer Rentner-Ehepaare und Witwen, gab es nicht viele Verdächtige. Also brachte Laber seine Pflanzen kurzerhand zu Pingel in den Tower.
Diese Möglichkeit gab es nicht mehr. Der Pingelige hatte seine Bude kurz nach der Wohnungsinspektion gekündigt.
„Unser Trockenraum-Problem ist so gut wie gelöst!“, riss mich Laber aus meinen Gedanken. „Ein Kumpel von mir hat ne Autobude, optimal gelegen, am Rand der Südvorstadt. Der Typ ist sauber, Pingel kennt ihn.“
Der Pingelige bestätigte das mit einem stummen Nicken.
„Ich hab ausführlich mit ihm konferiert“, fuhr Laber fort. „Er hätte was für uns, Oktober bis November, exakt in dem Zeitraum, in dem wir die verschissenen Trockenräume brauchen, optimal, oder? Kostet uns lediglich zwei Riesen und ein bisschen Dope. Falls was passiert, weiß der Typ selbstredend von nichts. Offiziell geht er davon aus, dass wir in den Räumen irgend ne schwule Sushibar betreiben. Na, wie klingt das?“
Schwule Sushibar, wie klang das wohl? Pingels Miene war anzusehen, dass das Ganze bereits abgemachte Sache war. Ich selbst hatte nicht den Hauch einer Idee.
„Na, dann ist ja alles primstens, Hombres!“, schnalzte Laber und klatschte in die Hände. „Lasst uns also directamente zum gemütlichen Teil des Abends übergehen!“
Primstens - das war Yvonnes Wort! Wie kam der Laberkopf dazu, es zu benutzen? Ich sah zu, wie Laber Sekt und Bier aus meinem Kühlschrank holte und begann, den Tisch zu decken. Pingels Adleraugen fixierten den Heringssalat, während seine Rechte nach der Bierflasche griff, die ihm der Laberkopf vor die Nase hielt. Im entscheidenden Augenblick verhinderte Laber mittels einer blitzschnellen Armbewegung den Zugriff.
„Nichts da!“, verspottete er den Hünen und drückte ihm statt des Biers die Sektpulle in die Hand: „Los, mach auf, das Ding!“
Pingel brummte, der Sektkorken knallte, und es schäumte in den eilig rausgestellten Senfgläsern.
„Auf Maria und ihre Zwei-Meter-Girls!“, tönte Laber. Die beiden stießen an. In den folgenden Minuten erfüllte Pingels Schmatzen den Raum. Auch Laber ließ es sich schmecken. So lange er aß, redete er wenigstens nicht.
„Alles primstens“ - klang mir noch immer seine Stimme im Ohr. War das Schlimmste geschehen? Hatte Yvonne den Verführungskünsten des vermeintlich Schwulen nicht wiederstehen können? Ich konnte ihn schlecht danach fragen.
Meine Gäste langten derweil ordentlich zu. Nicht lange, und die große Schüssel war bis auf den letzten Zwiebelring geleert. Mit einem zufriedenen Grunzen schob Pingel den Teller von sich, griff in seinen Armeerucksack und zauberte eine Flasche Havana-Club hervor. Er ließ den Verschluss knacken.
„Nach so nem Fresschen brauch ich was Starkes!“ - grummelnd, setzte er die Flasche an seinen Hals.
„Auf ne Ernte, die uns alle stinkreich macht!“, lautete der Trinkspruch des Laberkopfs.
Um des lieben Friedens willen trank ich auch einen mit, allerdings ohne dabei etwas von mir zu geben. Die nächste Runde gab es aus den Senfgläsern. Selbstredend kippten meine Kollegen ihren Schnaps auf ex. Pingel knallte den leeren Napf auf den Tisch, und der Laberkopf holte Tabak, Zigarettenpapier und sein Döschen heraus. Nun war endgültig klar, wohin dieser Abend steuerte.
Hektisch reichten sich die beiden den Joint über den Tisch hin und her. Während sich der Pingelige mit jedem Zug zusehends entspannte, wirkte Laber immer angestrengter. Hinter seiner Stirn schien sich etwas zu entwickeln.
„Hört mal zu, Chicos!“, forderte er schließlich unsere Aufmerksamkeit. Er setzte sich kerzengerade auf, holte tief Luft.
„Erst, wenn die letzten Früchte unserer gesegneten Arbeit“ - geriet er ins Stocken und fiel kichernd in sich zusammen.
„Was ich sagen will, ist“, leitete er seinen zweiten Versuch ein: „Wenn das letzte getrocknete Girl von der Leine genommen, wir das letzte Gramm unserer Ernte gewinnbringend vertickt haben und demzufolge genau das sind, was man stinkreich nennt, dann“ - verlor er erneut den Faden. Wild lachend griff er sich an die Stirn. „Oh Mann, das Zeug knallt vielleicht!“
„Red weiter“, forderte der Pingelige.
Laber nahm Haltung an. Die Arme kerzengerade und auf Schulterhöhe von sich gestreckt, rang er um Konzentration für seinen letzten, entscheidenden Versuch.
„Ich wollte nur anmerken, dass wir, wenn wir den ganzen Scheiß hinter uns gebracht haben, mal so richtig den Mond platzen lassen sollten.“
Pingels Miene verhieß Zustimmung. Breitbeinig thronte er auf seinem Stuhl und griente in sich hinein. Den Mond platzen lassen - hatte ich genau diese Szene nicht schon einmal erlebt?
„Natürlich nicht hier!“, fuhr Laber fort, „sondern da, wo die Kuh fliegt! In Rostock, oder besser gleich in Berlin!“
„Aber claro!“, lallte der Pingelige.
Berlin, hallte es von den Wänden wie Glockenklang - Yvonnes Heimatstadt!
„Da mieten wir nen richtig piekfeinen Raum“, rief Laber und schlug sich an die Stirn. „Was labere ich da? Eine Fabriketage, ein ganzes verdammtes Haus mieten wir an, da lassen wir uns das Essen nur so kommen! Und nicht nur das: Rotkäppchen hat ausgespielt, Chicos! Der Champagner wird in Strömen fließen, und Nutten sind auch dabei, Scheiß auf das Geld!“
„Jau, schiet auf dat Geld!“, röhrte der Pingelige zwischen zwei Schlucken aus seinem Senfglas.
***
Mit gewohnter Lässigkeit steuerte Pingel den Kombi durch die Nacht. Das Tschingderassabumm seines Spielmannszugs hatte er auf eine annehmbare Lautstärke gedreht. Wir drei auf dem Weg zu einem Pflegeeinsatz - wann hatte es das zuletzt gegeben? Das Ziel unserer Gießfahrt: Juana, das Soll.
„Ich sag′s dir“, stieß Pingel den Laberkopf an, „sobald ich bisschen Luft hab, bring ich sie wieder zusammen!“
„Wen bringst du zusammen?“
„Die Band, du Trottel, den alten Spielmannszug!“
Meine Kollegen schienen trotz der bevorstehenden Arbeit guter Dinge zu sein. Ihre schicksten Flecktarnanzüge hatten sie angezogen. Dagegen sah ich ziemlich ärmlich aus in meiner alten Trainingshose und der abgelegten Arbeitsjacke meines Bruders. Neben mir auf der Rückbank lag meine Anti-Mücken-Haube. Nach all den schmerzlichen Begegnungen mit den kleinen Vampiren hatte ich sie mir aus einem Basecap und etwas Gazestoff gebaut. Die Gaze hatte ich über der Kappe zusammengenäht, sodass ich das Ganze auf den Kopf setzen konnte wie einen Helm. Sicher guckte ich dumm aus der Wäsche, wenn eine Mücke den Weg unter das Gewebe fand, ansonsten versprach meine Konstruktion einen wirksamen Schutz gegen die Schwärmer. Meine Kollegen sahen das freilich ein wenig anders. Laber hatte mich beim Einsteigen ziemlich scheel beäugt und Pingel was von „Tuntenkappe“ gebrabbelt.
Ich schaute aus dem Fenster. Am Ortsausgang von Prädikow fiel mir ein dunkles, klobiges Gebäude auf. Der Hyperdome? Ohne Scheinwerfer und Festbeleuchtung erkannte ich ihn kaum wieder.
„Hier wird nie wieder getanzt!“, kommentierte Laber, dem mein Blick offensichtlich nicht entgangen war. „Haben sie letzte Woche dichtgemacht, den Laden.“
„Und, wieso?“, bot ich ihm die Möglichkeit, weiter mit seinem Wissen zu protzen.
„Der Mietvertrag ist ausgelaufen, und die von der Landgesellschaft hatten keinen Bock, ihn zu verlängern. Was soll′s?“ Er zuckte mit den Achseln. „Ist unser aufregender Landstrich um eine weitere Attraktion ärmer.“
Pingel bedachte seinen Beifahrer mit einem Grienen. „Dürfte dir doch nichts ausmachen“, brummte er genüsslich. „Darfst doch ohne Erlaubnis deiner Domina eh nicht mehr aus′m Haus.“
Labers Nacken zuckte, er fixierte den Pingeligen, ein trockenes „Schnauze!“ kam über seine Lippen.
Ohne die üblichen Phrasen hatte seine Stimme etwas Bedrohliches. Pingel nickte kurz, das Thema war beendet. Auch gut. Voller Ungeduld erwartete ich das Wiedersehen mit unseren Pflanzen.
Pingel hatte den einfacheren Anfahrtsweg gewählt. Eine gute Entscheidung. Auf dem von den Holundersträuchern eingefassten Pfad gab es keine Schranke, die erst mühevoll ausgekundschaftet werden musste. Der Holunder bot zudem einen guten Sichtschutz. Pingel setzte den Wagen rückwärts in die Sackgasse, auf dass wir, wenn nötig, auf schnellstem Wege wieder auf die Straße gelangten.
Ächzend entledigte er sich seiner blankgeputzten Springerstiefel, um sie gegen die für die Feldarbeit vorgesehenen Knobelbecher einzutauschen. Laber setzte sich sein nagelneues Flecktarnkäppi auf und ich meine Anti-Mücken-Konstruktion. Wieder trafen mich die spöttischen Blicke meiner Kollegen.
„Willste hier Bienen züchten?“, bemerkte Pingel kopfschüttelnd.
Wir stiegen aus. Ohne Pflanzkisten und schweres Werkzeug waren wir schnell durch die Dornröschenhecke auf unser Feld geschlüpft. Die ersten Schritte gerieten mir etwas wackelig. Ich musste mich erst an das Gazegewebe vor meinen Augen gewöhnen. Bereits nach wenigen Metern brach, eingeleitet von lautem Sirren, der erste Tieffliegerangriff über uns herein. Der feuchte Sommer hatte die besten Bedingungen für eine üppige Mückenbrut geschaffen. Nun gab es gewaltige Schwärme der kleinen Vampire, die besonders vor Einbruch der Dunkelheit - also genau jetzt - aktiv wurden.
„Schiet Viecher!“, hörte ich den Pingeligen fluchen. Der Laberkopf schlug wild mit den Armen um sich. Ich sagte nichts. Wir erreichten den Weidenring. Direkt hinter ihm begann unsere Pflanzfläche.
Ernüchtert blieb ich stehen. Das mit den übermannsgroßen Pflanzen galt offensichtlich nicht für diese Fläche. Die Pflanzen hier waren weit entfernt von den angekündigten Maßen. Außerdem sah man ihnen an, dass sie in letzter Zeit sehr trocken gestanden hatten. Wie mochte es erst auf den anderen Feldern aussehen?
„Was sagt dir dieser Anblick. Hombre?“ Labers Stimme klang erwartungsvoll.
„Dass wir endlich gießen sollten“, brummte ich unter meiner Gazehaube und stapfte zum Feldrand. Dort hatten wir beim Vorbereiten der Fläche ein paar Plastik-Kanister im Gebüsch versteckt. Mit den Kanistern suchten wir die nächste Wasserfläche auf. Sie lag etwa dreihundert Meter von den Pflanzen entfernt und war tief genug, dass wir uns nur hätten ans Ufer kauern müssen und in aller Ruhe die Kanister vollaufen lassen - wären wir ungestört gewesen. Das Befüllen gestaltete sich jedoch zu einem erbarmungslosen Kampf gegen die Stechmücken. Direkt am Wasser waren sie noch aggressiver. Sobald einer seine Kanister ins Wasser tauchte, hatte er nicht mehr die Hände frei, die Mücken daran zu hindern, ihre Saugrüssel in die ungeschützte Gesichtshaut zu bohren. Das nutzten die kleinen Vampire zumindest bei meinen Kollegen gnadenlos aus.
Nachdem Pingel die Prozedur einmal zähneknirschend über sich hatte ergehen lassen, gab er sich bei der zweiten Runde einen Ruck.
„Bleibst du hier am Wasser und machst die Schietkanister voll?“, brummte er in meine Richtung. „Laber und ich hucken sie rüber zu den Girls, o.k.?“
Der Laberkopf fuchtelte wild mit den Armen herum, seine Augen blickten flehentlich in meine Richtung.
Liebend gern stimmte ich zu. Die Kanister mit Wasser vollaufen zu lassen war ein angenehmerer Job, als sie über den Acker zu schleppen. Die Mücken konnten mir nichts. Unter der Wasseroberfläche waren meine Hände vor ihren Angriffen sicher, und mein Gesicht wurde von der Gazehaube geschützt, die jetzt niemand mehr als „Tuntenkappe“ bezeichnete.