Was sollte ich jetzt machen? Nach Hause, hoch in meine Bude? Unmöglich! Um nichts in der Welt konnte ich jetzt an den Ort zurückkehren, an dem ich so lange Marions Anruf entgegengefiebert hatte. Jeder Kubikmeter Wohnung war prall gefüllt mit meinen Gedanken an sie. Gedanken, die ich vergessen musste, so schnell wie irgend möglich.
Es blieb also dabei - die Liebe war vorerst gestrichen aus meinem Leben. Außer Marion kannte ich keine einzige Frau, die sich in irgend einer Form für mich interessierte. Und selbst Marion wollte mich nur noch als Quatsch-Onkel haben.
Wie zum Hohn war der Himmel so blau, wie schon ewig nicht mehr. Warum holte ich nicht mein Rad aus dem Keller und fuhr raus zum alten Hafen? Schon lange war ich nicht mehr dort gewesen.
Der Fahrtwind wehte mir um die Nase. Ich raste über den Deichweg. Um meinem Frust keine Chance zu geben, sich weiter in meinem Hirn auszubreiten, trat ich in die Pedale, was das Zeug hielt. Schnittige Segelyachten bevölkerten das Wasser. Es gab inzwischen auch hier eine ganze Menge Leute, die sich so ein Ding leisten konnten. Ich würde auf absehbare Zeit nicht zu ihnen gehören, also richtete ich meinen Blick wieder nach vorn.
Ein gutes Stück vor mir machten Weg und Fluss eine Rechtskurve, so dass, blickte ich geradeaus, nur grüne Wiese zu sehen war. Das Segelboot, das mir entgegenkam, sah so aus, als gleite es schwerelos übers Gras. Einen Augenblick später hatte ich die Kurve erreicht, und das Boot schiffte wieder auf dem Wasser.
Schon hatte ich die alte Hubbrücke vor mir, dahinter erblickte ich den Leuchtturm. Touristen flanierten die Hafenzeile entlang, bevölkerten die Terrassen der Fischgaststätten. Ich schloss mein Rad ans Geländer. Sollte ich mir auf den Schrecken ein großes Bier im STÖRTEBECKER spendieren?
Ich überquerte die Hubbrücke und ging die Hafenzeile in Richtung Meer. Jetzt musste ich nur noch am SEEBLICK vorbei, und schon befand ich mich auf Marion-unbelastetem Gebiet. Glücklicherweise war ich nie zusammen mit ihr bis zur Mole gegangen.
Mitten durch den Strom der Touristen traf mich ein Lächeln. Es kam vom Fischbrötchenstand - Yvonne, die blonde Verkäuferin! Sie hatte ihr Haar zu zwei Pippi-Langstrumpf-Zöpfen geflochten. Wahrscheinlich hatte ich sie deshalb nicht gleich erkannt. Warum nicht ein Fischbrötchen? - dachte ich und lenkte meine Schritte ihrem Stand entgegen.
Yvonne schnalzte mit der Zunge, während sie dem Mann vor mir einen Stapel Backfisch-Baguette in Silberpapier einpackte. Als sie ihn abkassiert hatte, lachte sie mir mitten ins Gesicht: „Na, wieder mal Appetit auf ne Köstlichkeit aus′m Müll?“
„Ja, klar, aber mach dir keine Umstände.“
„Wie meinst′n das?“
„Dass du wegen mir nicht im Müll zu wühlen brauchst. Bei meiner Tagesform geh ich da besser selber hin. Sagst du mir, wo er steht?“
Yvonne stützte sich auf den Tresen und sah mir in die Augen. „Was ist dein Problem? Geld oder Liebe?“
„Letzteres.“
„Da brauchste was frisches!“ Yvonne fischte einen Bismarckhering aus der Vitrine und legte ihn in ein aufgeschnittenes Brötchen. Sie tat zwei Zwiebelringe, etwas Dill und ein stattliches Salatblatt dazu, schlug eine Serviette drum und reichte mir das Paket über die Theke.
„Lass stecken, dein Geld! Kannst dich ja mal revanchieren.“
Mit einem schüchternen „Danke“ nahm ich das Fischbrötchen. Hinterm Tresen erklang ihr Lachen. „Nu heul ma nich gleich.“
„Nee, mach ich nicht, versprochen.“
„Na, dann ist ja alles primstens, wa?“
Sie sah mir wieder in die Augen. Ich blieb einen Moment unschlüssig vor der Theke stehen, bevor ich mich trollte. Für meinen Zustand hatte ich mich ganz ordentlich geschlagen, fand ich.
Ihr Hering schmeckte wunderbar. Er war wohl das einzige, was ich jetzt herunterbekommen hätte. Es machte mich glücklich, dass Yvonne ihn mir geschenkt hatte. Gar nicht, weil ich dabei zwei Euro fünfzig gespart hatte - es war die Art, wie sie ihn mir reichte, die mich so berührte. Richtig fürsorglich war sie gewesen. Dazu hatte ihr burschikoses Lachen so was kraftvoll optimistisches. Eine wie Yvonne ließ sich von keinem in die Suppe spucken. Das gefiel mir.
Als ich ihr Brötchen verzehrt hatte, fühlte ich mich ein ganz klein wenig versöhnt. Aber jetzt verspürte ich Durst, und gerade hatten meine Augen auf STÖRTEBECKERs Außenterrasse einen freien Tisch ausgemacht - sogar einen mit Blick aufs Meer!
Das erste Bier war halb geleert, da erschien mir mein großes Marion-Debakel in eine unwirkliche Ferne gerückt. Ich schaute aufs Meer, suchte den Horizont nach Schiffen ab. Als ich eins entdeckte, war es an der Zeit für eine Korrektur meiner Sitzposition. Ich rutschte ein Stück nach unten. Der Sand verschwand. Den Bodden vor Augen, nahm ich Kurs auf den erspähten Dampfer. Längst befand ich mich auf dem Oberdeck meines Piratenschiffs. Gleich hinterm Geländer lag das Unterdeck mit dem spitz zulaufenden Bug.
Wie durch einen Schleier drangen die Gespräche von den Nachbartischen an mein Ohr. Zum Glück konnte ich den Ton unscharf stellen. Ohne ihren lästigen Informationsgehalt können menschliche Stimmen durchaus wohlklingende Geräusche erzeugen, stellte ich fest.
In meinem Bierglas brach derweil ein mittlerer Sturm aus. Jemand lief über die Planken. Die Schritte kamen näher, dicht bei mir verstummten sie.
„Möchten Sie noch etwas?“, drang eine Frauenstimme an mein Ohr. Ich schaute auf und sah in das braungelockte Gesicht einer Kellnerin. Freundlich distanziert lächelte sie auf mich herunter. Ich senkte meinen Kopf - und blickte auf zwei endlos lange, von schwarzem Nylon umhüllte Beine.
Schnell schaute ich wieder auf und trank meinen Humpen restlos leer. Die Kellnerin nahm ihn mir aus der Hand, wobei ihr Arm um ein Haar meine Wange gestreift hätte. Ihr Rosen-Parfüm schlich sich in meine Nase.
„Noch ein großes?“, fragte die Schöne.
„Oh ja, bitte.“
Sie nickte, vollführte einen eleganten Knicks und schwebte davon. Ich verbot mir, ihr hinterher zu schauen. Wenn sie das neue Bier brachte, würde ich es tun!
Ob sie das mit Absicht so machten? Einem einsamen Kerl wie mir eine solche Serviererin an den Tisch zu schicken - damit er immer wieder etwas bestellte, nur um ihr noch einmal hinterher schauen zu können? Es interessierte mich plötzlich brennend, ob sie den beiden Deutschlehrerinnen rechts von mir statt der Braungelockten einen jungen Mulatten schickten.
Schade - die Lehrerinnen hatten gerade eine frische Ration Kaffee und Kuchen geliefert bekommen, ohne dass ich gesehen hatte, von wem. Ich konnte sie unmöglich so lange im Auge behalten, bis sie Nachschub oder die Rechnung orderten.
Außerdem befand sich meine Kellnerin bereits wieder im Anflug.
„Bitte sehr, und wohl bekomm′s.“
Sie stellte den Humpen auf meinen Tisch und klemmte einen Zettel unter den Aschenbecher. Erst jetzt fiel mir auf, dass dort bereits ein anderer steckte. Die Zettelei verwirrte mich derart, dass ich wieder versäumte, der Kellnerin hinterher zu schauen.
Obwohl ich wusste, dass es sich bei den Zetteln nur um die Auflistung des von mir Verzehrten und der daraus entstandenen Unkosten handelte, zog ich sie unterm Aschenbecher hervor. Unter der schmerzhaft großen Zahl stand, ganz klein, unter Datum und Uhrzeit: Tisch 9, Bedienung 18, Kolln. Blumenstaedt.
Ein schöner Name, und er passte zu ihr! Aber warum schrieben sie die Namen der Kellnerinnen auf die Rechnung? Doch sicher nicht, damit man ihre Telefonnummer herausbekommen und sie anrufen konnte. Oder war das Ganze fürs Beschwerdebuch gedacht?
Ich brauchte kein Beschwerdebuch. Ganz hervorragend wurde ich hier bedient, und zwar von Kollegin Blumenstaedt.
Heftiges Blasendrücken unterbrach meine Gedanken.
Es war nicht einfach, die Toiletten zu finden. Nachdem ich eine Runde auf der Außenterrasse gedreht hatte, ging ich rein. Auch im Saal nirgends ein Hinweisschild - nur der Tresen, Tische, Stühle, künstliche Grünpflanzen, Garderobenständer. Links neben der Theke führte eine Wendeltreppe nach unten.
In der unteren Etage das gleiche Bild. Zieh den Finger! - schrie meine Blase. Da entdeckte ich einen verheißungsvoll weißgefliesten Flur. Überm Durchgang klemmte ein kleines Emailleschild: Zu den Toiletten.
Kaum hatte ich den Flur betreten, spürte ich, dass ich verfolgt wurde.
„Entschuldigen Sie bitte, der Herr!“, schnarrte eine heisere Männerstimme in meinen Rücken. Ich drehte mich um. Ein grauhaariger Herr im weißen Hemd mit Fliege hatte sich vor mir aufgebaut. Die Arme in die Hüften gestemmt, stand er bereit, mir, wenn nötig, jedweden Fluchtweg abzuschneiden. Er war frisch rasiert und sah überhaupt so gepflegt aus, dass ich mir augenblicklich schmutzig und verwanzt vorkam.
„Sind Sie Gast unseres Hauses?“, fragte er mit höflicher Strenge.
„Nein“, presste ich hervor, „ich glaub nicht, dass ich ums Bezahlen herum komme.“
„Ähm, wie meinen Sie?“
„Die Biere, die ich da oben auf Ihrer Terrasse zu mir nehme! Also, ich denke schon, dass ich die selbst bezahlen muss.“
Ich konnte hören, wie es klick machte in seinem Aufpasserschädel. „Also sind Sie Gast unseres Hauses“, konstatierte er diensteifrig. „Die Toiletten befinden sich gerade zu, direkt hinter Ihnen.“
Damit wandte er sich ab, und ich riss die Klotür auf.
Nach dieser Nummer war mir jegliche Lust auf Meer, Schiffe und ein weiteres Bier auf der Terrasse vergangen. Selbst die unerreichbar schönen Beine von Kollegin Blumenstaedt konnten daran nichts ändern. Als sie das nächste Mal an Deck auftauchte, winkte ich sie heran und beglich meine Rechnung.
Nach kurzem Kampf überließ ich ihr ein für meine Verhältnisse üppiges Trinkgeld, für welches sie sich mit einem besonders prachtvollen Knicks bedankte. Ihre Beine waren wirklich beeindruckend. Wieder wagte ich nicht, ihr hinterher zu schauen.
Mit hängenden Schultern schlenderte ich die Hafenzeile in Richtung SEEBLICK zurück und stellte mich schon mal darauf ein, in Kürze noch einmal den Austragungsort meines letzten Marion-Abends zu passieren. Kollege Katzenjammer schickte sich an, mich einmal mehr an seine breite Brust zu drücken.
Es war leerer geworden auf dem Trottoir. Die ersten Souvenirgeschäfte ließen ihre Rollläden herunter, die Vitrine des Fischbrötchenstands war bereits leergeräumt. Yvonne bearbeitete mit Schwamm und Lappen die Theke. Ich blieb stehen, sah zu ihr rüber und zählte stumm von fünf abwärts. Zwischen der Zwei und der Eins blickte sie auf, wischte sich eine Strähne aus der Stirn und deutete hinter sich. „Bin gleich fertig! Wie sieht′s aus? Noch ein Bier im SEEBLICK?“
„Ja, klar!“
Ich im SEEBLICK? Zusammen mit Yvonne würde es schon gehen.
Wir nahmen einen Tisch im hinteren Teil des Gastraums. „Hab keinen Bock, den Dussels da draußen auf ihre fetten Hintern zu gaffen“, bekundete Yvonne ihre Abneigung gegen einen Fenstertisch.
Von meinem Platz aus konnte ich den Tisch sehen, an dem ich mit Marion gesessen hatte. Er war leer. Der Raum sah völlig anders aus als zur Weihnachtszeit. Yvonne bestellte ein großes Bier, ich nahm eine Apfelsaftschorle.
„Haste deinen Gemüsetag, heute?“ Yvonne zündete sich eine Zigarette an. „Oder biste überzeugter Abstinenzler?“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich mache bloß ne Pause. Damit ich nachher nicht in den Tisch beiße.“
Sie nickte, lehnte sich zurück und blies den Rauch zur Decke. Die Finger ihrer Linken spielten in ihrem Zopf. Langweilte ich sie etwa? Sollte ich besser etwas sagen?
„War anstrengend, was?“, versuchte ich einen Anfang.
„Hmmm, kannste laut sagen.“
„Ist das dein Beruf?“
„Was?“
„Fischbrötchen verkaufen. Ich meine, gehört dir der Laden?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nee du, ick studiere. Das mit den Fischbrötchen mach ich bloß für Miete, Essen und Klamotten.“
„Du kommst aus Berlin?“
„Hört man raus, wa?“ Ihr Lächeln bekam etwas Verlegenes. Dann fixierten mich ihre Augen wie vorhin am Fischstand. „Und du? Ganz alleine heute, ohne deine Busenfreunde?“
„Busenfreunde?“
„Na, Dick und Doof von neulich, der Glatzkopf mit der Killerfresse und der kleine Schwule. Haste was mit dem?“
„Was, ich? Nein, um Himmels Willen! Aber wie kommst du drauf, dass Laber, ich meine, dass Makunke schwul ist?“
„Ach, nur so. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass Frauen was mit dem anfangen können.“
„Tun sie aber“, erwiderte ich matt. „Sie fahren sogar gewaltig auf ihn ab.“
„Ach so?“ Yvonne sah mir in die Augen. „Und, selber? Läuft im Moment nicht grade auf Hochtouren, dein Liebesleben, wa?“
„Nicht auf Hochtouren ist gut. Gar nichts läuft.“
Sie lachte. „Na dann, herzlich willkommen im Club. Können wir uns direkt die Hand drauf geben.“
Tatsächlich streckte sie mir ihre Hand entgegen. Ich griff nach ihr und stellte fest, Yvonne verfügte über einen erstaunlich festen Händedruck. Da lagen unsere Hände nun mitten auf dem Tisch. Yvonne machte keine Anstalten, ihre zurückzuziehen. Ich auch nicht. Angenehm warm waren ihre Finger.
„Sag mal“, sagte sie plötzlich mit gedämpfter Stimme, „falls du nicht vorhast, mir morgen früh ne Szene zu machen, hättste Lust, mit zu mir zu kommen?“
„Wenn ich dir keine Szene machen muss, gern“, sagte mein Mund.
Yvonne kam noch ein Stück näher zu mir. „Haste bisschen Kleingeld dabei?“
„Ja, wieso?“
„Na für′n Automaten. Ist zu lange her bei mir. Ich hab zu Hause keine Gummis mehr.“
Gemächlich schaukelte der Transporter über den nächtlichen Asphalt. Sollte ich mich lieber anschnallen? Ich fühlte mich so leicht wie nie zuvor. Ein zufriedenes Grinsen lag auf meinen Lippen. Pingel schaute immer mal zu mir rüber. Mein Zustand schien ihn zu irritieren. Er fragte nicht, was mit mir los war.
Den dumpfen Schmerz zwischen meinen Beinen trug ich wie die wertvollste Auszeichnung, die mir auf Mutter Erde blühen konnte. Wie anders sah auf einmal alles aus, wenn man verliebt war.
Yvonne schien ähnlich ausgehungert wie ich. Wir hatten kein einziges Wort gewechselt, nachdem sie mich auf die Matratze in der Zimmermitte geworfen hatte. Einzig unsere Arme, Beine und Lippen redeten miteinander - in der schönsten Sprache dieser Welt. Immer wieder legten sich meine Hände auf ihren kleinen, festen Bauch und ihre Brust - als hätten sie Angst, Yvonne könnte sich im nächsten Augenblick in eine Sinnestäuschung verwandeln. Tat sie aber nicht - auch nicht am Morgen, als ich erwachte und sie neben mir lag - mit völlig verwuschelten Haaren. Sie hatte vergessen, ihre Zöpfe zu lösen. Der kleine Leberfleck auf ihrem Bauch bewegte sich sacht auf und ab. Ihre Lippen waren geöffnet und machten, dass ihr Gesicht äußerst entspannt aussah. Eine leichte Röte lag auf ihren Wangen.
Ich verspürte große Lust, mich noch einmal an sie zu drängen, sie zu streicheln, bis sie erwachte - aber vielleicht war es ja gerade das, was sie unter eine-Szene-machen verstand? Was wusste ich von ihr? Zu groß war meine Angst, mit einer einzigen unbedachten Handlung zu guter Letzt alles zu verderben.
Vorsichtig schälte ich mich aus der Bettdecke, stand auf und suchte meine Sachen zusammen. Zusammen mit ihren lagen sie wild verstreut um die Bettstatt herum. Einzig meinen Slip konnte ich nicht finden. Als ich noch einmal zu Yvonne schaute, sah ich ihn unter ihrem Becken hervorlugen. Keine Chance - es musste ohne gehen.
Den Rest des Tages hatte ich in einem tranceartigen Dämmerzustand verbracht - fast so, wie nach meinem ersten Mal Marihuana. Es hielt nur bedeutend länger an. Noch immer fühlte ich mich völlig schwerelos, mit angenehm zerschlagenen Gliedern und vollkommen erschöpft. Schloss ich die Augen, sah ich augenblicklich Yvonnes Nachtgesicht über mir. Ich spürte den Druck ihrer Finger, ihre Zunge auf meiner. Mein Unterleib fühlte sich an, als wäre ich noch immer in ihr.
„Ej, Pratze!“, vernahm ich die Stimme des Pingeligen. Ich riss die Augen auf. Draußen war es dunkel, der Bus stand zwischen lauter Strauchweiden.
Pingel nickte mir zu. „Wir müssten dann mal aussteigen. Am besten jetzt gleich.“
Der Pflanzenstandort lag an einem Graben. Die Strauchweiden standen in mehreren Reihen entlang des Bruchs und schützten die von ihnen eingefassten Feldnischen vor neugierigen Blicken. Bei meiner ersten Besichtigung im Frühling war mir aufgefallen, dass die von der Straße her gesehen ersten beiden Nischen gemäht worden waren, die anderen fünf jedoch nicht. Diese hatten wir bepflanzt.
Pingel hatte den Bus geschickt im Sichtschatten der Weiden geparkt. Im Mondschein passierten wir die erste gemähte Nische, die zweite - und erstarrten: Auch die dritte war gemäht worden! Wo unsere Girls standen, nur noch Stoppeln und Strünke.
„Scheiße, die haben uns gelinkt!“, schnaufte Pingel.
Ich sah mich nach allen Seiten um, horchte in die Nacht, doch konnte ich nichts Auffälliges feststellen. Lediglich die weggemähten Pflanzen zeugten davon, dass hier etwas Unvorhergesehenes passiert war.
Ich trat näher, um den Schaden genauer zu betrachten. Am Rand der Fläche fand ich ein paar unversehrte Pflanzen. Die neben ihnen waren zur Hälfte weggemäht. Das deutete darauf hin, dass sie gar nicht gezielt vernichtet worden waren. Als der Bauer sie gemäht hatte, wusste er offensichtlich nicht, was er da tat.
Mich endgültig zu vergewissern, dass der Standort nicht „verbrannt“ war, ging ich zur nächsten Nische. Ich fand sie unversehrt, ebenso die hinter ihr. Erleichtert kehrte ich zu Pingel zurück.
„Scheiße, Mann!“, hörte ich ihn fluchen.
Er pinkelte gerade gegen einen der großen, runden Strohballen, die auf dem gemähten Teil des Feldes herumlagen. Was krakeelte er hier herum, hatte er sich bekleckert?
„Mann Pratze, guck dir die Scheiße an!“ Pingel zeigte auf den Ballen. „In dem bepissten Stroh stecken unsere Pflanzen!“ Pingel lachte: „Fressen jetzt die Kühe, das Dope!“
„Und haben gleich mehrmals was davon“, fügte ich hinzu.
„Wieso mehrmals?“
„Weil sie Wiederkäuer sind.“
Tatsächlich, zwischen den abgemähten Halmen schimmerte es grün. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich sogar ein paar Buds.
Ich nickte Pingel zu. „Gönnen wir ihnen die Freude.“
„Haben ja sonst nichts zu lachen“, erwiderte er und schloss seinen Hosenstall. „Na los, lass uns anfangen.“
Bei jeder Pflanze sah ich Yvonne vor mir - so bemühte ich mich gleich noch mehr, möglichst behutsam mit ihnen umzugehen.
Mitten in der dritten Nische vernahm ich das Geräusch eines herannahenden Autos. Das fährt vorbei, tat ich es ab und arbeitete weiter. Als ich aufschaute, lief es mir eiskalt den Rücken runter. Keine sechzig Meter vor mir gewahrte ich im silbrigen Mondlicht einen Hochstand, und das war noch nicht alles!
Da oben stand ein Mann und guckte durchs Fernglas. Unter dem Hochstand parkte ein Jeep. Ein zweiter Mann saß darin.
Blitzschnell ging ich in Deckung. Ich lag platt auf der Erde, mein Herz bearbeitete den Boden. Als ich mich soweit beruhigt hatte, dass ich wieder Ausschau halten konnte, richtete ich mich vorsichtig auf.
Der Jeep war verschwunden, der Hochstand leer. Kunststück - der Mann mit dem Fernglas war herabgestiegen und lief übers Feld, geradewegs auf mich zu!
Meine Rechte umklammerte die Rosenschere, mit der ich gerade noch in aller Ruhe unsere Pflanzen von trockenen Zweigen befreit hatte. War das jetzt das Ende? Die Strafe dafür, dass mich die Nacht mit Yvonne zu unvorsichtig hatte werden lassen?