„...Wetterbestimmend ist ein neuer Atlantischer Tiefausläufer, der vor allem den Nordosten Deutschlands weiter mit Regen versorgt“, tönte der Nachrichtensprecher aus dem Radio. Die nassen Schlieren am Fenster gaben ihm recht. Ich drehte mich zur Wand, tauchte meinen Kopf tief in die Kissen. Nun hatte sich auch noch der Wettergott gegen uns verschworen.
Es stimmte einfach nichts in diesem Jahr! Frühling und Frühsommer, die Anwachsphase unserer Pflanzen, war viel zu heiß und trocken gewesen. Der eigentliche Sommer, in dem sie vor allem Licht und Wärme für ihr Wachstum benötigten, zeigte sich dagegen von seiner kühlen, feuchten Seite. Das schöne Wetter hatte exakt an dem Tag aufgehört, an dem wir die letzten Pflanzen rausgesetzt hatten. Der Morgen danach hatte sich noch wunderbar hellblau und warm gezeigt, doch schon auf dem Rückweg vom HYPERDOME prasselte mir der Regen aufs Autodach.
Das lag über eine Woche zurück. Seitdem war es überhaupt nicht mehr richtig hell geworden. Wenn es nicht in Strömen goss, nieselte es. Behielt der Nachrichtensprecher recht, ging es genau so weiter. Das einzig Positive war, dass ich mir vorerst keine Sorgen zu machen brauchte, dass meine Kollegen die Pflanzen verdursten ließen.
Mein Handy piepte - leise und gedämpft. Verdammter Mist, wo steckte das Ding? Ich durchstöberte den sich vor meiner Matratze auftürmenden Klamottenberg - Fehlanzeige. Steckte es in meiner Hose? Nur, wo war die Hose? Ich hatte weder Hose noch Handy gefunden, als das Piepen ausblieb.
Kaum war ich wieder in die Kissen gesunken, schreckte mich das andere Telefon hoch. Erst mal abwarten, wer dran ist. Prompt fiel mir ein, dass ich zwar das Telefon wieder reingesteckt, nicht aber den Anrufbeantworter aktiviert hatte. Einen Fluch auf den Lippen, schlug ich die Decke zurück. Unter ihr lagen Hose und Handy.
„Tach!“, schlug Pingels Grummelstimme auf mein Trommelfell ein. „Haste Zeit heute abend? Wär wichtig, wir müssen dringend nach den Mädels gucken.“
„Wieso wir?“, grummelte ich zurück, „das ist euer Bier!“
„Ach, hör doch auf!“, kam es genervt vom anderen Ende. „Die Labertasche hat nen Auswärts-Termin, klar?“
„Dann fahrt morgen raus!“
„Geht nicht!“
„Wieso?“
„Mann, der ist ausgeflogen! Macht nen Holland-Trip mit seiner Bullenbarbie, und jetzt hör auf zu nerven, klar? Entweder, du kommst mit, oder wir lassen den ganzen Schiet bleiben! Alleine zieh ich mir die Nachtschicht jedenfalls nicht schon wieder rein!“
„Ist ja gut!“, beschwichtigte ich schnell, ehe er auflegte und zwei Wochen untertauchte. „Alles klar, ich komme mit, o.k.?“
Es blieb still in der Leitung. War Pingel noch dran?
„Alles in Ordnung?“, fragte ich in den Hörer.
„Ich hol dich ab“, brummte er und legte auf.
Ich stand im Flur, den Hörer in der Hand und schaute zur Wohnungstür. Ganz ruhig war ich, kein Fluch lag mir auf den Lippen. War ich Pingel womöglich dankbar für seinen Anruf? Dass ich heute mit ihm die Pflanzen pflegte, gab diesem Tag immerhin einen Sinn.
Im Laufe des Abends klingelte fünfmal mein Telefon. Immer war es Pingel, stets hießen seine Worte: „Dauert noch! Komme später, klar?“
Sein Ton unterband jede weitere Nachfrage.
Kurz nach elf erklang an meiner Tür das vereinbarte Klingelzeichen. Ich wartete die obligatorischen fünf Minuten ab, dann ging ich runter auf die Straße. Aus Labers Kombi schallte mir der Spielmannszug entgegen. Als ich die Tür öffnete, verstummte das Getröte.
„Die haben den Wagen der Bullentante genommen“, empfing mich Pingel.
„Das Polizeiauto?“
Meine Frage zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht.
„Laber sitzt nicht im Bullenwagen“, brummte Pingel, „Vielleicht ja auf der Rücktour.“
Dass er auf meinen Scherz einging, hatte er sicher nett gemeint. Lachen konnte ich trotzdem nicht. Im Gegenteil - musste ich doch sofort an Schussels verhängnisvollen Holland-Trip denken. Auch da hatten sie den Wagen seiner Freundin genommen, und am Ende fanden die Zöllner den schwarzen Afghanen im Kofferraum.
Wir waren noch nicht lange aus der Stadt heraus, als mein Handy piepte. Wer sollte das sein, um die Zeit? Unbekannter Teilnehmer, sagte mein Display. Ich presste das Telefon an mein Ohr. „Ja?“
„Hallo Michael“, antwortete eine weibliche Stimme. „Ich bin′s, Marion.“
Mein Herz schlug einen Purzelbaum. Marion! Ich musste etwas sagen! Aber was? Die Aufregung schnürte mir die Kehle zu.
„Ich hab′s schon bei dir zu Hause probiert“, kam sie mir zuvor. „Zum Glück hatte ich deine Handynummer noch. Du bist unterwegs?“
„Hmm, ja, ... mit paar Kumpels, ... auf Derby, weißt du?“
„Ach so? Schade. Ich wollte nämlich gerade auf dein Angebot zurückkommen.“
„Mein Angebot...“
„Na, das wir uns mal treffen!“
„Ach so, ja, doch, klar!“
„Also, heute hätte es ganz prima gepasst.“
„Ach so.“ Ich verfluchte mich dafür, dass ich in Labers Kombi saß - auf dem Weg zu den Pflanzen, deren Pflege gar nicht mein Part war.
„Wirklich schade“, streichelte Marions Stimme meine Ohrmuschel. „Aber du bist nicht mehr in Bayern, oder?“
„Was? Nein, nein! Ich bin wieder in der Stadt, bin eben nur gerade ...“
„Mit Kumpels unterwegs, ich weiß. Morgen bist du wieder zurück?“
„Ja, klar!“
„O.k., ich ruf dich an, Ciao!“
Ungläubig starrte ich auf das Stück Plastik in meiner Hand. Marion hatte mich angerufen - so viel hatte ich inzwischen realisiert. Aber wieso jetzt, so plötzlich, praktisch mitten in der Nacht? Und warum hatte sie so schnell aufgelegt?
„Weiber“, brummte der Pingelige und schüttelte bedächtig den Kopf. „Wer versteht die schon?“
Er vermochte es also auch nicht, ein kleiner Trost. Ich verstaute das Telefon in meiner Hosentasche und vertiefte mich in den von Alleebäumen gesäumten Straßenrücken. Meter um Meter schnitten unsere Scheinwerfer aus der Dunkelheit. Das gleichmäßige Ruckeln, das Motorbrummen und das schier unendliche Asphaltband wirkten auf mich wie Baldrian.
Heftiges Ruckeln ließ mich hochschrecken. Grobes Kopfsteinpflaster hatte den Asphalt abgelöst. Offensichtlich befanden wir uns kurz vorm Ziel. Richtig, da vorn war schon die kleine Brücke. Auf der anderen Straßenseite, gleich hinter der Furt, wusste ich Maria, die Pfefferminzwiese.
Pingel ließ den Kombi im Sichtschatten der Brücke ausrollen. Es regnete nicht mehr. Trotzdem waren Gummistiefel angebracht. Ich hatte keine Lust, mir hier zum dritten Mal nasse Füße zu holen.
Wir zogen uns um, griffen unsere Stirnlampen und gingen rüber auf „unsere“ Wiese. In den Stiefeln fühlte ich mich wie ein rechtschaffener Bauer, der nach seinen Feldern sah.
Ein Knacken im Unterholz ließ uns zusammenzucken. Hufschlag erschütterte die Erde, ein Tier rannte davon.
Als wir unser Feld erreichten, vergaß ich für einen Moment all meine Ängste und jeglichen Frust. Sogar Marions Anruf verblasste beim Anblick unserer Pflanzen. Unser Feuerwehreinsatz kurz nach dem Auspflanzen hatte tatsächlich gefruchtet. Die umgesetzten Stauden waren, so weit ich sehen konnte, allesamt gut angewachsen und hatten stattliche Höhen erreicht. Ein erhebendes Gefühl, vor diesen Reihen selbst angezogener Pflanzen zu stehen. Was konnte es schöneres geben, als diese wunderbaren Gewächse zu pflegen?
Wir begannen in der Mitte der vordersten Reihe, bewegten uns zunächst voneinander weg. Hatte einer das Ende erreicht, arbeitete er sich in der Nachbarreihe wieder auf den anderen zu, so dass wir uns in der Mitte jeder Reihe wiedertrafen.
Das Pflegen zeigte sich als angenehme und obendrein beruhigende Tätigkeit. Ich befreite die Pflanzen von trockenen Blättern, entfernte um sie herum das hohe Gras, hielt Ausschau nach Unkraut. Insbesondere die Wicke und andere einjährige Rankpflanzen mussten wir entfernen, bevor sie nach den Zweigen unserer Pflanzen griffen.
Die Arbeit ging mir gut von der Hand. Nicht lange, und ich bewegte mich wieder in Richtung Pingel. Beim Treffen in der Mitte nickten wir uns zu, und weiter ging′s.
Als wir uns wieder einmal bis auf Sichtweite aufeinander zu bewegt hatten, vernahm ich links von mir lautes Grunzen. Wie angewurzelt blieb ich stehen, löschte meine Stirnlampe, packte meine Rosenschere fester.
Vorsichtig blickte ich mich um. Pingel hatte ebenfalls seine Lampe ausgeschaltet. Der Puls hämmerte hinter meinen Schläfen. Ich spähte nach links, konnte jedoch nichts entdecken. Alsdann hielt ich Ausschau nach meinem Kompagnon. Als ich ihn zwischen den Pflanzen erkannte, zeigte er in Richtung Straße.
Ich bestätigte sein Zeichen, wartete zwei Sekunden - und rannte los. Kaum hatte ich mich in Bewegung gesetzt, vernahm ich erneut das Grunzen. Es änderte seine Position. Verfolgte es mich? Nein - mit wütendem Schnaufen rannte das Wildschwein in eine andere Richtung.
Ich lief weiter feldauswärts, dabei bewegte ich mich auf den Pingeligen zu. Der hatte es offenbar genau so gehalten. Wir trafen uns noch auf der Wiese, ein gutes Stück vor der Furt. Pingel keuchte, sein Atem ging mindestens so schwer wie meiner.
Als ich aus Versehen auf einen Ast trat, zuckte er zusammen und schaute mich verstört an. Erst im sicheren Käfig des Autos wagten wir, zu sprechen.
„Das war′s für heute.“ Pingel massierte seine Oberarme. „Da geh ich nicht noch mal raus!“
Ich war erleichtert, dass er es genau so sah. Pingel beendete seine Massage und fischte eine Zigarettenschachtel aus der Beintasche. Beim Anzünden kurbelte er das Fenster herunter.
„Mit wilden Tieren ist nicht zu spaßen“, brummte er, nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch in die Nacht. „Ich war mal drüben, in British Columbia, zusammen mit der Labertasche. Hatte gehört, dass man da ganz gut Geld verdienen kann. Bäume pflanzen und so.“
Ich nickte.
Pingel schüttelte den Kopf. „Hat nicht geklappt mit den Bäumen. Wir sind erst gegen Ende der Saison rüber, da waren die Jobs vergeben. Sind wir paar Wochen so durchs Land gezogen. Einmal waren wir uns nicht einig, wo pennen. Laber wollte ins nächste Backpacker, aber da hatte ich keinen Bock drauf. War müde, wollte im Wald bleiben, meinen Rucksack um paar Bier erleichtern, und ab in den Schlafsack.“
Pingel lachte. „Wir sind gerade so schön am Streiten - mitten im Wald. Die Labertasche geht vor mir her, dreht sich um und heult, er will endlich mal wieder duschen und in nem vernünftigen Bett schlafen. ‚Scheiß dir nicht ins Hemd′, sag ich, ‚und wenn dir nach nem vernünftigen Bett ist, was willst du dann im Backpacker?′ - da sehe ich, wie hinter Labers Rücken, nicht mal fünfzig Meter von uns entfernt, ein Bärenjunges über den Weg flitzt.“
Pingel lehnte sich zurück, rauchte und schwieg.
„Lass mich raten: Die Nacht wart ihr im Backpacker?“
„Na logisch! Hatte keinen Bock, dass uns der braune Flitzer seiner Mutti vorstellt!“
Pingel blinzelte mir zu. „Sag mal Laber nichts davon. Er weiß nichts von dem Bärenjungen. Nicht, dass er sich nachträglich ins Hemd macht, klar?“
Mit diesen Worten schnippte er seine Kippe aus dem Fenster, startete den Wagen und brachte ihn auf die Straße. Ich schloss die Augen und sah ein Wildschwein, das zusammen mit einem Bärenbaby friedlich ein paar Äpfel verdrückte.
Vom holprigen Kopfsteinpflaster glitt der Wagen auf den Asphalt zurück. Meine Gedanken wanderten zu Marion. Ihr Anruf von vorhin - was hatte sie mir sagen wollen?
***
Der nächste Morgen war eine Katastrophe. Drei Mal schon hatte ich mein Handy einer Funktionskontrolle unterzogen: Es funktionierte tadellos. Warum also piepte das Mistding nicht, und Marion war dran?
Dieser Tag währte nun schon eine Ewigkeit. Kurz nach sechs war ich unwiderruflich aufgewacht. Seitdem lief ich im Zimmer umher wie ein Hamster in seinem Rad. Sollte ich in die Offensive gehen und sie anrufen?
„Hi Marion, nicht, dass du denkst, ich telefoniere dir hinterher! Es ist nur so, dass ich gleich los muss und da, wo ich dann sein werde, das Handy nicht benutzen kann. Kannst du mir bitte schnell mal sagen, weswegen du mich anrufen wolltest? Könnte ja wichtig sein.“
Da schnallte sie doch sofort, dass ich die Wände hoch ging, weil sie mich schmoren ließ.
Oder bildete ich mir zuviel ein? Hatte sie mich gestern am Ende einfach nur loswerden wollen? „Ich ruf dich an“ - das konnte heißen: „Ruf mich nicht an!“ oder: „Lass mich in Ruhe.“
Aber sie hatte angerufen, nicht ich! Warum veranstaltete sie jetzt dieses Theater? Hatte sie vergessen, dass sie mich anrufen wollte, es möglicherweise nur so dahin gesagt? Fest stand nur eins: Meine Telefone schwiegen wie Gräber.
Unterdessen war es Mittag geworden. Ich warf einen Blick aus dem Fenster: Der Himmel war grau, aber es regnete nicht. Ich könnte einen Spaziergang unternehmen und draußen eine Kleinigkeit essen, einen Döner vielleicht, oder lieber ein Fischbrötchen? Ich nahm meine Jacke vom Haken, aktivierte den Anrufbeantworter und stürzte die Treppen runter.
Die Luft schmeckte nach Regen und Essig. Es waren kaum Leute auf der Straße. Das war mir recht.
Ich lief geradewegs zum Bahnhof. Hier war alles beim Alten. Die Klobenutzung kostete fünfzig Cent, das Pinkeln in die Sträucher, ein paar Meter weiter, war umsonst. Nachdem ich mich erleichtert hatte, stellte ich mich an den Rand des Bahnsteigs und schaute auf die Gleise. In beiden Richtungen verschwand der Schienenstrang im Dunst. Was verbarg sich dort im Nebel, was im Nebel meines Lebens?
In meinem Bauch meldete sich ein Grummeln. Vielleicht jetzt der Döner? Es schien mir eine gute Idee.
Es war eine Scheiß-Idee. Ich war nicht allein am Stand, und in den drei jungen Frauen vor mir sah ich niemanden anders als Marion. Höchste Zeit also, in mein Verlies zurückzukehren.
Außer Atem schloss ich die Tür auf. Ich hatte mit jedem Schritt zwei Stufen genommen - und wozu? Keine Nachricht auf dem Anrufbeantworter, auch das Handy schwieg ungerührt. Die Sonne stand schon vorn am Fenster. Es ging auf den Abend zu. Wie sollte ich ihn überstehen?
Glücklicherweise hielt sich im Spülschrank eine Flasche Rotwein versteckt. Ich befreite sie von ihrem Korken, pflanzte mich vor den Fernseher. Wein aus der Flasche - wie lange war das her? Die Radtour durch Mecklenburg? Nein, da hatte Marion Plastikgläser mitgebracht, richtig schicke sogar. Wenn man wollte, konnte man den Stiel abschrauben. Da standen sie besser. Nein - jetzt nicht an Marion denken! Lieber aus der Flasche trinken!
Nach zwei tiefen Schlucken konnte ich mich sogar ein wenig in das Geschehen auf der Mattscheibe vertiefen. Es kam eine deutsche Fernsehproduktion.
Eine erfolgreiche und mindestens eben so frustrierte Juristin macht zusammen mit ihrer Tochter Urlaub auf einer kleinen Nordseeinsel. Auf die hat sich ein paar Jahre zuvor ein desillusionierter Biologe zurückgezogen. Enttäuscht von der Skrupellosigkeit seiner Vorgesetzten hatte er seinem Forschungsinstitut den Rücken gekehrt, um sich dem Schutz der hier lebenden Robbenbabys zu widmen. Oder waren es kleine Haie, Zwergwale? Die Tiere sahen jedenfalls niedlich aus und konnten schwimmen.
Ich schaltete um, ehe sich Biologe und Geschäftsfrau in die Arme schlossen. Ihr Filmglück hätte ich nicht ertragen - nicht an diesem Abend, an dem ich mich betrinken musste, um nicht unaufhörlich auf Marions Anruf zu warten. War das Liebe? Ich meine, war das der Beweis, dass ich verliebt war? War ich verliebt? Egal - ich wollte, dass Marion endlich anrief!
Sie tat es nicht am Ende des Liebesfilms, auch nicht nach Sexy Village und zwei weiteren Ami-Serien. Mir blieb also nichts weiter übrig, als mich an die Weinflasche zu halten. Dankbar strich ich ihr übers Etikett.
Als ich aufwachte, war es bereits hell. Ein wolkenverhangener Himmel erdrückte die Stadt, auf meinem Schädel lastete ein dumpfer Druck. Die Rotweinflasche stand neben mir auf den Dielen. Nur noch ein kleiner Schwapp bedeckte den Boden.
Auf der Mattscheibe saßen pickelige Jungen im Halbkreis auf einer Bühne und beschimpften sich. Ihre Rede strotzte von weggepiepten Schimpfworten. Ein elender Morgen - zumindest hatte ich die Nacht überstanden!
Den Vormittag hielt ich mich mit Reinigungsarbeiten über Wasser, wischte im ehemaligen Anlagenzimmer noch mal den Boden. Als in sämtlichen Räumen die Dielen glänzten, rief ich Pingel wegen des Schimmelsprays an.
„Na klar, ich bin zu Hause“, sagte er so freundlich wie nie zuvor. „Oder wart mal. Wenn du willst, bringe ich dir das Zeug vorbei.“
„Nee, lass mal“, entgegnete ich. „Passt mir ganz gut, ich komm längs!“ So brauchte ich die nächsten Stunden nicht das Telefon anzustarren.
Der Abend gestaltete sich noch einmal zu einem Härtetest für meine Nerven. Am nächsten Morgen erwachte ich mit der wagen Hoffnung: Das Leben geht weiter, auch ohne Marions Anruf. Kaum hatte ich mir das glaubhaft versichert, klingelte das Telefon.
***
Völlig außer Atem erreichte ich den Stadtwall. Ich schwitzte, war viel zu warm angezogen für das unerwartet schöne Wetter. Außerdem hatte ich zu lange vor dem Spiegel rumgetrödelt. Was heißt, getrödelt - hektische Arbeit war das gewesen! In Rekordzeit hatte ich noch einmal durchgespielt, was mein Kleiderschrank an Kombinationsmöglichkeiten hergab. Die schwarze Jeans und das weiße Hemd probierte ich als erstes aus. Doch das Hemd war nicht mehr frisch, außerdem erschien mir mein Aufzug viel zu aufgemotzt. Marion wusste genau, dass ich so normalerweise nicht herumlief. Sie sollte nicht gleich auf den ersten Blick sehen, was ihr Anruf angerichtet hatte.
„Michael, können wir uns sehen?“, hatte sie gefragt und leise hinzugefügt: „Jetzt gleich? In zwanzig Minuten hab ich Mittagspause. Sagen wir, halb zwei oben auf dem Stadtwall, vorm Teich?“
Schwer atmend rannte ich den Wall hinauf. Ich war nicht einmal dazu gekommen, nachzusehen, ob meine Haare einigermaßen lagen. Kurz vor dem Gipfel stoppte ich ab und zwang mich zu langsamem Gehen. Es sah nicht gut aus, wenn ich den Kampfplatz außer Atem betrat. Mein Puls dachte nicht daran, auch nur einen Tick ruhiger zu schlagen.
Marion war bereits vor Ort. Sie saß auf einem hüfthohen Stück Stadtmauer-Rest, trug ihre enge, rote Jeans - und rauchte! Ich schüttelte den Kopf, rieb mir die Augen, aber sie hielt tatsächlich eine Zigarette in der Hand. Ein bisschen durch den Wind sah sie aus. Offenbar hatte sie die letzten Nächte ähnlich gut geschlafen wie ich. Etwa wegen mir? Ihre Lippen waren rot, und beim Näherkommen sah ich, dass sie ein wenig Rouge aufgetragen hatte. Versunken, mit einem traurigen Zug um die Nase, saß sie auf der Mauer und betrachtete ihren rechten Fuß. Als ich vor ihr stand, schaute sie auf.
„Schön, dass du gekommen bist.“ Sie rückte ein Stückchen zur Seite. Ihre Zutraulichkeit verunsicherte mich. Ich gab mir alle Mühe, es mir nicht anmerken zu lassen. Als sie sich sacht gegen mich lehnte, legte sich mein Arm wie von selbst um ihre Schulter.
„Tut gut, sich einfach mal anzulehnen“, seufzte sie.
Ich war unfähig, etwas zu erwidern. Warum auch? Marion hatte etwas auf dem Herzen. Sie würde sich mir mitteilen, wenn sie soweit war.
„Du, ich glaub, die wollen mich kündigen.“
Ich verstand nicht gleich die Bedeutung der Worte, die da an mein Ohr drangen. Sonst hätte ich sicher nicht einfach nur gefragt: „Wer?“
Marion zog an ihrer Zigarette, sog den Rauch tief ein.
„Die Geschäftsführung“, erwiderte sie und drückte die Zigarette auf der Mauer aus. „Lampe 2000 höchstpersönlich.“ Ein bitteres Lachen kam über ihre roten Lippen: „Die sitzen da in ihrem Düsseldorf und beschließen mal schnell, meine Filiale dicht zu machen. Weißt du, was das heißt?“
„Ja, Marion.“
Meine Hand strich ihr übers Haar. Im ersten Moment hatte es mich geärgert, dass sie gleich wieder von ihrer Arbeit anfing. Doch ich war entschlossen, nicht in die alten Fehler zu verfallen. Sie erzählte von ihrer Arbeit, na und? Sie hatte ein Problem, und wenn ich sie auch nur ein bisschen gern hatte, war dieses Problem irgendwie doch auch mein Problem, oder?
„Ist einfach eine beschissene Zeit“, fuhr sie fort. „Letzten Monat musste ich zwei Mitarbeiter entlassen, aber das war nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die Leute hier kaufen einfach nicht genug Lampen, verstehst du?“
Sie schickte mir einen Blick, der nach Zustimmung schrie.
„Ja, klar“, beeilte ich mich, sie ihr zu geben. „Haben eben alle Angst davor, Geld auszugeben.“
Das war ehrlich gemeint. Ich wusste, wovon ich sprach. Marion schmiegte sich enger an meine Schulter und sagte eine ganze Weile nichts. Wie nebenbei warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr.
„Shit, ich muss in den Laden zurück. Bringst du mich?“
„Ja, klar.“
Marion stieß sich vom Mauerstein ab und hakte sich bei mir unter. „Ich darf doch?“
„Ja, natürlich.“
Mir schwindelte ein bisschen - ein angenehmer Schwindel. Während wir so gingen, vertiefte ich mich in das Klacken unserer Schritte auf dem Pflaster.
„Ist das nicht komisch?“, lachte Marion plötzlich auf: „Mit Thomas kann ich nie über so was reden, genau wie früher mit dir!“
„Wer ist Thomas?“, krächzte ich.
Marion löste ihre Hand aus meiner. Sie blieb vor mir stehen und sah mich an.
„Mein Verlobter, hab ich dir das nicht erzählt? Entschuldige bitte.“
„Ach, macht doch nichts, jetzt weiß ich′s ja.“
Ich bot ihr schnell wieder meinen Arm an, damit wir weitergingen und ich sie nicht mehr ansehen musste. Sie hakte sich wieder ein. Wir setzten unseren Weg fort, als wäre nichts gewesen.
Erst dachte ich, es würde mich zerreißen, dann spürte ich einen dumpfen Schlag. Ich schluckte. In meinem Herzen war gerade eine große, schwere Tür zugefallen.
„Ist nicht schlimm für dich, dass ich vergessen hab, Thomas zu erwähnen, oder?“
„Aber nicht doch.“
„Vielleicht lernst du ihn ja mal kennen?“
„Ja, das wäre toll.“
„Ich könnte dich einfach mal zum Abendessen einladen, was meinst du? Thomas ist ein exzellenter Fischkoch.“
„Hmm, klingt gut“
„Ja“, lachte sie vergnügt, „und schmecken tut′s noch besser, was er auf den Tisch zaubert.“
Wir liefen durch die Straßen wie zwei alte Freunde. Mir war zum Kotzen. Kurz vor Marions Laden schlug ich mich an die Stirn, machte mich, so sacht ich konnte los und faselte etwas von einem dringenden Termin, den ich um ein Haar völlig verschwitzt hätte. Um alles in der Welt musste ich dem keuschen Freundschaftskuss entgehen, den Marion sicher für mich aufgespart hatte.
Sie zeigte Verständnis für meine Situation. Während sie den Personaleingang öffnete, schleuderte sie mir noch schnell ein: „Ich ruf dich an!“ in den Rücken.
Ob sie noch etwas rief, weiß ich nicht. Ich rannte los, so schnell ich konnte und hielt erst an, als mir die Luft wegblieb und die Seitenstiche unerträglich wurden.