„Scheiße Mann, ich seh′ nichts!“ stöhnte der semmelblonde Junge und warf sich auf die andere Seite.
„Wieso siehst′n du nichts? Iss doch′n super Bild.“ Schussel war anzumerken, dass er es als reichlich lästig empfand, seinen Blick immer wieder vom Fernseher auf den sich auf seinem Hochbett herumwälzenden Halbstarken zu schwenken.
Auch die zwei schmächtigen Langhaarigen um die sechzehn, die wie Schussel im Schneidersitz auf dem Teppich kauerten, gaben unwilliges Gemurmel von sich. Nur der dicke Bert thronte ruhig auf seinem Kissenberg in der Zimmerecke.
„Ich mein doch nicht diesen Kommerzscheiß aus dem Verblödungskasten“, protestierte der Semmelblonde. „Ich will was richtiges sehen! Farbenspiele, Schatten, abgedrehte Muster!“
„Du meinst Halluzinationen?“ erkundigte sich einer der Langhaarigen.
„Wat?“, fuhr ihn der Semmelblonde entgeistert an.
„Das heißt so“, verteidigte sich der Langhaarige. „Halluzinationen. Aber Gras ist kein Halluzinogen, verstehst du?“
„Da musst du LSD nehmen“, fügte sein Nachbar hinzu.
„Schnauze!“, kam es aus der Ecke des dicken Bert.
Im Zimmer kehrte wieder Ruhe ein. Nur der Fernseher spuckte seine Bilder, eine von Ravi Shankars Suitarklängen begleitete Tanzdarbietung indisch kostümierter Hausfrauen in den Raum. Die Luft war erfüllt von Räucherstäbchenduft und Marihuanaschwaden.
Längst wusste Schussel, dass seine Werbe-Verkaufsveranstaltung ein totaler Flop war. Diese Kids waren noch nicht reif. Niemals würden sie ihm was abkaufen. Vielleicht hätte er lieber einen Actionfilm ausleihen sollen, oder besser einen Porno?
Doch nicht nur deshalb fühlte sich Schussel unwohl. Vor allem die Anwesenheit des dicken Bert bereitete ihm Unbehagen. Immer wieder schielte der pausbäckige Rotschopf mit der Schweinchennase unterm tief ins Gesicht gezogenen Basecap gierig zum Hochbett. Der Dicke war nicht nur, was Kartoffelchips und Bier anging, ein Fass ohne Boden.
Schussel ärgerte sich, dass er das Gras für die Gratis-Probe vor den Augen der Jungen aus dem Versteck in der Matratze geholt hatte. Nun war es zu spät, und er viel zu stoned. Er könnte nichts dagegen tun, wenn sich seine Gäste vor ihrem Aufbruch ordentlich bedienten, ohne dass auch nur ein müder Euro in seiner Kasse landete. Das war eindeutig die falsche Taktik. Vielleicht sollte er mal an einer dieser Kaffeefahrten teilnehmen, auf denen die gewieften Veranstalter Unmengen überteuerter Heizdecken und Kaffeekannenwärmer an ihre Kunden brachten?
***
Was draußen auf dem Feld in unscheinbarem Grau begonnen hatte, mauserte sich schnell zu einem herrlichen Sommermorgen mit blauem Himmel und wunderbar klarer Luft. Vor zwei Stunden hatten unsere letzten Pflanzen ihr neues Zuhause gefunden. Mein erster „freier“ Tag! Obwohl ich hundemüde war, verspürte ich kein Verlangen, nach Hause zu gehen. Dieser Morgen war einfach zu schön. So wählte ich den Umweg über die Fußgängerzone.
Meine Schritte hallten von den Wänden der Häuser wider. Die bunten, sauberen Fassaden sahen in der Morgensonne wie das Kunstwerk eines naiven Malers aus.
Ein Mädchen mit Kniestrümpfen, geflochtenen Zöpfen und einem Netz frischer Brötchen kam mir entgegen. Zwei Schritte weiter nahm meine Nase die Witterung von frisch gebackenem Brot auf. Wie von selbst trugen mich meine Füße in den Bäckerladen auf der anderen Straßenseite. Sacht läutete das Türglöckchen.
Aromatische Wärme umhüllte mich. Ich fühlte mich wie im Inneren eines riesigen, frischen Brotlaibs. Ich bat die weißhaarige Bäckersfrau um zwei Käsebrötchen, eine Streuselschnecke und eine große Flasche eisgekühlten Kakao. Dazu überließ ich ihr ein für meine Verhältnisse stattliches Trinkgeld.
Beschwingt vom zarten Klang des Türglöckchens trat ich auf die Straße. Bis nach Hause würde ich es nicht mehr aushalten, im Stehen frühstücken wollte ich auch nicht. So ging ich mit meiner Brötchentüte in Richtung Markt.
Die Freisitze der Straßencafés fand ich verwaist, ebenso die hölzernen Bänke in der Platzmitte. War das hier der selbe Ort, an dem sich in ein paar Stunden jede Menge Kaufwütige tummelten? Mein knurrender Magen mahnte mich zur Eile. Ich lief quer über den Platz, setzte mich auf eine Holzbank und langte in meine Tüte.
Ich hatte gerade mit großem Appetit das erste Käsebrötchen verschlungen, als aus einem Gässchen zwei Männer den Platz betraten. Der Auffälligere der beiden trug ein altmodisches, braunes Jackett spazieren. Er ging so übertrieben gerade, als trüge er einen Kleiderbügel unterm Hemd. Das schwarze Haar war zu einem exakt gezogenen Seitenscheitel frisiert. Seine dunkle Nylonhose strotzte vor Flecken, aber die Bügelfalte saß noch immer tadellos.
Der andere steckte in einem hellgrünen Jogginganzug. Er lief wie ein alter Affe tief nach vorn gebeugt. Die Hände in der Trainingshose vergraben, schaute er konzentriert aufs Pflaster. Sobald seine Augen eine Zigarettenkippe erspähten, blieb er ruckartig stehen. Er beugte sich ganz herunter, eine Hand schnellte hervor, und schon war der Schatz in seiner Hosentasche verschwunden. Bei jedem Fund des Joggingmanns machte auch der Jackettträger halt und setzte seinen Weg erst fort, wenn sein Kollege weiterlief.
Der Wind stand günstig. Der Geruch der Männer fand nicht den Weg zu mir - auch nicht, als sie sich der Platzmitte näherten. Drei Bänke von mir entfernt ließen sie sich nieder. Der im Jackett blinzelte in die Sonne, während der Joggingmann den Inhalt seiner Hosentaschen inspizierte.
Lautlos schob sich ein Polizeiwagen auf den Platz. Sie konnten mir nichts anhaben - ein beglückendes Gefühl! Es war nicht verboten, auf dem Markt zu frühstücken, und woher ich kam, wussten sie ja nicht. Das grün-weiße Gefährt hielt auf die Bank der beiden Männer zu. Die waren so sehr in ihre Beschäftigungen vertieft, dass sie es nicht bemerkten.
Hinterm Steuer des Polizeiwagens thronte ein stiernackiges Stoppelgesicht. Der Schnauzbart auf dem Beifahrersitz war schlank und deutlich jünger. Energisch blitzten seine Augen unterm Mützenschirm hervor.
Der Jackettträger blinzelte noch immer in die Sonne, während sein Kollege weiter Zigarettenkippen sortierte. Ruckartig hielt er inne. Er schaute auf, tippte seinem Kumpel auf die Schulter, und beide winkten den Polizisten zu.
„Morgen, die Herren!“, tönte es via Lautsprecher aus dem Polizeiwagen. „Und? Wieder die Nacht zum Tag gemacht?“
„Jau, min Jung!“, erfolgte, nicht minder zackig, die Antwort von der Bank.
Die Männer winkten, bis der Polizeiwagen über den Platz gerollt war. Erst als er in einer Seitenstraße verschwand, gingen sie wieder an ihre Arbeit. Ich schob mir das letzte Stückchen Streuselschnecke in den Mund, trank den Rest Kakao und freute mich auf mein Bett.
Das für meine Verhältnisse üppige Mahl ließ mich schläfrig werden. Während des Heimwegs wurden mir die Beine schwer. Immer wieder entglitten mir die Gedanken. Die Bilder vom Marktplatz schossen durch meinen übernächtigten Schädel. Als ich meine Wohnungstür aufschloss, hatten sie sich zu einer schrecklichen Vision formiert.
Auf weichen Knien schlich ich über den Flur, zögerlich näherte sich meine Hand der Klinke zum „Verbotenen Zimmer“. Das kalte Metall ließ meine Finger zurückzucken. Erst beim zweiten Zupacken blieben sie darauf liegen. Während sie die Klinke langsam nach unten drückten, presste ich meine Lider fest aufeinander.
Das Allerschlimmste war passiert - die Pflänzchen zurückgekehrt! Alle Tische standen prall gefüllt mit halb zerfetzten Marihuanapflanzen. Sie waren von ihren Feldern geflohen, um in meiner Anlage Schutz vor Wind, wilden Tieren, schlechten Bodenverhältnissen und anderen Unbilden der Natur zu finden. Hinter den Pflanztischen hockten - ihre Pistolen im Anschlag - die beiden Beamten aus dem Streifenwagen. Zur Tarnung hatten sie sich Marihuanablätter an die Schirmmützen gesteckt.
Schon sah ich mich auf der Rückbank des Polizeiwagens sitzen. Vor meiner Nase ein stabiles Metallgitter, an das ich mit Handschellen gefesselt war. Durch die Maschen ging mein Blick auf die sauber ausrasierten Nacken der Beamten.
Als wir auf dem Weg ins Revier den Markt überquerten, saßen die beiden Männer auf ihrer Bank und rauchten eine Selbstgedrehte. Wie auf Kommando winkten sie den Polizisten zu. Ihre Blicke verfinsterten sich, als sie mich entdeckten.
„Gebt ihm Saures!“, rief der im Jackett, „Macht ihn ordentlich platt!“, brüllte die Jogginghose. Ich sah den Stiernacken vor mir nicken - dann bekam ich endlich die Augen auf.
Alle Tische waren leer, unsere Pflanzen dort, wo sie hingehörten, und es gab auch keine Polizisten, die ihre Dienstwaffen auf mich richteten. Vor mir stand lediglich eine Apparatur, die ohne die Anwesenheit der Marihuanapflanzen schlagartig aufgehört hatte, eine Bedrohung zu sein.
***
Nach einer ausgiebigen Runde Schlaf sowie einer Tasse Kaffee machte ich mich an die Demontage der Anlage. Als Erstes kam das Bewässerungssystem an die Reihe, alsdann befreite ich die Tischplatten vom gröbsten Dreck. Ich hatte es eilig, die Anlagenbestandteile aus der Wohnung zu bekommen. Nachdem ich die Tische demontiert hatte, trug ich die Platten und Böcke in den Keller. Die Bestandteile der Bewässerungs-, Beleuchtungs- und Lüftungsanlage ließ ich in Umzugskartons verschwinden, nachdem ich sie fix einer Grobreinigung unterzogen hatte.
Als ich die Folie von den Fenstern abzog, erlebte ich eine böse Überraschung: Sämtliche Glasscheiben waren gerissen, die meisten gleich mehrfach. Sicher hatten sie sich durch die unbarmherzig auf die Folie knallende Sonne zu stark aufgeheizt. Schon während des Betriebs waren mir die bis zu zwei Millimeter auseinanderklaffenden Gehrungsschnitte der Fensterrahmen aufgefallen. Ich hatte es ignoriert, und jetzt hatte ich den Salat! Die Scheiben müsste ich komplett austauschen! Das würde eine Menge Geld kosten.
Um mir keine Zeit für schlechte Laune zu geben, widmete ich mich der Säuberung des Fußbodens. Die Dielen waren völlig verkeimt. Alle paar Meter musste ich das Wischwasser wechseln. Richtig schlimm sahen die Wände aus. Bevor ich sie überstreichen konnte, müsste ich sie ausgiebig mit Schimmelspray behandeln. Eine lösbare Aufgabe - dazu eine, die ich nicht mehr heute zu erledigen hatte. Auch die kaputten Fensterscheiben liefen mir nicht weg. Ich würde sie austauschen, wenn wir unsere Outdoor-Ernte eingefahren hatten.
Dieser Gedanke war aufmunternd gemeint. Kaum hatte ich ihn vollendet, wurde mir schlecht. So lange die Anlage lief, hatte mich die nackte Angst von jener Frage abgelenkt, die mich jetzt aus dem dreckigen Wischwasser angrinste:
Was kam am Ende aller Qualen heraus? Wie viel war übrig von der halben Million? Ich steckte mitten in einer Gleichung aus lauter Variablen! Die einzige mir bekannte Größe: meine Schulden! Wenigstens hatte ich dank der Firma die letzten Monate meine Miete aufbringen und die Wohnungsverwaltung in Schach halten können. Eine Zwangsräumung stand vorerst nicht an, aber was für ein Leben führte ich hier? Seit acht Monaten hockte ich in meiner Bude wie der letzte Eremit, fernab der Sonne und mit einem Bein im Knast!
Was war los mit mir? Kaum waren die Pflanzen aus dem Haus, packte mich der Katzenjammer!
Doch ich war nicht gewillt, mich ihm zu ergeben. Ich brauchte einen Tapetenwechsel - und ein paar andere Menschen um mich herum. Nach Monaten der Isolation Musik hören, etwas trinken, Frauen schauen, genau danach war mir jetzt!
Frauen - ich musste mich wieder an ihre Gegenwart gewöhnen! Stand mir doch möglicherweise ein Treffen mit Marion ins Haus. Wenn ich sie dabei anstarrte wie ein Verhungernder den Gänsebraten, war das sicher nicht optimal.
Zum aller ersten Mal seit Teenie-Tagen überkam mich das Bedürfnis, eine Disco aufzusuchen. Aber wo gab es eine Disco? Der Studentenclub kam überhaupt nicht in Frage. Möglicherweise traf ich dort Bekannte, vielleicht sogar Marion! Dafür war es eindeutig zu früh. Zu lange hatte ich mutterseelenallein in meiner Höhle gehockt, als dass ich jetzt einfach so Bekannten über den Weg laufen konnte. Meine letzte Begegnung mit Dietmar - wie ein Irrer war ich vor ihm geflohen, getrieben von der Angst, er könne herausfinden wollen, was im „Verbotenen Zimmer“ vor sich ging. Dietmar war mein Freund und hatte den Grund für mein absonderliches Verhalten bei sich gesucht. Andere würden nicht so verfahren, und mir war absolut nicht danach, in Kürze als durchgeknallter Irrer zu gelten. Dafür war das Boddenstädtchen zu klein.
Wohin also - in die große Stadt am Sund? Es würde ewig dauern, bis mich Labers klappriger Kombi dorthin gebracht hatte - vorausgesetzt, er stand überhaupt noch vor meiner Tür. Abgesehen davon hatte ich keinen blassen Schimmer, wo es dort eine Diskothek gab. Selbst hier im Boddenstädtchen kannte ich nur den Studentenclub.
Ich wollte mich gerade dem Katzenjammer ergeben, als es Klick machte: Warum nicht Labers HYPERDOME? Das Ding lag keine zwanzig Kilometer von hier entfernt - und doch auf einem anderen Stern. Vielleicht brauchte ich nicht einmal Eintritt zu bezahlen, wenn ich mich auf die Labertasche berief. Sicher hatte er maßlos übertrieben, dass der Laden ‚so gut wie seiner′ sei. Immerhin würden sie ihn dort kennen. Sicherheitshalber ging ich noch einmal alle meine Bekannten durch: Außer Laber gab es keinen, den ich mir im HYPERDOME vorstellen konnte.
Ich verbrachte mehr Zeit vor dem Spiegel, als in den letzten acht Monaten zusammen. War ich eitel? Vielleicht. Jedenfalls hatte ich keine Lust, in T-Shirt und Jogginghose im HYPERDOME aufzulaufen.
Obwohl ich über einen nicht gerade üppigen Kleiderfundus verfüge, gab es doch etliche Möglichkeiten der Kombination. Nach mehreren Fehlversuchen entschied ich mich für meine schwarze Jeans und das weiße Hemd von meinem Opa.
„Damit du mal was Anständiges hast, wenn der richtige Anlass kommt!“ Bei diesen Worten hatte Großmutter sicher an ein Vorstellungsgespräch gedacht. Der heutige Abend sollte zumindest zu dessen Vorbereitung dienen.
Als ich frisch geduscht und fertig angepellt vor dem Spiegel stand, fiel mir auf, dass meine Haare ganz schön lang geworden waren. Es dauerte eine Weile, bis ich sie dazu bringen konnte, nicht in alle Richtungen vom Kopf abzustehen. Nachdem ich auch das erledigt hatte, sah ich im Grunde ganz passabel aus. Ein bisschen blass vielleicht, aber das ließ sich ändern, jetzt - wo ich wieder frei war.