Monoton klatschte der Regen gegen mein Fenster. Die Tropfen liefen in langen Schlieren am Glas herab. Schon in der Nacht hatte ich das Rauschen gehört.
Für einen Moment dachte ich an die für diesen Tag festgesetzte Regatta, draußen am Fährhafen. Der Studentenclub organisierte dort alljährlich eine große Sommerparty. Hauptattraktion war besagte Regatta, zu der die Studenten mit selbstgebauten Booten antraten. Nicht jedem der zu Wasser gelassenen Baukörper war es vergönnt, das Ziel zu erreichen oder gar um den Sieg zu streiten. Aber darum ging es ja auch nicht. Am Abend wurde gegrillt, getanzt, - alles zu fairen Preisen und unter freiem Himmel.
Geteiltes Leid ist halbes Leid. Nun war ich heute Abend nicht der Einzige, der in seiner Bude hockte.
Ich schloss die Augen, vertiefte mich in das gleichförmige Rauschen - und fast war mir, als hätte ich dieses Wetter heraufbeschworen. Mich plagte nicht mal ein schlechtes Gewissen. Im Gegenteil. Der Regen tat unseren Pflanzen gut.
Nach zwei Stunden hielt ich es nicht mehr aus auf der Matratze. Noch immer schlugen die Tropfen gegen das Fenster. Was sollte ich tun? Es gab nichts zum Pusseln, das Fernsehprogramm war zum Weglaufen, und ich verspürte auch keine Lust, mich Omas Büchern zu widmen.
Marions Brief - noch immer lag er unbeantwortet auf meinem Schreibtisch. Was sollte ich ihr schreiben? Dass ich immer an sie dachte? Das klang nicht nur schmalzig, es war auch gelogen.
Erst wenn der Bauernjunge alle ihm vom König gestellten Aufgaben erledigt hatte, durfte er die Prinzessin heiraten! So stand es geschrieben! Erst mussten sämtliche Riesen und Ungeheuer zur Strecke gebracht werden, und damit war ich noch lange nicht fertig. Nicht einmal die Hälfte unserer Stecklinge hatten wir draußen.
Wollte mich Marion überhaupt noch?, hieß die nächste bange Frage. Es half nichts: Genau das musste ich rauskriegen! Was blieb mir anderes übrig, als mich vor ein leeres Blatt Papier zu setzen und auf eine zündende Idee zu warten.
Nach einer guten Stunde reglosen Verharrens musste ich pinkeln. Auf dem Rückweg fiel mir ein, dass es an der Zeit war, etwas zu essen. Ich eilte in die Küche, setzte Teewasser auf, schnitt eine Scheibe Brot ab, holte Margarine aus dem Kühlschrank. Auch ein Stück Gurke fand ich, und in meinem Bastkörbchen lag ein alter Apfel. Ließ der Regen nach, könnte ich nach dem Mahl einen Spaziergang unternehmen.
Doch der Regen ließ nicht nach. Erneut nahm ich auf dem Folterstuhl vor meinem Schreibtisch Platz.
„Hallo Marion!“, kritzelte ich auf das Papier. Wie förmlich das klang, fast wie „Werte Kollegin“. Ich strich es durch, machte ein „Liebe Marion!“ draus. Wozu verstecken? Sie sollte wissen, was ich für sie empfand.
„Du hast recht“, schrieb ich weiter, „ich rede wirklich nicht gern über meine Arbeit. Wobei es in diesem Fall tatsächlich nicht viel zu berichten gibt. Ich könnte Dir erzählen, dass ich jeden Morgen kurz nach dem Hellwerden aufstehe, den ganzen Tag über schufte und am Abend in meine Koje falle.
Dass ich mich nicht weiter darüber auslasse, liegt nicht daran, dass ich es Dir nicht mitteilen will. Vielmehr will ich Dich damit nicht langweilen. Ich glaube nämlich, dass ich Dich in der Vergangenheit viel zu oft gelangweilt habe. Überhaupt denke ich, dass wir uns in vielem gründlich missverstanden haben.“
Klang das nicht zu klagend? Ich wollte ja gar nicht klagen. Treffen wollte ich mich mit ihr, sobald die Anlage aus dem „Verbotenen Zimmer“ verschwunden war!
„Sicher bin vor allem ich Schuld an diesen Missverständnissen, ganz sicher sogar“, lenkte ich kurz ein und ging direkt zur Attacke über:
„Aber ich habe nicht vor, an diesem Punkt stehen zu bleiben. Und wenn Du Dich wirklich gefreut hast, von mir zu hören; was hältst Du davon, dass wir uns mal treffen, wenn ich wieder im Lande bin?“
Himmel, war das platt! Ich zerknüllte das Blatt und versenkte es im Papierkorb. Wie aber sollte ich es anders sagen? Was schrieb man einer Frau, von der man etwas wollte?
Nachdem ich eine ganze Weile um den Papierkorb herumgeschlichen war, holte ich den zerknüllten Zettel wieder hervor und überflog noch einmal meine Worte. Sie klangen gestelzt und pubertär. Eigentlich fehlte nur noch: Und deshalb will ich Dich fragen: Willst Du wieder mit mir gehen?
Andererseits konnte Marion meinen Zeilen entnehmen, dass ich sie treffen wollte - und nur darum ging es schließlich! Wenn sie mich noch mochte, würde sie ein Nachsehen mit meiner Kommunikationsbehinderung haben.
Ehe die Angst zurückkehren und mich eine andere Entscheidung treffen lassen konnte, schrieb ich den Text auf ein neues Blatt Papier, tütete es doppelt ein und stürzte raus in den Regen.
Wir blieben dabei: Meine Kollegen bereiteten die Flächen vor, und ich besorgte zusammen mit Pingel das Auspflanzen. Nach und nach lichteten sich die Reihen im verbotenen Zimmer. Ganze Tische wurden frei, und ich konnte wieder daran gehen, Teile der Beleuchtung und Bewässerung zu deaktivieren. Es gab einen Lichtschein am Ende des Tunnels. Einen schwachen zwar - aber immerhin, es wurde heller.
Nachdem Pingels Bus aus der Werkstatt zurück war, nahmen wir ihn statt Labers Kombi. Der Hüne und ich bildeten mittlerweile ein gut eingespieltes Team. Beim Auspflanzen und Gießen der Pflanzen stellten wir jedes Mal eine neue Bestzeit auf.
Als wir uns wieder einmal nach getaner Arbeit davonmachen wollten, entdeckten wir ein Stück vor uns zwei Rehe. Mitten auf der Wiese äste eine Ricke mit ihrem Kitz.
Versonnen standen wir auf der kleinen Anhöhe und schauten den Tieren zu - darauf bedacht, keinen Mucks von uns zu geben.
Plötzlich hörte die Ricke auf zu fressen. Hatte sie uns gewittert? Nein, aus dem an die Wiese grenzenden Wald war ein Rehbock getreten. Stolz reckte er sein Geweih in die Höhe. Die Rehfrau ließ ihr Kitz stehen und stolzierte auf den Bock zu. Nach ein paar Schritten verharrte sie und ließ ihn rankommen. Kurz, bevor er sie erreicht hatte, tat sie einen beherzten Satz - und weg war sie.
Der Bock setzte ihr nach. Die Ricke wurde langsamer, ließ ihn wieder rankommen - dichter als beim ersten Mal. Erst in letzter Sekunde schlug sie ihren Haken, und der arme Kerl rannte ein zweites Mal ins Leere.
So ging es weiter. Die Ricke zwang den Geweihträger zu immer neuen Kreisen. Der Bock setzte ihr unermüdlich und wie es aussah, mit stetig wachsender Begeisterung nach.
Seine vergeblichen Bemühungen deprimierten mich. Ich wollte mich schon abwenden, als ein zweiter Bock den Kampfplatz betrat. Augenblicklich hörten die zwei auf zu turteln. Die Ricke beäugte den zweiten Bock. Auch der erste interessierte sich für den Neuankömmling. Betont langsam bewegte der sich auf seinen Widersacher zu. Der erste fixierte den sich Nähernden und scharrte mit den Vorderhufen. Dann standen beide voreinander.
„Jetzt gibt′s Haue“, flüsterte Pingel.
Die Rivalen trennte jetzt nur ein knapper Meter. Reglos standen sie auf dem Feld und fixierten sich noch immer. Da setzte der zweite Bock einen halben Schritt zurück - und griff an. Ihre Geweihe schlugen gegeneinander, zweimal, dreimal, dann wich der Neuankömmling zur Seite aus und gab Fersengeld.
Der Sieger sprang mit allen vier Hufen gleichzeitig in die Höhe und nahm wieder Kurs auf die Ricke. Die war unterdessen zu ihrem Kitz zurückgekehrt und hatte sich den Kampf aus sicherer Entfernung angeschaut.
Augenblicklich war das Kleine erneut Luft für sie. Als wäre nichts geschehen, fing sie auf ein Neues an, den Bock anzulocken - und vor ihm wegzulaufen.
„Ist ja genau wie bei uns Menschen“, seufzte ich.
Pingel sah mich an: „Wieso?“
„Na, der Mann muss immer Gewehr bei Fuß stehen, und die Frau kann′s sich aussuchen.“
„Was ... aussuchen?“
„Na, ob oder ob nicht und falls ja, mit wem. Mit dem stärksten oder mit dem, der die besten Sprüche klopft, was weiß ich?“
Pingel nickte. „Oder sie nimmt den, der ihr am hilflosesten vorkommt.“
Ich dachte kurz über den Sinn seiner Worte nach, dann schenkte ich meine Aufmerksamkeit wieder den Rehen.
Die Ricke war deutlich langsamer geworden. Es machte nicht den Anschein, dass sie keine Puste mehr hatte. Sie ließ den unermüdlichen Bewerber sogar an ihrem Hinterteil schnuppern. Der Bock leckte ihr das Fell, zweimal, dreimal - dann stieg er auf ihren Rücken. Ein kurzes Zucken, nach nicht einmal vier Sekunden war alles erledigt.
„Und dafür das ganze Rumgemache?“ Pingel klang enttäuscht.
Die beiden Tiere schauten ein jedes in eine andere Richtung, als hätten sie nichts miteinander zu tun - dann nahmen sie die alte Kreisverfolgung wieder auf.
„Hab doch gewusst, da geht noch was.“ Pingel nickte versöhnt.
Die Rehe wiederholten ihr Liebesspiel etwa fünfzehn Mal.
„Alle Achtung“, seufzte der Pingelige.
Ich nickte. Andächtig standen wir auf dem Hügel und sahen den Rehen zu, bis sie plötzlich innehielten und in unsere Richtung schauten. Wahrscheinlich hatte der Wind gedreht, so dass die Tiere nun unsere Witterung aufnahmen. Sie liefen davon, in Richtung Wald. Das Kitz folgte seiner Mutter in einigem Abstand.
„Hast du heute Nacht noch was vor?“, fragte Pingel.
„Wieso?“
„Hab mein Zelt dabei. Wir könnten an der Tanke ne Ladung Bier abfassen und draußen pennen. Im Wagen finden sich garantiert noch paar Decken.“
Schweigend saßen wir vor Pingels Zelt. Wir schauten in den klaren Sternenhimmel, lauschten dem Konzert der Grillen und nippten an unseren Bieren.
„Wie hast du das eigentlich vorhin gemeint?“, fragte ich, ohne meinen Blick von den Sternen zu nehmen.
„Was ... gemeint?“
„Na, dass sich eine Frau möglicherweise den aussucht, der ihr am hilflosesten vorkommt?“
Pingel ließ einen leisen Rülpser ab. „Anders kann ich′s mir jedenfalls nicht erklären, dass Laber so nen verdammten Schlag bei den Weibern hat.“
„Hat er das?“
„Worauf du einen lassen kannst! War schon in der Schule so, und bis heute hat sich daran nichts geändert.“
„Du meinst, Silvana steht auf ihn, weil er immer nach ihrer Pfeife tanzt?“
„Silvana.“ Pingel vollführte eine wegwerfende Handbewegung. „Schnee von gestern.“
„Hat sie Schluss gemacht?“
„Doch nicht sie! Die Labertasche hat Silvana sitzen lassen. Hat ne Neue seit paar Tagen, und was für eine! Du kennst sie übrigens.“
„Was?!“
„Na ja, zumindest hast du sie schon mal erlebt, hautnah sozusagen.“ Pingel nahm seinen Blick von den Sternen und sah mich an. „Weißt du′s noch gar nicht?“
„Was denn, um Himmels Willen?“
Pingel massierte sein Nashorn. Offenbar hatte er sich verquatscht und überlegte nun, ob er mir mehr erzählen durfte.
„Also, neulich Abend“, begann er, „da treffe ich Laber zufällig draußen am alten Hafen, vorm STÖRTEBECKER, klar?“
„Klar. Und, weiter?“
„Na ja, ich schlendere also nichtsahnend die Hafenpromenade lang, da sehe ich ihn oben auf der Terrasse sitzen. Neben ihm eine große Blonde, so richtig schick zurechtgemacht, mit roten Lippen, nem extrem scharfem Oberteil und so. Ich will mir nichts anmerken lassen und weitergehen, aber das war eine, bei der kannst du gar nicht anders, als hingucken, klar?“
„Klar.“
„Ich gucke also hin. Wie sie mich bemerkt, will ich schnell weggucken - da sehe ich, wie die Blonde den Laberkopf anstippt und auf mich zeigt. Hab Laber angesehen, dass ihm das nicht recht ist, aber er reißt sich am Riemen und winkt mich ran. Wie ich näher komme, denke ich, die Blonde hab ich irgendwo schon mal gesehen. Bloß, wo?“
Pingel langte in seinen Rucksack und holte eine neue Bierflasche raus.
„Mann, weiter!“
Er ließ den Kronkorken schnippen, nahm einen tiefen Schluck, schüttelte den Kopf. „Die Labertasche grinst mich an wie ein Honigkuchenpferd. ‚Hallo, mein Freund, das ist Claudia′ stellt er mich der Blonden vor - da fällt bei mir der Groschen: Barbie ist niemand anderes als die Bullette von neulich Nacht. Die, die der Labertasche um ein Haar die Gräten verbogen hätte, klar?“
Ich hatte zu tun, dass mir die Bierflasche nicht aus der Hand glitt.
Pingel nickte. „Haargenau so ging′s mir, als ich vor den beiden auf der blöden Terrasse stand.“
Er zuckte mit den Schultern. „Sind eben unergründlich, die Frauen. Barbie hatte sich seine Adresse besorgt. Zwei Abende nach unserer Auspflanznacht stand sie bei ihm vor der Tür, ne Flasche Prosecco und ne Packung Kondome im Gepäck.“
Ich schaute Pingel ins Gesicht. Nichts an seiner Miene deutete darauf hin, dass er mir gerade einen Bären hatte aufbinden wollen. An mir vorbei starrte er in den Sternenhimmel. In meinem Bauch breitete sich ein Unwetter aus.
„Sag mal“, begann ich vorsichtig, „als Laber neulich nicht mitkommen konnte, als wir die Mütter aussetzen sollten, meine ich...“
„Da hatte er sein zweites Date mit seiner Bullentante“, vervollständigte Pingel meinen Satz. „Nach ihrer ersten Nacht wollte ihn Barbie unbedingt wiedersehen. Die Anlage musste also verschwinden, dalli! In der ersten Nacht hat er Barbie erzählt, in dem verschlossenen Zimmer stehen die Klamotten von seiner Ex. Noch ne Nacht hätte sie sich nicht abhalten lassen, diese ‚Klamotten′ mal aus der Nähe zu betrachten. Was Eifersucht angeht, ist die schlimmer als Silvana.“
Mir war nun richtig schlecht. Während wir uns die Nacht mit den Müttern um die Ohren geschlagen hatten, hatte sich dieses Großmaul mit einer Polizistin vergnügt!
„Ist der nur noch bescheuert?“
Pingel sah mich erstaunt an. „Wieso bescheuert?“
„Wie würdest du das nennen, wenn ein Grasanbauer was mit einer Polizistin anfängt?“
„Immerhin hat er dafür gesorgt, dass die Mütter verschwinden.“
„Aber auf unserm Rücken!“, schrie ich meine Wut heraus. „Dass wir die Mütter an der Backe hatten, dafür hat er gesorgt! Und überhaupt - was hat der mit ner Bullentante rumzumachen?“
„Mann Pratze“, stöhnte Pingel, „er hat doch nicht angefangen! Killer-Barbie stand vor seiner Tür, nicht er vor ihrer, klar?“
„Na und? Warum hat er sie nicht stehen lassen?“
„Weil er ein Kerl ist“, entgegnete Pingel trocken. „Hand aufs Herz, Pratze: Hättest du′s gebracht, Barbie in den Wind zu schießen?“
„Klar hätte ich das! Ich steh nicht auf große Frauen.“
Nicht nur mein letzter Satz war gelogen.
„Aber was muss er sie ausgerechnet in der Muki-Bude empfangen!“, begehrte ich weiter auf. „Er hat noch eine andere Wohnung!“
„Mit Außenklo“, brummte Pingel. „Würdest du deiner Angebeteten auch nicht präsentieren, wenn du was Anständiges in der Hinterhand hast. Lass uns das Thema wechseln.“
Pingel langte in den Rucksack. Eine Flasche brauner HAVANA-CLUB kam zum Vorschein. „Kleines Präsent von der Labertasche.“
Wir tranken den Rum und hörten den Grillen zu. Eine warme, friedvolle Nacht - dennoch kam ich nicht zur Ruhe. Der Umstand, dass Laber als Lohn für sein Nichtstun eine Frau bekommen hatte, machte mir zu schaffen. Wieso er, nicht ich?
Der Schnaps war immerhin ein guter Seelentröster. Wie ein schützender Mantel umgab er meinen Leib und bald auch meine Gedanken.
„Ist schon Mist, wenn einen keiner mehr will“, brummte der Pingelige.
„Wie ... meinst′n das?“ Was kam jetzt, wieder seine imaginäre Frauengeschichte?
„Unser Spielmannszug!“, brummte Pingel, „wir waren die Besten im Ganzen Bezirk, klar?“ Er zuckte die Schultern. „Nach dem Ende in der Krautfabrik hat sich trotzdem kein Sponsor gefunden. Nicht mal ne lausige Dorf-Feuerwehr wollte uns haben.“
Er nahm einen tiefen Schluck und reichte mir die Pulle. „Lass mal, Pratze, eines Tages bringe ich die Jungs wieder zusammen.“
„Ganz sicher.“
Als wir die Flasche fast besiegt hatten, kroch Pingel ins Zelt. Auch ich hatte genug und tat es ihm gleich.
Im Schein meiner Stirnbandlampe flimmerte der Name Carin Carlsson vor meinen suffgetrübten Augen. Mit blauem Garn war er auf das norwegische Fähnchen gestickt, welches direkt vor mir die Zeltwand zierte. Carin Carlsson. Mir erschien das Bild einer üppigen, durchtrainierten Nordlandschönheit. Die große Blonde schenkte mir einen Blick, der so verheißungsvoll war, dass ich meine Augen schließen musste.
„Wer ist Carin Carlsson?“, fragte ich in die Dunkelheit.
„Die hat das Zelt genäht“, lallte der Pingelige. „Ist ne kleine Manufaktur in Sp ... Spip-pip... pitzbergen.“
„Carin Carlsson“, wiederholte ich andächtig und löschte das Licht. Mein Atem verlor sich in der Brandung aus Pingels Schnarchern.
***
Unsere Auspflanzzeit und damit die Existenz des „Verbotenen Zimmers“ näherten sich ihrem Ende. Nur noch gut einhundertfünfzig Pflänzchen bevölkerten die Tische, wir benötigten also nur noch eine einzige Fläche! Leider hatte ich keinen Standort mehr parat, doch meine Kollegen gaben mir Entwarnung.
„Die letzten Girls setzen wir einfach auf eine Stelle vom letzten Jahr“, meinte Laber gelassen.
„Ist nicht so, wie du denkst“, quittierte er meinen skeptischen Blick, „diesmal wissen wir, wo sie ist.“
„Die können wir gar nicht verfehlen“, fiel Pingel ein. „Sie liegt mitten auf nem ehemaligen Truppenübungsplatz der Russen.“
„Der Platz war im letzten Jahr o.k., warum sollte er es dieses Jahr nicht auch sein“, versicherte Laber.
Ich weiß nicht mehr, wie - es gelang mir jedenfalls, die beiden davon zu überzeugen, dass wir uns das Ganze vorher erst einmal anguckten - und zwar am Tag und mit Hundeleine, streng legal sozusagen.
Die ehemals weiß getünchte Backsteinmauer stand nur noch in Rudimenten, von denen großflächig der Putz rieselte. Durch die Überreste des Kontrolldurchlasses fuhren wir aufs Gelände. Ein Witzbold hatte die rot und weiß gestreifte Einlassschranke wie einen Mast aufgestellt und oben eine Langnese-Fahne befestigt.
Von der einstigen Objektstraße war kaum noch etwas übrig, eben so wenig von den Unterkunftsbaracken. Ein paar rußschwarze Ruinen auf rissigem Beton waren alles, was von der einstigen Militärmacht kündete.
Der schadhafte Beton ging alsbald in einen grasbewachsenen Schotterweg über, welcher schließlich auf eine riesige, bis zum Horizont reichende Sandwüste führte.
„Hier wollt ihr die Pflanzen hinsetzen?“ Den Jungs war alles zuzutrauen.
„Nicht hier!“, murrte Pingel.
„Warts ab“, kam es vom Laberkopf.
Pingel lenkte den Wagen durch den Sand. Ein paar Hundert Meter weiter lugten vereinzelte grüne Hälmchen aus der Wüste. Die Anzahl der Halme nahm rasant zu, schließlich bildeten sie eine nahezu geschlossene Grasdecke. Quer über die Wiese war ein hoher Drahtzaun gespannt.
„Schiet, verdammter!“ Fluchend legte Pingel eine Vollbremsung auf die Wiese.
„Der Zaun muss neu sein“, ließ sich Laber vernehmen.
Wir stiegen aus und liefen am Draht entlang.
„Komisch, das Ganze“, murmelte Pingel.
„Was ist komisch?“
„Na, der Zaun. Der ist in etwa um die Stelle herum, die wir letztes Jahr bepflanzt haben.“
Das wilde Gras hinter den Maschen stand deutlich höher als außerhalb der Umzäunung. Ein Stück weiter prangte ein nagelneues Schild am Draht.
ACHTUNG EXPLOSIONSGEFAHR - IM BODEN BEFINDLICHE MUNITION!
Trotz der sommerlichen Hitze lief mir ein eisiger Schauer über den Rücken. Sämtliche Haare hatten sich mir aufgerichtet.
„Haben wir echt Schwein gehabt, letztes Jahr“, brummte Pingel.
Ich musste mich also noch einmal auf die Suche nach einem Pflanzenstandort begeben. Inzwischen hatten wir fast Ende Juli. Ich schnappte mir meine Landkarte, um ihr die letzte Pflanzfläche zu entlocken.
Der Herrengrund fiel mir auf - ein über zwanzig Kilometer langer Graben, der sich, begleitet von einem Bach mit seeartigen Erweiterungen, durch die Landschaft zog.
Hinter einer Brücke stieg ich in den Graben runter und folgte dem Lauf des Rinnsals. Eine Schar Stockenten flog mit lautem Flügelschlag und aufgeregtem Geschnatter davon.
Ich brauchte nicht weit zu gehen, bis ich genügend geeignete Flächen für die letzten Insassen des „Verbotenen Zimmers“ gefunden hatte.
Ein langgezogener Erlengürtel begleitete den Bach. Auch er war wohl, wie alles hier, während der letzten Eiszeit entstanden. Nach meiner Theorie hatte sich das abfließende Schmelzwasser seinen Weg im seichten Gelände gesucht und hier schließlich sein Bett gefunden. Die im Wasser mitgeführten Schwebteilchen lagerten sich über die Jahrhunderte ab und machten den Boden nährstoffreich. So zumindest interpretierte ich den üppigen Bewuchs der sich an den Erlenbruch anschließenden Streuwiesen.
Am Übergang zwischen Bruch und freier Fläche entdeckte ich die abgeblühte Sumpfdotterblume mit ihren glänzenden, nierenförmigen Blättern. Jetzt wurden die Flächen vom Gilbweiderich mit seinen ebenfalls gelben Blütenrispen beherrscht. Die Stauden waren etwa einen halben Meter hoch. Bis zum Spätsommer würden sie mindestens einen weiteren halben Meter zugelegt haben und damit einen perfekten Sichtschutz für unsere Mädels abgeben.
Dass der Gilbweiderich noch stand, war zudem ein Zeichen dafür, dass die Wiese nicht gemäht wurde. Glücklich über meinen Fund stand ich mitten in der gelben Pracht - als ich vor mir aus den Erlen einen Pirol vernahm. In einem fort flötete er sein „bülow, bülow“ in die Landschaft. Ich versuchte, sein knallgelbes Kleid mit den schwarzen Flügeln auszumachen, doch er hatte sich in den Wipfeln der Bäume versteckt. Genau so unsichtbar würden in Kürze unsere Pflanzen hier stehen. Den schwarz-gelben Gesellen nahm ich als gutes Zeichen, und da Pirol auf französisch Loriot heißt, gab ich der feuchten Wiese am Erlenbruch den Decknamen Loriot.
Geschafft, dachte ich, schloss die Augen, lauschte dem Pirol und ließ mich in das weiche, gelbe Bett aus Gilbweiderich fallen.