Folge 28 (Woche vom 11.06.07 bis zum 17.06.07)

Irritiert schaute der Gerichtsdiener den langen Flur entlang. Außer der alten Frau Hellscheid befand sich niemand vor Saal 3b, und die alte Dame zählte nicht, da sie fast immer ihre Tage auf öffentlichen Sitzungen verbrachte. Aber das hatten beide wohl noch nicht erlebt, dass ein Angeklagter nicht zu seiner Verhandlung erschien.
Derweil rasselte es in Schussels Lungen. Nun musste er nur noch über die große Kreuzung, scheiß was auf die rote Ampel, und die Lindenstraße hinab. In etwa drei Minuten würde er das Gerichtsgebäude erreicht haben. Und wenn er noch so in die Pedale trat, er kam zu spät, zu seiner eigenen Gerichtsverhandlung! Was hatten sie die auch so früh angesetzt? Noch einmal war Vorsicht geboten. Eine Rechtskurve, eigentlich hätte er die Vorfahrt zu beachten, aber egal und durch!
Am Gericht angekommen, schloss er das Fahrrad nicht mit der gewohnten Akribie an. Normalerweise baute er das Vorderrad aus und verband das dicke Gliederschloss durch beide Räder und den Rahmen hindurch mit einem festen Gegenstand. Jetzt musste es das kleine Rahmenschloss tun.
Hastig nahm er die Treppenstufen zu der schweren Eingangstür hinauf. Er stemmte sich dagegen und stürzte in die Vorhalle. Ein kurzer Blick auf den Wegweiser: Wo war dieser Saal 3b? Weiter ging sein Lauf, quer durch das Gebäude, Treppen hinauf. Keuchend kam er vor Saal 3b an und nannte dem Diener seinen Namen. Der schüttelte den Kopf: „Da haben sie aber großen Dusel, min Jung! Der Vertreter der Anklage ist noch nicht eingetroffen.“
Schussel bemerkte den erwartungsvollen Blick der alten Frau Hellscheid. Dankbar für die Ablenkung, lächelte er zurück.

***

Schussel brachte es tatsächlich fertig, zu seinem eigenen Prozess zu spät zu kommen. Sein Glück, dass der Staatsanwalt von seinem Sekretariat einen falschen Termin genannt bekommen hatte und erst eine knappe Stunde nach dem Schusseligen den Saal betrat.
Schussels Plan bestand darin, bei der Verschwörungstheorie zu bleiben. Seine Anwältin hatte nur den Kopf geschüttelt.
Bereits nach wenigen Sätzen hakte der Richter ein und bat Schussel, sich an die Indizien zu halten. Eine halbe Stunde war herum, da wusste Schussel, dass er weder mit Schweigen noch mit seiner im Prinzip nahe an der Wahrheit gebauten Geschichte durchkommen würde.
Er hatte Glück im Unglück, personifiziert in seiner Anwältin. Der Richter pflegte anscheinend ein ganz besonders herzliches Verhältnis zu ihr. In der ersten Verhandlungspause habe er sie beiseite genommen und ihr, eine entsprechende Aussage ihres Mandanten vorausgesetzt, eine Freiheitsstrafe im Offenen Vollzug vorgeschlagen.
Nach einer kurzen Kopfwäsche durch die Anwältin gab Schussel anstandslos den Besitz der Dreihundert Gramm und den Handel mit Marihuana zu. Die Beweisführung wurde geschlossen, das Urteil: zwei Jahre ohne Bewährung - im offenen Vollzug!
Für zwei Jahre würde er in eine abgeschlossene Unterkunft eingewiesen werden, die er zum Arbeiten und später auch für kurze Ausgänge verlassen konnte.
Und sie setzten noch eins drauf: Da es gerade keinen freien Platz in dieser Vollzugsanstalt gab, ließen sie ihn nach Hause gehen. Dort hatte er zu warten, bis besagter Platz für ihn frei wurde.
Nach diesem Prozessausgang zerbrach ich mir freilich den Kopf, ob Schussel der Staatsanwaltschaft etwas über unser Unternehmen erzählt hatte. Ich glaubte nicht, dass er uns verpfiffen hatte, um dieses nahezu erschreckend milde Urteil zu bekommen. Eher fürchtete ich, dass ihm versehentlich was rausgerutscht war, schusselig, wie er nun mal war.

Ich hatte inzwischen eine ganze Reihe von Auspflanzorten ausgekundschaftet. So bot ich Pingel und Laber einen Ausflug zu einigen Flächen an. Meine Kollegen sprudelten nicht gerade über vor Begeisterung, doch da sich das gute Wetter hielt, willigten sie ein.
Einige Pflanzflächen lagen entlang eines Baches, bei dem es sich um eine eiszeitliche Abflussrinne handelte. Nach dem Tauen des Eises suchte sich das Schmelzwasser seinen Weg von hier bis zum Meer. Der Bach war über zwanzig Kilometer lang und wurde mehrmals von Straßen überquert. Dadurch bot sich die Gelegenheit, mehrere Flächen dicht beieinander zu bepflanzen, ohne dass diese auf den ersten Blick in unmittelbarem Zusammenhang standen.
Auf dem Weg zu den Feldern legte ich den anderen dar, welche Flächen meiner Meinung nach besonders günstig wären und bat sie, ein bisschen auf den Sicherheitsfaktor zu achten.
Sie taten alles andere. Wie zwei tumbe, kleine Jungen tollten sie übers Feld, Bierflaschen in den Händen. Ich kam mir wie ein Biologielehrer vor, der sich vergeblich mühte, pubertierenden Schülern die Flora ihrer Heimat nahe zu bringen.
Über einem Entwässerungsgraben lag ein umgestürzter Baum. Natürlich hatten meine Kollegen nichts eiligeres zu tun, als über das Ding zu balancieren. Laber, offensichtlich schon ordentlich im Glimmer, trat daneben und landete unter Pingels johlendem Beifall im Matsch. Mit verbissener Miene kletterte er aufs Trockene.
„Ich hab Knast“, röhrte Pingel, als er zu Ende gelacht hatte, „lasst uns was fressen gehen, klar?“
Ich gab auf, hatte genug von dieser lächerlichen Vorstellung. Wir trotteten zurück zum Wagen und fuhren zur nahegelegenen „Kröseliner Mühle“, einer ehemaligen Wassermühle, die nun eine Kneipe beherbergte.

Die holzfurniergetäfelten Wände verliehen dem Gastraum den Charme einer volkseigenen Betriebskantine. Auch die Toiletten erinnerten an längst vergangene Zeiten. Obwohl wir die einzigen Gäste waren, dauerte es eine Ewigkeit, bis sich die Kellnerin, eine Matrone im beigen Nylonkittel, an unseren Tisch bemühte.
„Soljanka und Hamburger Schnitzel mit Pommes und Mischgemüse!“, schnauzte sie uns an, „falls Sie essen wollen.“
„Nehm ich beides, dazu ein großes Pils“ erwiderte der Pingelige freundlich. Ich nahm eine Soljanka und ein kleines Mineralwasser.
„Und Sie!“, fuhr die Wuchtbrumme den Laberkopf an, der angesichts ihrer akustischen und fleischlichen Übermacht ungewohnt schüchtern wirkte.
„Haben Sie auch etwas Vegetarisches?“, kam es kleinlaut über seine Lippen.
„Ja, klar!“, blaffte die Kellnerin, als hätte er sie nach der Gültigkeit ihrer Konzession gefragt. „Pommes mit Mischgemüse - ohne Schnitzel!“
Der Laberkopf nickte betreten.
„Na, ja“, wurde die Matrone weich, „ich kann Ihnen dazu ein Spiegelei braten.“
Die anheimelnde Trostlosigkeit dieses Ortes passte hervorragend zu unserer Runde. Laber tröpfelte vor sich hin, während Pingel, begleitet vom nervenden Kieferknacken, sein Essen vernichtete. Ganz bestimmt war das hier kein Treffpunkt von Champions.

***

Nun, mittlerweile Mitte Juni, hatte ich die benötigten Flächen beisammen. Längst waren die Eisheiligen Geschichte, doch erst jetzt waren unsere Stecklinge soweit. Ich war unheimlich aufgeregt.
Der auf die Auspflanznacht folgende Tag, der 18. Juni, ist mein Geburtstag. Um keine weitere Verzögerung heraufzubeschwören, hatte ich darauf verzichtet, einen anderen Termin vorzuschlagen. Außerdem war eine gelungene Auspflanzung zweifellos mein schönstes Geburtstagsgeschenk. Ich kaufte eine Flasche Rotkäppchen Trocken. In zwei nasse Handtücher gewickelt, könnten wir nach verrichteter Arbeit am Feldrand auf meinen Geburtstag und den gelungenen Start unserer Outdoor-Aktion anstoßen.

Einhundert Pflanzen wollten wir aufs Feld bringen. Ich wählte die kräftigsten aus. Sie maßen inzwischen sechzig Zentimeter. Ich goss alle noch einmal durch und verstaute sie. Jeweils zehn Pflanzen kamen in einen Karton. Sicher waren meine Kollegen den ganzen Tag auf dem Feld gewesen, um es wie vereinbart für unsere nächtliche Aktion vorzubereiten.
Im Herbst steht das Weidegras auf ungenutzten Flächen hoch, bevor es sich im Winter durch Feuchtigkeit und Wind niederlegt. Im Frühjahr liegt alles brach, und neue Triebe schieben sich zwischen dem Heu hindurch. Im Mai erreichten diese schon eine beträchtliche Höhe. Sie zu mähen, hatten wir eine Sense besorgt.
War das Mähen erledigt, mussten die Pflanzlöcher ausgehoben werden. Dazu hatte der Pingelige einen Spaten speziell angeschliffen. Das Spatenblatt hatte er auf zwölf Zentimeter Breite, trapezartig auf die Schneide zulaufend, verkleinert. Diesen Spaten im Karree in den Boden gestochen, ergab ein Loch, das exakt dem Volumen des Wurzelballens unserer Pflanzen entsprach.

Punkt Zehn wartete ich noch immer auf meine Kollegen. Dauerte die Feldarbeit tatsächlich so lange? Die Minuten vergingen wie Stunden. Um halb elf hielt ich es nicht mehr aus und rief Pingel an. Nach dem zigsten Klingeln drang ein verschlafenes: „Wass′n?“ an mein Ohr.
„Wo steckt ihr, Mensch, ich warte auf euch!“
„Piss dir nich ins Hemd. Sind ja gleich da!“
Wenn mich meine Sinne nicht völlig täuschten, hatte ich Pingel gerade geweckt.

Zwanzig Minuten später ertönte an meiner Tür das vereinbarte Klingelzeichen. Die beiden standen vor mir in ihren schmucken, leopardengefleckten Felddienst-Uniformen.
„Ich hoff, du hast die Kisten fertig, Chico“, war das erste, was mir Laber nach einem verschlafenen „Tach“ zu sagen hatte. „Die Flächen sind noch nicht vorbereitet. Kommt günstiger, wenn wir alles in einem Ritt erledigen, comprende? Die Sense wartet unten im Bus.“
An mir vorbei stiefelte er ins Anlagenzimmer. Verdutzt folgte ich ihm. Ich stapelte die Kartons vor der Wohnungstür, von wo aus die beiden sie runter trugen und in Pingels Bus verstauten.
Nach einem letzten Uhrenvergleich konnte die Fahrt beginnen, mit exakt einer Stunde Verspätung.y
Unser Plan sah vor, dass wir getrennt mit zwei Autos rausfuhren. Ich bildete mit Labers Kombi die Vorhut, meine Kollegen würden mir im Drei-Minuten-Abstand in Pingels Bus folgen. Auf die Ausfallstraße fahren, grüne Welle abwarten und ohne Aufsehen die Stadt verlassen. An der ersten Tankstelle in südlicher Richtung würden wir uns treffen. Dort hatte ich das Benzin für beide Wagen aus der Firmenkasse zu bezahlen.

Auf der Straße brummelte Pingel: „Bin noch zu verpennt, den Bus zu übernehmen. Mach du das, Pratze, bist nun mal der Ausgeruhteste von uns.“
Wieder war ich völlig überrannt und kam erst wieder zu mir, als ich Pingels Schlüssel in der Hand hielt. Die beiden stiegen in Labers Kombi und düsten los.
Exakt drei Minuten später startete ich den Bus. Kaum war ich losgefahren, wusste ich, dass es ein Fehler gewesen war, mich überrumpeln zu lassen. Ein mit Graspflanzen gefülltes Auto war einfach kein guter Ort für mich. Sofort musste ich an meine Begegnung mit der jungen Polizistin denken. Nie würde ich den Augenblick vergessen, als mich die Labertasche allein mit den Bananenkisten in seinem Kombi zurückgelassen hatte: Vor mir der Polizeiwagen, in meinem Rücken, genau wie jetzt, eine höchst explosive Ladung.
Ich war derart vertieft in meine Erinnerung, dass ich die Linkskurve am Ende einer langen Geraden viel zu spät mitbekam. Ich konnte den Wagen nicht mehr drosseln und geriet ins Schleudern. Mit aller Vorsicht versuchte ich, gegenzulenken - nach einer gefühlten Ewigkeit bekam ich das Fahrzeug wieder in meine Gewalt.
Ich fuhr rechts ran, legte den Kopf nach hinten, schloss die Augen. Konzentrier dich, hier ist schon genug schief gelaufen! Mein Kopf sank aufs Lenkrad, ich versuchte, ruhig und gleichmäßig zu atmen. Vor meinen Augen tanzten Sterne, mir war schwindelig, Übelkeit in der Magengegend. Endlich normalisierte sich mein Puls.
Die Uhr tickte, ich musste weiter! Wer wusste, auf welche Ideen meine Kollegen an der Tanke kamen, wenn ich nicht im angemessenen Abstand dort eintraf.

Unversehrt erreichte ich die Tankstelle. Meine Kollegen standen abseits im trüben Licht einer einsamen Laterne.
„Dachten schon, du hast′s dir anders überlegt, Hombre“, schnalzte Laber und spuckte einen Grashalm aus dem Mundwinkel: „Also los, Companeros, Benzin fassen und rein ins Vergnügen!“
Meine Hand zitterte, als ich das rostumrahmte Tankschloss des Busses öffnete. Natürlich klemmte der Schlüssel.
Nach dem Bezahlen aktivierten wir unsere Walkie-Talkies und verließen die Tankstelle. Unser Ziel hieß Maria, die Pfefferminzwiese. Ich fuhr mit den Pflanzen wieder hinten, folgte meinen Kollegen im Drei-Minuten-Abstand.
Das war Teil unseres Plans. Falls der erste Wagen in eine Verkehrskontrolle kam, konnte er so den zweiten alarmieren. Drei Minuten - das bedeutete, der zweite Wagen konnte notfalls wenden, ohne sich verdächtig zu machen. Es war unwahrscheinlich, dass die Polizei ohne Sichtkontakt einen Zusammenhang zwischen unseren Autos herstellte. Zugleich war dieser Abstand klein genug, nach der Durchfahrt des Vorhut-Autos eine unverhoffte Kontrolle des zweiten Wagens auszuschließen.
Es war eine herrliche Frühlingsnacht. Weite Felder, Hügel, viel Wald und hundert geschlossene Imbissbuden rauschten an mir vorbei, doch ich bekam von alldem nichts mit. Ich fuhr wie unter einer Glocke - prall gefüllt mit schrecklichen Visionen.

Endlich kam ich neben Labers Kombi zum Stehen. Wie bei meinem ersten Besuch parkten wir die Wagen hinter der kleinen Brücke. Ausgestiegen, empfing mich der militärische Ton Pingels:
„Mach dein Handy aus! Ab jetzt verständigen wir uns über die Walkies!“
Beim Entladen stellte ich fest, dass vier der zehn Kartons durchnässt waren. Ich hatte in meiner Aufregung wohl ein wenig zu viel gegossen. Wir mussten die Kartons über die Fahrbahn und dann noch zweihundert Meter bis zur Pflanzfläche tragen.
Mit jeweils zwei Kisten auf den Schultern machten wir uns auf den Weg. In einem Gebüsch an der Straße lauschten wir auf Radfahrer, die uns beim Überqueren der Fahrbahn überraschen könnten. Das war um diese Zeit zwar unwahrscheinlich, doch erinnerte ich mich gut an den Mann mit Strohhut, der hier beim letzten mal meinen Weg gekreuzt hatte.
Einzeln huschten wir über den Asphalt, ich vorneweg. „Patsch, patsch“, begrüßte mich die nasse Furt - doch diesmal hielten meine sorgsam geputzten Schuhe dicht.
Leider verdeckte eine Feldahornhecke die Böschung. Die hatte ich in der Aufregung völlig vergessen - und landete mit meinen Kartons erst einmal auf dem Boden.
„Idiot!“, schallte es hinter mir. Zum Glück hatten wir die Kartons an Ecken und Kanten mit Packband verstärkt. So kamen meine Töpfe trotz Nässe und Sturz heil aufs Feld.
Ich fing an zu sensen, währenddessen holten die anderen die restlichen Kartons. Der Wiesentau tränkte meine Schnürstiefel. Der Furt hatten sie standgehalten, doch jetzt weichten sie im Nu völlig durch. Putzen reichte eben nicht. Beim nächsten Mal würde ich sie richtig einfetten müssen. Nur musste ich erst einmal diese Nacht überstehen!
Bald schmerzten mir die Arme von der ungewohnten Tätigkeit. Außerdem hatte ich längst Blasen an den Händen.
Unter einem Stein bemerkte ich im Schein meiner Kopflampe ein schimmerndes Etwas, das ich im ersten Moment für eine zusammengefaltete Plastiktüte hielt. Bei näherem Hinsehen schimmerte es schwarz und weiß, wenig später weiß und schwarz. Ich rieb mir die Augen. Als ich nach der Tüte griff, um sie aus dem Schwungbereich der Sense zu schleudern, registrierte ich die nächste Farbveränderung. Rau glitt mir das Etwas zwischen den Fingern hindurch. Es war eine Schlange, geschwind schlängelte sie davon. Ich taumelte zurück, meine Füße verloren den Halt, und ich kippte nach hinten weg. Der Tau drang durch meine Hose und berührte kalt meinen Hintern.

Das Sensen gestaltete sich, obwohl wir uns ständig abwechselten, als absolut aufreibend. Statt der veranschlagten Stunde brauchten wir vier. Nicht nur Gras stand uns im Weg. Aufkommende Sträucher sorgten dafür, dass das Sensenblatt schnell stumpf wurde. Einen Wetzstein hatten wir nicht dabei. Es wäre auch viel zu laut gewesen, die Sense auf offenem Feld zu schärfen.
Pingel vergaß ständig, nachdem er etwas gesagt hatte, sein Mikro auszustellen, so dass ich die ganze Zeit sein Gekeuche im Ohr hatte.
Als wir daran gingen, die Pflanzen auszusetzen, graute der Morgen. Immer wieder schickte ich ängstliche Blicke in Richtung Straße. Noch war alles ruhig, doch unsere Zeit unweigerlich abgelaufen. Die letzten zehn Pflanzen traten mit uns den Rückweg in die Stadt an. Die ganze Nacht hatten wir gearbeitet und trotzdem das Soll nicht erfüllt.
Die Sektflasche fiel mir wieder ein. Mein Geburtstag! Mir war nach allem anderen, als mit den Jungs darauf zu trinken.
Ich schleppte mich zum Kombi und ließ mich auf die Rückbank fallen. Pingel forderte stumm die Busschlüssel.
Auf der Rückfahrt spürte ich alle meine Knochen. Ich hatte kein Auge für die in diffuses Morgenlicht getauchte Landschaft. Auch der Sonnenaufgang fand ohne mich statt.
„So was mach ich nicht noch einmal mit“, waren meine letzten Worte, bevor ich auf der Rückbank in den Schlaf sank.

Ich erwachte bei mir vor der Haustür. Mechanisch schloss ich auf und stieg nach oben. Im Bett lag ich noch lange wach. In meinem Kopf ratterte es: Neunzig Girls ausgesetzt. Bei einem durchschnittlichen Ertrag von zweihundertfünfzig Gramm pro Pflanze waren das 22,5 Kilo verkaufsbereites Marihuana, also umgerechnet 112 500 Euro. Ohne alle Abzüge waren das für jeden 37 500 Euro. Bei aller Mühsal ergab das noch immer einen tollen Stundenlohn! Aber ich musste ja noch die Unkosten abziehen. Beim „Berechnen“ dieser Größe schlief ich zum Glück ein.