>> zur Druckversion

Folge 37 (Wochen vom 08.10.07 bis zum 21.10.07)

Labers SMS galt vor allem für die Pflanzen von Maria. Zwei Nächte nach unserem Gießeinsatz auf Juana bekam ich sie endlich zu sehen. Mir war feierlich zumute, als ich vor dem Wald zwei Meter hoher Hanfpflanzen stand. Wie majestätisch sie aussahen! In sattem Grün und in voller Kraft wiegten sie sich im Wind, und uns oblag das Recht, sie schon bald in bare Münze zu verwandeln!
Staunend ging ich zwischen den Pflanzen spazieren, strich über ihre Blätter. Ich konnte mich gar nicht satt sehen an ihren prächtigen Blütenständen. Das hier war eine ganz andere Liga als die Pflänzchen meiner Indoor-Anlage. Die ersten waren in Kürze soweit, dass wir sie ernten konnten. Unser Trockenraumproblem bedurfte also dringend einer Lösung.

Nach etlichen Anläufen konnte ich meine Kollegen davon überzeugen, dass es dringend angebracht war, Kontakt zu diesem Autoschrauber aufzunehmen. Der Laberkopf versprach mir, sich schnellstmöglich darum zu kümmern.
Nachdem ich ihn mehrfach daran erinnert hatte und der anberaumte Termin vier Mal verschoben wurde, war es eines Montags tatsächlich soweit.

Das Areal sah aus, als hätte man es nach dem letzten Krieg vergessen zu entrümpeln. Selbst Wiesenhügel war ein Musterdorf gegen diesen Teil der Südvorstadt. Vorbei an eingezäunten Schuttbergen und windschiefen Baracken führte uns Laber zu einem Mauerkarree. Ein mit Rostschutzfarbe bepinseltes, schmiedeeisernes Tor verwehrte unbefugtes Betreten. Durch das Gatter sah ich auf einen U-förmigen Innenhof. Ringsherum reihten sich zwanzig Garagentore aneinander, ein jedes mit einer Nummer versehen. Gleich links hinterm Tor hielt sich eine mit erblindeten Glasscheiben bestückte Tür in den Angeln. Mittels Reißzwecken war ein Schild mit der Aufschrift „BUERO“ an ihr befestigt.
Laber drückte auf den Klingelknopf. Ächzend tat sich eins der Garagentore auf. Ein stiernackiger Kerl mit schwarzer Lockenmähne schob sich auf den Platz. Sein Gesicht erschloss sich als ein Meer schwarzer Bartstoppeln, aus dem zwei Schweinsäugelein müde in unsere Richtung blinzelten. Zwischen seinen Lippen tänzelte ein Zahnstocher. Ein verschwitztes Muskelshirt spannte sich über dem wulstigen Bauch und gab den Blick frei auf zwei massige, mit Tätowierungen überzogene Arme. Durch die Schlaufen seiner Lederhose hatte der Fleischberg ein Armeekoppel gezogen. Er musterte uns ein paar Sekunden, dann bewegte er sich auf uns zu. Bei jedem seiner Schritte schepperte es metallen.
Der Kerl sah nicht wie ein Automechaniker aus, zumindest nicht wie einer, dem ein Familienvater seinen neuen Passat zur Durchsicht anvertrauen würde. Er konnte kaum laufen vor Kraft. Es dauerte ewig, bis er sich zu uns ans Tor vorgearbeitet hatte.
Dann stand er vor uns, und ich hörte seinen Atem rasseln. Seine Pranke ließ das Eisengitter erzittern. Mit Unbehagen betrachtete ich die Adern auf seinem behaarten Handrücken.
„Hi Lappy“, wandte er sich an den Laberkopf. „Sind das die Typen, von denen du erzählt hast?“
„Exactamente, Hombre“, bestätigte Laber.
Der Biker nickte und öffnete das Tor. Dabei murmelte er etwas, das klang wie: „Wenn ihr eure Pfoten von allem fernhaltet, was euch nichts angeht, können wir Kumpels werden.“ Genau konnte ich seine Worte nicht verstehen. Er redete sehr leise, und ich vermied tunlichst, ihm ins Gesicht zu sehen und dabei möglicherweise seinen Atem abzubekommen.
Scheppernd krachte das Gatter hinter uns ins Schloss. Der Biker steuerte auf eines der Tore zu - auf die Siebzehn, wenn ich mich recht erinnere.
Wir betraten eine Garage, so breit wie drei der Tore. Kühl war es hier drin, und es roch nach Maschinenöl. Ein paar vor sich hin flackernde Neonröhren tauchten den Raum in schmutzigen Dämmerschein. Zum Glück stand das Tor offen, sonst hätten wir hier drin wahrscheinlich nicht die Hand vor den Augen erkannt. Staubschwaden tanzten in den einfallenden Sonnenstrahlen, zu Dreck geronnener Staub bedeckte den ölverschmierten Betonfußboden sowie die Leitern, Böcke, Gerüststangen und all das andere Gerümpel, das sich entlang der Stirnwand bis zur Decke stapelte. War es das, was unsere „Pfoten“ nicht berühren sollten?
„Wenn ihr die Hütte brauchen könnt - ein Wort, und sie gehört euch!“, hallte die Stimme des Bikers durch die Garage. Die machte bei allem Dreck einen besseren Eindruck als ihr Besitzer - vor allem, als Pingel und ich entdeckten, dass sich ein Stück weiter hinten eine Montagegrube befand.
Sie war groß genug, um unsere gesamte Ernte aufzunehmen. Wir bräuchten nur rings an den Wänden Latten zu befestigen, an denen wir die Leinen für die Pflanzen fixieren konnten. Spannten wir auf Höhe des Hallenbodens eine Plane, befände sich das Ganze unter Tage und wäre zumindest auf den ersten Blick für kein unbefugtes Auge sichtbar.
Pingel sprang in die Grube. Als sich der Staub etwas gelegt hatte, bedeutete er mir, ihm zu folgen. Er kramte ein Maßband aus seiner Beintasche, drückte mir das freie Ende in die Hand.
„Halt′s mal da ran“, schickte er mich in eine der Ecken und begann, die Seitenwand auszumessen.
„Jetzt da rüber“, dirigierte er mich weiter, „Schiete Mann, da rüber, hab ich gesagt!“
Als Pingel das Band wieder in seiner Beintasche verschwinden ließ, sah seine Miene so zufrieden aus wie nach seiner Inspektion des „Verbotenen Zimmers“.
„Exakt die Maße, die wir brauchen. Die Belüftung krieg ich auch hin.“
„Was iss′n jetzt?“, erklang über uns die Stimme des Bikers. Er war an den Rand der Grube getreten und linste misstrauisch zu uns hinunter. Ich bekam ihn halb von der Seite zu sehen. Sein Gesicht war ein zotteliges, schwarzes Etwas, aus dem vorne der Zahnstocher ragte.
„Ist ganz o.k., der Laden“, brummte der Pingelige.
„Ganz o.k.?“ Der Biker wirkte aufgebracht. „Dass der Laden sauber ist, weiß ich selbst! Wollt ihr euch nun einmieten, oder nicht?“
Pingel griente. „Warum eigentlich nicht?“
Breitbeinig, die Arme vor der Brust verschränkt, stand er in der Grube - sichtlich vergnügt über jeden Augenblick, den er den Fleischberg zappeln ließ.
„Für zwei Monate kostet uns das Ganze zwei lila Scheine?“, bemühte ich mich, dem Duell der beiden ein Ende zu setzten. Tausend Euro, diese Summe hatte mir Laber genannt. Sie war mir an sich zu hoch, aber ich wollte so schnell wie möglich von hier verschwinden.
Der Biker richtete seine Schweinsaugen auf mich und schüttelte den Kopf. Langsam schob er seinen Arm nach vorn und streckte mir drei Finger entgegen. Im Flackerschein der Neonröhren sahen sie aus wie schwarze, dicht behaarte Bananen.
„Einsfünf?“, rief ich, entsetzt über diesen Anblick wie über die in ihm ausgedrückte Forderung. „Wieso fünfhundert mehr?“
„Zwei lila Scheinchen für die Miete, einen für die Vermittlung!“
Der Biker hatte in einem Ton gesprochen, als wolle er sagen: Für jede weitere Frage stirbt einer von euch einen langsamen, qualvollen Tod.
Ich überging die vermeintliche Drohung. Fünfhundert mehr, als Laber angekündigt hatte - mir schwoll der Kamm.
„Was denn für eine Vermittlung?“, rief ich zum Grubenrand hinauf, worauf sich die Hände meines Gesprächspartners zu Fäusten ballten. Seine Knie knickten ein Stückchen ein, als hole er Schwung, um sich im nächsten Augenblick auf mich zu stürzen. Ich schloss die Augen, doch der befürchtete Orkan blieb aus.
„Was wollt ihr eigentlich von mir?“, schnauzte der Biker hinter sich. Offenbar stand dort der Laberkopf.
Neben mir vernahm ich lautes Atmen. Offenbar war ich nicht der Einzige, dem fünfhundert Euro mehr zu schaffen machte.
„Tausend kriegste von uns, keinen bepissten Cent mehr!“, meldete sich der Pingelige, die Arme in die Seite gestemmt.
Der Atem des Bikers begann erneut zu rasseln. Sprungbereit verharrte er am Grubenrand. Ich sah, wie sich sein Brustkorb hob und senkte.
„Ist o.k.“, zischte er in Richtung Pingel, „Eins vier, mein letztes Wort.“
Pingels Blick fixierte die Hallendecke. Seine Züge entspannten sich. „In Ordnung, Alter!“
Der Biker nickte und griff sich an den Mund. Begleitet von einem hasserfüllten Blick warf er den Zahnstocher zu uns in die Grube, machte kehrt und entfernte sich in Richtung Ausgang. Wir hörten, wie das Klirren seiner Schritte langsam leiser wurde. Erst als es ganz verklungen war, kletterten wir hinauf.

„Manchmal habt ihr′s echt drauf, Hombres!“ Laber zwinkerte mir komplizenhaft zu, während er an seinem Bier nippte. Auf sein Geheiß waren wir im Freisitz des Ratskellers eingekehrt, „auf ein Dienstbier zur Auswertung.“
„Was haben wir drauf?“, knurrte ich. Nicht genug, dass wir für unseren Trockenraum fast fünfhundert Euro mehr hinzublättern hatten, als geplant! Gerade hatte ich auf dem Rechnungsbon gelesen, dass mein kleines Mineralwasser mit Zitronenscheibe genau so viel kostete wie die ausgewachsenen Biere meiner Kollegen.
„So schnell wie ihr hat noch keiner den Paul zur Weißglut gebracht“, nahm Laber seinen Faden wieder auf. „Bei Geld versteht der keinen Spaß, bei genauerer Kenntnis der Sachlage durchaus verständlich.“
„Ach, ja?“, stöhnte ich, „geht′s auch deutlicher?“
Statt mir zu antworten, deutete Laber auf den Markt, genau dorthin, wo ein hagerer Mann in kurzer Hose, Socken und Sandalen durch das nachmittägliche Treiben stolperte. An seinen Armen hingen zwei widerborstig vor sich hin schreiende Kleinkinder. Die Gören plärrten in einem fort und zerrten an seinen Händen.
„Dieser Kelch ist bisher an uns vorüber gegangen.“ Laber griente. „An Paule nicht.“
„Arme Sau, die!“, fügte Pingel hinzu. „Kein Wunder, dass der so verspannt ist. Drückt Alimente an vier Frauen ab. Da kann einem schon mal der Colt in der Tasche losgehen.“
„Aber genau!“, bekräftigte Laber, „in der Tasche ist′s dann ja auch billiger.“
Die beiden kriegten sich nicht mehr ein vor Lachen. Ich sah dem geplagten Familienvater hinterher. Als er in einer Seitenstraße verschwand, winkte ich der Kellnerin und bestellte mir auch ein großes Bier. Die Sonne schien, der Himmel war blau, und das Geld kam aus der Firmenkasse. Wer wusste, wie lange ich diese Freiheiten noch genießen durfte?
Auf dem Markt herrschte reges Treiben. Die Bänke in der Mitte des Platzes waren vollständig besetzt. Beanzugte Aktentaschenträger eilten über das Pflaster, Hausfrauen und Rentner erledigten ihre Nachmittagseinkäufe, ein kleines Mädchen mit geflochtenen Zöpfen leckte versunken ein Eis. Eltern schimpften mit ihren Kindern, Frauen mit ihren Männern.
Alle waren voll im Stress, und wir schauten ihnen dabei zu. In aller Seelenruhe saßen wir hier, während weit vor der Stadt unsere Pflanzen heranwuchsen, bis wir sie vom Halm holten und in Bares verwandelten. Sicher sprang schon lange keine drittel Million mehr für jeden heraus, doch sicher genug, um eine Weile sorgenfrei davon zu leben.
Ich wollte mich zurücklehnen, da bemerkte ich, dass meine Augen seit geraumer Zeit sämtliche Hintern der an uns vorbeiziehenden Frauen fixierten.
„Welches Körperteil macht euch bei den Weibern am meisten an?“, fragte Laber in die Runde. Mir blieb die Spucke weg. Hatte er mich beobachtet und wollte mich mit seiner Frage bloßstellen?
„Titten und Haare“, brummte der Pingelige und erntete Labers höflichen Beifall.
Ich sagte nichts. Meine Augen folgten gerade zwei endlosen Frauenbeinen. Sie steckten in einer schwarzen Hose aus extrem dünnem Stoff. Mein Blick sprang weiter nach oben, auf ihre Taille - und sank ganz langsam wieder nach unten. Unbarmherzig deutlich zeichnete das Gewebe die Konturen ihres knackigen Hinterteils nach. Ich musste die Augen schließen, Sehnsucht schnürte mir den Hals zu.
Es war einfach fies! Ohne zu murren, hatte ich die sexuelle Dürre meines nunmehr zehnmonatigen Eremitendaseins ertragen. Dabei half mir der Umstand, dass die aufgezwungene Enthaltsamkeit für eine Abstumpfung meiner Sensoren sorgte. Ich hatte gelernt, Anblicke reizvoller Frauenbeine als Informationen über das Leben auf einem weit von unserer Zivilisation entfernten Stern anzusehen. Seit meiner Nacht mit Yvonne funktionierte das jedoch nicht mehr. Die Besitzerin dieser erregenden Beine war aus dem gleichen Fleisch und Blut wie ich - und trotzdem unerreichbar. Seit ich mit Yvonne geschlafen hatte, spürte ich schmerzlicher als zuvor, was mir zum Menschsein fehlte - mehr, als alles Geld der Welt.
„Warst du mal wieder unten an der Mole?“, fragte Laber.
Ich spürte, wie ich rot wurde. Schnell schüttelte ich den Kopf und sagte, so unbeteiligt ich konnte: „Bin noch nicht dazu gekommen.“
„Solltest du aber“, erwiderte Laber, „es könnte sich lohnen.“
„Was soll&primr;n sich da lohnen?“, knurrte der Pingelige.
Laber nickte mir zu. „Wer weiß?“

Im Oktober Sturm und Wind, uns den frühen Winter künd′.

Der Herbst war übers Land gekommen. Die Tage, an denen man sich aufs Rad schwingen und baden fahren konnte, waren endgültig vorbei. Keine Woche verging mehr ohne ausgiebige Regenschauer, kaum ein Tag ohne Wind, der an den Fenstern vorbeipfiff und die gesprungenen Scheiben im ehemaligen Anlagenzimmer erzittern ließ.
Unsere Blicke starr nach vorn gerichtet, fuhren wir durch die Dunkelheit. Bis kurz nach Mitternacht hatte mich Pingel warten lassen, natürlich nicht, ohne mich einmal pro Stunde anzupiepen und mir ein brummiges „Dauert noch!“ hinzubellen. Er arbeitete wieder beim Messebau, in der großen Stadt am Sund. Tagsüber schraubte er Messestände zusammen, und in der Nacht fuhr er mit mir auf die Felder.
Bei unserem vierten Gespräch hatte ich die Geduld verloren. „Lassen wir es gut sein für heute. Wenn wir erst gegen Vier vom Feld kommen, sehen wir wie Eierdiebe aus.“
„Wir ziehen das durch!“, hatte Pingel in einem Ton entgegnet, der jeden weiteren Einwand ausschloss. „Hast du ne Säge? Bring mit!“

Nun tuckerten wir durch die Landschaft. Inzwischen war Nebel aufgekommen. Maria lag in einer Senke, wir mussten also mitten rein in diese Suppe. Die Sicht ging gegen Null, trotz der Nebelscheinwerfer. Die funzelten lediglich einen kleinen Lichtfleck aus dem Dunst. Die Stämme der Alleebäume tauchten darin auf wie die Extremitäten gewaltiger Urzeitechsen. Direkt über uns schaukelten ihre tonnenschweren Bäuche. Hoffentlich fiel keinem Saurier ein, sich hinzusetzen oder die Spur zu verlassen.
Pingel klemmte hinterm Steuer, den Oberkörper nach vorn gebogen, um überhaupt etwas zu sehen. Tiefe Furchen spalteten seine Stirn. Zwischen seinen Händen prangte der Mercedesstern auf dem Lenkrad. Weil sein Bus noch immer nicht flott und Labers Kombi mal wieder nicht verfügbar war, hatte sich Pingel den Transporter seines Messebauchefs ausgeborgt. Nicht auszudenken, wenn er das Ding im Nebel gegen ein Saurierbein setzte.

Brücke

Der Pingelige ließ den Transporter auf einem dünnen Rasenstreifen ausrollen. Die Scheinwerfer holten dicht vor uns die Umrisse der kleinen Brücke aus dem Dunst, dann wurde es dunkel. Pingel stützte sich aufs Lenkrad, rieb sich die Augen und brummte: „Hast du die Säge dabei?“
„Ja, klar.“
Ein Ruck durchfuhr seinen Körper, kerzengerade saß er auf seinem Sitz. „Gucken wir nach den Girls. Die ersten nehmen wir gleich mit!“
Wir ernten heute? - hieß die entsetzte Frage auf meinen Lippen. Ich kam nicht mehr dazu, sie loszuwerden. Pingel hatte sich bereits aus dem Wagen geschwungen. Der tanzende Schein seiner Kopflampe zeigte ihn beim Überqueren der Straße. Fluchend stürzte ich hinterher.
Nasskalte Nachtluft kroch unter meine Jacke. Eine Anti-Mücken-Haube brauchte ich jetzt wahrlich nicht mehr. Ich war froh, dass ich in letzter Sekunde meine graue Pudelmütze eingesteckt hatte. Kurz hinter der Furt holte ich den Pingeligen ein. Im Eilmarsch staksten wir über das Feld, fast wie neulich Nacht in meinem Alptraum.
Trotz der Kopflampen sahen wir fast nichts. Immer wieder rutschten unsere Füße im feuchten Matsch aus. Es knisterte unter Pingels Arm.
„Müllsäcke!“, bellte er, als er meinen Blick bemerkte - und drückte mir die Rolle mit einer solchen Wucht gegen die Brust, dass ich ins Straucheln geriet. Für einen Augenblick verlor ich das Gleichgewicht und wäre wohl der Länge nach in den Modder geplumpst, wenn mich nicht ein großer, stabiler Busch aufgefangen hätte.
Glücklicherweise hatten wir gerade die Pflanzen erreicht. Ich ließ den Stamm der Hanfpflanze los, versicherte mich, dass ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte und trat auf Pingel zu.
„Das ist echt das Letzte!“
Pingel stierte mich an: „Was iss′n los?“
„Was los ist?“ - platzte es aus mir heraus. „Wir rücken hier an wie die Friseure, und du fragst, was los ist? Mensch, Pingel, wozu haben wir Absprachen getroffen? Erinnerst du dich? Laber besorgt den Schlüssel von diesem Reifenfritzen, und du sagst mir Bescheid, wenn ich dir beim Ausbau der Grube helfen soll! So und nicht anders! Erst richten wir den Trockenraum her, dann wird geerntet! Nicht, wie wir jetzt hier ... bei dem beknackten Wetter! Wir sehen ja nicht mal die Hand vor Augen!“
Ich fühlte mich erleichtert. Pingel hatte meine Tirade über sich ergehen lassen, ohne mit der Wimper zu zucken.
„Was willst′n vorbereiten?“, raunzte er nun zurück. „Noch ein Buch lesen, Thema Hanfernte? Mann, Pratze, wir sind hier nicht in deiner verkackten Uni. Die ersten Girls sind soweit, klar? Und das Wetter ist super. Sieht wenigstens keiner, was wir durch die Gegend kutschen.“
Damit hatte auch er seinem Herzen Luft gemacht. „Hol die Säge raus“, brummte er, beinahe freundlich. „Wir nehmen so viele mit, wie in die Säcke passen, klar?“

Ich kramte meine japanische Klappsäge aus dem Rucksack und reichte sie dem Pingeligen, der sich unverzüglich daran machte, Pflanzen zu fällen. Zupacken kann er wie kein zweiter, musste ich neidlos anerkennen.
Pingel sägte mit der Kraft und Beharrlichkeit eines russischen Dieselmotors. Die gefällten Stauden schichtete er zu einem Haufen - meinem Arbeitsplatz. Mit der Rosenschere, die ich eigentlich zum Entfernen einzelner trockener Zweige mitgebracht hatte, schnitt ich die Stämme frei. Die Zweige mit ihren Blättern und den Buds stopfte ich in die Müllsäcke, die verholzten Sprossachsen warf ich im hohen Bogen in die Botanik.
Die Arbeit linderte die Wut in meinem Bauch. Mit jedem Wurf schickte ich einen gegen meine Kollegen gerichteten Fluch in den Nebel. Trockenraum ausbauen, Ernte einfahren - so einfach und vernünftig hatte das geklungen! War ich zu blöd, diesen Plan umzusetzen, oder - gerade noch rechtzeitig zuckte meine Hand zurück. Um ein Haar hätte ich mich bei meiner Grübelei in die Finger geschnitten.
Ich schaltete einen Gang zurück. Was hatte ich erwartet? Diese Hau-Ruck-Aktion war geradezu typisch für unsere Arbeitsweise. Warum machte ich mir immer wieder die Mühe und ärgerte mich darüber?
Freilich hatte unser Plan für die Ernte völlig anders ausgesehen als das, was wir hier trieben. Einen gebrauchten Transporter wollten wir kaufen. Als klar wurde, dass das erwirtschaftete Geld dazu nicht langte, beschlossen wir, für die Zeit der Ernte einen Bus zu mieten, den wir vor der ersten Tour entsprechend präparieren müssten. Die gesamte Ladefläche sowie sämtliche Fenster waren mit Plastikfolie auszukleiden - um zu verhindern, dass der Grasgeruch nach draußen und neugierige Blicke ins Wageninnere drangen.
Und nun diese hektische Aktion hier! Immerhin bekam so die Angst erst gar keine Chance. Bald standen alle mitgebrachten Säcke prall gefüllt auf dem Feld.
„Hucken wir sie zum Wagen!“, keuchte der Pingelige und wischte sich den Schweiß aus der Stirn. Ich starrte auf seine leeren Hände. „Wo ist die Säge?“
Pingel fasste sich an den Kopf, dann deutete er hinter sich in den Nebel. „Schiete, Mann. Die liegt da hinten irgendwo! Lass mal“, wurde er versöhnlich, „beim nächsten Mal bringe ich sie dir mit.“
Mir war klar, dass ich das japanische Schneidwerkzeug nie wiedersehen würde, doch das war im Moment nicht mein größtes Problem. Ein weitaus Schwerwiegenderes stand, in Plastikfolie verpackt, direkt vor uns.
Die Pflanzen waren feucht und damit um ein Vielfaches schwerer als in trockenem Zustand - zu schwer für unsere Müllsäcke? Würden sie aufreißen, sobald wir versuchten, sie anzuheben?
Pingel war indes in völlige Regungslosigkeit verfallen. Ich befürchtete schon das Schlimmste, da bemerkte ich, dass seine Augen einen der Säcke fixierten - wie ein Gewichtheber, der sich für seinen alles entscheidenden Versuch konzentrierte.
Fünf Sekunden, dann packte Pingel den Sack, ganz tief unten. Ächzend stemmte er ihn auf seine Schulter und stiefelte los. Nach wenigen Schritten hörte ich ein langgezogenes „Rrrritsch“, und der Pingelige brüllte „Schiet, verdammter!“ in den Nebel.
Ich stand wie gelähmt. Pingel war fürs erste damit beschäftigt, den Inhalt des von oben bis unten aufgerissenen Müllsacks mit wuchtigen Fußtritten in der Gegend zu verteilen. Als das erledigt war, drehte er sich um und stapfte los, Richtung Straße, quer über den Acker. „Komm mit!“ brüllte er, dass es von den nebelumhüllten Wipfeln widerhallte.

Im Laderaum des Transporters lagen, zusammengeklappt, ein paar der Kartons, mit denen wir im Frühjahr die Pflanzen aufs Feld transportiert hatten. Pingel hatte diese Ernteaktion also von Anfang an geplant und mich im Regen stehen lassen wie einen Wäschejungen.
Schweigend falteten wir die Kartons zusammen, verstärkten noch einmal alle Ecken und Kanten mit dickem Paketband, das in großen Rollen im Transporter lag.
„Haben wir echt Schwein, dass das hier ne Messebaukarre ist“, brummte Pingel, „da gehört das Klebezeug zur Grundausstattung.“
Jeder zwei Kartons unterm Arm, eilten wir aufs Feld zurück. Es war Pingels gutem Orientierungsvermögen zu verdanken, dass wir die Müllsäcke bereits nach kurzer Suche wiederfanden.
Alsdann bemühten wir uns, soviel wie möglich aus jedem Sack in die Kartons hinüberzuretten. War einer voll, klebten wir ihn zu und schleppten ihn zum Wagen rüber. Um uns herum schwebte eine dichte Marihuana-Wolke.

Erschöpft lehnten wir an der Bordwand, doch noch waren wir nicht gerettet. Der gefährlichste Teil der Aktion lag noch vor uns: der Transport in die Stadt. Kam ein Polizeiwagen auch nur in unsere Nähe, waren wir geliefert.
Pingel rauchte eine Zigarette. Im Schein der Glut sah ich, wie ihm immer wieder die Augen zufielen.
„Soll ich lieber fahren?“
Mir war reichlich unwohl bei dem Gedanken, einen mir fremden und noch dazu geborgten Transporter voller Dope durch diese Waschküche zu steuern.
„Ich lenke das Baby“, entschied Pingel mit rauer Stimme. „Weißt eh nicht, wo ich wohne. Pass auf, dass ich nicht einpenne, klar?“
Seine Hand griff nach der Fahrertür.

Um uns herum roch es wie in einem türkischen Männerpuff. Der Transporter besaß keine Trennwand, das Gras konnte sein schweres, feuchtes Aroma ungehindert zur Entfaltung bringen.
Wir fuhren also zu Pingel, nicht zu Reifenpaul. Und, warum? Weil wir keinen Schlüssel für seinen Hof besaßen. Weil ihm Pingel zwar das Geld in die Hand gedrückt, aber nicht mit der Vorbereitung der Montagegrube begonnen hatte - gab ich mir die frustrierenden Antworten.
Zumindest verhinderte dieses unerquickliche Selbstgespräch, dass ich einschlief. Putzmunter fühlte ich mich jetzt, ganz im Gegensatz zum Pingeligen. Wenn der jetzt wegnickte, war alles aus! „Drogenpflanzer hochgezogen - zu dumm zum Autofahren“ - sah ich die Schlagzeile im BODDEN-KURIER.
„Wo wohnst du eigentlich?“, sprach ich den Pingeligen an, als ihm wieder mal der Kopf verdächtig weit nach unten gesunken war.
Er rappelte sich hoch, schlug sich mit der flachen Hand auf beide Wangen.
„Danke fürs Wecken.“
„Keine Ursache.“
„Wohne jetzt ein Stück außerhalb der Stadt. Ein Kumpel hat mir vorübergehend seine Bude überlassen. Ganz o.k., der Laden: Altbau, fünf Parteien, kleiner Hof davor.“
Ein Gähnkrampf unterbrach seine Rede.
„Schmeiß mal meine Tasche rüber. Kannst dir auch eine nehmen.“
Wollte er in seinem Zustand Bier trinken? Bei diesem Kerl war alles möglich. Wenn er tatsächlich Bier verlangte, war es nicht angebracht, es ihm zu verweigern. Ich langte nach seinem Rucksack, fasste hinein. Meine Finger berührten etwas, rundes, kaltes - eine Dose RED BULL. Pingel riss sie mir aus der Hand, ließ mit seinen Zähnen den Verschluss zischen und kippte sich das Zeug auf Ex in den Schlund.
„Verleiht keine Flügel, ist aber ganz gut bei Müdigkeit, klar?“, verlangte er nach der nächsten Dose.
Die Gedanken an den Trockenraum hatten mich wieder. Als mir der Pingelige wieder einigermaßen belastbar erschien, ertrug ich die Ungewissheit nicht länger. „Sag mal, was ist eigentlich mit Reifenpaul?“
Pingel quittierte meine Frage mit einem Blick, mit dem er in jedem Thriller als psychopathischer Killer durchgegangen wäre.
„Vergiss den Kerl, klar?“
Damit hatte er alles gesagt, was zu diesem Thema aus ihm herauszubekommen war.
„Lass uns mal über die Labertasche reden“, fuhr er nach kurzer Pause fort. „Der dreht ernsthaft am Rad, nen Tick zu weit, wenn du mich fragst. Pass bisschen auf, wenn du mit ihm zu tun hast, klar? Am besten, gehst ihm ganz aus dem Weg.“
Ich nickte. Im Gegensatz zur Trockenraumfrage wurde Pingel beim Thema Laber richtig lebhaft.
„Der quatscht mir in letzter Zeit zu viel von Knarren“, fuhr er fort. „Hat vielleicht seiner Bullentorte die Dienstwaffe geklaut, was weiß ich? Auf jeden Fall läuft der nicht mehr rund.“
Mit zugeschnürter Kehle folgte ich Pingels Ausführungen.
„Pass auf, Pratze!“, kam er auf den Punkt: „Wir lassen ihn endgültig aus allem raus, klar? Frag ihn nicht mehr, ob er mit rauskommt! Wir nehmen ihm ganz sacht die Zügel aus der Hand. Wenn unsere Ernte gepusselt ist, halt ich ihn schon in Schach.“
Leise, mit klarer Stimme hatte Pingel gesprochen. Es gab keinen Zweifel, er meinte es ernst. Aber ich war kein Rambo wie er.
„Wenn er ne Knarre zieht?“, wandte ich ein. „Was machen wir, wenn er auf den Trichter kommt, uns zu verpfeifen?“
Pingel schüttelte den Kopf: „Wir kennen uns schon aus′m Buddelkasten. Nee, Pratze, das macht der nicht. Und wenn, breche ich ihm sämtliche Knochen.“
Mir war klar, dass er auch das zu einhundert Prozent ernst gemeint hatte, wörtlich.

Deine Meinung interessiert uns

  • für Pratzke bei blog-o-rama.de voten
  • für Pratzke bei Trackback voten
  • für Pratzke bei podcast.de voten
  • yigg it
  • Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen
  • TopBlogs.de

© 2006 Nussbücker / van Uehm