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Folge 35 (Wochen vom 10.09.07 bis zum 23.09.07)

Morgenrot - schlecht Wetter droht.
Abendrot - Gutwetterbot.

Mit bebenden Lungen rannte ich über den nächtlichen Feldweg. Jeder Schritt dröhnte in meinen Ohren, ich spürte, wie mir die Kräfte schwanden - trotzdem zog ich das Tempo noch einmal an. Es half nichts. Der Scheinwerferkegel des Jeeps schob sich unaufhaltsam an mich heran. Hinter mir Lautsprecherknistern.
„Hier spricht die Polizei!“, plärrte eine blecherne Stimme in meinen Nacken: „Bürger Pratzke, bleiben sie stehen!“
Neben mir rannte der Pingelige. Er schnaufte ordentlich, dennoch waren seine Bewegungen geschmeidiger als meine. Überhaupt wirkte er erstaunlich frisch.
„Mist!“, japste ich, „die... kriegen... uns!“
„Abwarten“, entgegnete Pingel gelassen. Ein paar Meter weiter schüttelte er den Kopf: „Kein Bock mehr... Schiet hier... ich nehme den Wagen.“
Mit diesen Worten verschwand er im Gebüsch. Ich wollte es ihm gleich tun, doch meine Füße verweigerten den Gehorsam. Ich bekam sie nicht aus der eingefahrenen Spur des Feldwegs. Das aufheulende Motorengeräusch hinter mir ließ mich erzittern. Unerreichbar weit vor mir sah ich den Pingeligen in Labers Kombi steigen und davonfahren.
Wieso kann der einfach so abhauen, und ich nicht? Eine Antwort erhielt ich nicht mehr. Die Arme wurden mir nach hinten gerissen, mein Körper zu Boden geschleudert und meine Gelenke in Handschellen gepresst. Kraftvoll zupackende Hände drehten mich auf den Rücken, dass ich auf meinen Händen lag wie ein verunglückter Maikäfer. In das Stück Nachthimmel über mir schob sich ein markiges Schirmmützen-Gesicht, dazu eine langmähnige Blondine im glitzernden Oberteil. Es war Claudia, Labers Geliebte.
„Na, Bürger Pratzke?“, spöttelte der Markige, „Was suchen wir denn hier, mitten in der Nacht auf einem Marihuanafeld?“
Claudias Blick hatte etwas Vernichtendes, ich sah ihre Hand näherkommen, spürte ein heftiges Klatschen. Die Wucht ihrer Ohrfeige warf meinen Kopf auf die Seite.
„Du mieser Dealer!“
Claudias Ton erinnerte mich an Marion, wenn sie ganz besonders wütend war:
„Das warst du ganz allein, ist das klar? Denk nicht, dass du meinen Freund da mit reinziehen kannst!“
Das Bimmeln einer Fahrradklingel drang an mein Ohr. Der Polizist und Claudia verschwanden aus dem Bild, statt ihrer beugte sich Yvonne über mich. Ganz nackt war sie, ihre Pippi-Langstrumpf-Zöpfe in Auflösung begriffen. Mein Blick verfing sich in ihrem Nachtgesicht. Ich wollte die Arme nach ihr ausstrecken, doch brachte ich es nur zu einem hilflosen Ruckeln in den Handschellen.
Yvonne schüttelte den Kopf. „Haste schon vergessen? Du sollst mir keine Szene machen, hab ich gesagt. Lass mich da raus, ich hab keinen Bock auf die Story hier.“
Ich auch nicht! - wollte ich erwidern, doch Yvonne war schon wieder verschwunden. Als ich meinen Kopf für einen Moment hoch bekam, sah ich sie splitternackt auf ihrem Fahrrad davonbrausen. Mein Kopf wurde unsanft auf den Boden gepresst, und ich hatte wieder Labers Freundin über mir. Ihr langes, blondes Haar kitzelte mich am Kinn.
„Es war Notwehr, klar?“, sprach sie in die Richtung ihres Kollegen, dann gehörte ihre Aufmerksamkeit wieder mir. Sie legte mir ihre Hand auf Mund und Nase. Ihre Finger drückten zu. Vergeblich versuchte ich, meinen Kopf zu drehen, mich zu befreien. Sie hatte mich gewissenhaft fixiert und drückte mir in aller Ruhe die Luft ab.
„Claudia, wart mal kurz“, vernahm ich Labers Stimme.
„Was denn?“ Ihr war anzuhören, dass sie nur ungern von mir abließ.
„Nimm das Kissen, da tut′s ihm nicht so weh.“ Der Laberkopf reichte ihr mein Kopfkissen! Wie kam der an mein Kissen? Doch das war jetzt nicht mein größtes Problem, denn Claudia hatte sich wieder mir zugewandt. Mein Kopfkissen schwebte auf mich zu wie eine bleierne Wolke. Kurz, bevor es unwiderruflich auf meinem Gesicht landete, rollte ich mich mit aller Kraft zur Seite - und fand mich neben meiner Matratze wieder.
Meine rechte Hand lag eingeschlafen unter meinem Becken, die Linke hielt mein Kopfkissen umklammert. Ich war schweißüberströmt. Draußen dämmerte der Morgen.
Erleichtert wälzte ich mich auf die Matratze zurück. Noch einmal zogen Fetzen meines Alptraums an mir vorbei. Was mich am meisten mitnahm, war nicht, dass uns die Polizei erwischt hatte. Auch, dass mir Labers Freundin nach dem Leben trachtete, war nicht so schlimm wie die Abfuhr von Yvonne. „Mach mir keine Szene“, hatte ich noch immer ihre Stimme im Ohr. An Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken. Nur eins wusste ich: Ich muss weg hier, raus aus der Stadt, und zwar noch heute.

„Wassn los?“, knurrte Pingel in den Hörer. Er klang so müde, als wäre er heute Nacht tatsächlich mit mir vor dem Streifenwagen weggerannt.
„Ich habe ein Problem“, begann ich. „Mir ist da was passiert, ... kann ich dir schlecht am Telefon erzählen. Könntest du herkommen? Oder ich komme zu dir?“
„Keine Zeit!“, schnauzte Pingel, „was ist los?“
„Mir fällt die Decke auf′n Kopf. Vielleicht wäre es für uns alle das Beste, wenn ich mal ein paar Tage verschwinde.“
„Warum nicht?“ brummte er. „Die Girls kommen auch ohne dich klar. Denen brauchste keine Lampe mehr zu halten. Wo ist jetzt das Problem?“
„Du hättest also nichts dagegen, wenn ich für ein paar Tage aufs Land verdufte?“
„Nicht die Bohne!“
„Und die Labertasche?“
„Was soll mit dem sein?“
„Na, ist schließlich sein Wagen.“
„Laber!“ schnaufte Pingel. „Dem kann′s scheißegal sein, was du mit seiner Karre machst, klar? Kotzt mich sowieso an, der Typ. Nie und nimmer kriegt der′n Drittel von der Kohle! Wir haben die Arbeit gemacht, also ernten wir auch die Früchte, klar?“
„Also, du meinst, ich kann fahren?“
„Was? Klar, kannst du fahren! Meinen Segen haste, und jetzt lass mich in Ruhe!“

Als ich Dietmar an der Strippe hatte, klang er im ersten Augenblick überhaupt nicht begeistert von meiner Idee, ihn zu besuchen.
„Na ja,... doch, Micha, komm vorbei!“, meinte er schließlich. „Ich stell schon mal das Bier kalt. Weißt du, es ist vielleicht sogar gut, dass du kommst.“
Was sollte das nun wieder heißen? Egal, bloß weg hier! Ich suchte ein paar Klamotten zusammen, warf sie in meinen Reiserucksack. Zehn Minuten später war ich startklar. Ich würde weder unter Yvonnes Fenster rumnerven, noch ihr am Fischstand mit verliebten Blicken auf den Keks gehen. Ich würde ihr keine Szene machen, mich statt dessen endlich mal richtig entspannen, draußen bei Dietmar.
An der Wohnungstür hielt ich inne. Hatte ich in der Eile nichts Wichtiges vergessen? Ich schaute mich um. Auf den ersten Blick war alles „sauber.“ Die Anlagenteile hatte der Pingelige abgeholt, die Verarbeitungsmaschinen für das Gras standen im Keller, sorgsam in Umzugskartons verpackt. Auf die hatte ich den Namen eines fiktiven Kumpels gekrakelt, der sie angeblich bei mir untergestellt hatte, bevor er auf Weltreise gegangen war.
Im Prinzip befand sich nichts mehr in der Wohnung, was in irgend einer Weise mit der Operation Wiesenhügel in Verbindung gebracht werden konnte - bis auf die Barren! Im Kühlwürfel unter meinem Fernseher befanden sich mehrere hundert Gramm verkaufsbereites Dope, das konnte ich unmöglich dort liegen lassen. Nicht, dass ich aus Altwarben zurückkehrte, und es ging mir so wie dem Schusseligen nach seinem Messeausflug. Ich setzte meinen Rucksack ab und wählte seine Nummer.

„Ich war grade im Bio-Markt“, ließ ich Schussel gar nicht erst zu Wort kommen. „Hab ein bisschen zu viel eingekauft. Kannst du vielleicht noch etwas Grünzeug gebrauchen?“
„Ja, klar!“ Schussel klang hocherfreut. „Bin in letzter Zeit nicht zum Einkaufen gekommen, weißt? Wär echt nett, wenn du mir was längs bringst.“
Der Schusselige wartete noch immer darauf, dass ein Platz im offenen Vollzug für ihn frei wurde. Die Galgenfrist ließ er natürlich nicht ungenutzt verstreichen. In diesem Fall passte mir sein Leichtsinn gut in den Kram. Ich bekam so einen Teil der gefährlichen Ware aus dem Haus, und es brachte noch etwas ein! Schließlich musste Schussel jede Lieferung im Voraus bezahlen.
Zu diesem Zweck hatten wir, nicht direkt bei ihm, sondern zwei Eingänge weiter, einen toten Briefkasten eingerichtet. Schussel und ich besaßen je einen Schlüssel für den Kasten. Ich wollte weder, dass er bei mir auftauchte, noch dass ich mit dem Dope in der Tasche seine Bude betreten musste. Das Haus war noch nicht saniert, die Haustür stand also immer offen. Bei der Masse der Briefkästen, aus denen Werbung quoll, fiel unserer überhaupt nicht auf.

Ich verpackte das Dope sorgsam in Folie, verstaute alles in meinem Armeerucksack und machte mich auf den Weg. Schon lange war ich diese Strecke nicht mehr gegangen.
Wie immer war nicht viel los auf den Straßen. Trotzdem lief ich die gewohnten Umwege. Kurz vorm Ziel vollführte ich noch einen abrupten Schlenker. Meine Aufregung wurde stöärker, je näher ich dem entscheidenden Eingang kam. Erst, als ich die völlige Gewissheit hatte, dass mir tatsächlich niemand folgte, trat ich in den Hausflur.
Auch hier keine verdächtige Veränderung. Unser Briefkasten existierte noch. Ich zog die Werbung heraus, schloss auf. Ein Umschlag lag darin, in dem steckte das Geld. Es reichte für zweihundert Gramm. Tausendvierhundert Euro auf der Habenseite waren mehr, als ich erwartet hatte. Ich nahm sie an mich, packte das Dope in den Kasten, stopfte die Werbung wieder rein und sah zu, dass ich Land gewann.
Der Drang, so schnell wie möglich die Stadt zu verlassen, verführte mich dazu, den Rückweg knapper zu halten als gewohnt. Zu Hause verstaute ich den Rucksack mit dem restlichen Dope in einem der Umzugskartons meines weltreisenden Kumpels.

Frei, frei, ich bin frei! Nach vier vertrödelten Wochen seit dem Ende der Auspflanzungen sah ich endlich wieder die Sonne. Es war sogar noch mal richtig sommerlich geworden.
Friedlich fraß der Kühler den Asphalt, die Alleebäume rauschten an mir vorbei. Die Getreidefelder rechts und links reichten bis zum Horizont. In der Ferne arbeitete eine Mähdrescherkolonne. Ein Großteil der Flächen war bereits abgeerntet, das Stroh zu dicken, runden Ballen gepresst, die wie Elefanten-Klopapier-Rollen auf die Äcker drückten.
Mäht, bis eure Messer stumpf werden, unsere Pflanzen findet ihr ja doch nicht! Nur wir wussten, wo sie standen. Nicht mehr lange, dann würden wir die Ernte einfahren.
Doch was geschah bis dahin? Hielt die intensive Sonneneinstrahlung an, brauchten unsere Pflanzen dringend Wasser! Mussten sie nicht auch mal wieder gedüngt werden? Wer pflegte sie, während ich mich in Dietmars Paradies vergnügte? Dass sich die Labertasche einen feuchten Kehricht um unsere Pflanzen scherte, stand außer Frage. Konnte ich mich darauf verlassen, dass Pingel notfalls allein auf die Flächen fuhr? War es ein Fehler, jetzt einfach so zu verduften?
Egal! Ich konnte mich nicht um alles kümmern - nicht in meiner augenblicklichen Verfassung. Pingel bekam seine gelegentlichen Aussetzer, Laber fuhr regelmäßig mit seiner Aktuellen durch die Weltgeschichte, und auch ich brauchte mal eine Pause!
Nur noch drei Dörfer und ein Waldstück trennten mich von Altwarben. Die gelben Stoppelfelder unter blauem Himmel sahen aus wie von Van Gogh. Ein herrliches Bild, und wie großartig würde es erst noch werden! Die wilde Pracht von Dietmars Vorgarten - nicht mehr lange, und ich sah die Heckenrose wieder! Im Schatten der Apfelbäume würde ich auf der Wiese liegen und all die Nervereien der letzten Monate vergessen. Dachte ich nur an den Mann auf dem Hochstand und den Jeep - kaum zu glauben, dass uns die Beiden nicht entdeckt, keinerlei Notiz von uns genommen hatten.
In der herrlichsten Mittagssonne passierte ich das Ortsschild von Altwarben. Ein würdiger Auftakt. Ich schaltete runter, ließ die Kirche rechts liegen und bog in die Dorfstraße ein. Wie von selbst hielt der Kombi neben dem windschiefen Bretterzaun, direkt hinter Dietmars Transporter.
Ich stieg aus, atmete tief durch, schaute zum Hexenhäuschen und auf das dichte Grün des Vorgartens. Die Pforte stand wie immer einladend offen, herrlich blühten die Geranien, aber wo war die Heckenrose? Die Tür klappte. Dietmar trat heraus. Ernst und abgespannt sah er aus.
„Wir haben mit dem Essen auf dich gewartet. Es gibt Kartoffelsuppe, aber Grill und Bier warten schon auf ihren Einsatz.“
Dietmar drückte mich an seine Athletenschulter, dann ließ er mich eintreten. Im Flur stieg mir der vertraute Geruch der vietnamesischen Bastmatten in die Nase, mit denen der Boden ausgelegt war. Die Tür zur Wohnstube stand offen. Auf dem groben Eichenholztisch lagen drei Gedecke. Conny kam mir mit dem dampfenden Suppentopf entgegen.
„Hallo Micha“, murmelte sie im Vorbeigehen. Sie trat in die Stube, stellte den Topf auf den Tisch. Dietmar folgte ihr und rückte ihr den Stuhl zurecht.
Mir war der Platz gegenüber Conny zugedacht, Dietmar saß wie immer am Kopfende. Während ich mich setzte, suchte ich Connys Blick. Sie schaute an mir vorbei. Dietmar machte sich daran, unsere Teller zu füllen.
Mir war nicht nach Essen. Warum sagten die beiden nichts, und wieso ignorierte mich Conny so beharrlich? Dietmar hätte es mir ruhig sagen können, wenn ihr mein Besuch nicht in den Kram passte. Sollte ich nach dem Essen wieder abhauen? Erst mal soweit kommen! Das Schweigen der beiden drückte mir den Magen zu. Mein Teller war voller Suppe, jeder Löffel Schwerstarbeit.
Das Schweigen blieb, bis Conny das Geschirr abräumte. Ich wollte ihr helfen, doch Dietmar hielt mich am Handgelenk fest.
„Geh′n wir runter zum See?“

Im Schatten der Linden spazierten wir nach Neuwarben. Ich dachte daran, dass dieser herrliche Tag vielleicht der letzte Sonnentag des Jahres war. Nicht mehr lange, und das graue Herbstwetter würde endgültig das Kommando übernehmen.
Unheimlich, mit welcher Geschwindigkeit die schönste Jahreszeit an mir vorbeigerast war. Noch bedrückender fand ich allerdings, dass Dietmar noch immer schwieg. Na, Micha, was ist los? Was macht die Liebe? - hatte er mich sonst begrüßt und mich damit jedes Mal ganz schön genervt.
Wie gern hätte ich ihm von Yvonne erzählt, doch gerade diesmal stellte er mir seine blöde Frage nicht! War er fremdgegangen, und Conny hatte es rausbekommen? Mindestens zwei Jahre hatte es das nicht mehr gegeben, die beiden galten im gesamten Semester als das Musterpaar. Oder war es diesmal umgekehrt? Na dann, gute Nacht! Wenn eine Frau wie Conny was mit einem anderen anfing, waren die Lichter aus.
Schweigend passierten wir den alten Gutshof mit dem Herrenhaus. Das Gestrüpp im verwilderten Park erschien mir höher, der Trampelpfad runter zum See schmaler als letztes Jahr.
„Ich war schon lange nicht mehr hier unten“, meldete sich Dietmar.
„Ich auch nicht.“
Wir schauten auf die Wasserfläche. Friedlich und still lag der See vor uns. Dann sahen wir uns an. Wie auf Kommando fielen unsere Sachen ins Gras, und wir rannten volle Pulle durch den Sand ins Wasser. Mein Herz hämmerte gegen meine Brust, als das kalte Nass meine Haut berührte. Kopfüber stürzte ich mich hinein.
Es gurgelte um mich herum, wie wild kribbelte es auf meiner Haut, das Brausen in den Ohren raubte mir fast die Sinne. Die raue Zärtlichkeit, mit der mich der See anfasste, erinnerte mich an Yvonnes Hände. Ich ließ mich fallen, bis meine Füße den sandigen Grund berührten. Erst, als auch das letzte Quäntchen Sauerstoff aus meinen Lungen gepresst war, stieß ich mich ab.
Die Sonne liebkoste mein Gesicht. Dietmar kraulte rechts von mir und hatte bereits gut fünf Meter Vorsprung herausgearbeitet. Genau wie ich hielt er auf die kleine Insel mit der Erle zu. Wir umschwammen sie im Uhrzeigersinn. Als mir die Arme wehtaten, legte ich mich flach aufs Wasser.
„Ich hab genug!“, prustete ich Dietmar zu, als er mich überrundete. Er vollführte noch ein paar kräftige Schwimmzüge, dann tauchte er ab. Dicht neben mir schnellte er aus dem Wasser, seine Augen glühten angriffslustig. Das war der Dietmar, den ich kannte. Er zeigte auf das alte, eiserne Leuchtfeuer, das am Rand der Liegewiese auf einer kleinen Anhöhe stand.
„Wer zuerst am Leuchtturm für Arme lehnt! Ich geb dir ne halbe Minute Vorsprung!“ Mit diesen Worten reckte er seine Arme in die Höhe und glitt unter die Wasseroberfläche wie ein Stein. Blasen perlten an die Oberfläche.
Ich stemmte meine Beine aus und kraulte los, Richtung Ufer. Bis ich es erreicht hatte, würde mich Dietmar dreimal eingeholt haben. Trotzdem mobilisierte ich alles, was ich an Mumm in den Knochen hatte. Ich liebte das Gefühl, mich völlig ermattet und mit blauen Lippen gegen die von der Sonne aufgeheizte Eisentür des Leuchtfeuers zu lehnen.
Dietmar musste mit der Verfolgung länger als die halbe Minute gewartet haben. Ich hatte schon fast das Ufer erreicht, als ich es neben mir schnaufen hörte. Mit kräftigen Armschlägen peitschte er das Wasser. Er zog an mir vorbei, als wäre ich ein toter Mann. Als ich an Land stieg, ließ er es sich längst an der Eisentür gut gehen. Mit hängender Zunge rannte ich über den Sand, erschöpft und voller Vorfreude auf die heiße Berührung. Endlich war es soweit: Ich drehte mich um, presste meine Schultern gegen das Metall. Die plötzliche Hitze ließ mich wohlig aufstöhnen. Herrlich, wie die Wärme von mir Besitz ergriff.

Steg

„Hab ich dir eigentlich mal meine Briefkastengeschichte erzählt?“, drang Dietmars Stimme an mein Ohr. Er blinzelte in die Nachmittagssonne.
„Deine Briefkastengeschichte? Nicht, dass ich wüsste.“
„Das muss jetzt schon mehr als zwanzig Jahre her sein. In den Sommerferien habe ich immer meine Oma besucht. Andere sind an die Ostsee gefahren oder ans Schwarze Meer, aber für mich gab′s nichts Größeres als den Sommer in Altwarben, kannste dir das vorstellen?“
Und wie ich das konnte!
„Damals gab′s hier noch jede Menge Kinder, auch etliche Jungs in meinem Alter. Am liebsten spielten wir Verstecken oder Fange. Ich war der Stärkste, aber nicht gerade schnell. Trotzdem haben sie mich nie gekriegt. Ich hatte einen sensationellen Trick drauf.“
Er blinzelte mir zu. „Willste′s wissen?“
„Hmm.“
„Wenn man aus Omas Garten kam, hing da gleich rechts um die Ecke ein Briefkasten. Der war ein bisschen höher angebracht als üblich. Direkt hinter dem Ding wuchs eine mächtige Hecke, ohne Dornen! Hinter der bin ich abgetaucht, wenn die Luft brannte. Ich fegte um die Ecke, schlüpfte unter dem Briefkasten durch, und schon war ich wie vom Erdboden verschluckt. Keiner hat′s rausgekriegt.“
Dietmar sah aus, als staune er selber über seinen kindlichen Einfallsreichtum.
„Mein Trick hat so lange funktioniert, bis ich von einem Jahr aufs andere so sehr gewachsen war, dass ich beim Abtauchen voll gegen den Kasten gerannt bin.“
Er lehnte sich zurück. „War immer das Schönste vom Jahr, die Zeit hier bei Oma. Und einen Apfelkuchen konnte die backen, da schnallst du ab!“
Ich wusste, wovon er sprach. Bei seinen Worten dachte ich sofort an meine Großmutter und ihren Pflaumenkuchen. Vom See her klang vielstimmiges Quaken zu uns herüber.
„Mensch Pratze!“, stöhnte Dietmar auf, „irgendwie kommt mir die ganze Kindheit wie ne knallbunte Party auf einer Sommerwiese vor! Geht′s dir auch so?“
„Nicht unbedingt. Aber erzähl mehr von deiner Party!“
„Irgendwie ist immer schönes Wetter, wenn ich an die Sommer bei Oma denke. Ihre Kuchenbleche waren echt riesig, Mann! Oma steht am Küchentisch - mit ihrem großen, grauen Knoten im Haar, die gesteifte Schürze überm Kleid - und schneidet den ofenfrischen Teig in lauter Stücke, die genau in unsere Hände passen. Wir waren süchtig nach ihrem Apfelkuchen; besonders, wenn wir vom Baden, Versteckspielen oder Bude-Bauen in den Apfelbäumen kamen.“
Er stockte, schüttelte den Kopf. „Alter, das sind Bilder, die findest du heute nicht mal in der perfektesten Produkt-Präsentation!“
Wie kam er jetzt darauf? Hatte ich den Faden verloren? Ich hoffte, Dietmar würde weiterreden, doch er blieb stumm. Er lachte auch nicht mehr. Nicht einmal das Grienen war noch auf seinem Gesicht. Mit leerem Blick stierte er auf den See.
„Ich geh weg hier, schon in ein paar Wochen.“
Sein Satz traf mich wie ein unvorbereiteter rechter Haken. Weggehen? Er? Dietmar und Altwarben - das gehörte doch zusammen wie nur irgend etwas auf dieser Welt!
„Ist was mit Conny? Habt ihr Stress, oder was?“
„Kann man so sagen. Conny will nicht mit nach Köln.“
„Nach Köln? Was um Himmels Willen willst du in Köln?“
„Das gleiche wie du in Bayern, nur ein bisschen langfristiger. Mein Bruder hat da drüben eine Consulting-Agentur aufgemacht, zusammen mit einem Rheinländer. Sie brauchten einen dritten Mann, da haben sie mich angesprochen. Ich hab mir alles gründlich angeguckt. Hat Hand und Fuß, was die beiden da aufgezogen haben, und mein Bruder hat mich super eingearbeitet. Hab sogar schon meinen ersten Einsatz als Consultant hinter mir.“
Consultant - wie gediegen das klang, fast so wie Konsul.
„Was macht eigentlich so ein ... Consultant?“
„Gute Frage - nächste Frage“, sagte Dietmar und lachte. „Ein Consultant ist einer, dem man seine Uhr gibt und dann dafür bezahlt, dass er einem sagt, wie spät es ist, verstehst du?“
„Nicht die Bohne.“
„Also, im Ernst: Er macht das Gleiche wie all die anderen Lackaffen auch. Rennt im Maßanzug durch die Kante, berät und vor allem: er verkauft!“
„Und das geht nur in Köln?“
„Das geht im Grunde überall. Ist nur so, dass es da drüben viel mehr von denen gibt, die in der Lage sind, dir was abzukaufen. Guck dich mal um hier! Ist doch völlig abgebrannt, unser Vor-Polen.“
Dietmar massierte sich die Schläfen. Als er meinen Blick bemerkte, sah er weg.
„Mensch Micha, ich mag das alles hier mindestens so sehr wie du, aber so geht′s nicht weiter! Studieren, studieren, und dabei den Kopf in den Sand stecken? Nee, mein Lieber!“
Sein Blick durchbohrte mich wie eine Lanze. „Was glaubst du, was du hier mit deinem Studienabschluss anfangen kannst? Vernünftige Jobs? Fehlanzeige, nicht hier im Nordosten. Bestenfalls eine ABM, auf Rügen Golfplätze mähen oder Bänke streichen für deinen Hartz-IV-Berater, einen Euro die Stunde, zusätzlich zur Stütze. Aber für so was brauchst du kein Studium, nicht mal Abitur! Ich gehe dahin, wo die Arbeit ist, nicht mehr, nicht weniger!“
Dietmar hatte gesprochen, als reagiere er auf einen Angriff, und ich begann - ganz langsam - zu begreifen: Altwarben, Dietmars verwunschener Garten mit der verschwundenen Heckenrose, das Hexenhäuschen, ein Ort, an dem die Zeit stehen geblieben war - was hatte ich mir da zurechtgeträumt? Märchenland ist abgebrannt, hieß die Wirklichkeit, und wenn ich meine Augen noch so fest aufeinander drückte, weil ich es nicht wahrhaben wollte.
Es war, als hätte mir Dietmar mit seiner Offenbarung etwas weggenommen. Aber es war sein Leben! Er hatte hier als Kind gespielt und war gegen den Briefkasten gerannt, nicht ich!
„Was machst′n mit dem Grundstück? Verkaufen?“ Brüchig und hohl klang meine Stimme.
Dietmar nickte: „Muss ich, leider. Der Käufer ist übrigens ein Bayer. Ich trau mich gar nicht, dir zu sagen, was der für die Klitsche zahlt.“
Zum ersten Mal, seit wir uns kannten, bekam Dietmars Blick etwas Flehendes. „Micha, ich brauche das Geld. Es ist mein Einstieg in die Firma.“
Ich nickte und schwieg. Was hätte ich auch sagen sollen? Tief in mir war ich freilich sauer auf Dietmar, aber was konnte er dafür, dass er bis vor ein paar Minuten mein Held gewesen war? Der Fels in der Brandung, der nicht von der Stelle wich, egal, wie stark ihm Sturm und Wellen zusetzten.
„Danke, dass du drauf verzichtet hast, auf mich einzudreschen“, hörte ich ihn sagen. „Conny macht mir schon genug die Hölle heiß.“
Dietmar streckte sich aus und seufzte: „Wir sind schon ne komische Truppe.“
„Wie meinst′n das?“
„Wir hängen immer irgendwie dazwischen. Die alte Welt gibt′s nicht mehr, und in der neuen sind wir noch nicht angekommen. Manchmal denke ich, ich werde da niemals ankommen, aber was soll ich machen? Stehen bleiben, warten, bis alles zusammengebrochen ist, das krieg ich nicht hin, weißte?“
Die Sonne stand schon ziemlich tief, als wir unter den Linden auf Altwarben zugingen. Kurz vorm Ortsschild sah mich Dietmar an:
„Was gibt′s eigentlich bei dir Neues? Was macht die Liebe?“
„Nüscht, wie immer!“, brummte ich und ging weiter.

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