Folge 32 (Wochen vom 30.07.07 bis zum 12.08.07)
Im Juli muss(te) vor Hitze braten, was im September soll geraten
„Scheiße Mann, ich seh′ nichts!“ stöhnte der semmelblonde Junge und warf sich auf die andere Seite.
„Wieso siehst′n du nichts? Iss doch′n super Bild.“ Schussel war anzumerken, dass er es als reichlich lästig empfand, seinen Blick immer wieder vom Fernseher auf den sich auf seinem Hochbett herumwälzenden Halbstarken zu schwenken.
Auch die zwei schmächtigen Langhaarigen um die sechzehn, die wie Schussel im Schneidersitz auf dem Teppich kauerten, gaben unwilliges Gemurmel von sich. Nur der dicke Bert thronte ruhig auf seinem Kissenberg in der Zimmerecke.
„Ich mein doch nicht diesen Kommerzscheiß aus dem Verblödungskasten“, protestierte der Semmelblonde. „Ich will was richtiges sehen! Farbenspiele, Schatten, abgedrehte Muster!“
„Du meinst Halluzinationen?“ erkundigte sich einer der Langhaarigen.
„Wat?“, fuhr ihn der Semmelblonde entgeistert an.
„Das heißt so“, verteidigte sich der Langhaarige. „Halluzinationen. Aber Gras ist kein Halluzinogen, verstehst du?“
„Da musst du LSD nehmen“, fügte sein Nachbar hinzu.
„Schnauze!“, kam es aus der Ecke des dicken Bert.
Im Zimmer kehrte wieder Ruhe ein. Nur der Fernseher spuckte seine Bilder, eine von Ravi Shankars Suitarklängen begleitete Tanzdarbietung indisch kostümierter Hausfrauen in den Raum. Die Luft war erfüllt von Räucherstäbchenduft und Marihuanaschwaden.
Längst wusste Schussel, dass seine Werbe-Verkaufsveranstaltung ein totaler Flop war. Diese Kids waren noch nicht reif. Niemals würden sie ihm was abkaufen. Vielleicht hätte er lieber einen Actionfilm ausleihen sollen, oder besser einen Porno?
Doch nicht nur deshalb fühlte sich Schussel unwohl. Vor allem die Anwesenheit des dicken Bert bereitete ihm Unbehagen. Immer wieder schielte der pausbäckige Rotschopf mit der Schweinchennase unterm tief ins Gesicht gezogenen Basecap gierig zum Hochbett. Der Dicke war nicht nur, was Kartoffelchips und Bier anging, ein Fass ohne Boden.
Schussel ärgerte sich, dass er das Gras für die Gratis-Probe vor den Augen der Jungen aus dem Versteck in der Matratze geholt hatte. Nun war es zu spät, und er viel zu stoned. Er könnte nichts dagegen tun, wenn sich seine Gäste vor ihrem Aufbruch ordentlich bedienten, ohne dass auch nur ein müder Euro in seiner Kasse landete. Das war eindeutig die falsche Taktik. Vielleicht sollte er mal an einer dieser Kaffeefahrten teilnehmen, auf denen die gewieften Veranstalter Unmengen überteuerter Heizdecken und Kaffeekannenwärmer an ihre Kunden brachten?
***
Was draußen auf dem Feld in unscheinbarem Grau begonnen hatte, mauserte sich schnell zu einem herrlichen Sommermorgen mit blauem Himmel und wunderbar klarer Luft. Vor zwei Stunden hatten unsere letzten Pflanzen ihr neues Zuhause gefunden. Mein erster „freier“ Tag! Obwohl ich hundemüde war, verspürte ich kein Verlangen, nach Hause zu gehen. Dieser Morgen war einfach zu schön. So wählte ich den Umweg über die Fußgängerzone.
Meine Schritte hallten von den Wänden der Häuser wider. Die bunten, sauberen Fassaden sahen in der Morgensonne wie das Kunstwerk eines naiven Malers aus.
Ein Mädchen mit Kniestrümpfen, geflochtenen Zöpfen und einem Netz frischer Brötchen kam mir entgegen. Zwei Schritte weiter nahm meine Nase die Witterung von frisch gebackenem Brot auf. Wie von selbst trugen mich meine Füße in den Bäckerladen auf der anderen Straßenseite. Sacht läutete das Türglöckchen.
Aromatische Wärme umhüllte mich. Ich fühlte mich wie im Inneren eines riesigen, frischen Brotlaibs. Ich bat die weißhaarige Bäckersfrau um zwei Käsebrötchen, eine Streuselschnecke und eine große Flasche eisgekühlten Kakao. Dazu überließ ich ihr ein für meine Verhältnisse stattliches Trinkgeld.
Beschwingt vom zarten Klang des Türglöckchens trat ich auf die Straße. Bis nach Hause würde ich es nicht mehr aushalten, im Stehen frühstücken wollte ich auch nicht. So ging ich mit meiner Brötchentüte in Richtung Markt.
Die Freisitze der Straßencafés fand ich verwaist, ebenso die hölzernen Bänke in der Platzmitte. War das hier der selbe Ort, an dem sich in ein paar Stunden jede Menge Kaufwütige tummelten? Mein knurrender Magen mahnte mich zur Eile. Ich lief quer über den Platz, setzte mich auf eine Holzbank und langte in meine Tüte.
Ich hatte gerade mit großem Appetit das erste Käsebrötchen verschlungen, als aus einem Gässchen zwei Männer den Platz betraten. Der Auffälligere der beiden trug ein altmodisches, braunes Jackett spazieren. Er ging so übertrieben gerade, als trüge er einen Kleiderbügel unterm Hemd. Das schwarze Haar war zu einem exakt gezogenen Seitenscheitel frisiert. Seine dunkle Nylonhose strotzte vor Flecken, aber die Bügelfalte saß noch immer tadellos.
Der andere steckte in einem hellgrünen Jogginganzug. Er lief wie ein alter Affe tief nach vorn gebeugt. Die Hände in der Trainingshose vergraben, schaute er konzentriert aufs Pflaster. Sobald seine Augen eine Zigarettenkippe erspähten, blieb er ruckartig stehen. Er beugte sich ganz herunter, eine Hand schnellte hervor, und schon war der Schatz in seiner Hosentasche verschwunden. Bei jedem Fund des Joggingmanns machte auch der Jackettträger halt und setzte seinen Weg erst fort, wenn sein Kollege weiterlief.
Der Wind stand günstig. Der Geruch der Männer fand nicht den Weg zu mir - auch nicht, als sie sich der Platzmitte näherten. Drei Bänke von mir entfernt ließen sie sich nieder. Der im Jackett blinzelte in die Sonne, während der Joggingmann den Inhalt seiner Hosentaschen inspizierte.
Lautlos schob sich ein Polizeiwagen auf den Platz. Sie konnten mir nichts anhaben - ein beglückendes Gefühl! Es war nicht verboten, auf dem Markt zu frühstücken, und woher ich kam, wussten sie ja nicht. Das grün-weiße Gefährt hielt auf die Bank der beiden Männer zu. Die waren so sehr in ihre Beschäftigungen vertieft, dass sie es nicht bemerkten.
Hinterm Steuer des Polizeiwagens thronte ein stiernackiges Stoppelgesicht. Der Schnauzbart auf dem Beifahrersitz war schlank und deutlich jünger. Energisch blitzten seine Augen unterm Mützenschirm hervor.
Der Jackettträger blinzelte noch immer in die Sonne, während sein Kollege weiter Zigarettenkippen sortierte. Ruckartig hielt er inne. Er schaute auf, tippte seinem Kumpel auf die Schulter, und beide winkten den Polizisten zu.
„Morgen, die Herren!“, tönte es via Lautsprecher aus dem Polizeiwagen. „Und? Wieder die Nacht zum Tag gemacht?“
„Jau, min Jung!“, erfolgte, nicht minder zackig, die Antwort von der Bank.
Die Männer winkten, bis der Polizeiwagen über den Platz gerollt war. Erst als er in einer Seitenstraße verschwand, gingen sie wieder an ihre Arbeit. Ich schob mir das letzte Stückchen Streuselschnecke in den Mund, trank den Rest Kakao und freute mich auf mein Bett.
Das für meine Verhältnisse üppige Mahl ließ mich schläfrig werden. Während des Heimwegs wurden mir die Beine schwer. Immer wieder entglitten mir die Gedanken. Die Bilder vom Marktplatz schossen durch meinen übernächtigten Schädel. Als ich meine Wohnungstür aufschloss, hatten sie sich zu einer schrecklichen Vision formiert.
Auf weichen Knien schlich ich über den Flur, zögerlich näherte sich meine Hand der Klinke zum „Verbotenen Zimmer“. Das kalte Metall ließ meine Finger zurückzucken. Erst beim zweiten Zupacken blieben sie darauf liegen. Während sie die Klinke langsam nach unten drückten, presste ich meine Lider fest aufeinander.
Das Allerschlimmste war passiert - die Pflänzchen zurückgekehrt! Alle Tische standen prall gefüllt mit halb zerfetzten Marihuanapflanzen. Sie waren von ihren Feldern geflohen, um in meiner Anlage Schutz vor Wind, wilden Tieren, schlechten Bodenverhältnissen und anderen Unbilden der Natur zu finden. Hinter den Pflanztischen hockten - ihre Pistolen im Anschlag - die beiden Beamten aus dem Streifenwagen. Zur Tarnung hatten sie sich Marihuanablätter an die Schirmmützen gesteckt.
Schon sah ich mich auf der Rückbank des Polizeiwagens sitzen. Vor meiner Nase ein stabiles Metallgitter, an das ich mit Handschellen gefesselt war. Durch die Maschen ging mein Blick auf die sauber ausrasierten Nacken der Beamten.
Als wir auf dem Weg ins Revier den Markt überquerten, saßen die beiden Männer auf ihrer Bank und rauchten eine Selbstgedrehte. Wie auf Kommando winkten sie den Polizisten zu. Ihre Blicke verfinsterten sich, als sie mich entdeckten.
„Gebt ihm Saures!“, rief der im Jackett, „Macht ihn ordentlich platt!“, brüllte die Jogginghose. Ich sah den Stiernacken vor mir nicken - dann bekam ich endlich die Augen auf.
Alle Tische waren leer, unsere Pflanzen dort, wo sie hingehörten, und es gab auch keine Polizisten, die ihre Dienstwaffen auf mich richteten. Vor mir stand lediglich eine Apparatur, die ohne die Anwesenheit der Marihuanapflanzen schlagartig aufgehört hatte, eine Bedrohung zu sein.
***
Nach einer ausgiebigen Runde Schlaf sowie einer Tasse Kaffee machte ich mich an die Demontage der Anlage. Als Erstes kam das Bewässerungssystem an die Reihe, alsdann befreite ich die Tischplatten vom gröbsten Dreck. Ich hatte es eilig, die Anlagenbestandteile aus der Wohnung zu bekommen. Nachdem ich die Tische demontiert hatte, trug ich die Platten und Böcke in den Keller. Die Bestandteile der Bewässerungs-, Beleuchtungs- und Lüftungsanlage ließ ich in Umzugskartons verschwinden, nachdem ich sie fix einer Grobreinigung unterzogen hatte.
Als ich die Folie von den Fenstern abzog, erlebte ich eine böse Überraschung: Sämtliche Glasscheiben waren gerissen, die meisten gleich mehrfach. Sicher hatten sie sich durch die unbarmherzig auf die Folie knallende Sonne zu stark aufgeheizt. Schon während des Betriebs waren mir die bis zu zwei Millimeter auseinanderklaffenden Gehrungsschnitte der Fensterrahmen aufgefallen. Ich hatte es ignoriert, und jetzt hatte ich den Salat! Die Scheiben müsste ich komplett austauschen! Das würde eine Menge Geld kosten.
Um mir keine Zeit für schlechte Laune zu geben, widmete ich mich der Säuberung des Fußbodens. Die Dielen waren völlig verkeimt. Alle paar Meter musste ich das Wischwasser wechseln. Richtig schlimm sahen die Wände aus. Bevor ich sie überstreichen konnte, müsste ich sie ausgiebig mit Schimmelspray behandeln. Eine lösbare Aufgabe - dazu eine, die ich nicht mehr heute zu erledigen hatte. Auch die kaputten Fensterscheiben liefen mir nicht weg. Ich würde sie austauschen, wenn wir unsere Outdoor-Ernte eingefahren hatten.
Dieser Gedanke war aufmunternd gemeint. Kaum hatte ich ihn vollendet, wurde mir schlecht. So lange die Anlage lief, hatte mich die nackte Angst von jener Frage abgelenkt, die mich jetzt aus dem dreckigen Wischwasser angrinste:
Was kam am Ende aller Qualen heraus? Wie viel war übrig von der halben Million? Ich steckte mitten in einer Gleichung aus lauter Variablen! Die einzige mir bekannte Größe: meine Schulden! Wenigstens hatte ich dank der Firma die letzten Monate meine Miete aufbringen und die Wohnungsverwaltung in Schach halten können. Eine Zwangsräumung stand vorerst nicht an, aber was für ein Leben führte ich hier? Seit acht Monaten hockte ich in meiner Bude wie der letzte Eremit, fernab der Sonne und mit einem Bein im Knast!
Was war los mit mir? Kaum waren die Pflanzen aus dem Haus, packte mich der Katzenjammer!
Doch ich war nicht gewillt, mich ihm zu ergeben. Ich brauchte einen Tapetenwechsel - und ein paar andere Menschen um mich herum. Nach Monaten der Isolation Musik hören, etwas trinken, Frauen schauen, genau danach war mir jetzt!
Frauen - ich musste mich wieder an ihre Gegenwart gewöhnen! Stand mir doch möglicherweise ein Treffen mit Marion ins Haus. Wenn ich sie dabei anstarrte wie ein Verhungernder den Gänsebraten, war das sicher nicht optimal.
Zum aller ersten Mal seit Teenie-Tagen überkam mich das Bedürfnis, eine Disco aufzusuchen. Aber wo gab es eine Disco? Der Studentenclub kam überhaupt nicht in Frage. Möglicherweise traf ich dort Bekannte, vielleicht sogar Marion! Dafür war es eindeutig zu früh. Zu lange hatte ich mutterseelenallein in meiner Höhle gehockt, als dass ich jetzt einfach so Bekannten über den Weg laufen konnte. Meine letzte Begegnung mit Dietmar - wie ein Irrer war ich vor ihm geflohen, getrieben von der Angst, er könne herausfinden wollen, was im „Verbotenen Zimmer“ vor sich ging. Dietmar war mein Freund und hatte den Grund für mein absonderliches Verhalten bei sich gesucht. Andere würden nicht so verfahren, und mir war absolut nicht danach, in Kürze als durchgeknallter Irrer zu gelten. Dafür war das Boddenstädtchen zu klein.
Wohin also - in die große Stadt am Sund? Es würde ewig dauern, bis mich Labers klappriger Kombi dorthin gebracht hatte - vorausgesetzt, er stand überhaupt noch vor meiner Tür. Abgesehen davon hatte ich keinen blassen Schimmer, wo es dort eine Diskothek gab. Selbst hier im Boddenstädtchen kannte ich nur den Studentenclub.
Ich wollte mich gerade dem Katzenjammer ergeben, als es Klick machte: Warum nicht Labers HYPERDOME? Das Ding lag keine zwanzig Kilometer von hier entfernt - und doch auf einem anderen Stern. Vielleicht brauchte ich nicht einmal Eintritt zu bezahlen, wenn ich mich auf die Labertasche berief. Sicher hatte er maßlos übertrieben, dass der Laden ‚so gut wie seiner′ sei. Immerhin würden sie ihn dort kennen. Sicherheitshalber ging ich noch einmal alle meine Bekannten durch: Außer Laber gab es keinen, den ich mir im HYPERDOME vorstellen konnte.
Ich verbrachte mehr Zeit vor dem Spiegel, als in den letzten acht Monaten zusammen. War ich eitel? Vielleicht. Jedenfalls hatte ich keine Lust, in T-Shirt und Jogginghose im HYPERDOME aufzulaufen.
Obwohl ich über einen nicht gerade üppigen Kleiderfundus verfüge, gab es doch etliche Möglichkeiten der Kombination. Nach mehreren Fehlversuchen entschied ich mich für meine schwarze Jeans und das weiße Hemd von meinem Opa.
„Damit du mal was Anständiges hast, wenn der richtige Anlass kommt!“ Bei diesen Worten hatte Großmutter sicher an ein Vorstellungsgespräch gedacht. Der heutige Abend sollte zumindest zu dessen Vorbereitung dienen.
Als ich frisch geduscht und fertig angepellt vor dem Spiegel stand, fiel mir auf, dass meine Haare ganz schön lang geworden waren. Es dauerte eine Weile, bis ich sie dazu bringen konnte, nicht in alle Richtungen vom Kopf abzustehen. Nachdem ich auch das erledigt hatte, sah ich im Grunde ganz passabel aus. Ein bisschen blass vielleicht, aber das ließ sich ändern, jetzt - wo ich wieder frei war.
Der Kombi stand bereit und sprang sogar beim ersten Versuch an. Das Glück schien weiter auf meiner Seite stehen zu wollen. Allerdings war es kühler geworden. Mich fröstelte in meinem dünnen Hemd. Kein Stern ließ sich blicken. Grauschwarz und verhangen präsentierte sich der Himmel. Dafür gehörte die Straße mir allein. Ich rauschte durch die Nacht, hörte Dreamer von Supertramp und fühlte mich so leicht, wie ewig nicht mehr.
Nicht lange, da fingerten vor mir die Scheinwerfer des HYPERDOME im trüben Nachthimmel. Kurz darauf schälte sich die große, weiße Fassade aus der Dunkelheit. Im Scheinwerferlicht wirkte das Gebäude noch klobiger als am Tage. Der Parkplatz, ein abgezäuntes Stück Feld auf der gegenüberliegenden Straßenseite, platzte bereits aus allen Nähten. Zahlreiche Autos säumten Straßenrand und Feldrain. Ich stellte den Kombi dazu, warf einen letzten, prüfenden Blick in den Rückspiegel - dann stieg ich aus und ging auf das große, weiße Haus zu. Ein dumpfer Rhythmus quoll aus seinem Inneren.
Unter dem verglasten Vordach standen die Einlasser: zwei in Lederjacke und -schlips gekleidete Schränke mit Oberlippenbart. Sie gehörten zweifelsohne dem örtlichen Kraftsportclub an.
„Nabens“ - beantwortete einer der Beiden mein Begrüßungsnicken und winkte mich durch, während sein Kollege dem hinter mir kommenden Jeansjacken-Jüngling den Weg vertrat. Der Junge hob demütig seine Arme und ließ die einen Tick zu intensive Leibesvisitation über sich ergehen.
„Viel Spaß!„ - forderte mich mein Einlasser zum Weitergehen auf.
Ich betrat den mit schwarzem Tuch abgehängten Eingangsflur. Ob sich dahinter die Überreste der „Straße der Besten“ befanden? Hinter einem massiven Stahlrohrtisch thronte, neben einem weiteren Kraftsportler, eine Blondine mit Pferdeschwanz.
„Sieben fünfzig“, schnarrte sie kaugummikauend in meine Richtung.
Ich gab mir einen Ruck. „Weißt du, ob Makunke heute hier ist?“
Die Blonde sah mich an, als hätte ich ihr einen unsittlichen Antrag gemacht. Der Kraftsportler ließ ein gefährliches Räuspern hören.
„Makunke“, wiederholte ich schüchtern, „manche kennen ihn auch als Laber.“
„Ach, der.“ Sie verzog ihren Mund. „Der soll mal bleiben, wo der Pfeffer wächst!“
Ich verzichtete auf weitere Fragen und legte das Geld auf den Tisch, passierte die beiden und gelangte in eine große, holzgetäfelte Stube.
Gedämpftes Licht, Rauchschwaden in der Luft. Ein hölzerner Palisadenzaun umgab ein Areal mit Kunststoff-Tischen und IKEA-Stühlen. Hinter dem aus Pressspan gebauten Tresen zapfte ein sommersprossiges Mädchen im Dirndl Bier.
An den Tischen saßen Frauen mit langen, gelig glänzenden Mähnen, umringt von Jungs - etliche mit beachtlichem Übergewicht. Vorbei an einer Nische mit Billardtisch, Dart und Kicker, gelangte ich in den Saal.
Harte Techno-Beats schlugen auf mich ein, Scheinwerfer hackten grelle Schneisen in die Dunkelheit. Ein nach Gummi und Banane schmeckender Nebel nahm mir den Atem. Ein paar Augenblicke später hatten sich meine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt. Der Rhythmus zauberte ein angenehmes Kribbeln auf meine Haut, und selbst der Bananennebel schmeckte im Grunde gar nicht übel.
Ein braunigeliges Mädchen im knappsten aller Oberteile schälte sich aus dem Dunst und schaute mir tief in die Augen. Lediglich ein stählerner, zapfhahnbewehrter Tresen trennte uns voneinander. Die plötzliche Nähe irritierte mich.
Vor der Barriere erhoben sich tonnenartige Gebilde. Auf den zweiten Blick erkannte ich, das waren Barhocker. Die Braunhaarige beugte sich über die Theke zu mir.
„Was willste trinken?“, schrie sie in mein Ohr.
„Bacardi-Cola“, rezitierte ich den Text des großen, runden Schilds, das hinter ihr ans Tresenregal genagelt war. Das Mädchen nickte, jonglierte Flaschen durch die Luft, und schon standen zwei mit einer schwarzen, Eiswürfel-bestückten Flüssigkeit gefüllte Gläser vor mir. Je eine Zitronenscheibe tanzte in den Wellen. Die Braunhaarige sah mich an.
Ich stutzte. Wieso zwei Gläser? Wollte sie einen mit mir trinken? War das etwa eine dieser Bars, in denen einem ein Mädchen schöne Augen machte, und schon hatte man ihr einen mehrere hundert Euro teuren Drink spendiert?
„Ist Bacardi-Tag, heute“, erklärte meine Gegenüber. „Da gibt′s bei jeder Bestellung einen Drink gratis dazu.“ Sie lächelte. „Trink mal, solange es uns noch gibt.“
Erleichtert schob ich ihr einen Schein über den Tresen. Ohne mit der Wimper zu zucken, reichte sie mir das Wechselgeld.
Ich kletterte auf einen der Tonnenhocker. Na bitte! Die erste Prüfung hatte ich bestanden und dabei auch noch eine strategisch hervorragende Position erobert. Aus der sicheren Deckung des Tresens heraus konnte ich meine Blicke ungestört durch den Saal schweifen lassen.
Die Tanzfläche kochte. Ausschließlich Mädchen tummelten sich in der Manege. Blonde, schwarze, braune und rote Haare blitzten im Scheinwerferlicht. In knappe Tops verpackte Brüste fesselten meinen Blick, weiter unten knackige Hintern unter glitzernden Miniröcken, in schwarzes Nylon gehüllte Beine, grazile Damenfüße auf dünnen Absätzen oder in hohen Stiefeln. Von all diesen Verheißungen wurde mir schwindelig. Meine Knie pressten sich gegen den Tonnenhocker, als befürchteten sie, er wolle mich abwerfen.
Um nicht völlig die Fassung zu verlieren, kippte ich meinen ersten Drink auf ex. Er ging runter wie Milch. Ich schloss die Augen, wartete das beruhigende Kribbeln in der Magengegend ab - und wagte erneut einen Blick Richtung Tanzfläche.
Jetzt ging′s schon besser. Außerdem bemerkte ich, dass ich nicht der Einzige war, der hungrig zu den Mädchen rüberschielte. An den Wänden, neben mir am Tresen - überall standen Kerle, die sehnsüchtige Blicke auf die Tanzfläche schickten.
Eine schlanke Schwarzhaarige im hautengen, roten Paillettenkleid war auf ein Podest gestiegen. Ihr Kleid hatte einen Schlitz, der den Blick auf zwei unendlich lange, nylonumhüllte Beine freigab. Ihre Füße steckten in kniehohen, schwarzen Lackstiefeln. Wie eine Göttin stand sie da oben und warf lächelnd ihr Haar zurück. Ihre Arme schrieben Kreise in die Luft. Sie wiegte sich in den Hüften - erst eher behutsam, dann wurden ihre vom Scheinwerferlicht zerhackten Bewegungen immer ekstatischer.
Gebannt folgte mein Blick dem Auf und Ab ihres Hinterns, dem Spiel ihrer Arme, ihrer Brüste. Ihre Bewegungen zogen mich hinein in das wildwogende Meer aus Frauenkörpern. Haut, Haare, Kleider - alles wirbelte durcheinander, ordnete sich zu immer neuen Bildern, die im nächsten Augenblick zerstoben, um sofort in neuen Formen und Farben zu erstehen. Unter meinem Hocker schwankte der Boden, der Atem blieb mir weg.
In letzter Sekunde erblickten meine Augen das rettende Leuchtfeuer - die über all dem Gewoge thronende Schöne auf der Plattform. An ihr konnte ich mich festhalten, nachdem ich mich daran gewöhnt hatte, dass sie mit jedem Lichtzucken ein neues Gesicht bekam.
Obwohl mir keines vertraut erschien, war ich mir sicher, ihr schon etliche Male begegnet zu sein. Nicht hier, und auch nicht als Frau im Paillettenkleid.
Einen Augenblick später musste ich mich am Tresen festkrallen. Ich befand mich weder auf hoher See, noch in einer aufgemotzten Dorfdisco - sondern in Altwarben! Die Tanzfläche hatte sich in die üppige Blumenwiese vor Dietmars Hexenhaus verwandelt, und das Mädchen im roten Paillettenkleid war die Heckenrose. Als Einzige hatte sie es geschafft, aus dem Gestrüpp der sie umgebenden Gewächse emporzuklettern.
Wohin ich kam, was immer ich sah - überall lief das gleiche Spiel! Was auf den ersten Blick wie ein froher Farbenreigen aussah, entpuppte sich nach dem zweiten als der ewige Kampf ums Überleben. Die ganze Welt war ein Ergebnis dieses Kampfes, und jede Pflanze hatte ihre eigene Taktik!
Die mit den schönsten, üppigsten Blüten sahen zu, dass sie einzeln standen. Gelang ihnen das nicht, rankten sie sich wie die Heckenrose empor, um den Insekten ihre verheißungsvolle Pracht zu präsentieren, dass die gar nicht mehr anders konnten, als sie zu bestäuben. Was gab es Verheißungsvolleres, als einmal auf einer solchen Blüte landen zu dürfen?
Mein Blick wanderte zu einer Gruppe Mädchen am Rande der Tanzfläche. Sie hatten allesamt etwas leuchtend Blaues an sich: Bei einer war es ein Oberteil, bei der nächsten ein Band im Haar. Die dritte trug einen breiten, mit Glitzersteinen besetzten, blauen Gürtel, ihre Nachbarin einen blauen Minirock. Eine jede für sich hätte ich vielleicht übersehen - zusammen fesselten sie meinen Blick. Aus keinem anderen Grund bildeten manche Pflanzen Blütendolden. Gemeinsam warben sie um Aufmerksamkeit.
Als eines der Doldenmädchen in meine Richtung schaute, ließ ich meinen Blick weiterschweifen. Er war noch nicht weit gekommen, da verfing er sich in der üppigen Blonden. Nur ein paar Hocker von mir entfernt saß sie an der Theke. Mochte sie auch ein paar Kilo zu viel auf den Hüften haben, ihr Busen war einfach unvergleichlich! Was konnte einem alle Trostlosigkeit der Welt, lag man in ihren Armen, umgeben von diesen gewaltigen Brüsten!
Mit exakt den gleichen Mitteln lockten manche Pflanzen die sie bestäubenden Insekten auf ihre Narbe: Zu ihrem Nektar boten sie ihnen geschützte Ruheräume im Inneren ihrer Blüten an. Ich wünschte mir, eine männliche Solitärfliege zu sein, die sich, ermüdet vom Nektar-Schlürfen, in dem duftenden Blütenkelch zur Ruhe legte.
Süße Nektare, betörende Düfte, auffallende Farben - es gab unzählige Register, die die Natur zog, damit Pollen und Eizelle zueinander fanden. Jeder Pflanze, jedem Tier hatte sie für dieses Spiel die richtige Taktik eingehaucht. Die männliche Pflanze, die sich unbemerkt in meine Anlage eingeschlichen hatte, der Rehbock und die Ricke neulich nacht - alle wussten Bescheid. Und ich?
„Hi Pratze, was machst′n du hier?“, holte mich eine Männerstimme aus der Welt der bunten Blüten in den HYPERDOME zurück. Mit einigem Erstaunen schaute ich in die ebenfalls erstaunten Gesichter meines Kommilitonen Bernd und seiner Freundin Josefine.
Anarcho-Bernd in einer Kommerz-Disco? Sicher hatte ihn Josefine überredet. Deutete ich Bernds Blick richtig, stand er schon eine ganze Weile neben mir am Tresen. Hatte ich mich danebenbenommen, oder wieso starrten sie mich so seltsam an?
„Wohnst du eigentlich noch gegenüber der Krautfabrik?“ fragte Josephine.
„Ja, klar“, erwiderte ich, noch immer verunsichert. „Wieso fragst du?“
„Na, wir dachten schon, du wärst weggezogen.“
„Weggezogen?“
„Ja, klar! Wir sind ein paar Mal bei dir vorbeigekommen, aber da hat nie Licht gebrannt.“
Bernd nickte. „Auf dem Klingelbrett stand zwar noch dein Name, aber die Fenster sahen aus, als ob da niemand mehr wohnt.“
Erleichtert nippte ich an meinem zweiten Drink. Anschließend erzählte ich den Beiden in knappen Worten meine Geschichte vom Job in Bayern.
Dann übernahm Bernd das Wort. Wie immer redete er vom Uni-Alltag. Offenbar war er noch ziemlich nüchtern. Zumindest war er noch nicht so weit, mir zum hundertsten Mal darzulegen, wie er vor mehr als zehn Jahren den hiesigen Studentenrat aus dem kargen, vorpommerschen Sandboden gestampft hatte.
Als sich die Beiden zur Tanzfläche abmeldeten, sah ich den besten Zeitpunkt gekommen, zu verschwinden. Ich wartete, bis sich Bernd und Josefine zwischen die anderen Tänzer gemischt hatten.
Das Podest war verwaist, nichts mehr erinnerte mich an eine betörende Blumenwiese. Da waren nur der Technolärm, die von Scheinwerfer und Stroboskop unterbrochene Dunkelheit, der Geruch von künstlichem Bananen-Aroma. Immerhin wusste ich nun, dass die optische Tarnung des Anlagenzimmers funktioniert hatte.


