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Folge 30 (Wochen vom 02.07.07 bis zum 15.07.07)

Nach einer Woche Matratzengruft fühlte ich mich soweit wieder hergestellt, die Wohnung zu verlassen. Das war auch nötig. Meine Vorräte an Gries, Nudeln und Kamillentee bedurften dringend einer Aufstockung. Ich legte meinen Ausflug auf den frühen Nachmittag, da kam ich um das Türklingeln herum. Es war mir noch immer unheimlich, obwohl ich es mittlerweile als normalen Bestandteil meines Tages akzeptiert hatte.
Ich schlüpfte in meine Ausgeh-Jeans, packte eine Handvoll Stoffbeutel in meinen Rucksack und stieg die Treppen hinunter. Die Luft war angenehm warm, ein leichter Wind sorgte für etwas Kühlung. Der Gestank der Krautfabrik hielt sich im erträglichen Bereich.
Ich hatte keine Eile, so verzichtete ich darauf, das Fahrrad zu nehmen. Gemächlich schlenderte ich die Straße entlang und fühlte mich beschenkt, weil ich einfach so in der Gegend herumspazieren konnte.
Ein paar Häuser weiter erblickte ich unverhofft meinen Freund Dietmar. Hatte ich Visionen? Ich kniff meine Augen zu, machte sie wieder auf - und sah noch immer Dietmar. Mit freiem Oberkörper, seine Beine steckten in einer grünen Latzhose, stand er vor einem großen Sandhaufen und schippte Sand in eine Schubkarre. Ich beobachtete das Spiel der Muskeln unter seiner sonnengebräunten Haut. Dietmar sah wie ein zum Leben erwachtes Arbeiterdenkmal aus den Fünfzigern aus. Ich wunderte mich, dass ich ihn nicht in schwarz-weiß sah. Als er mich entdeckte, stieß er die Schippe in den Sand und kam mir freudestrahlend entgegen.
„Mensch Micha, gibt′s dich noch?“ Er ließ seine wuchtige Rechte auf meiner Schulter nieder. „Haben dich die Bayern ausgewiesen, oder was? Eine Freundin sagte mir, sie hätte dich neulich draußen am Fährhafen gesehen.“
„Ach ja?“
„Ja!“
„Na ja, weißt du...“
„Mann, Micha! Seit über einer Woche bin ich hier am knuffen! Wollte dich eigentlich mal besuchen, aber du bist ja nie da! Was los, mordsmäßig zu tun, oder was?“
Dietmar hatte also dafür gesorgt, dass mir jeden Nachmittag ein Schrecken durch die Glieder gefahren war. „Nee, nee, aber du, was?“, lenkte ich schnell ab. „Verlegst hier Sandhaufen, oder wie?“
„Kleiner Semesterjob“, winkte er ab. „Ein Kumpel von meinem Bruder betreibt eine Gartenbaufirma, die sich auf Hinterhöfe spezialisiert hat. Da helfe ich ein bisschen. Aber ne Pause hab ich mir jetzt allemal verdient. Wie sieht′s aus, darf ich dich auf ein Bier einladen? Wo du dich schon so standhaft geweigert hast, zu meinen Partys zu kommen.“
Ich folgte Dietmar zum Transporter. Er schob die Seitentür auf, öffnete eine Kühltasche. Ich blickte auf eine stattliche Batterie Bierflaschen. Es war HASSERÖDER, kein billiges STIER-BIER. Er warf mir eins zu und deutete in Richtung Fahrerhaus.
„Gehen wir rein, ist gemütlicher.“

Ein violettes Duftbäumchen baumelte zwischen uns am Rückspiegel. Auf dem Handschuhfach klebte ein ehemals grüner Frosch.
„Kein Bier vor vier!“, sagte Dietmar, „aber bei dir mach′ ich mal ne Ausnahme.“
Unsere Flaschen klangen aneinander. Bier am frühen Nachmittag. Ich spürte die Wirkung schon nach wenigen Schlucken.
„Hätte ich nicht gedacht“, sagte Dietmar und kratzte sich am Kinn, „ist ganz schön stressig, den Hof fristgerecht fertig zu kriegen. Und dann wird auch noch mein Spannemann krank. Stehe ich ziemlich blöd da, weißt du?“ Er senkte den Kopf. „Das war übrigens einer der Gründe, warum ich bei dir geklingelt hab. Ich wollte dich nämlich mal fragen, ob du Lust hättest, mir bisschen zu helfen. Die Kohle teilen...“
„Klar helfe ich dir!“, fuhr ich ihm in die Rede, als hätte ich Angst, er könne seine Meinung plötzlich ändern. Ich war diesem Arbeitskollegen regelrecht dankbar für seine Erkrankung. Ein paar Nachmittage unter freiem Sonnenhimmel zusammen mit Dietmar Sand Schippen - was für eine herrliche Abwechslung!
„Wunderbar!“, frohlockte Dietmar. „Zusammen kriegen wir den Hof mit links rechtzeitig fertig! Können wir uns sogar Zeit lassen - und erst mal eine zünftige Mittagspause einlegen!“
Seine Augen funkelten: „Lass uns zu dir gehen, Micha! Schnapp dir eine Handvoll Bier! Ich kaufe fix paar Steaks, die hauen wir in die Pfanne!“
Seine Worte ließen mich schlagartig nüchtern werden. Nie und nimmer durfte ich Dietmar in meine Wohnung lassen! Wie sollte ich ihm die herumstehenden Pflanzenreste, die Verarbeitungsmaschinen oder gar den Inhalt des „Verbotenen Zimmers“ erklären?
„Mensch Micha, du siehst blass aus!“ Dietmars Augen fixierten mich.
„Mir... geht′s nicht so gut“, druckste ich, „und eigentlich hab ich gar keine Zeit. ... Ich ruf dich an, in Ordnung? Danke für das Bier!“
Hastig stieß ich die Beifahrertür auf, glitt vom Sitz und gab Fersengeld. Was war ich für ein Idiot! Hielt mich Dietmar jetzt für übergeschnappt, könnte ich es ihm nicht verdenken. Ich wagte nicht, mich umzuschauen.

Erst am folgenden Nachmittag brachte ich es fertig, Dietmars Nummer zu wählen.
„Pass auf“, begann ich, „entschuldige bitte, aber...“
„Mensch, Pratze!“, fiel er mir ins Wort, „ich muss mich entschuldigen! Ich hab doch gesehen, dass du nicht auf′m Damm warst! Wie kann ich dir da Bier anbieten und dich auch noch zu nem Arbeitseinsatz nötigen? Sei nicht sauer, o.k.? Wenn du wieder in Ordnung bist, fahren wir einfach mal ein paar Tage raus nach Altwarben. Nur wir beide, so ganz auf die Ruhige, was hältst du davon?“
„Alles klar, Alter“, hauchte ich erleichtert in den Hörer.

Die Begegnung mit Dietmar hatte meinen Willen gefestigt, die Marihuanapflanzen so schnell wie möglich aus meiner Bude und aufs Feld zu kriegen. Waren sie weg, hätte ich endlich wieder einmal Zeit für mich - Zeit und Ruhe für ein Leben ohne Angst!
Noch am gleichen Abend meldete ich mich bei meinen Kompagnons zurück und ließ sie wissen, dass ich an einer schnellstmöglichen Fortsetzung der Auspflanzaktionen interessiert war.
„Langsam, Hombre!“, bremste mich die Labertasche. „Als nächstes kommen erst mal die Mütter vom Hof, claro?“
„Wieso die Mütter?“
„Meinst du, ich will ewig zwei Mieten zahlen? Wird allerhöchste Zeit, dass wir die Mu-Ki-Bude abstoßen. Außerdem brauchen wir sie nicht mehr. Wir bringen dir morgen die letzte Ladung Kinder, und dann: Adios Mamas, capito?“
Am folgenden Abend fuhren die beiden mit zehn Kartons Stecklingen vor. Wortlos trugen sie die Kisten an mir vorbei in die Anlage, die damit erstmals nach dem Wieder-Einschalten voll bestückt war.

Bleiernes Schweigen hing über meinem Küchentisch. Ich war der einzige gewesen, der Bedenken bezüglich der von Laber geplanten Aktion angemeldet hatte. Was immer ich ins Feld führte, meine Kameraden hatten eisern geschwiegen - und mich am Ende überstimmt. Die Mütter sollten aufs Feld, basta.
Ich hatte keine Kraft mehr, mit diesen Sturköpfen zu diskutieren. So gab ich klein bei, damit es endlich weiterging. Je schneller die Mütter aus dem Haus waren, desto eher kamen meine Pflanzen an die Reihe.
Überraschend schnell fanden wir den Termin für die Mu-Ki-Evakuierung und gingen zu den organisatorischen Details über.
„Wir setzen die Mamas auf eine von Schussels alten Flächen“, schlug Laber vor. „Du weißt, welche ich meine?“ Er nickte Pingel zu.
Der nickte zurück.
„Die Fläche ist sicher! Selbst Schussel würde sie nicht mehr finden, wenn er wollte.“
Angesichts der beachtlichen Größe der Pflanzen benötigten wir einen Transporter. Pingels Bus war noch immer in der Werkstatt.
„Null Problemo“, tönte Laber, „ich besorge einen, hab da gute Verbindungen. Das Ganze geht für ein zu vernachlässigendes Spritgeld über die Bühne, claro?“
Ein Missverständnis, wie sich bald herausstellte. Labers tolle „Verbindung“ verlangte fünfzig Cent pro gefahrenen Kilometer.
Der Clou aber war, dass Laber, als alles geklärt war, damit herausrückte, dass er nicht mit dabei sein könne. Genau in der fraglichen Nacht habe er nämlich Dienst.
„Was für einen Dienst?“, fragte ich entgeistert.
„Geht dich nichts an!“ „O.k., ziehen wir das Ganze an einem anderen Abend durch!“
„Geht nicht, ich krieg den Wagen nur diese Nacht!“
Hilfesuchend schaute ich zu Pingel, doch der schwieg wie ein Grab. Ich biss mir auf die Zunge - und sagte gar nichts mehr. Es hatte keinen Sinn. Augen zu und durch - das war die einzige Möglichkeit, diesen Schlammassel hinter mich zu bringen.

***

Verbissen vor mich hin pfeifend, lief ich die Uferstraße nach Wiesenhügel. Laber hatte versprochen, wenigstens beim Einladen zu helfen. Als ich fünf Minuten vor Fünf die Mu-Ki-Bude betrat, war nichts zu sehen von ihm. Deshalb also hatte er mir den Schlüssel gegeben. Auffallend aufgeräumt sah alles aus. Ein bunter Teppich bedeckte das Linoleum, im Zimmer hing das riesige Hochglanzposter einer Tropeninsel.
Zumindest der Transporter stand auf dem Hof bereit, sogar schon präpariert: Die Fensterscheiben der Ladefläche waren innen mit schwarzer Folie verkleidet, so dass man nicht sehen konnte, was für eine Fracht wir da durch die Nacht kutschten. Hielt uns die Polizei an, war diese Tarnung freilich hinfällig.
Pingel kam schnaufend die Treppen hinauf. Ohne ein Wort gingen wir daran, die Mütter in Müllsäcke zu hüllen. Als wir fast fertig waren, erschien der Laberkopf, einen gewaltigen Blumenstrauß in der Hand. Eilig verstaute er ihn im Bad.
Es folgte der schwierigste Teil der Vorbereitung: Die zwei Meter hohen, wackeligen Ungetüme mussten die Treppen hinuntergetragen und im Transporter verstaut werden.
Die Mutterpflanzen sahen etwa so aus wie Kiefern in einem Forst. In einer Anzuchtanlage stehen die Pflanzen ähnlich dicht wie dort. Sie erhalten unten kein Licht mehr, was dazu führt, dass sie nur noch im oberen Bereich grüne Zweige tragen. Für dieses schwere Haupt war der Stängel viel zu schwach, zumindest bei Wind. Da konnte es schnell passieren, dass es mit einem trockenen „plop“ abbrach.
Genau das passierte mir mit der ersten Pflanze, auch ohne Wind, auf dem vorletzten Treppenabsatz. Pingel lag ein Fluch auf den Lippen, doch er hielt sich zurück. Offenbar hatte er begriffen, dass unser Problem nicht in meiner Ungeschicklichkeit bestand.
„Scheißdinger“, brummte er nur, „schneiden wir sie doch einfach runter!“
„Schön wär′s“, knurrte ich, „wenn das ginge!“
„Wieso soll das nicht gehen?“
„Weil das hier keine Sträucher sind. Das sind einjährige Pflanzen, verstehst du? Die vertragen es, wenn man ein paar kleine Stecklinge von ihnen schneidet, aber nicht Enden von über einem Meter.“
Pingel brummte etwas unverständliches. Ich sammelte die Pflanzenteile auf und schaffte sie wieder hoch. Oben warf ich sie Laber vor die Füße:
„Hier, siehst du′s? Genau das passiert auf dem Feld mit ihnen. Da braucht nicht mal ein Sturm zu kommen, und die knicken uns alle weg! Ihr Schwerpunkt ist zu weit oben!“
Laber schaute an mir vorbei. Seine Nasenflügel bebten. „Wir ziehen das jetzt durch, wie besprochen, claro? Ich muss die Dinger hier weg haben, kann dir jetzt nicht erklären, warum!“
Er schnappte sich eine Pflanze und machte sich auf den Weg nach unten. Warum hatte ich ihn überhaupt angesprochen? Wir trugen weiter die Mütter runter. Wie zum Hohn brach keine einzige mehr ab. Beim Runtergehen sah ich in dem gegenüberliegenden Haus eine weißhaarige alte Dame. Sie lehnte aus dem Fenster und rauchte. Seelenruhig schaute sie in den Hof - genau auf uns!
Dieses Haus war fast ausschließlich von alten Leutchen bewohnt, und nun kamen ein paar finstere Gestalten daher und schleppten fortlaufend riesige, in Müllsäcke verpackte Teile die Treppen runter in ein Auto. Würde die Oma da oben denken, dass wir hier avantgardistische Kunstobjekte durch die Gegend trugen? Egal - ich wollte nur noch weg hier!
Endlich hatten wir alle Mütter unten. Laber wünschte uns einen „guten Trip.“

Wir erreichten das Zielgebiet ohne Polizeikontrolle oder Autounfall.
„Da könnte es sein!“, rief Pingel und bog in eine Seitenstraße. Kurz darauf kam ein: „Oder nee, warte mal, ich glaub, wir müssen hier lang.“
Auf diese Art und Weise verbrachten wir die Zeit bis zur Dunkelheit. Dann wurde es selbst einem leidenschaftlichen Autofahrer wie dem Pingeligen zu viel. „Muss mich aufs Weg-Finden konzentrieren“, muffelte er, fuhr rechts ran, und wir wechselten die Plätze.

„Fahr da mal rein - nee da, links, verdammt!“
Gerade noch rechtzeitig brachte ich den Transporter auf den Feldweg. Am Wegrand stand ein weißer Jeep. Alles klar, ein Angler, kombinierte ich. Ganz in der Nähe hatte ich einen Kanal ausgemacht. Nach ein paar hundert Metern kam ich vor einer Buschwand zum stehen.
„Nee, nee, fahr zurück!“, kommandierte der Pingelige.
Ich wendete und fuhr wieder zu der Kreuzung, von der wir gekommen waren. Kurz hinter dem nächsten Ort hieß es: „Halt an, Pratze! Wir müssen zurück, das muss doch dort gewesen sein! Ich erinnere mich! Es muss da noch nen anderen Weg geben!“
Ich wendete erneut, fuhr noch einmal durch den Ort, in den Feldweg rein, ein weiteres Mal an dem Jeep vorbei.
Als wir nur wenig später erneut nicht weiterkamen, hielt ich entnervt an, um mir die Beine zu vertreten. Pingel wollte Laber anrufen und ihn fragen, wo sich diese Stelle nun genau befand.
Kaum ausgestiegen, sah ich die Lichtkegel eines Autos näherkommen, geradewegs auf uns zu. Der Wagen hielt. Es war der weiße Jeep. Pingel presste das Telefon an sein Ohr und starrte unschlüssig zu dem Jeep rüber.
„Du hältst die Schnauze, ich mach das“, fauchte ich zu ihm rüber, dann ging ich langsam auf den Geländewagen zu. Dem war inzwischen ein älterer Herr mit Bauch, Bart und Armee-Käppi entstiegen. Er verkörperte genau die Art Hobby-Ranger, mit denen nicht zu spaßen war, sobald sie sich auf der sicheren Seite des Gesetzes wussten. An seinem Gürtel baumelte ein Handy, seine Rechte hielt, einem Polizeiknüppel gleich, eine schwarze Stabtaschenlampe.
„Entschuldigen Sie, aber können Sie mir vielleicht sagen, wie wir nach Mirow kommen?“, ging ich in die Offensive. Mirow hieß der Ort, den wir gerade durchfahren hatten. Ich war stolz, dass ich mir den Namen gemerkt hatte.
Der Alte musterte mich finster. „Aber von dort sind Sie doch gerade gekommen!“ Erzählen Sie mir doch nichts, was haben Sie hier zu suchen! - sagte sein Ton.
„Aber nicht doch“, erwiderte ich ruhig. „Wenn da, wo wir herkommen, ein Ort gewesen wäre, würden wir doch jetzt nicht durch die Pampa irren. Wir sind nicht von hier, wissen Sie? Wir haben uns verfahren. Schade, dass wir Sie nicht schon früher getroffen haben. Da wäre uns dieser Umweg glatt erspart geblieben.“
Der Alte fixierte mich noch immer mit grimmiger Miene. Das Käppi saß schief auf seinem Kopf. Er aktivierte seine Taschenlampe und hielt sie auf unser hinten großflächig verglastes Auto. Zum Glück hatte Laber bei der Verkleidung der Ladefläche ordentlich gearbeitet. Der Ranger konnte nichts erkennen, so lange er auch herumfingerte mit seiner Riesenfunzel. Viel mehr Sorgen bereitete mir Pingels Gesicht, das immer wieder im Lichtkegel auftauchte.
„Was wollen Sie denn in Mirow?“, fragte der Alte, „etwa zu dem evangelischen Behindertenheim?“
Was sollte ich antworten? Gab es in diesem Dorf überhaupt ein solches Heim? War das eine Fangfrage? Ich schüttelte den Kopf und betete, dass Pingel ruhig blieb. Nicht auszudenken, wenn er jetzt die Autotür aufriss, auf den Hobby-Ordnungshüter zustürzte, ihn zu Boden riss und ihn mit seinen Fäusten bearbeitete, bis es den alten Wichtigtuer nicht mehr die Bohne interessierte, warum wir hier mitten in der Nacht auf einem Waldweg standen.
„Wissen Sie, wir haben nirgendwo ein Schild gesehen, das uns die Weiterfahrt verboten hätte“, begehrte ich vorsichtig auf. Der Alte schüttelte den Kopf und richtete seine Lampe wieder auf mich.
„Laut Mecklenburg-Vorpommerschem Landeswaldgesetz ist es ab einer Stunde vor Einbruch der Dunkelheit verboten, die Waldwege zu befahren“, schnarrte er. „Bei Liebespaaren kann ich da schon mal ne Ausnahme machen -“
Aber auf keinen Fall bei zwei Mistkerlen wie euch, beendete ich stumm seinen Satz.
„Das ist nun mal Gesetz hier, dazu braucht′s keine Schilder.“
Ich nickte. So kam ich hier keinen Zentimeter weiter. Schon wieder fingerte die Taschenlampe des Rangers gierig nach unserer Ladefläche. Pingel war anzusehen, dass er jeden Moment hochging, wenn jetzt kein Wunder geschah.
„Oh Gott, ist mir das peinlich!“, schrie ich los und klatschte mir mit der Hand gegen die Stirn. Der Ranger zuckte zusammen und schwenkte seine Funzel wieder in mein Gesicht. „Was ist Ihnen peinlich?“
„Ich bin doch Student!“, lamentierte ich - erleichtert, dass er angebissen hatte. „Ich studiere an der hiesigen Universität, Landschaftsökologie und Botanik, verstehen Sie denn nicht?“
Der Ranger schüttelte den Kopf.
„Unser Lehrplan enthält einige Semester Landschaftsplanung! Ich meine, da studiere ich das nun schon und weiß trotzdem nichts von diesem Waldgesetz! Ist das etwa nicht peinlich?“
Der Alte schien verwirrt von meinem Gejammer.
„Und wenn Sie nun der verantwortliche Pachtjäger sind“, beeilte ich mich, dem Ganzen die Krone aufzusetzen, „muss ich ja vor Ihnen im Boden versinken vor Scham! Wie konnte mir das nur passieren?“
Der Blick des Rangers bekam etwas Wohlwollendes. „Warten Sie mal“, rief er. „Wenn Sie in Ihrem Studium dieses Landschaftsdings haben, kennen Sie bestimmt Professor Schmidt!“
Er sah mich erwartungsvoll an. Noch eine Fangfrage?
„Dieser Schmidt“, wurde seine Stimme erregt, „der hat den Plan verzapft, für diese Verlegung des ... ähm... wegen dem Autobahnbau, wissen Sie?“
Ich nickte verdattert, worauf der Alte nun richtig in Fahrt geriet.
„Dieser Stümper!“ Seine Taschenlampe schlug ein Luftloch. „Der Sesselpuper hat′s glatt drauf gehabt, für die Autobahn einen Teich umzusetzen, ausgerechnet auf den höchsten Punkt im Gelände!“
Der Lichtstrahl seiner Lampe schrieb wilde Kreise in den Nachthimmel.
„Vom Landschaftsbild her vollkommen unakzeptabel, das Ganze, und, wenn Sie mich fragen, auch bodentechnisch gesehen schlichtweg undurchführbar.“
Er hielt inne, richtete die Taschenlampe wieder auf mich. „Professor Schmidt - kennen Sie den?“
Gab es diesen Professor überhaupt, samt seinem irrwitzigen Projekt? Egal - jetzt war keine Zeit für Recherchen.
„Tut mir leid, aber Professor Schmidt kenne ich nicht.“ Ich registrierte die Enttäuschung im Ranger-Blick und zwang meine Stimme zur Festigkeit.
„Außerdem wurde die Planung für das von Ihnen angesprochene Projekt, soweit ich weiß, von einem selbstständigen Büro durchgeführt. Vielleicht arbeitet dieser Professor für jenes Büro. Wenn er an einer Universität seinen Lehrstuhl hat, dann nicht an unserer! Unser Dekan heißt Professor Lamprecht, sagt Ihnen der Name was?“
Ich war stolz, dass mir der gegen Schussel ins Feld geführte Botanik-Spezialist eingefallen war.
„Lassense mal“, gab der Alte auf. „Wissen Sie was, ich bringe Sie nach Mirow! Ich fahre vor, und Sie fahren mir hinterher. Sie wollten doch zu diesem Behindertenheim, nicht?“

Mit gemischten Gefühlen kehrte ich zum Wagen zurück und klemmte mich hinters Steuer. Hatte ich den Ranger mit meinem Pseudowissen überrollt, oder hatte er nur seine Taktik gewechselt?
„Was hast′n so lange gequatscht mit dem Penner?“, empfing mich Pingel.
„Erzähl ich dir später!“
Ich startete den Motor, atmete tief durch. Langsam schob sich der Jeep an uns vorbei. Der Alte brachte seine Rechte mit einer zackigen Bewegung an den Mützenschirm. Widerstrebend erwiderte ich seinen militärischen Gruß.
„Kennt ihr euch etwa?“, zischte Pingel.
Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Es beunruhigte mich, dass der Jeep nicht den Weg nach Mirow nahm, den wir gekommen waren, sondern einen viel umständlicheren, längeren. Wollte der Alte Zeit schinden? Ich erinnerte mich an das Handy an seinem Gürtel. Wiegte er uns in Sicherheit und rief gerade jetzt, während er mit uns im Schlepptau durch die Nacht gondelte, die Polizei an? Nahm uns am Ortseingang eine Streife in Empfang?
Ich entschied, ihm trotzdem zu folgen. Garantiert hatte er sich unser Nummernschild notiert, und wenn wir jetzt abhauten, gingen wir möglicherweise ein unsinniges Risiko ein.
„Scheiß Gequatsche“, murrte Pingel. „Ich hätte dem Sack einfach eine zimmern sollen.“
Kurz vorm Ortseingangsschild bremste der Jeep abrupt ab. Ich ging auf die Klötze, riss das Steuer nach links und kam neben ihm zu stehen. Der Ranger stieg aus, stapfte um unseren Wagen herum, bedeutete mir, die Scheibe runterzulassen. Hatte er der Polizei versprochen, uns hier bis zu ihrem Eintreffen zu beschäftigen? Von wo würden sie gleich kommen - von vorn, von hinten, über die Böschung? Ich sah, wie sich Pingels Hände in seinen Hosentaschen zu Fäusten ballten.
Der Alte hatte sich vor meinem Fenster aufgebaut.
„Wollte Ihnen nur sagen, dass man im Dunkeln die Kröten nicht so gut sieht“, flüsterte er. „Da kann man schnell mal aus Versehen eine überfahren, wissen Sie?“
„Ach ja?“
„Ja, ja! Ich hab da nämlich gerade eine gesehen, mitten auf der Fahrbahn.“
Er nickte, trottete zu seinem Jeep zurück, startete, und wir fuhren in Mirow ein. Schon von weitem sah ich das Behindertenheim. Es war hell erleuchtet, Girlanden hingen in der Luft, Autos parkten davor.
Spätestens jetzt war ich mir sicher, dass er uns nicht reinlegen wollte. Er hatte uns wohl auch nicht für ein paar langhaarige Drogenanbauer gehalten, die Stromgitarre spielten und sich nachts Haschisch spritzten. Wahrscheinlich hatte er geglaubt, wir seien Wilddiebe, die mit der Flinte losgezogen waren, um schwarz ein paar Rehe zu schießen.
„Vor welchem Haus wollen wir halten?“, fragte Pingel. Es sah aus, als verstünde er inzwischen den Sinn dieses Schmierentheaters. Er hatte Recht. Der Alte beobachtete uns garantiert im Rückspiegel, und wenn wir jetzt einfach weiterfuhren, würde er stutzig werden. Hielten wir vor irgend einem Haus, fragte er womöglich am nächsten Tag dessen Bewohner nach uns aus.
Das Behindertenheim war das vorvorletzte Gebäude im Ort. Ich hielt auf dem Vorplatz. Der Jeep hielt ebenfalls. Der Alte wendete, sendete mir im Vorbeifahren einen letzten Militärgruß und verschwand mit aufheulendem Motor in der Nacht.
Wir stiegen aus, gingen um die erste Hausecke und blieben stehen, dicht an die Wand gedröängt. Pingel kramte eine Zigarette hervor. Als er sie aufgeraucht hatte, kehrten wir zum Wagen zurück. Pingel stieg auf der Fahrerseite ein.

Gleise

Scheinbar ziellos jagten wir über die nächtlichen Landstraßen. Wo waren wir hier eigentlich? Durch das ewige hin und her hatten wir völlig die Orientierung verloren. Weit und breit war kein Hinweisschild zu sehen. Womöglich kamen wir gleich an einem Waldweg raus und hatten den Alten erneut an der Backe!
Endlich erblickten wir ein Schild, welches uns den Weg Richtung Heimat wies.
Es war neblig geworden. Ich deutete nach hinten, in Richtung Ladefläche und strich mir mit dem Zeigefinger langsam über die Kehle. Pingel nickte. Ohne ein Wort waren wir uns einig, die Mutterpflanzen über Bord zu schmeißen. Nur: wo?
Kurz vor der Stadt gab es kein Zurück mehr. Die einzige Stelle, die noch für die Entsorgung der Mütter in Frage kam, lag direkt an den Bahnschienen.
Die Böschung führte steil abwärts. Wir fuhren ein Stück von der Straße weg, holten die Pflanzen raus und schmissen sie den Abhang hinunter.

„Hab die Schnauze voll“, schnaufte Pingel, als wir Wiesenhügel erreicht hatten. „Mach, was du willst, ich stell die Kiste vor Labers Tür und verpiss mich!“
Bevor sich Pingel ‚verpisste′, informierte er Laber in knappen Worten über das Schicksal unserer Mütter. Laber schien nicht begeistert vom Ergebnis unserer Aktion, doch Pingel war jetzt zu keinerlei Diskussion aufgelegt.
„Leck mich, Alter! Und lass mich in Zukunft raus aus deiner Weiberkacke!“, schnauzte er in den Hörer, bevor er das Gespräch beendete. Wütend sah er mir in die Augen.
„Wir sagen dieser Flachzange einfach nicht mehr, was ansteht, klar? Das mit dem Geld klären wir hinterher, unter uns. Denk drüber nach. “
Mit diesen Worten machte er sich davon. Ich schaute ihm hinterher, bis sein massiger Leib in der Dunkelheit verschwunden war. Was hatte er mit „Weiberkacke“ gemeint?

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