Folge 29 (Wochen vom 18.06.07 bis zum 01.07.07)
Ächzend drehte ich mich zum Fenster und blinzelte in den strahlend blauen Himmel. Die Sonne stand bereits im Zenit.
Beim Versuch, aufzustehen, durchfuhr mich ein jäher Schmerz. So einen Muskelkater hatte ich seit Jahren nicht erlebt. Mein Rücken fühlte sich an wie ein morsches Brett, toller Geburtstag!
Ein tiefgrauer Herbst-Himmel hätte tausend Mal besser zu meiner Stimmung gepasst, aber der Spielverderber da oben war hellblau! Was sollte ich anfangen mit diesem Sonnentag? Liegen bleiben, bis er vorbei war?
Ich könnte einkaufen gehen, doch dafür war es bereits viel zu spät. Außerdem würde mich Geldausgeben nur noch mehr deprimieren.
Einer diffusen Eingebung folgend, streifte ich nach dem Frühstück Jeans und T-Shirt über, zog die alte Diwandecke vom Sofa, griff nach dem Kellerschlüssel und stieg die Treppen runter. Mein Schritt wurde schleppender, je näher ich dem Briefkasten kam. Sollte ich wirklich? Schon über eine Woche hatte ich das Blechding aus Angst vor Enttäuschung tapfer ignoriert.
Als ich den Kasten aufschloss, purzelte mir ein dicker Stapel Werbeprospekte entgegen, darunter diverse Einladungen zu den Nachfahren der Kaffeefahrten. Zwischen dem quietschbunt bedruckten Papier steckte ein weißer, von Menschenhand beschriebener Brief - mit Marion als Absender! Todde hatte sich nicht die Mühe gemacht, ihn in einen zweiten Umschlag zu stecken, sondern einfach meine Adresse vorne drauf gekliert.
Die bunten Papiere fielen zu Boden. Ich drückte den Brief an meine Brust. So schnell es mein Muskelkater zuließ, holte ich das Rad aus dem Keller.
Ich verließ die Stadt in Richtung Nordwesten. Das Pedaltreten tat meinen Knochen gut, warme Frühlingsluft strich über meine Haut. Über den Damm gelangte ich auf meine kleine Insel. War die Sicht klar, konnte man von hier aus zur Rechten das Boddenstädtchen und zur Linken die große Stadt am Sund sehen. Heute hatte ich anderes im Sinn.
Trotz des fantastischen Wetters war außer mir niemand am Strand. Um so besser! Ich riss den Umschlag auf, fingerte das ordentlich zusammengelegte Blatt Papier heraus, faltete es hastig auseinander.
Hallo Michael!, lautete die Überschrift - nicht gerade vielversprechend.
Das war schon eine Überraschung, als ich aus dem Urlaub kam und in meiner Post Deinen Brief fand. Ihr erster Satz klang schon eine Spur wärmer.
Du hast recht. Es war ziemlich verletzend, wie Du mich an der Wohnungstür abgewimmelt hast. Gerade so, als wäre schon jemand anderes bei Dir. War es so?! Aber ich bin Dir nicht mehr böse. Eigentlich hätte ich von selber drauf kommen müssen, dass es Blödsinn war, noch einmal zu Dir zu kommen. Aber ich will nicht nachtragend sein. Wenn Du magst, erzähl mir doch mal, was Du so machst, zur Zeit. Ach ja, Du redest ja nicht gerne über Deine Arbeit, hätte ich beinahe vergessen. Ich hab mich jedenfalls gefreut, von Dir zu hören.
Ich grüße Dich. Marion.
Kühl klangen diese Zeilen - immerhin nicht so kühl, wie ich nach der Überschrift befürchtet hatte. Sie konnte mich ja nicht gleich mit offenen Armen empfangen. Hatte ich erwartet, dass sie ihren Brief mit einer Spur ihres Parfüms tränken würde? Was für eins benutzte sie eigentlich? Ich konnte mich nicht an seinen Duft erinnern, noch weniger an den Namen. Vielleicht, weil sie es nur ganz selten trug?
Immerhin hatte sie sich über meinen Brief gefreut und mich indirekt aufgefordert, ihr wieder zu schreiben. Dass sie kein Wort darüber verlor, ob sie einen neuen Freund hatte, konnte sowohl das eine, als auch das andere heißen.
Ich entschied, ihre Zeilen als verhalten freundliche Aufforderung zu weiterer Annäherung zu verstehen, streifte mir die Sachen vom Leib und rannte ins Meer. Das eiskalte Wasser gurgelte in meinen Ohren. Erfrischend prickelte es überall auf meiner Haut. Hielt das Leben etwa doch noch ein paar schöne Dinge für mich bereit?
***
Es klingelte an meiner Tür - drei mal kurz, einmal lang. Meine Kollegen holten mich zu einer „spontanen Kontrolle“ unserer ersten bepflanzten Fläche ab. So zumindest hatte es die Labertasche am Telefon verkündet. Ich dagegen hatte gehofft, wir würden gleich die nächsten Stecklinge raussetzen.
„Heute ist kein Tag der Arbeit“, hatte mich Laber belehrt. „Heute ist ein Feiertag, Chico! Heute fahren wir lediglich raus, um zu sehen, wie sich unsere Girls da draußen benehmen, claro?“
Mir schwante nichts Gutes. Die letzten Tage war kein einziger Tropfen vom Himmel gefallen, und Wasser benötigten unsere Pflanzen gerade jetzt dringender als alles andere. Sie mussten ihre Wurzeln aus dem Topfballen heraus ins Erdreich schieben. Für die Pflege und somit für das Gießen waren Laber und Pingel verantwortlich...
Pingels Rechte hielt das Steuer, während seine Linke den Spielmannszug dirigierte. Immerhin ließ er die Trommler und Trötenspieler heute in halbwegs erträglicher Lautstärke aufspielen. Zumindest physisch tat es nicht weh.
Laber wippte mit dem Kopf, als ginge er mit den Bläsern mit. Einzig sein Grienen, das ich im Rückspiegel aufschnappte, verriet etwas anderes.
„Sag mal, Hombre“, sagte er zu Pingel, „bist du nicht eigentlich zu jung für sone Rentnermugge?“
„Was, Rentnermugge!“, fuhr Pingel auf. „Du hast keine Ahnung, klar? Mann, mit so ner Truppe haste jede Menge Interpretationsmöglichkeiten. Wir haben doch nicht bloß Märsche gespielt!“
„Ach, nee?“
„Nee, Mann!“ Pingel schüttelte den Kopf. „Einmal haben wir auf nem Feuerwehrumzug sogar Abba-Songs gebracht.“
Das Gestrüpp auf dem Dach von ACHIM′S Räucherfischwagen sah reichlich vertrocknet aus. In SCHNELLI′S FELDKÜCHE gab es Linsensuppe mit Bauchspeck.
Als wir an der kleinen Brücke hielten, warf mir Laber eine Hundeleine zu.
„Zu unserer Sicherheit, Hombre!“, quittierte er meinen fragenden Blick. „Begegnet uns hier draußen einer, sind wir auf der Suche nach unserem Dackel Dimitroff oder wie auch immer das blöde Hundevieh heißen mag, claro?“
„Was soll′n das heißen, blödes Hundevieh?“, grollte Pingel.
Labers Augen blitzten. „Blödes Hundevieh heißt blödes Hundevieh!“
„Ist schon gut, ich hab′s verstanden“, drängte ich mich zwischen die beiden. Eine Schlägerei am Feldrand war das letzte, was wir jetzt gebrauchen konnten.
Das Bild, das uns Maria bot, erinnerte mich brutal an mein Herrentagswochenende in der Mu-Ki-Anlage. Von den neunzig Pflanzen waren etwa ein Drittel völlig vertrocknet oder zumindest so stark verwelkt, dass ihr Tod besiegelt schien. Es hatte vor allem die Pflanzen erwischt, die ein Stück höher standen. Sie alle waren nicht gegossen worden - genau das war Pingels und Labers Part! Warum hatte ich die beiden gerade daran gehindert, sich gegenseitig zu vermöbeln?
Andererseits - was hatte ich erwartet? Wusste ich nicht ganz genau, dass sie nicht gießen würden, obwohl es das Wichtigste überhaupt war? Jetzt stand ich neben ihnen am Feldrand und schaute mir diesen Mist an! Wir sahen aus wie eine Trauergemeinde in Tarnklamotten. Fehlten nur die Kränze in unseren Händen.
Etliche Pflanzen waren regelrecht ausgebuddelt worden. Fein säuberlich lagen sie neben den Pflanzlöchern. Sie waren weder rausgerissen, noch mit einem Spaten ausgegraben worden. Beim zweiten Hinsehen entdeckte ich ein paar Meter vor uns ein gedrungenes Tier mit kurzem Schwanz, etwas kleiner und zierlicher als ein Hamster. Sein Fell schimmerte gelbgrau. Friedlich mümmelnd saß es vor uns auf dem Acker. Als ich mich bewegte, huschte es in ein Loch - unmittelbar neben einer ausgebuddelten Pflanze.
Unser Acker wurde also von der Feldmaus bewohnt! Offenbar hatten wir unsere Pflanzen mitten in ihr unterirdisches Gangsystem platziert. Bei der Wiederherstellung ihrer Verbindungswege hatten die Mäuse sie kurzerhand und ohne jede böse Absicht ausgehoben.
Wir beendeten unsere Andacht und setzten die ausgebuddelten Pflanzen um, zumindest die, die noch ein Fünkchen Leben in sich trugen. Damit es nicht verlosch, brauchten sie Wasser, sofort! Zu diesem Zweck hatten wir beim Auspflanzen ein paar leere Kanister am Feldrand im Gebüsch versteckt.
Ich befand mich mit den ersten beiden vollen Kanistern auf dem Rückweg vom nahegelegenen Tümpel, als mich ein Geschwader Mücken unter Beschuss nahm. Zuerst erwischten sie beide Handrücken, dann brannte es auf meiner Wange, schließlich im Nacken. Einen Fluch auf den Lippen, ließ ich die Kanister fallen und trollte mich vom Acker.
„Wassn′n los?“, bläkte Laber hinter mir her.
Ich verstaute meine Hände in den Hosentaschen und schritt weiter auf den Feldrand zu.
„Heb die Kanister auf!“, schnaubte Pingel in meinen Rücken.
Augenblicklich blieb ich stehen. „Komm her, wenn du was von mir willst“, knurrte ich. „Mir ein Ding zu verpassen, fällt dir bestimmt leichter, als unsere Pflanzen rechtzeitig zu gießen, was?“
Ich drehte mich um und sah: Ich war allein. Meine Kollegen arbeiteten - weit hinter mir - friedlich auf dem Acker. Laber hatte die von mir verlassenen Kanister aufgenommen und entleerte sie gerade über den Pflanzen. Pingel trabte hinter ihm her.
Ich setzte mich auf den Findling am Feldrand, ließ die Hundeleine baumeln und lauschte dem Treiben der Grillen.
***
Schweigend fuhren wir durch die Nacht. Wir hatten Labers Kombi genommen, unser momentan einzig fahrtüchtiges Gefährt. Pingels Bus stand in der Werkstatt. Unser Ziel hieß Joana, das Soll. Die zweite Auspflanznacht. Wir waren noch nicht weit gekommen, als weit vor uns Fingerscheinwerfer den Nachthimmel abtasteten.
„Was ist das?“, fragte ich beklommen. „Die Polizei? Suchen die da oben wen?“
Pingel schüttelte den Kopf: „Ist bloß der Hyper-Dome.“
„Der - was?“
„Die Dorfdisco von Prädikow. Ziemlich bekackter Laden.“
„Nicht, wenn man eine erklärte Schwäche für Teenie-Bräute hat“, meldete sich der Laberkopf zu Wort.
„Ach, was?“, frotzelte Pingel, „deswegen spielste da den Sammy?“
„Was heißt hier Sammy?“ Labers Stimme wurde scharf. „Genau genommen gehört mir der Laden, capito? Zumindest so gut wie.“
Ich lehnte mich in die Polster. Sollten sie sich von mir aus in die Wolle kriegen. Ich war erleichtert, dass die Lichtshow keinen besorgniserregenden Hintergrund hatte.
Die Anfahrt aufs Feld gestaltete sich problematischer als bei Maria. Der kleine, vom Holunder eingefasste Pfad, den ich bei meinem ersten Besuch benutzt hatte, war nicht der ideale Zugang, da wir mit den Kartons das dichte Gebüsch hätten durchqueren müssen. Weit günstiger machte sich ein einsamer Waldweg am anderen Ende der Fläche. Um auf ihn zu gelangen, mussten wir eine am Beginn des Waldwegs postierte Schranke überwinden.
Die Straße war wegen vieler Kurven schlecht einzusehen, und es gab kein Vorhut-Auto, das uns warnen würde, wenn etwas Unvorhergesehenes eintrat.
An der Schranke angekommen, hörten unsere Probleme nicht etwa auf. Viel schlechter als die kurvige Straße war der Waldweg einzusehen. Wartete hinter der Schranke schon jemand auf uns?
Fünfzig Meter vor dem Waldweg stieg die Labertasche aus, schlich zur Schranke und öffnete sie. Nachdem er uns über sein Walkie-Talkie Vollzug gemeldet hatte, fuhren wir volle Pulle hindurch, ohne Licht, bis hinter den nächsten Hügel. Dort nahmen wir Laber wieder an Bord. Bis zum Feld fuhren wir sicherheitshalber nur mit Standlicht.
Mein Knatsch auf der letzten Rückfahrt hatte Wirkung gezeigt. Das Gras war gesenst, die Pflanzlöcher ausgehoben. Wir konnten also tatsächlich direkt daran gehen, die Stecklinge einzupflanzen. Das heißt, nicht ganz. Labers Pflanzlöcher waren fast alle zu klein. Er hatte die Erde so flach ausgestochen, dass die Pflanzen spätestens nach dem ersten Regen umgekippt wären.
Zurück das selbe Prozedere wie bei der Anfahrt: Laber lief vorneweg, seine Stirnbandlampe hinterm Rücken, um Pingel zu führen. Kurz, bevor er die Schranke erreicht hatte, kam über Funk sein: „Halt an, Hombre! Mach den Motor aus. Ich geh vor zur Schranke und horche, ob was kommt.“
Endlose Sekunden verstrichen, dann erreichte uns seine Meldung: „O.k., Schranke ist offen, kommt!“
Wir bretterten hindurch, Laber schloss die Schranke, wir nahmen ihn wieder auf und fuhren los. Nach etwa dreihundert Metern Straßenfahrt kam uns ein Auto entgegen. Was sich mir beim ersten Hinsehen als bloße Horrorvorstellung dargestellt hatte, wurde schnell real: Es war ein Polizeiwagen. Wollten die etwa zu uns?
Sie wollten. Durch Lichthupe gaben sie uns zu verstehen: Wir sollen anhalten. Pingel fuhr rechts ran. Langsam rollte der Polizeiwagen an uns vorbei und hielt, vielleicht zwanzig Meter von uns entfernt. Türen klappten, die Beamten stiegen aus. Im fahlen Mondlicht erkannte ich einen kleinen, dicken Mann und eine hochgewachsene Frau mit Pferdeschwanz. Sie überragte ihren Kollegen um mehr als einen Kopf.
„Lass uns abhauen!“, flüsterte die Labertasche. „Gib denen noch′n paar Meter, dann drückst du auf die Tube! Bis die wieder in ihrer Karre sitzen, sind wir über alle Berge.“
Schon sah ich Pingels Hand zum Zündschlüssel greifen. Mein „Nein!“ kam keine Sekunde zu früh. Die beiden starrten mich entgeistert an.
„Seid ihr bescheuert?!“, fauchte ich.
Die Polizisten waren keine zehn Meter von uns entfernt. „Mensch, wir sind harmlos für die! Die haben doch nicht gesehen, dass wir im Wald waren!“
„Hast du ne Ahnung!“ Weiter kam Laber nicht.
Der Polizist stand bereits neben Pingels Fenster und bedeutete ihm, die Scheibe runterzuleiern.
Kaum war sie unten, durchdrang sein: „Guten Abend, die Papiere mal bitte!“ den Wagen.
Pingel hatte sein Pokerface aufgesetzt und kramte betont umständlich seine Brieftasche aus der Uniformhose. Vorsichtig linste ich nach hinten: Auf den ersten Blick waren es tatsächlich nur ein paar unauffällige Pappkartons, die in unserem Kofferraum herumlagen. Hoffentlich war beim Entladen kein Hanfblättchen hängen geblieben!
Pingel hatte inzwischen seine Papiere herausgerückt und der Polizist seinen Kopf wieder aus unserem Wagen genommen. Er studierte den Führerschein, als erwarte er, etwas ganz Außergewöhnliches darin zu entdecken. Seine riesige Kollegin hielt ihm die Taschenlampe. Die beiden gaben ein drolliges Paar ab, doch mir war absolut nicht zum Lachen. Nur zu gut wusste ich um die besondere Bissigkeit kleiner Männer.
Enttäuscht nahm der Polizist seine Augen aus Pingels Papieren. „Schreib dir mal die Autonummer auf, Claudia“, wies er seine Kollegin an, dann wandte er sich wieder Pingel zu: „Ist der Wagen auf Sie zugelassen?“
Er erntete ein gehässiges Grienen. „Nee, auf den da.“ Mit abgespreiztem Daumen zeigte Pingel neben sich.
„Dann mal den Fahrzeugschein!“
War es doch ein Fehler gewesen, Pingel von der Flucht abzuhalten? Laber war glücklicherweise einen Tick schneller mit dem Herausrücken der Papiere. Entsprechend geringer fiel die Aufmerksamkeit aus, mit der sie der Polizist im Taschenlampenschein seiner Kollegin begutachtete. Draußen zirpten die Grillen, mein Puls schlug den Takt zu ihrem Konzert.
„Wohin fahren Sie?“, forderte der Polizist unsere Aufmerksamkeit.
„Nach Hause, in die Stadt“, kam ich einer dummpatzigen Antwort meiner Kollegen zuvor.
„Kleine Spritztour gemacht, was?“, ging der Beamte zum Kumpelton über.
„Ja, genau“, bestätigte Laber.
Der Polizist nickte ihm zu. „Hab ich nichts gegen einzuwenden, aber!“- er erhob seinen Zeigefinger - „von jetzt ab mit Normalbeleuchtung, nicht bloß mit′m Standlicht, in Ordnung?“
Damit empfahl er sich, die beiden Beamten trotteten zu ihrem Wagen zurück. Bei uns herrschte jetzt vollkommene Stille. Pingel hatte sein Pokerface verloren. Er brauchte noch ein paar Minuten, bis er den Wagen starten, das Fernlicht einschalten und die Fahrt fortsetzen konnte. Nur langsam kehrte mein Puls zum Normalwert zurück.
Laber drehte sich zu mir um. Seinem Gesicht war anzusehen, dass er einen seiner Sprüche ablassen wollte, als seine Züge plötzlich erstarrten.
Ein ersticktes „Scheiße“ quälte sich über seine Lippen.
Blaulicht zerhackte die Dunkelheit. Ehe ich mich versah, war das Polizeiauto wieder an uns vorbei. Sie mussten unheimlich schnell gewendet haben. Sie setzten den Blinker, schnitten uns den Weg ab. Die Beifahrertür flog auf. Wie der Blitz schoss die Beamtin aus dem Wagen.
„Aussteigen, aber dalli!“, schrie sie uns entgegen.
Der Pingelige schlug mit der Faust aufs Armaturenbrett. Mein Magen fühlte sich an, als wäre er mit Blei gefüllt. Laber war der erste, der seine Tür auf hatte und sich langsam nach draußen schälte. Dort erwartete ihn bereits die Polizistin. Sie presste ihn bäuchlings gegen den Wagen, stieß ihm ihre Stabtaschenlampe zwischen die Schenkel und zwang ihn, seine Beine zu spreizen. Seine Hände schlugen flach aufs Autodach. Die Polizistin packte ihn kreuzweise an der Schulter.
„Claudia, warte mal!“, rief ihr Kollege.
Claudia hielt unwillig inne. „Was denn?“
„Ist alles in Ordnung mit den Jungs. Du hast das Nummernschild falsch notiert. Der Wagen ist tatsächlich auf diesen Makunke zugelassen!“
Die Polizistin hielt sich die Hand vor den Mund. Die andere verharrte auf Labers Schulter. Ganz sacht drehte sie ihn zu sich herum. Die beiden standen voreinander wie ein schüchternes Liebespaar im Mondschein. Die Polizistin zuckte mit den Schultern. Ihr Lächeln machte, dass ihre Wangen Grübchen bekamen.
„Wir wollten halt nur mal schauen, ob ihr wirklich nach Hause fahrt.“
Sie tippte Laber mit der Taschenlampe an die Brust und ging nach vorn zu ihrem Kollegen. Der hatte inzwischen den Motor angelassen.
„Noch so′n Ding, und ich raste aus“, schnaufte der Pingelige mit hochrotem Gesicht.
Laber glitt in den Wagen zurück. In meinem Bauch löste sich allmählich der Krampf.
Die Polizeikontrolle schlug mir nachhaltig auf den Magen. Am nächsten Morgen fühlte ich mich hundeelend. Die Übelkeit blieb auch nach zwei Tassen Kamillentee. Mit Grausen dachte ich an all die uns noch bevorstehenden Auspflanz-Aktionen. Nicht mal ein Fünftel unserer Pflanzen hatten wir auf dem Feld. Im „Verbotenen Zimmer“ tummelten sich die auspflanzbereiten Stecklinge. Wo auch immer ich mich befand, lief ich Gefahr, als überführter Drogenanbauer traurige Berühmtheit zu erlangen.
Meine Magenbeschwerden nahm ich als Vorwand, mich ein paar Tage ins Bett zu verkriechen. Bei Pingel und Laber meldete ich mich ab und bat sie, mich nur zu behelligen, wenn etwas wirklich Dringendes anlag. Ich wollte niemanden sehen, niemanden hören. Wie tot lag ich in den Kissen und stand nur auf, um auf Toilette zu gehen, mir eine Portion Grießbrei mit Erdbeermarmelade zu kochen oder die nächste Kanne Kamillentee zu brühen. Zum Glück hatte ich noch genügend von all dem im Haus.
Ich fühlte mich wie unter einer Käseglocke. Nur gedämpft drangen die Geräusche der Straße, die Betriebsamkeit der Krautfabrik, das Rumoren der Nachbarn zu mir durch.
Eine ganze Woche verbrachte ich in diesem Zustand. Wie, um mich zu quälen, klingelte es jeden Nachmittag an der Tür. Es war kein heftiges Klingeln, eher sachlich, dafür fast immer um die gleiche Zeit. Wer sollte das sein? Ich hatte keine Chance, es herauszubekommen. Meine einzigen Fenster zur Straße waren mit Folie verklebt.


