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Folge 27 (Woche vom 28.05.07 bis zum 03.06.07 sowie vom 04.06.07 bis zum 10.06.07)

Den ganzen Winter und nun auch das Frühjahr hatte ich mit Anlagenkoller in meiner Bude gesessen und von morgens bis abends Marihuana gepusselt. Meine Verbindung zur Außenwelt waren das Handy - und mein Brief an Marion. Noch immer hatte ich keine Antwort, so besaß ich einen Grund mehr, ruhelos durch meine Bude zu tigern.
Ich war fast dankbar, als Pingel und Laber bei mir vorbeischneiten, um sich Gras zum Rauchen zu holen. Anders als sonst verbarrikadierte ich mich nicht in meinem Zimmer.
„Was hältst du von einem Stadtbummel?“, fragte der Pingelige. „Müssen uns sowieso noch Klamotten für die Feldarbeit beschaffen.“
Warum eigentlich nicht? Ich nickte und deutete zur Tür.
„Nicht so schnell, Chico!“, tönte Laber. „Bevor wir uns den Genüssen des Konsums hingeben, sollten wir was für das nötige Kleingeld tun. Hast du ein Hek parat?“
„Aber klar doch“, stieg ich auf seinen Filmton ein, holte vier Barren aus dem Kühlwürfel und drückte ihm das Päckchen in die Hand.
Laber warf es dem Pingeligen zu. „Hier, Hombre - mach was draus!“
Pingel verstaute das Gras in seiner Beintasche, und die Beiden verließen meine Wohnung. Drei Minuten später folgte ich ihnen.

Zwei Straßenecken weiter stand Labers Kombi. Aus seinem Inneren schmetterten mir schmissige, rhythmische Geräusche entgegen, die sich beim Näherkommen als das Tschingderassabum eines Spielmannszugs entpuppten. Pingel schlug mit der flachen Hand den Takt auf das Armaturenbrett. Sein Kopf wippte, als wolle er mit der Stirn die Windschutzscheibe einschlagen. Laber sah genervt aus. Mit einer fahrigen Geste bedeutete er mir, einzusteigen.
Der Pingelige brachte den Wagen auf die Straße. „Muss bloß noch schnell das Hek bei nem Kunden abliefern, klar?“, schrie er in das Getröte und Gestampfe aus den Boxen. „Hab ich Schussel versprochen.“
„Du weißt, dass ich nicht zusammen mit euch gesehen werden will?“ brüllte ich nach vorn.
„Kein Problem, Pratze! Ich spring fix hoch in die Wohnung von dem Eumel.“
Pingel hatte kaum zu Ende gesprochen, da ging er auf die Klötze. Er sprang aus dem Auto und stürzte auf den blassen Blondschopf zu, der direkt neben uns am Straßenrand stand. Ich sah dem Blonden ins Gesicht, und er mir. Im nächsten Augenblick wurde mir klar, dass das Schussels Kunde war. Pingel packte ihn am Schlafittchen und zerrte ihn in einen Hauseingang.
Ich schimpfte mich einen Vollidioten. Wieso war ich in dieses Auto gestiegen? Kannte mich einer von Schussels Kunden, kannten mich bald alle! Wann würde mich die Polizei kennen?
Außerdem bohrte sich dieses nervtötende Getröte in meine Gehörgänge. Glücklicherweise erbarmte sich Laber und nahm den Fanfarenbläsern mit einem lässigen Knopfdruck den Wind aus den Backen.
„Scheußliche Mugge.“ Er schüttelte sich.
„Was zum Teufel ist das?“
„Ein Gruß aus der Vergangenheit.“ Laber steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen und ließ sein Feuerzeug klicken. „Als unser Hombre in der Krautfabrik gelernt hat, erlitt er sein musikalisches Coming-Out. Er trat dem betriebseigenen Spielmannszug bei. Schwärmt er heute noch von. Ist seitdem sein Traum: einmal vorneweg marschieren, ordentlich Lametta auf den Schultern und ein goldenes Zepter in der Hand.“
Das Bild des pfingstochsenartig geschmückten Tambourmajors Pingel nötigte mir ein Schmunzeln ab. Der Hauseingang wurde aufgestoßen, Pingel trat auf die Straße. Die Hände in der Tarnhose vergraben, schlenderte er um den Wagen herum.
„Kein Stress, Pratze!“, begrüßte er mich, warf sich auf den Sitz und knallte die Tür zu. „Hab dem Typen erzählt, dass ich ihn extra weggezerrt hab, damit du nichts mitkriegst, klar? Du bist ein Kumpel von Laber und hast von all dem keine Ahnung.“
Eine Rolle Geldscheine landete neben mir auf der Rückbank. Pingel startete Wagen und Spielmannszug, und ab ging′s, mit Tschingderassabum in Richtung FISCHERSRIETH, der Flaniermeile unseres Boddenstädtchens. Drei sogenannte Szenekneipen gab es hier und seit neuestem sogar einen Grow & Headshop. Doch nicht der war unser Ziel.

Eine wettergebleichte Piratenflagge und das Banner der Südstaaten flatterten nebeneinander im Wind. Ein Pfeil zeigte die Treppen zum Kellergeschäft hinunter. Wir betraten einen dunklen, verkramten Raum, in dem es nach verbranntem Fleisch stank.
Wohin ich schaute, erblickte ich Uniformbestandteile aller nur denkbaren Armeen dieser Welt. Metallic-glänzende Bomberjacken hingen neben abgewetzten Lederjoppen, verwaschene Feldblusen im Leopardenmuster neben der mir vertrauten Einstrich-Keinstrich-Uniform der Nationalen Volksarmee. Aus diesem Fundus kleideten sich offenbar sowohl linke als auch rechte Spinner ein. Ob es verschiedene Öffnungszeiten für Skins und Anarchos gab?
Meine Kollegen waren im Gewühl der Regale und Kleiderständer abgetaucht, während ich ziellos umherirrte und unwillentlich auf den Tresen zusteuerte. Hinter dem hockte ein dicklicher Bartträger in Lederhose und mit schütterem Fetthaar und bedachte mich mit einem zahnlosen Lächeln.
„Hi Alteee, waff kann iff für diff tun?“, nuschelte er mir zu.
Ich zuckte mit den Schultern, die Lippen fest aufeinandergepresst, damit möglichst wenig verseuchte Luft in mich eindrang. Jeden Moment konnte ich mich übergeben. Sollte ich den Zahnlosen fragen, ob er was auf dem Herd hatte stehen lassen? Besser nicht. Vielleicht verstand er es falsch und rief seine Kumpels.
Wo steckten Pingel und Laber? Hatten mich die beiden in eine Falle gelockt? War dieser Laden die Höhle irgend welcher durchgeknallter Sado-Maso-Schwuler?
Die Fettlocke wartete noch immer auf eine Antwort. Was sollte ich ihr sagen? Ich wusste ja selbst nicht, was ich hier wollte. Da fiel mir ein russisches Matrosenhemd auf. Verloren hing es auf seinem Bügel, zwischen lauter US-Ranger-Anzügen.
Ich zeigte auf das Hemd. Der Dicke zwängte sich hinter seinem Tresen hervor. Ich trat einen Schritt zurück, um seinen unförmigen Körper nicht zu nahe an mich herankommen zu lassen. Dabei brachte ich um ein Haar den hinter mir postierten Kleiderständer zu Fall.
Fettlocke hielt mir mit süffisantem Grienen das Hemdchen hin. „Gute Wahl, Alteee, kofft auch blof′n Fuffi. Willft′s anprobieren?“ Er zeigte auf einen Verschlag hinter seiner Theke.
„Nee, danke!“, stieß ich hervor und presste meine Lippen wieder aufeinander.
Laber und Pingel kamen zu uns an den Tresen - beide bepackt mit Uniformteilen. Schaftstiefel, Hosen und Tarnjacken hatten sie sich ausgesucht, Pingel dazu ein Tuch für seine Glatze. Selten zuvor freute ich mich so sehr über das Auftauchen der beiden. Ich fühlte mich auf einmal so unbeschwert, dass ich das völlig überteuerte Matrosenhemd glatt mitnahm. Der Dicke musterte uns, als wären wir ein paar schwule Gocha-Spieler. „Gehtfs pfuwammen?“ fragte er blinzelnd.
Meine Kollegen deuteten auf mich. Schnell reichte ich das Geforderte über den Tresen, nahm Wechselgeld sowie Quittung entgegen und sah zu, dass ich Land gewann.
Draußen atmete ich tief durch. Es hatte etwas Befreiendes, frische Luft in die Lungen zu bekommen. Das Matrosenhemd würde ich mindestens zweimal waschen müssen, bevor ich es mit meiner Haut in Berührung brachte. Fünfzig Euro hatte es gekostet - kein befriedigendes Ende meines Ausflugs. So war ich erfreut, als ich Pingel brummen hörte: „Was ist, fahren wir noch runter zur Mole?“

Mole

Sicher sagte ich es bereits: Ich mochte diesen Ort sehr. Vor meiner Teilnahme an der Operation Wiesenhügel war ich oft die etwa fünf Kilometer über den Deich hier raus geradelt oder gewandert. Schon von weitem stieg mir der leichte Brackwassergeruch in die Nase. Eine Spur von Fisch, Meer und weiter Welt versteckte sich darin.
Über die altertümliche Klappbrücke gingen wir rüber auf die HAFENZEILE. Für gewöhnlich schlenderte ich vorbei am SEEBLICK und den anderen Fischgaststätten zum Wasser. Heute war ich jedoch mit den Jungs hier. Eigentlich störten sie mich, aber ich wollte nicht unhöflich sein und trottete artig neben ihnen her.
„Wie sieht′s aus, Chicos?“, schnalzte Laber, „jemand unter uns, der ein Fischbrötchen vertragen könnte?“
„Jau!“, röhrte Pingel und beschleunigte seinen Schritt. Die beiden steuerten den Fisch-Stand vor uns an. Hinter dem rustikalen Holztresen hantierte ein sommersprossiges Mädchen mit blonden Pippi-Langstrumpf-Zöpfen. Gerade reichte sie einem dicken Familienvater ein Bismarck-Baguette über die Theke.
Laber wartete ungeduldig, dass sich der Schmerbäuchige trollte. Als der abzog, schenkte er der Blonden sein Filmgrienen. „Yvonne, Mäuschen, gib mir das, was er hat, o.k.?“
„Is weg!“ Ihre Antwort kam so schneidig wie aus dem Mund einer HO-Verkäuferin. „Det Brötchen hat der Mann mitjenommen, siehste doch!“
„Super, Yvonne, zeig′s der ollen Labertasche!“ Pingel klatschte vergnügt in die Hände. Auch ich war angenehm überrascht von der Schlagfertigkeit der Sommersprossigen.
„Ist ja gut, ist ja gut“, lenkte Laber ein. „Dürfte ich also bitte auch ein Bismarckbrötchen haben, Senorita?“
„Ich auch!“ schrie der Pingelige.
Yvonne nickte, dann richtete sie ihre grünen Scheinwerfer auf mich. „Was kann ich für dich tun, Fremder?“
Ich spürte, wie ich rot wurde. „Wenn noch eins da ist“, stammelte ich, „hätte ich auch gern eins.“
„Muss ich gucken!“ Die Sommersprossige tat so, als müsste sie jede Ecke ihres Stands nach dem von mir Gewünschten absuchen. Bedauernd zuckte sie die Schultern. „Sieht schlecht aus! Vielleicht find ich im Müll noch eins.“
„Mach mal“, entgegnete ich, „das bin ich gewohnt.“
„Was bist du gewohnt? Aus′m Müll zu essen?“
Ich nickte.
Ihre Augen blinzelten mir zu, ein wenig irritiert, wie mir schien. „Du Armer“, sagte sie und machte sich an die Arbeit. Rechts und links von mir erscholl Pfeifen und Gejohle.
„Ey Chico, hast ja direkt Schlag bei unserer eisernen Jungfrau!“, kam es von Laber, laut genug, dass alle es hören konnten.
„Macht glatt Sechs!“, verkündete Yvonne.
„Was, so viel?“, protestierte Laber - allerdings nur, um seinen nächsten Spruch anzubringen: „Ist ja fast so teuer wie in diesen Bismarck-Läden, früher, im Osten! Da hat auch jeder Biss ne Mark gekostet!“
„Musste eben anständig zubeißen!“, erwiderte Yvonne.
Laber schwieg anerkennend. Mit gesenktem Blick nahm ich mein Brötchen entgegen und reichte Yvonne das Geld: einen Fünfer und ein Zweieurostück.
„Stimmt so“, flüsterte ich.
„Danke“, flüsterte sie zurück. Meine Kollegen hatten das Ganze zum Glück nicht bemerkt.
Beim Weitergehen spürte ich meine weichen Knie. Zaghaft biss ich in mein Brötchen. Pingel und Laber hatten ihre schon fast vertilgt.
„Iss schon was geiles, so′n Fischbrötchen“, keuchte der Pingelige und schob sich den letzten Zipfel in den Mund.
Laber schloss die Augen und schnupperte genießerisch an dem Rest seines Herings. „Wem sagst du das, Hombre, wem sagst du das.“
Ich schwor mir, nie wieder mit den beiden hierher zu kommen.

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