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Folge 26 (Woche vom 21.05.07 bis zum 27.05.07)

Nach meinem ersten Misserfolg ging ich die Standortwahl nun systematisch an. Das begann beim Blick auf die Landkarte. Beim ersten Mal hatte ich gewohnheitsmäßig die Küstenlinie entlang geguckt, als plane ich den nächsten Fahrradausflug mit Marion. An der Küste gab es jedoch keinen Flecken Erde, der als Pflanzfläche in Frage kam. Weiter südlich sah es besser aus.
Hier lagen die durch die letzte Eiszeit abwechslungsreich gestalteten Landstriche. Hügel und Senken durchzogen die Gegend, dazu Wasserläufe, Feuchtgebiete und trockenere Bereiche. In südwestlicher Richtung entdeckte ich die Mühlenberge, direkt vor ihnen ein als Durchbruchstal gekennzeichnetes Areal. Ich freute mich wie ein kleiner Dieb. Den Finger auf dem Tal, lehnte ich mich zurück und schloss die Augen:
Die Mühlenberge entstanden in Folge der letzten Eiszeit. Ich sah das Eis auf seinem Weg über Land Geröll vor sich her schieben und bei seinem Stillstand zu einem Endmoränenzug auftürmen.
Erinnerte ich mich richtig an den Geographieunterricht, bestand dieses Geröll aus unterschiedlichen Korngrößen, also aus Gesteinsbrocken, Kies, Sand - und nährstoffreichem Lehm! Genau da musste ich hin!

Es schien mir eine Ewigkeit her, seit ich das letzte Mal eine Landstraße langgefahren war. Die Landschaft lag vor mir - flach, wie ein Stullenbrett. Weite Felder reichten bis zum Horizont.
In den Ortschaften reihte sich Imbiss an Imbiss, einer rustikaler als der andere. Auf dem Dach eines mit ACHIM′S RÄUCHERFISCH beschrifteten Zirkuswagens wucherte es grün. In ein paar Wochen war das Ding wahrscheinlich völlig zugewachsen und kaum noch vom Rest der Landschaft zu unterscheiden.
In SCHNELLI′S FELDKÜCHE standen Nudeln mit Gulasch auf dem Programm. Sie arbeiteten mit einer sicher aus NVA-Beständen stammenden Gulaschkanone. Allerdings hatten sie das schwere, russische Gefährt nach westlichem Standard in ein schickes Fertig-Häuschen eingepasst.
Während die Imbiss-Industrie allerorts blühte, war eine andere Form der Nahrungsmittelversorgung völlig zum Erliegen gekommen: In keinem einzigen Ort sah ich mehr einen Dorfkonsum. Sie waren wohl alle wegen Reichtum geschlossen worden.
In einem ausgedehnten Waldstück ragte ein schlanker Feuerwachtturm aus den Bäumen. Wo solche Türme standen, brauchte ich nicht nach Standorten suchen. Wurden sie doch vor allem in trockenen Kiefernwäldern mit erhöhter Waldbrandgefahr und für uns unbrauchbaren Sandböden errichtet. Unsere Pflanzen verlangten mehr vom Boden als die genügsamen Kiefern. Außerdem könnten sie uns aus einem solchen Turm womöglich beobachten!
Endlich wurde es hügeliger. Auf das Waldstück folgten ausgedehnte, von Bäumen umsäumte Wiesen und Felder. Weit vor mir erblickte ich eine kleine, bewaldete Kuppe - die Mühlenberge!

Ich parkte den Wagen auf einem Waldweg und stieg aus. Bereits nach wenigen Schritten stieß ich auf einen Wasserlauf. Ich folgte ihm in Fliessrichtung. Metertief hatte sich das Wasser in das Gelände eingeschnitten. Nicht lange, und ich hatte neben mir einen richtigen Gebirgsbach mit steilen Gefällestrecken aus Kies und Geröll. Auf einem kurzen Stück floss er durch eine baumbestandene Schlucht.
Ich blieb stehen, schaute auf das Wasser und kam mir plötzlich wie auf einer Gebirgswanderung vor. Fehlte nur der Campingbeutel auf meinem Rücken. Der Anblick war nicht ganz so spektakulär wie die Rockys, aber immerhin. Schäumend und sprudelnd nahm das Wasser jedes Hindernis, das sich ihm in den Weg stellte. Auch ein paar umgestürzte Rotbuchen nahe des Ufers hatten es nicht aufhalten können.
Meine Begeisterung über die wilde Beschaulichkeit dieses Ortes währte nur kurz. Noch war mein heutiger Ausflug ebenso erfolglos wie die Waldwanderung, auf der ich Hünengrab und Bärlauch gefunden hatte. So phantastisch es hier aussah, als Pflanzstandort kam dieser Ort nicht in Frage.
So schnell würde ich heute jedoch nicht aufgeben! Entschlossen kehrte ich zum Kombi zurück. Ich orientierte mich weiter an dem Flüsschen und folgte ihm in südlicher Richtung.

Rapsfeld

Das Katzenkopfpflaster ratterte unter den Rädern. Ich verstand nichts mehr von dem, was der Mann im Radio sagte. Am Bachufer zu meiner Linken stand pyramidenförmig aufgeschichtetes Reet.
Hier muss es sein!, durchzuckte es meine Beine, als wären sie die Enden einer Wünschelrute. Ich ging auf die Klötze und parkte den Wagen hinter einer kleinen Brücke.
Den Feldspaten in der Hand, überquerte ich die Straße. Ein Radfahrer kam mir entgegen. Mit seinem Feder-bestückten Strohhut erinnerte er an einen verspäteten Herrentagsjubilar. Hatte er den Spaten in meiner Hand registriert? Egal, weiter!
Ein Stück von der Straße entfernt erstreckte sich eine große, freie Fläche. Ich konnte sie nur durch das Queren einer Furt erreichen. „Patsch, Patsch!“ - meine Schuhe waren durchnässt. Einen leisen Fluch auf den Lippen, stieg ich über die Böschung auf die Fläche.
Enttäuscht registrierte ich, dass das erste Teilstück mit Wildschweinsuhlen übersät war.
Ein Stück abseits der Furt fand ich hinter einem Graben einen auf den ersten Blick vielversprechenden Streifen. Der Boden war auffallend feucht, und das Fehlen von Stoppeln verriet, dass das Gras im Jahr zuvor nicht gemäht worden war. Also gab es keinen Bauern, der hier Heu machte.
Mein Glücksgefühl schwoll an, als mir am Rand der Fläche weitläufige Vorkommen der Großen Brennnessel auffielen. Die Pflanzen waren noch sehr klein, doch sie stachen mir ins Auge wie Gold-Nuggets.
„Auf zur Brennnessel!“, stieß ich Pingels Schlachtruf aus. Genügend Stickstoff gab es hier also schon mal. Als nächstes fiel mir der aromatische Duft der Wasserminze auf, die sich großflächig auf den sonnigen Teilen der Wiese ausgebreitet hatte. Auch das ein gutes Zeichen - höchste Zeit für eine Bodenprobe!
Ich stieß den Spaten in die Erde. Er ging rein wie in Butter. Der ausgehobene Erdquader stellte sich mir als genau das dar, was sie in GARTEN, TIER, PFLANZEN als sandig-lehmiges, gut organisch durchsetztes Substrat bezeichnet hatten.
Um so niederschmetternder mein zweiter Blick nach unten. Binnen weniger Sekunden hatte sich das Spatenloch bis zum Rand mit Wasser gefüllt. Die Wiese lag zu nah am Grundwasser, unsere Pflänzchen würden hier gnadenlos versacken.
Vielleicht funktionierte es ein Stück weiter höher? Ich stapfte los, es schmatzte unter meinen Füßen.
Tatsächlich fiel die nächste Bodenprobe besser aus. Der Boden war auch hier gut durchmischt, doch das Loch blieb trocken.
Als ich aufschaute, sah ich auf dem tiefergelegenen Teil der Wiese einen Weißstorch durch Gras und Wasserminze schreiten. Ich war erstaunt, ihn hier, fernab einer Siedlung anzutreffen. Laut GARTEN, TIER, PFLANZEN galt er als typischer Kulturfolger: ein die Nähe des Menschen suchendes Tier. Der anmutige Geselle würdigte mich keines Blickes. Dennoch deutete ich unsere Begegnung als weiteres gutes Omen.
Allerdings müssten wir beim Auspflanzen besondere Vorsicht walten lassen. Die Straße war nur etwa vierzig Meter entfernt - beim Arbeiten hatten wir demzufolge auf unsere Stirnbandlampen zu achten. Kam ein Auto, müssten wir sie ausschalten, oder wir arbeiteten auf den Knien.
Zufrieden klatschte ich in die Hände. Die zukünftige Heimstatt der ersten hundert Pflanzen war gefunden. Ich gab der Pfefferminzwiese den Namen Maria. Maria und Juana - aus diesen Mädchennamen ergab sich das Wort Marihuana. Das klang fast wie Marion, fand ich.

Marion - die gesamte Rückfahrt über musste ich daran denken, wie schnöde ich sie hatte abblitzen lassen. Was hatte meine Standhaftigkeit gebracht? Dass ich immer öfter den Geruch ihrer Haare in der Nase, ihre weiße Haut mit dem weichen Flaum, ihre festen Brüste und ihre Leichtathletinnenhüfte vor Augen hatte.

Zurück in der Stadt, erfüllten mich noch einmal Stolz und Erleichterung, dass ich den ersten Pflanzenstandort ausfindig gemacht hatte. Doch schon, als ich die Wohnungstür hinter mir zuzog, waren meine Gedanken wieder bei Marion.
Sylvester hatte ich mit dem Gedanken gespielt, Kontakt zu ihr aufzunehmen - jetzt führte kein Weg mehr daran vorbei. Andernfalls bekam ich den Kopf überhaupt nicht mehr frei für meine Arbeit! Kontaktaufnahme also - aber wie?
Sollte ich sie anrufen?
‚Hallo Marion, ich bin′s, Michael! Ich wollte mich bloß mal bei dir melden. Wir haben uns lange nicht gesehen, und neulich warst du so schnell wieder weg.′
Wenn ich einfach zu ihr ging? Da hätte sie die Chance, mich eben so abzuweisen, wie ich sie. Und wenn sie es tatsächlich tat? Wenn sie gar einen neuen Freund hatte? Außerdem kam Besuchen sowieso nicht in Frage. Schließlich weilte ich gar nicht in der Stadt, sondern in Bayern auf Montage.
Am unverfänglichsten erschien mir, ich schrieb ihr einen Brief. Ich hatte auch eine Idee, wie ich das organisieren konnte. Ralf, mein großer kleiner Bruder kannte jede Menge Leute. Sicher war auch der eine oder andere Neu-Bayer darunter, und unter diesen garantiert einer, den man für einen solchen Brief als Postkasteneinwerfer verwenden konnte.
„Klar, Keule, kein Problem“, drang Ralfs Stimme an mein Ohr. „Ich höre mich mal um.“
Keine halbe Stunde später rief er zurück, um mir Namen und Adresse seines Kumpels Todde mitzuteilen. Todde, ein Exil-Sachse, war letzten Herbst nach Nürnberg gezogen.

Stunde um Stunde saß ich vor dem leeren Blatt. Draußen war es längst dunkel, und noch immer wusste ich nicht: Wie anfangen?
Hallo Marion!, setzte ich an. Wie Du sicher weißt, bin ich hier im fernen Bayernland als Arbeitssklave tätig. Immer, wenn ein harter Arbeitstag im Bergwerk vorüber ist und der Aufseher die Zellentür hinter mir ins Schloss wirft, sehe ich Dich vor mir.
Sollte ich ihr nicht einfach die Wahrheit sagen? Zumindest so weit, wie es die Operation Wiesenhügel nicht gefährdete? Aber was war die Wahrheit? Dass ich ein Idiot war, der zusammen mit ein paar Hallodris Gras anbaute und hoffte, dass eine Drittel-Million dabei rumkam?
Eine andere Wahrheit war freilich, dass ich mich nach ihr sehnte!
Liebe Marion!, begann ich also, und, statt den Kugelschreiber wegzulegen, schrieb ich einfach weiter:
Ich sitze hier fest, um mich herum eine Arbeit, von der ich nicht weiß, ob sie etwas bringt. Was ich weiß, ist, dass ich mich ziemlich bekloppt aufgeführt hab, als Du das letzte Mal bei mir warst.
Ich dachte eben, ich müsste einen klaren Schlussstrich ziehen, vernünftig sein und so. Viel lieber hätte ich Dich in meine Arme genommen. Ich weiß, dass inzwischen viel Zeit vergangen ist, und sicher wirst Du sie nicht mit Trauer um mich verbracht haben.
Jedenfalls würde ich mich freuen, von Dir zu hören. Also, wenn Du magst, schreib mir doch mal.
Es grüßt Dich Michael.
Hastig faltete ich das Blatt zusammen, steckte es in den an Marion adressierten Briefumschlag, stopfte diesen in einen zweiten mit der Adresse von Todde und rannte zum Briefkasten - ehe mich der Mut verließ. Wieder oben, legte ich Supertramp ein und warf mich auf die Matratze. Mit einem angenehmen Kribbeln im Bauch schlief ich ein.

***

Es war einer dieser warmen, sonnigen Tage, die nur der Frühling zu bieten hat: Hell, frisch und luftig. Diesmal war ich in Richtung Südwesten unterwegs. Die Imbissbuden am Straßenrand waren dünner gesät als bei meiner ersten Tour. Auch an Originalität konnten sie es nicht mit denen auf dem Weg zu Maria aufnehmen.
Riesige, zum Teil halb eingefallene Scheunen prägten das Bild, dazu großflächige Unterstelldächer, unter denen Landwirtschaftsfahrzeuge vor sich hin rotteten.
Am Ende eines Dorfes fiel mir ein klobiger, weißer Stalinbau auf. HYPER-DOME war in poppigen, bunten Lettern an die Fassade gesprüht. Sicher der letzte Versuch, das unförmige Gemäuer noch mal gewinnbringend zu nutzen, bevor die Abrissbirne anrückte.
An etliche Alleebäume waren Holzkreuze genagelt, zwei davon in unmittelbarer Nähe des Gasthauses ZUR KURVE. Es lag direkt in einer scharfen Linksbiegung. Wie viele waren hier schon liegengeblieben? Kurz nicht aufgepasst, und schon geht′s rein in den Schankraum, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt.
Weiter fraßen die Reifen auf dem für Vorpommersche Verhältnisse spiegelglatten Asphalt die Kilometer. Mein Blick schweifte über die welligen Äcker. Viele Flächen waren unbestellt geblieben. Auf den Bestellten stand die junge Saat. Bald würde der Wind über die reifen Ähren streichen. Ich wollte gerade „Ein Bett im Kornfeld“ anstimmen, als mir mitten auf einer riesigen Weide eine leicht erhöhte, massive Gebüschansammlung ins Auge stach.
Wieder zuckten meine Beine. Ich bog in einen von Schwarzem Holunder eingefassten Weg. Nach etwa fünfzig Metern war unweigerlich Schluss. Der Holunder stand so dicht, dass kein Durchkommen mehr war.
Ich schlug mich durchs Gestrüpp auf die Wiese und lief geradewegs auf die Heckenzeile zu.
Die entpuppte sich als Weidenring um ein Soll. Sölle entstanden ebenfalls in Folge der letzten Eiszeit. Anders als bei der hohen Endmoräne um Maria hatten die geschobenen Eismassen hier jedoch eine flachkuppige Grundmoräne gehobelt. Nachdem das verschüttete Rest-Eis abgetaut war, war die über ihm liegende Bodendecke eingestürzt. Die entstandene Senke füllte sich allmählich mit Wasser. Der Lehmanteil in der oberen Bodenschicht müsste hier normalerweise besonders hoch sein. Der Lehm würde das Wasser halten. Die Wurzeln unserer Pflanzen könnten es aufnehmen, bevor es in tiefere Bodenschichten versickerte.
An das Soll schlossen sich zwei heckenumrahmte Felder an. Auf den Flächen stand die Trollblume. Sie fiel mir durch ihre gelbe, kugelförmige Blüte auf. Da sie vom Aussterbens bedroht ist, müssten wir beim Graben unserer Pflanzlöcher acht geben und sie stehen lassen.
Die Bodenprobe fiel äußerst positiv aus. Auch die unmittelbare Nachbarschaft mehrerer großer Wasserflächen stimmte mich froh. Wie es aussah, hatte ich soeben den zweiten Auspflanzort gefunden. Da ich bei der Benennung mit Maria angefangen hatte, fuhr ich nun mit Juana fort.

Der Kombi rauschte über den Asphalt. Wehmütig blickte ich in die Landschaft, die nach einem Kiefernwald wieder flach wie ein Teller vor mir lag. Weite, saftige Felder, bis zum Horizont. Es war komisch, bei diesem herrlichen Wetter in die Stadt zurückzukehren. Meine bangen Gedanken an die im „Verbotenen Zimmer“ arbeitende Anlage ließen es jedoch nicht zu, dass ich länger hier verweilte.
Als ich wieder die Silhouette mit den drei Gotteshäusern vor mir hatte, stellte ich mich schon mal auf den Gestank der Krautfabrik ein. Entsprechend missmutig bog ich in meine Straße - und traute meinen Augen nicht.
Just auf Höhe meiner Wohnung standen drei Feuerwehrautos. Dicke, rote Schläuche überzogen die Straße, auf den Fahrerhäusern rotierende Blaulichter. Ein kompletter Löschzug war hier im Einsatz - in meinem Haus! Schaudernd dachte ich an Pingels Geschichte vom Cannabisanbauer aus der großen Stadt am Sund. In dessen Anlage hatte ein Kurzschluss einen Wohnungsbrand erzeugt. Natürlich schaltete die Feuerwehr nach dem Erkennen der Brandursache die Polizei ein - und jetzt war ich dran?
Ich hockte im Kombi und verspürte das dringende Bedürfnis, das Gaspedal durchzutreten. Gleichzeitig hatte ich Schiss, überhaupt weiterzufahren. Renate, meine Nachbarin - ich sah sie schon wild gestikulierend aus dem Fenster hängen. „Da ist er, da ist er“ -schreiend, würde sie auf mich zeigen.
In Schrittgeschwindigkeit passierte ich den Löschzug. Ich war ein unschuldiger Bürger. Abgesehen von den Marihuanapflanzen im Zimmer meines mir völlig unbekannten Untermieters hatte ich nichts verbrochen. Ich steuerte die nächste Parklücke an, schloss den Wagen ab und ging auf meine Haustür zu.
Beim Näherkommen sah ich, dass die Feuerwehr im Nachbarhaus zu Gange war. Im Treppenhaus begegnete mir Renate. Sie trug ein weites, buntgeblümtes Sommerkleid. Einen freundlichen Gruß auf den Lippen, ging sie an mir vorbei.

***

Nun zu etwas weniger erfreulichem:
Jeder Marihuanazüchter weiß, dass er die in Anlagen vorgezogenen Pflanzen immer erst in der zweiten Maihälfte - nach den Eisheiligen - auspflanzen sollte. Die Eisheiligen sind laut Hundertjährigem Kalender ein magischer Termin. Der Russische Bär packt noch einmal zu, Polarluft kehrt mit einer leichten Rechtskurve über Russland und Polen zu uns zurück. Erst, wenn am fünfzehnten Mai mit der Kalten Sophie die letzte eisige Heilige vorbeigezogen ist, ist in unseren Breiten die Gefahr später Nachtfröste gebannt.
Im Vorjahr hatten die Jungs diese Bauernregel missachtet und prompt einen Teil ihrer Pflanzen verloren. Damit es dieses Mal nicht wieder so lief, hatte Laber bereits im Winter einen genauen Zeitplan für die neue Aktion erstellt und das optimale Auspflanzfenster ermittelt. Es reichte vom zwanzigsten Mai bis zum siebzehnten Juni. In diesem Jahr verloren wir keine einzige Pflanze durch späte Fröste. Das Problem war ein anderes.
Hätten wir gelegentlich den Wetterbericht verfolgt, wäre uns nicht entgangen, dass die Eisheiligen dieses Jahr eher Schweißheilige zu nennen waren. Schon um den zehnten Mai herum hätten wir unsere Pflanzen ruhigen Gewissens raussetzen können - und müssen!
So ein Feld funktioniert nicht anders als eine Indooranlage, nur langsamer. Setzt man die Pflanzen gleich nach den Eisheiligen raus, merken sie, wie die Tage immer länger, die Sonneneinstrahlung entsprechend intensiver wird - und wachsen, was das Zeug hält. Bis weit über die Sommersonnenwende hinaus spüren sie die Kraft der Jugend. Mitte August, die Tage sind inzwischen deutlich kürzer, erinnern sie sich, dass mit dem Herbst das Ende ihres einjährigen Lebens naht. Um sich zu erhalten, müssen sie sich vermehren. Dazu bilden sie wie wild Blüten - die heißbegehrten Buds!
Pünktlich am fünfundzwanzigsten April hatten wir meine Anlage wieder in Betrieb genommen. Nach den vier Wochen bis zu den Eisheiligen hatte ich tatsächlich die ersten Pflanzen so groß, dass wir sie raussetzen konnten. Nur waren es längst nicht so viele, wie die Tische in meiner Anlage tragen konnten: achthundert Stück. Gerade mal dreihundert Stecklinge konnten wir unseren gebeutelten Müttern abringen. Eine tragische Zahl, bedenkt man, dass genau fünfhundert Stecklinge für Holgers idiotische Anlage draufgegangen waren.
Ohne genügend auspflanzbereite Stecklinge war Labers vierwöchiges Auspflanzfenster nicht zu halten. Um es vorweg zu nehmen: Die letzten Pflanzen kamen erst Ende Juli aufs Feld und verpassten so fast die gesamte Wachstumsphase, was sich natürlich deutlich im Ertrag niederschlug. Auch die dreihundert Pflänzchen in meiner Anlage waren teilweise so angegriffen, dass es fraglich war, ob sie draußen gegen Regen, Sturm oder Tierfraß bestehen würden.
In meinem Kopf ratterten einmal mehr die Verlustrechnungen: Von den geplanten zweitausend Pflanzen waren wir auf tausend runter gegangen, und nun bekamen wir nicht einmal die zusammen? Wie viel blieb am Ende von der anvisierten halben Million übrig?
Als mich Pingel einmal bei solcherart Grübeleien erwischte, schüttelte er nur den Kopf. „Mann, Alter! Wir können froh sein, wenn am Ende überhaupt was rumkommt, klar? Was meinst′n, was da noch alles für Schwierigkeiten auf uns warten?“

Zumindest eine der Gefahren, die unseren Pflänzchen drohte, kannte ich genau: Nicht ohne Grund suchte ich beim Auswählen der Pflanzflächen den Boden stets nach Wildschweinspuren ab.
Während meiner Armeezeit hatte ich ein Munitionslager bewacht, mitten in einem dichten Waldstück. Alle drei Stunden musste ich Patrouille laufen. Der Postenweg war lang, schmal und zu beiden Seiten von einem stacheldrahtbewehrten Maschenzaun begrenzt. Trotz ständiger Reparaturen wiesen die Zäune riesige Löcher auf. Das waren keine Sabotageakte des Klassenfeinds.
„Ist völlig zwecklos, so′n Zaun“, erklärte mir ein Kamerad. „Wo Wildschweine ihren Pfad haben, machen sie alles platt, was sich ihnen in den Weg stellt.“
Der Mann musste es wissen, im Zivilleben war er Förster. Seine Worte machten, dass ich meine Runden mit tief in die Hosen gerutschtem Herzen absolvierte. Ich war gefangen zwischen den beiden Zäunen, über die ich nicht türmen konnte - und die mir andererseits keinen Schutz boten, sollten die Wildschweine angreifen.
Sie verschonten mich und das Munitionslager. Ich begegnete ihnen erst Jahre später, auf einer einwöchigen Radtour mit Marion.
Weil mir Zeltplätze viel zu teuer waren, bauten wir unser Zelt auf einsamen Lichtungen oder am Wiesenrain auf. Eines nachts, wir dösten gerade dem Schlaf entgegen, schreckte uns lautes Schnaufen auf. Marion war in meinen Armen zusammengezuckt. Ich spürte, wie sich ihr Rücken mit Gänsehaut überzog.
„Micha, was war das?“
„Bestimmt nur ein paar Hunde“, versuchte ich, sie und mich zu beruhigen, doch Marion schüttelte den Kopf. „Das sind keine Hunde.&lbdquo; Im Dunkel erkannte ich das Funkeln in ihren Augen. „Micha, ich glaub, das sind Wildschweine.“
Die Geräusche kamen immer näher, dann entfernten sie sich, um kurz darauf erneut anzuschwellen.
„Sie laufen um unser Zelt herum“, flüsterte Marion und gähnte. Ich spürte, wie in ihr Angst und Müdigkeit miteinander rangen. Schnell war der Kampf entschieden. Wohlig schmiegte sie sich an mich, während ich nur noch Löcher in Stacheldrahtzäunen vor mir sah. „Sie machen alles platt, was sich ihnen in den Weg stellt!“
In der folgenden Nacht lud ich Marion und mich in eine Pension ein.

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